Plädoyer für das VorUrteil. – (WehrWolter – ww 12 – Hans Wolter)

Wie häufig höre ich den Vorwurf „das ist doch ein Vorurteil“ oder wie oft erlebe ich mich abgebremst durch den Satz: „da müssen wir erst einmal die Ergebnisse abwarten“. Das war jüngst der Fall, beim AmokFlug. Ich war ja erstaunt, wie viel Gegenwind ich beispielsweise mit meinen Beiträgen auf Facebook zu spüren bekam. Kurze Zeit nach dem Absturz, las ich in der New-York-Times, weiß Gott kein Revolverblatt, dass die Auswertung des Sprachrekorders zeigt, dass der Co-Pilot des Germanwingfluges, sein, ihm anvertrautes Flugzeug mitsamt den 149 unschuldigen Menschen an Bord, absichtlich hat zerschellen lassen. Da war es schon klar, dass Andreas Lubitz, dessen Namen man in Deutschland noch nicht nennen durfte, seinem Chef absichtlich den Weg ins Cockpit verunmöglichte.

kopflos

Ich schrieb daraufhin zeitgleich kurze Beiträge auf Facebook und versuchte sie psychologisch einzuordnen. Meine Kernaussage: „Nicht die Depression, sondern die Narzisstische Persönlichkeitsstörung ist das Problem des Todespiloten“. Letzteres weil ich vom Fach bin und mir es zutraute. Das war ein rasches Urteil von mir, wenn man so möchte, ein Vor-Urteil. Nur VOR was? Vor einer weiteren Aufklärung. Mir war allerdings klar, dass wir die genaue Aufklärung aus mehreren Gründen nicht bekommen. Zumindest nicht als normale Medienkonsumenten. Klar war mir das deshalb, weil ich mich schon mehrfach mit dem sogenannten „Werther-Effekt“ auseinandergesetzt hatte. Aus gutem Grund beschreibt man Suizide und Amokläufe nicht zu genau in den Medien, da ja schon Goethes Roman zu sehr vielen spontanen Nachahmungen geführt hat. Da gab es schon den Buchdruck aber noch kein Radio, FernSehen oder das WWW. Aber es sprachen auch noch andere Dinge gegen eine rasche Veröffentlichung; u.a. auch versicherungstechnische und juristische Erwägungen. So hat die Lufthansa natürlich berechtigterweise Angst, dass man ihr eine mangelnde Fürsorge vorwerfen könnte. Das ist nicht nur mit direkten Kosten, sondern auch mit indirekten Auswirkungen, nämlich dem Imageschaden verbunden. Nun verwiesen mich einige Kommentatoren auch darauf, dass ich die Auswertung der Fachleute abwarten sollte. Was für Fachleute? Da las ich doch von einem sogenannten „Flugsicherheitsexperten“, dass psychische Überprüfungen nicht viel Sinn machen würden, da sich psychische Verfassungen zu schnell ändern könnten. Okay, aber der Blutdruck kann sich auch ruck zuck verändern. Oder eine Ärztin sagte in den Nachrichten, dass man ja keinem hinter die Stirn gucken könnte. Was für Dilettanten nehmen es sich hier eigentlich so selbstverständlich heraus etwas zur Logik der Psyche sagen zu können? Wir haben es hier mit einer grandiosen Selbstüberschätzung zu tun. Zur Informatik, Chemie oder KFZ-Mechanik glaubt doch auch nicht JederMann etwas sagen zu können!

Profil9

Der AmokFlug ist auch deshalb so verheerend, da unser Alltag, unser Sozialsystem ohne Vertrauen nicht funktionieren kann! Dem Arzt der mich operiert, dem Mechaniker, der mein Motorrad repariert, oder dem KarussellBetreiber auf dem Rummelplatz muss ich vertrauen können, dass er mich nicht mutwillig umbringen will!

Wir müssen vor-urteilen, wenn wir z.B. in ein Flugzeug einsteigen. Richtig beurteilen können wir den Piloten ja nicht, den wir in der Regel ja nicht einmal zu sehen bekommen. An vielen Stellen im Alltag müssen wir einfach schnell Urteile fällen. Das sind auch Vor-Urteile.

Natürlich sind „klassische“ Vorurteile nicht unbedingt gut, da sie zu schnell gefällt werden. Wir könnten sie auch ZuschnellUrteile nennen. So habe ich z.B. gestern einen kurzen Artikel zu Günter Grass veröffentlicht. Schon nach einer Minute (1!) kündigt mir ein FacebookFreund die Freundschaft. Mit der Begründung, dass er nicht mit einem Menschen befreundet sein kann, der eine Lobrede auf den Nazi Günter Grass verfassen würde. Mein NetzFreund – wir haben uns real nie gesehen – hat hier schneller geurteilt, als ich meinen Artikel hätte lesen können. Komischerweise sind das aber auch die Menschen, die mir zu schnelle Urteile vorwerfen. Manchmal ist es schon ver/rückt, was man so im Netz, vor allen Dingen im SM (Social Media) erlebt.

wahrheit-sagen

So sehr ich die Schwarmintelligenz im Internet und insbesondere im Social Media (SM) schätze, so sehr hüte ich mich hier auch zunehmend vor der Schwarmdemenz.

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