Jenseits von Gut und Böse – Der Fall Edathy. Nur ein kleiner Junge traut sich auszusprechen: „Der Kaiser ist ja nackt!“ – (WehrWolter – ww 36 – Hans Wolter)

Weshalb wurde zur Jagd geblasen? &  Warum wurde er gewarnt?

Vorab: ich habe jetzt neben dieser Website auch endlich eine Homepage: www.HansWolter.wordpress.com

Aktuell beschäftigt man sich wieder intensiv mit dem Fall Edathy, obwohl die eigentliche Kernfrage nach einer Schuld Sebastian Edathys offensichtlich schon geklärt ist. Zunächst stelle ich kurz den aktuellen Stand (19.06.2015) dar. Dann komme ich zu dem, was mir in diesem Fall sehr schleierhaft ist und zu dem ich bereits im März einen längeren Beitrag auf meinem Blog geschrieben habe. Hier beschäftig mich die Frage, ob es tatsächlich um die Frage ging und geht, ob Edathy im Besitz von jugendlichen Nacktbildern war. Meine Vermutung ist ja eher, dass Edathy für die Geheimdienste zu gefährlich wurde und unschädlich gemacht werden musste. Hierbei sehe ich mich nicht als Anhänger von sogenannten Verschwörungstheorien. Ich komme mir eher wie das Kind im Märchen „Des Kaisers neue Kleider vor“. Hier spricht ein Junge als einziger aus, dass der Kaiser nackt ist. Alle haben es gesehen, keiner hat sich etwas zu sagen getraut.

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Also, im aktuellen Ausschuss sollte und soll geklärt werden, wer den Politiker Edathy im Vorfeld der Ermittlungen gewarnt hat: „Fazit zum Edathy-Ausschuss: Die Zeugen waren zu mächtig.

Nach der 14-Stunden-Sitzung am Donnerstag lässt sich sagen: Der Ausschuss ist an seiner Aufgabe gescheitert. Zwar konnte er beweisen, dass Edathy gewarnt wurde, doch das war Beobachtern praktisch von Anfang an klar. Auch, dass der SPD-Abgeordnete Michael Hartmann der Warnende war, sieht die Opposition als erwiesen an – und es tut kaum etwas zur Sache. Interessant wäre gewesen, ob die Spitze der SPD Verantwortung dafür hat – ob sich Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier oder Thomas Oppermann die Hände schmutzig gemacht haben.

Und an diesem Punkt ist der Ausschuss praktisch nicht vorangekommen. Am 1. Juli wird die Befragung Oppermanns fortgesetzt. Dieser hatte spätestens am 17. Oktober 2013 erfahren, dass der Name Edathy auf einer Liste von Nacktbild-Bestellern aufgetaucht war. Oppermann war damals Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, wenig später stieg er zum Fraktionsvorsitzenden auf. Oppermann ist verdächtig. Denn er gab Hartmann den Auftrag, sich um Edathy zu kümmern, als der angeblich „gesundheitliche Probleme“ hatte, in Wirklichkeit aber wohl die Ermittlungen auf sich zukommen sah. Die Frage lag nahe, ob Oppermann Hartmann nicht auch noch den Auftrag gab, Edathy zu warnen. Oder ob er auf anderen Wegen jemanden informierte, so dass sich die Sache in der SPD herumsprechen konnte. Außerdem besteht noch der Verdacht, Oppermann habe schon früher von der Situation Edathys erfahren, als er bislang zugibt. Denn Gabriel sagt, er habe Oppermann am 17. Oktober erst ab 16 Uhr informiert. Schon um 15.29 Uhr rief Oppermann aber den BKA-Chef Jörg Ziercke an, um sich über Edathy zu erkundigen. Oppermann könnte aus der niedersächsischen SPD schon informiert worden sein. Weil sich nun doch alle Beteiligten nicht mehr so genau an die Uhrzeiten erinnern, wird wohl auch diese Frage nie aufgeklärt werden. Oppermann scheint es nicht zu bedauern, dass der Untersuchungsauftrag des Ausschusses im Sande verläuft. Die Zeugen in diesem Ausschuss waren zu mächtig und sie konnten bei entscheidenden Fragen auf Gedächtnislücken verweisen. Das ist unbefriedigend. Denn der Eindruck, dass sich die Mächtigen gegenseitig vor gerechten Strafen schützen, wird so nicht ausgeräumt.“ (Quelle: n-tv.de)

