„Seien sie nicht so deutsch!“ – Kleines Plädoyer für weniger Strenge (WehrWolter – ww 19 – Hans Wolter)

„Seien sie nicht so deutsch!“ riet 1954 eine Schweizer Putzfrau dem damaligen Bundestrainer Sepp Herberger, nachdem die deutsche Nationalmannschaft 3:8 gegen Ungarn in der Vorrunde der Fußballweltmeisterschaft unterlag. Der alte Herberger ließ ab von allzu starrer Disziplin und ließ „5 mal gerade sein“. Er hörte und übernahm die einfachen Worte der Putzfrau:  „Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten“

Super! War das echt so? Falls nicht, ein genialer Einfall der Musical Macher zu Sönke Wortmanns „Wunder von Bern“, dem wir am 2. Mai in Hamburger spontan beiwohnen durften.

Locker bleiben oder werden

Mir geht es hier um den Hinweis auf eine Überbewertung von Formalem und Gehorsam: das Erbe der Preußen, pervertiert im Nationalsozialismus. Die „schwarze Pädagogik“ ist teilweise noch heute in Deutschland – natürlich nicht nur da – anzutreffen. – Die Vor- und Nachteile zeige ich am Beispiel des „Wunder von Bern“ auf.

(www.HansWolter.com / TeXte: www.WehrWolter.com)

Wir können von anderen Kulturen profitieren

Damit der FC Bayern nicht in den deutschen Tugenden stecken bleibt, holten sie sich den beweglicheren WeltMann Pep Guardiola. Nur … der muss jetzt aufpassen, nicht auch „zu deutsch“ zu werden. Was nach meiner Einschätzung zum verlorenen Halbfinale im DFB-Pokal gegen den BVB führte. Keinem der vier Elfmeterschützen des FCB gelang ein Tor gegen die Dortmunder. Diese groteske Wende im Spiel, ist meines Erachtens einer zu starken Verkrampfung der Mannschaft geschuldet, die in ihrem Trainer Pep Guardiola nach dem verlorenen Champions League Spiel gegen Porto ihren Anfang nahm. Siehe hierzu auch meinen Text vom 30.04.2015: „FußFall – ZuFall? Auch Götter können ausrutschen!

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Alles, besonders das, was wir überbetonen, kann sich ins Gegenteil verkehren. Tradition wird dann problematisch, wenn sich Formen verselbständigen, deren ursprünglicher Sinn verlorengegangen ist: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“ (Goethe). Wenn die Form wichtiger als der Inhalt wird, die formale Logik wichtiger als das Gefühl, dann sind Zwang und Erstarrung nicht weit. Die deutsche Kultur war immer schon mal anfällig für Erstarrung durch Übertreibung von Ordnung und Disziplin. Konnte es bei den Preußen über weite Strenge noch Fortschritt vorantreiben, wurde es im Nationalsozialismus endgültig pervertiert. Die kranke Zuspitzung in der Loslösung des Formalen vom Gefühlten zeigte sich in der systematischen Judenvernichtung. Deutsche Ingenieure optimierten die „Vernichtungsleistung“ in den Konzentrationslagern, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu entwickeln. Das was später zum Qualitätsmaßstab „Made in Germany“ wurde, wurde hier grausam pervertiert.

Wunder von Bern? – Wir sind wieder wer!

Das „Wunder von Bern“ – Symbol für die Rückfindung Westdeutschlands in die Weltgemeinschaft und das Gefühl „Wir sind wieder wer“ – wurde offensichtlich möglich, indem die sogenannten deutschen Tugenden etwas aufgeweicht wurden.

 Wunder von Bern3

„Großartig grotesk“ titelt Oskar Piegsa von der ZEIT die Weltpremiere des Musicals im November 2014 mit (DIE ZEIT Nº 49/201427) Da er hierzu eine gute Zusammenfassung schrieb, lasse ich ihn jetzt nachfolgend ein wenig länger zu Wort kommen: „Die Eröffnung des Theaters an der Elbe war ein doppeltes Wagnis. Beweisen musste sich nicht nur der teure Bau, dessen Form an einen Stahlhelm erinnert, sondern auch das Musical, das den dazu passenden Stoff liefert: Das Wunder von Bern, das 1954 spielt und von einem Land erzählt, das mit der Verdrängung von Nationalsozialismus und Krieg beschäftigt ist.

