Kleine Werbung für das teuflischGute Paradox Denken in 2D: – Entweder Heilig oder Teuflisch? Denken in 3D: – Aufsteigen durch Fallen! Vom Himmel durch die Welt zur Hölle. (WehrWolter – ww 06 – Hans Wolter)

Zu Beginn: die „Werbung für das Paradox“ habe ich von meinem alten Professor Wilhelm Salber übernommen. Das sag ich mal vorsichtshalber vorab, um mir keine Klage einzuhandeln. Scherz bei Seite. Ich bin dankbar, dass er mich an das radikal psychologische Denken herangeführt hat. Jetzt zum Thema: ich saß gestern fast drei Stunden im kalten Kölner Dom. Anlass war die Abschlussveranstaltung der lit.Cologne. Mein Blick fiel auf den goldenen, gut ausgeleuchteten Schrein der „Heiligen drei Könige“. Die ja eigentlich keine waren. Tut nichts zu Sache. Während ich da saß, machte ich mir klar, dass die Gebeine der drei Herren diesen gewaltigen Bau erst ermöglicht haben.

Hier entdecke ich schon das erste Paradox. Ein nahezu heiliger Dom wird errichtet, da man einen angemessenen Platz für einen teuflisch guten KnochenRaub errichten wollte. Rainald von Dassel, Erzbischof von Köln und Reichskanzler, raubte die Gebeine der Heiligen Drei Könige, aus Mailand und überführte sie 1162 nach Köln. „Sacra rapina“, der löblich oder gottgefällige Raub wurde von der damaligen Amtskirche mit wohlwollender Neutralität behandelt.

Warum gingen die Verantwortlichen damals so gespalten mit den Werten und selbst vorgetragenen moralischen Ansprüchen um? Das hatte wohl zwei Gründe. Zum einen, um überhaupt einen Altar aufstellen zu können, zum anderen waren Reliquien die nahezu wirkungsvollste Werbestrategie in der Zeit vor Buchdruck und Medien im heutigen Sinne. Sie waren ein wichtiger Teil der damaligen Massenmedien, um hunderttausende, zahlende Touristen in die Stadt zu locken und das Säckel der Kirche zu füllen. Nach dem Synodalbeschluss von Karthago im Jahre 398, durften Altäre nur noch dort errichtet werden, wo es echte Reliquien gab. Das führte zu einer nahezu höllischen Nachfrage nach Heiligem, beziehungsweise nach irgendwie gearteten Überresten von heilig erklärten Stars und Alphatieren.

Glauben Dom

Dies heißt im Klartext: zur Not verstoße ich gegen zuvor erlassene Gebote. Bisheriges Unrecht wird 1fach, kurzzeitig zu Recht erklärt, um damit dann etwas Heiliges zu errichten. Wenn das kein Paradox ist! Das Alte Testament war da ehrlicher. Da brauchte ich nicht die Spaltungslogik in Gott und Teufel. Der alte Gott war Beides. Er konnte grausam und gütig in einer Person sein. Wie im Theaterstück: „Gott des Gemetzels“. Da werden auch zivilisierte Manager und Pädagogen ruck zuck zu archaisch metzelnden Zeitgenossen. Eltern kommen zusammen um Frieden zu schaffen und beKriegen sich letztlich in übelster Art und Weise. Das gibt es nicht nur im Theater, sonder auch in unserer realen, todErnsten Gegenwart.

Nach der Zerstörung der WeltWirtschaftsTürme am 11. September 2001, rief der damalige amerikanische Präsident George W. Busch zum Krieg gegen den Irak auf, indem er den Werbeslogan von der „Achse des Bösen“ erfand. Ein ganzes Volk folgte ihm in dieser teuflisch einfachen, zweidimensionalen Logik. Erst viel später stellte sich heraus, dass Saddam Hussein gar keine Ausrüstung zur Teufels-Bombe hatte. Egal!? Der Feldzug war vollbracht. Die Beteiligten fühlten sich weniger ohnmächtig, als nach dem Angriff aus dem Nichts. Haben wir hier auch wieder ein Paradox? Schwächung durch Stärke. Ohnmacht durch brachiale Machtdemonstration.

Heute kommen die Angriffe aus dem World-Wide-Web. Als ein mutiger junger Mann, Edward Snowden, die Welt darüber informierte, in welchem wahnwitzigen Ausmaß die Spionage rund um den Globus erfolgt, wurde er kurzerhand zum General des Teufels erklärt. Einer der die Wahrheit aufzeigt wird zum Verbrecher. Erklärt! Das lässt sich noch damit steigern, dass dieser wahrheitsliebende junge Mann nur bei einem großen Lügner Asyl und Sicherheit findet. Paradox? Und wie!

