„Vertrauen ist gut, Kontrolle sei besser? Aber der muss man auch erst mal vertrauen“ (E. Blanck, deutscher Heilpraktiker, Schriftsteller und Maler) – (WehrWolter – ww 8 – Hans Wolter)

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Warum sind „Technisches Versagen“ und „Verschwörungstheorien“ leichter hinzunehmen?

Immer wieder erreichen mich Kommentare und Rückmeldungen auf meine Artikel, die mich darauf hinzuweisen versuchen, dass wir der sogenannten „Lügenpresse“ (u.a. Kampfbegriff der Nationalsozialisten) nicht trauen dürfen. Dass es sich beim AmokFlug 4U9525 in „Wirklichkeit“ um Technisches Versagen oder eine Naturkatastrophe gehandelt habe.

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Mir reichte die Information der „New York Times“, bereits am 26.02.2015. Insbesondere die Auswertung des Stimmenrekorders. Klar werden wir im Detail nicht alles genau rekonstruieren können. 1. War keiner dabei. 2. Wird Vieles auch nicht gesagt, um die Bevölkerung, insbesondere die Kunden, nicht weiter zu verängstigen. Dazu kommt, dass es eine Vereinbarung gibt, über Suizide und Amokläufe in der Presse möglichst wenig zu berichten. Damit versucht man Nachahmer zu vermeiden. Die Fachleute sprechen da vom „Werther-Effekt“. Das geht darauf zurück, dass sich viele Männer 1774 umbrachten, als sie Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ gelesen hatten. Das ist kein BlaBla. Wenn wir das googeln, können wir lesen, dass dies in den USA im letzten Jahr zugenommen hat. Ich habe in meinen Texten zu erklären versucht, was im Co-Piloten Andreas Lüpitz vor sich gegangen sein konnte. Nicht als Hellseher, sondern als Psychologe, der sich mit dem Krankheitsbild „Narzisstische Persönlichkeitsstörung“ auskennt. Vereinfacht kann man sagen, dass hier das Gefühl der Kleinheit in Grandiosität verkehrt wird. Wie bei Hitler, der zunächst von der Kunstakademie abgelehnt wurde und sich dann als größter Massenmörder aller Zeiten einen Namen gemacht hat. Eiskalt.

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Natürlich kommen bei dem Amok-Flug auch noch andere Dinge hinzu. Beispielsweise juristische Fragestellungen. Als Angehöriger würde ich z.B. darüber nachdenken, ob ich Lufthansa/Germanwings verklage. Weil ich auf dem Standpunkt stehe, dass die Firma ja wusste, dass ihr Mitarbeiter Andreas Lübitz schon mehrfach durch Depressionen arbeitsunfähig war. Hier hat die Airline eine regelmäßige Überprüfung unterlassen. Dies könnte man durchaus als Tatbestand der „groben Fahrlässigkeit“ auslegen. All diejenigen, die jetzt auf technisches Versagen setzen, könnten die Airline von diesem Vorwurf entlasten. Das wäre z.B. ein Punkt, an dem die Airline Interesse an „Verschwörungstheorien“ haben könnte.

AmokFlug2Psychologisch klarer ist die Erklärung, das technische Fehler der Mehrzahl der Menschen weniger Angst machen. Weniger Angst, als die „Bombe im Kopf“ des Piloten. Am wenigsten Angst machen die Argumente „höhere Gewalt“ oder „Naturkatastrophe“. Da kann keiner dafür. Darauf kann sich keiner richtig einstellen. Das kann ich als Angehöriger deutlich besser verkraften und betrauern. Das ist – nebenbei gesagt – auch der Hintergrund, dass in Kriegszeiten psychische Störungen stark rückläufig sind. Dann entsteht so etwas wie eine Solidargemeinschaft der Betroffenen. Sehr, sehr hinderlich für den psychisch immens wichtigen Trauerprozess der Angehörigen, ist die furchtbare Tatsache, dass es ein kaltblütiger Massenmord, eines wohlerzogenen und gut aussehenden jungen Mannes war. Das kann man jetzt auch schwer mit islamistischem Hintergrund oder Wahnsinn wegargumentieren.Wolf2

Auf dem Hintergrund würde auch verständlich, wenn so mancher Angehörige sich von Verschwörungs- oder Katatstrophenkonstruktionen angezogen fühlt. Es darf einfach nicht sein, was nicht sein darf, was nicht sein kann, was nicht sein …

Der Film „Departed – Unter Feinden“ führt uns vor, dass wir keinem Menschen vertrauen können. Letzten Endes, müssen wir aber an bestimmten Punkten vertrauen können. Wir haben nämlich keine Zeit uns wochenlang mit dem Leben eines Lufthansapiloten zu beschäftigen. Wir haben nur die Wahl zwischen Einsteigen oder Draußen bleiben. Wir müssen gewissermaßen Vor-Urteile treffen. Damit geben wir einen Vor-Schuss an Vertrauen. Wenn wir uns am Flughafen, beim operierenden Arzt oder beim KFZ-Mechaniker nicht mehr darauf verlassen können, dass diese Menschen keine Tötungsabsichten haben, dann funktioniert unsere Kultur unser Sozialwesen nicht mehr.

Noch einmal kurz zum Tvertrauen4hema Trauer

und Trauer-Arbeit.

Am Wochenende lass ich einen Artikel, indem Margot Käßmann zu mehr Stille und Ruhe aufforderte. Sie würden im Gottesdienst längere Zeit gemeinsam schweigen, um den Angehörigen auch emotional nahe zu sein, um mit ihnen zu fühlen. Ist das immer richtig? Es werden so viele Klischees ab- und ausgerufen, die auch von sogenannten „Fachleuten“ unhinterfragt verbreitet werden. Zur geforderten Stille kann ich nur sagen, dass ich viele Menschen kenne, die das nicht gut aushalten. Die dafür aber weder oberflächlich noch schlecht sind. Mir wird es auch mulmig bei der Vorstellung. Was heißt das denn genau, dass ich versuchen soll, mich in die Seele der Angehörigen ein-zu-fühlen? Das fällt mir, als Vater zweier Kinder … unsagbar schwer. Unsagbar schwer, wenn ich es aufrichtig versuche. So würde ich mich als Vater vielleicht schuldig fühlen, dass ich mein Kind habe mitfliegen lassen. Dazu brauche ich jetzt Worte, Sprache, Zuspruch: „Du bist nicht schuldig!“ „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. LEBEN muss man vorwärts!“ Diesen tröstenden und zugleich absolut realistischen Satz – des Philosophen Sören Kierkegaard – sage ich meinen Patienten, wenn sie mit dem Verlauf ihrer Entscheidungen hadern. Wenn ich solche Bilder entwerfe, dann kann auch eine kürzere Schweigezeit hilfreich sein. Dann.

Vielleicht lenke ich mich von den Ohnmachtsgefühlen ab, indem ich Wut auf die vielen hohlen Phrasen bekomme. Der Kinofilm „Ziemlich beste Freunde“Ziemlich beste Freunde3ist deshalb so erfolgreich, weil er diese Phrasen und Klischees durchbricht. Darüber wird er ehrlich und lebendig. Hier ist wieder ein Paradox: durch die Sichtbarmachung der schmerzlichen Wahrheit, lebt es sich besser, als mit der zudeckenden Verschleierung des Grausamen.

Dipl.-Psych. Hans Wolter, Dürener Str. 87, 50931 Köln

1 Kommentar

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