 Edathy & Snowden auf der Couch

Da mir seiner Zeit der Edathy-Skandal „spanisch“ vorkam, schrieb ich am 20. März 2015 bereits einen Artikel, der in dem ich darauf hinwies, dass die sogenannte Edathy-Affäre eine Ablenkung sein muss. (https://wordpress.com/post/88201579/168)

Edathy war Vorsitzender des NSU Ausschusses und nahm zu der Zeit auch die amerikanischen Geheimdienste ins Visier. Er kritisierte das Verhalten von Barack Obama gegenüber den Abhöraktivitäten der NSA. Dies ließ sich gut am angezapften Handy von Angela Merkel verdeutlichen. Außerdem forderte er, dass Edward Snowden in Berlin befragt werden sollte. Dies machte den Geheimdiensten – meiner Ansicht nach – Angst. Angst zumal dieser Herr Edathy unorthodox vorging und nicht berechenbar war. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um anzunehmen, dass man etwas gesucht hat, um diesen Mann auszuschalten. Natürlich können sie das mit einem PädophilieVerdacht einfach und wirkungsvoll bewerkstelligen.

Damit will ich den Herrn E. nicht in Schutz nehmen. Aber bei allem Medienrummel mussten wir feststellen, dass sein Besitz von Bildern nicht strafbar war und ist. Die Folgen sind natürlich verheerend für den Menschen und Politiker. Ich war sehr erstaunt, wie hysterisch unsere Gesellschaft reagiert hat. Kopflos forderten, an und für sich vernünftige Mitmenschen in den sozialen Medien: „Schwanz ab!“ Für mich stellt sich das so dar, dass man hier eine Tintenfisch-Taktik angewandt hat. Mit der Edathy-Affäre spritzte man so viel Tinte ins Wasser, dass keiner mehr klar sehen und denken konnte.

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Im Übrigen bin ich der Meinung, dass wir Edward Snowden Asyl gewähren sollten!

Deutschland kann sich das leisten. Die USA werden uns nicht sanktionieren. Zumindest nicht dauerhaft. Das können DIE sich nicht leisten. Ich finde es höchst merkwürdig, dass Edward Snowden, ein Mann der die Wahrheit gesagt hat, dafür dauerhaft bestraft wird. Hätten wir diese Einbuße an Lebensqualität auf uns genommen? Junge Menschen haben noch Ideale. Gott und/oder Allah? Sei Dank! Enttäuscht sind wir nur da, wo wir uns vorher getäuscht haben. Die Täter sind die NSA. Wenn die Täter jetzt dem mutigen Kämpfer für mehr ZivilenUngehorsam hinterherrufen: „haltet den Dieb!“, verstehe ich dies, als Verschiebung des Sachverhaltes, Projektion und Ablenkungsmanöver.

Das sind Mechanismen, die auch im Fall Edathy erstaunlich gut funktioniert haben. Edathy hatte übrigens auch vorher Obama kritisiert und angeregt, dass man Snowden nach Deutschland einladen solle. Kurze Zeit später kam der Kinderpornoverdacht. Wenn ich einen „bedrohlichen Menschen“ wirkungsvoll ausschalten möchte, dann mache ich das vorzugsweise über einen sexuellen Skandal. Irgendetwas findet sich da schon. Ein sexuelles Fehlverhalten ist hier heute wesentlich effektiver, als auf den Verdacht von Steuerbetrug hinzuweisen. Effektiver, weil öffentlichkeitswirksamer. Ein Steuerhinterzug ist nicht wirklich spannend. Bei Hoeneß war die Summe spektakulär und die Vorstellung, dass einer, der sich gerne als GutMensch gibt auch noch eine BreakingBadSeite hat.

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Sebastian Edathy gab sich nicht als GutMensch. Er hatte Bilder von nackten Jungs, was allerdings noch keine Straftat ist. Eine Statistik über Pornokonsumenten im Bundestag könnte sicher einen gewissen Unterhaltungswert haben. Kurzzeitig. Wie die Geschichte von Alibaba und den 50 Shadows. Dass der reine Besitz von Nacktbildern kein Straftatbestand ist, wurde ja auch von deutschen Gerichten bestätigt. Ich frage mich, wieso man gerade zu diesem Zeitpunkt auf diese, in Kanada bestellten, Fotos aufmerksam wurde. Hat das mit seinem forschen Auftreten gegenüber den USA zu tun oder war er als Vorsitzender des NSU-Ausschusses auch für das BKA oder den BND ungemütlich? Über die Pädophilie-Diskussion konnten diese, vielleicht vorhandenen „Gefahren“, wirkungsvoll in den Hintergrund gedrängt werden. Wenn der Oktopus Angst bekommt, schießt er mit Tinte, um das Wasser zu verUNKLARen. Für Fortgeschrittene: „Hören Sie gespannt zu, während andere ein Problem diskutieren. Mischen Sie sich mit einer banalen Behauptung ein, und beenden Sie das Thema.“ (Spark’s zehn Regeln für den Betriebsleiter)- MICH macht es einfach misstrauisch, dass ich zu diesen politischen Zusammenhängen nichts mehr in der Presse und den Medien finden konnte.