 

Kriegsrückkehrer hatten’s schwer

Der Held dieses Trümmermusicals ist kein Sympathieträger, sondern der ambivalente Richard Lubanski (Detlef Leistenschneider). Neun Jahre nach Kriegsende kehrt er zu seiner Familie zurück, verhärtet nicht nur von der sowjetischen Gefangenschaft, sondern auch von seiner Nazi-Erziehung. „Deutsche Jungen weinen nicht“, herrscht er seinen Sohn an und prügelt ihn mit seinem Gürtel. Dass sich Deutschland zu verändern begonnen hat, will Lubanski nicht wahrhaben. Erst während der Fußball-WM gelingt es ihm, auf andere zuzugehen. Das Wunder von Bern ist die Geschichte einer Reducation und erzählt von einem Mann, der viel verloren hat, um nun alles neu zu lernen. …

Wunder von Bern5

Lubanskis Trauma, im Spielfilm von Sönke Wortmann bloß angedeutet, wird im Musical dramatisch inszeniert. Auch die Putzfrau, der Trainer Sepp Herberger nachts im Hotel begegnet, wurde aufgewertet. Im Film flüstert sie ihm seine Zeile ein: „Der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten.“ Im Musical hat sie (gespielt von Jogi Kaiser) ihre eigene Nummer. „Seien Sie nicht so deutsch“, singt sie Herberger zu. Statt den frechen Stürmer Helmut Rahn zu disziplinieren, solle er fünfe gerade sein lassen.

Tänzer in Glitzersakkos steppen, es regnet Luftschlangen, und eine Putzfrau entnazifiziert den Nationaltrainer: Das ist grotesk – und großartig. Die Szene ist zwar nicht so spektakulär wie das WM-Finale. Da spielen abgeseilte Tänzer an der senkrechten Wand, Rahn schießt das Siegtor, die Schwerkraft scheint aufgehoben. Die Putzfrau aber bewahrt Das Wunder von Bern vor WM-Patriotismus, der die Kriegsschuld übertönt. Nicht, weil „wir wieder wer sind“, siegt das Team und gelingt Lubanski die Resozialisierung. Sondern weil es sich auszahlt, menschlich zu sein – nicht nur deutsch.“

Rührende Annäherung zwischen einem entFREMDetEN Vater & seinem Sohn

 Wunder von Bern

Die Geschichte, die Sönke Wortman erzählt, ist auch eine anrührende Annäherung zwischen einem entfremdeten Vaters und einem sehnsuchtsvollen Sohn. Väter waren im zweiten Weltkrieg Mangelware. Der Kölner Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll beschrieb das eindrucksvoll in seinem frühen Buch „Haus ohne Hüter“. Nach dem Krieg kehrten die Väter, die den Wahnsinn überleben konnten, zurück in ihre Familien. Manche kamen erst 10 Jahre später aus der Gefangenschaft. Mein Großvater ebenso, wie der Vater im Musical. Der Vater war in der Anfangszeit nur physisch präsent. Psychisch war er noch gefangen. Gefangen im mittlerweile inneren Krieg. Im Musical wird anhand der beiden Söhne auch gut dargestellt, wie die Kinder unter der Traumatisierung ihrer Eltern leiden mussten. Hierzu hat die Kölner Journalistin Sabine Bode, ein gutes Buch geschrieben: Die vergessene Generation: „Noch nie hat es in Deutschland eine Generation gegeben, der es so gut ging wie den heute 60- bis 75jährigen. Doch man weiß wenig über sie, man redet nicht über sie – eine unauffällige Generation. Jetzt beginnen sie zu reden, nach langen Jahren des Schweigens.“

 Vergessene Generation

Bode beschreibt die Entwicklungshemmungen der Kinder, die für ihre Eltern „Sonnenscheine“ darstellen mussten, damit das „Deutsche Wirtschaftswunder“ möglich werden konnte. Kaum einer weiß, dass hier auch die Basis für die „Kassenleistung Psychotherapie“ gelegt wurde. Deutschland investierte hohe Summen in Psychotherapie, damit der Wiederaufbau einer starken Volkswirtschaft möglich werden konnte. Davon profitieren wir heute noch. In den meisten anderen Ländern muss Psychotherapie nämlich von den Patienten selbst getragen werden.

 

Die gegen Ende des Musicals gelungene Annäherung zwischen Vater und Sohn ist so gefühlsintensiv inszeniert, dass auch mir die Tränen kommen. Ein deutscher Junge durfte und darf wieder weinen. Wenn das möglich ist, dann ist auch das Lachen und das Siegen wieder möglich.

Also, seien sie nicht so deutsch! –

https://youtu.be/dd6tWOmolMk)Wunder von Bern4

 

 

http://www.HansWolter.com

10 Kommentare

  1. […] 4. “Seien sie nicht so deutsch!” – Plädoyer für weniger Strenge” (05.Mai 2015) […]

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  2. […] 4. “Seien sie nicht so deutsch!” – Plädoyer für weniger Strenge” (05.Mai 2015) […]

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