Schauen wir uns zum Abschluss noch einmal unser kleines Land an. Gerade verfolge ich im Nebenbei, das Bundesligaspiel FC-Bayern vs. Borussia Mönchengladbach. Was hat die Bayern eigentlich so stark gemacht? Zu Anfang der Bundesliga waren wir, die Jungs aus der DomStadt doch die dominierende Mannschaft. Das wissen heute auch nur noch wenige so richtig. Für mich hat es seinen Ausgang genommen, als der FCB nach den Olympischen Sommerspielen das Fußballstadion geschenkt bekam.

Von 1972 bis 2005 war das Olympiastadion Heimatstadion des FC Bayern München . Da stiegen die Einnahmen durch deutlich höhere Zuschauerzahlen. – Kurze Unterbrechung: MG hat gerade ein Tor geschossen. Geld schießt Gott sei Dank nicht zwangsläufig Tore. –

Dann kam der Herr Hoeneß, der zur teilweise „wundersamen“ weiteren Geldvermehrung beitrug. Später stellte sich heraus, dass der GutMensch auch eine teuflische Seite hat. Die Spaltung in Gut und Böse, Gott und Teufel ist intellektuell zwar auf keinem hohen Entwicklungsniveau, aber sie erlaubt es zu herrschen.

Ein Soldat muss in Schwarz-Weiß spalten. Würde er sich verdeutlichen, dass der Gegner im gegenüberliegenden Schützengraben, auch Kinder und eine Frau hat, die ihn auch wieder zu Hause haben wollen, dann könnte er nicht schießen. Das klappt nur, indem ich ihm, über Drill, verbiete selbstständig zu denken. Dann nehme ich ihm die Schuldgefühle, indem ich sage, der Gegner gehört zu den Schwarzen und wir sind doch die Weißen.

Goethe hat in seinem Faust qualifizierter das Paradox dargestellt, indem er Mephisto sagen lässt:

„Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Also der Teufel ist nicht nur böse, sowie Faust nicht nur gut ist. Da passt eher seine Feststellung: „Zwei Seelen, wohnen ach in meiner Brust!“.

FaustMephisto

Also, es geht um mehr oder weniger gut integrierte Gegensätze in einer Gestalt. Nicht um eine Spaltung, wie es die jahrelange Mauerlösung zwischen Ost- und West-Deutschland darstellte. Selbst die amerikanischen Fernsehserien schaffen mittlerweile komplexere Lösungen.

In Breaking Bad, der weltweit besten Serie des letzten Jahres (Golden Globe 2014), integriert der Hauptdarsteller Walter White, schwarz und weiß in einer Person. Vince Gilligan, der Serienschöpfer, beschreibt den Titel Breaking Bad mit „to raise hell“, wörtlich etwa „die Hölle hochholen“. Das Gemetzel zeigt sich also auch bei Gott. W.W., alias Heisenberg, verwandelt sich vom biederen Chemielehrer zum genialen Kriminellen. Psychologisch gut gemacht, ist die komplexe Persönlichkeit WW, der neben seiner eindrucksvollen aber kriminellen Karriere, zugleich auch eine gute und engagierte Vatergestalt bleibt.

Man wird hier als Zuschauer in seinen BeWertungen ähnlich hin und hergeworfen, wie bei guter Werbung oder den damals sehr geschickt gemachten, nationalsozialistischen Propagandafilmen, wie „Jud Süß“ (1940). Walter Whites Weg wandelt – wie in Goethes Faust-Tragödie – auch: „Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.“

praxis1

Halbzeitstand in der HeiligenscheinArena: 0:1. Ach ja, noch mal zu Herrn Hoeneß. Neulich meinte ein Patient zu mir, den sollte man nicht einsperren, der sollte für den Verein arbeiten. Ja das kann er und macht er ja auch schon wieder, als Freigänger. Gestern hörte ich einen kreativen Vorschlag: man sollte Herrn Hoeneß nach Griechenland ausleihen, damit er den Haushalt wieder auf Vordermann bringt. Da ist er bestimmt besser aufgehoben, als in der Jugendarbeit beim FCB. Was sollen die Kinder denn von ihm lernen? Gut, dass die Bayern doch strenger mit dem Kopftuchverbot umgehen.

Wir müssen unsere Kinder schützen. Erzählen wir ihnen weniger Spaltungsmärchen. Paradoxe haben immer schon mehr überzeugt. Auch im Märchen werden die Kleinen groß und die Großen klein, Aschenputtel wird zur Prinzessin, indem sie die Widersprüche integrieren.

Nicht sieben aber zwei auf einen Streich, schafft gerade David aus Mönchengladbach gegen Goliath aus München.

Dipl.-Psych. Hans Wolter, Dürener Str. 87, 50931 Köln (praxiswolter@web.de)

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