Viele denken schon aus Angst hier nicht mehr weiter.

Die Pädophilie-Hysterie hat für mich auch in diesem Zusammenhang etwas schwer Nachvollziehbares. Juristisch war schnell klar, dass es sich hier um keinen ernsthaften Straftatbestand handelt. Daher konnte das Verfahren ja letztlich auch durch eine verhältnismäßig geringe Zahlung eingestellt werden.

Psycho-Logisch verstehe ich das Phänomen der „Pädophilie-Hexenjagd“ als einen kollektiven Ausdruck von Hysterie. Gut, für den normalen Bürger ist es schon merkwürdig, wenn ein Politiker sich an Bildern von nackten Jungs aufgeilt. Warum tut er das? Viele denken schon aus Angst hier nicht mehr weiter. Wir wehren Vieles ab, weil wir unbewusst befürchten, so etwas auch bei uns selbst entdecken zu können. Also rufen wir bei Facebook laut: „Schwanz ab!“.

 50 shades of pink

Pädophilie hat mit der Lust am Macht-Ohnmacht-Spiel zu tun.

Fühle ich mich unterlegen, kann ich entweder in die Täter- oder in die Opferposition gehen. Damit spielt ja der SadoMasoKomplex. Dies kann ja auch einen Reiz ausmachen. Nicht nur für 50 Schattige. Als erfolgreicher Banker kann ich mir beispielsweise meine Schuldgefühle von einer Domina wegprügeln lassen. Als psychohygienische Maßnahme ist das weder verwerflich, noch strafbar. Die katholische Kirche sollte sich an dieser Stelle ruhig verhalten.

Wie – unbewusst gespalten, bis bewusst verlogen – eine Kultur, eine Gesellschaft damit umgehen kann, sehen wir an dem orgiastisch anmutenden Applaus für „Fifty Shades of Grey“. Zeitgleich organisiert man auf der anderen Seite eine Hexenjagd auf einen Mann, der „nur“ Fotos anschaut. Wenn Edathy tatsächlich sexuell missbräuchlich aktiv geworden wäre, wie diverse katholische WürdenTräger in Internaten etc., könnte ich den Aufruhr im Volk besser nachvollziehen.

Die Lust am MachtOhnmachtSpiel kann für die Wahl und Ausübung vieler Berufe ausschlaggebend sein. Unbewusst. Als Lehrer, Politikerin, Arzt, Anwältin oder Altenpfleger kann ich das MachtGefälle genießen und mit dieser Motivation – vielleicht unbewusst – diesen Beruf ergreifen. Das ist nicht strafbar. Das ist menschlich. Wer diese These als zu gewagt empfindet, sollte sich mal das Theaterstück oder den Film „Gott des Gemetzels“ ansehen. Hier wird eindrucksvoll dargestellt, dass in jedem von uns, noch ein Barbar lebt, der rasch für ein Gemetzel zu haben ist. Unabhängig von Kultivierungsgrad & Intelligenz.

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In diesem Zusammenhang finde ich es immer wieder erstaunlich, dass Sigmund Freud um 1900 das Unbewusste entdeckte, erforschte und wie wenig die Meisten von uns, unbewusste Motive bei sich und anderen sehen bzw. tatsächlich in Betracht ziehen. „Der will nur spielen!?“ Ein Satz, der selbst auf der Hundewiese nicht der Wahrheit entspricht. Okay, wenn ein SMler seinem Quältrieb nachgeht, macht er das ja auch manchmal in seinem „Spielzimmer“. Dagegen ist ja auch nichts zu sagen, solange sich nicht alle als GutMenschen zu verkaufen suchen und natürlich, solange keiner zu Schaden kommt.

Die Tragik des Falles Edathy liegt für mich auf drei Ebenen.

  1. Die politischen Hintergründe im Fall Edathy werden auffällig wenig diskutiert. Aber ich denke, dass wir uns von dem Gedanken verabschieden sollten, dass die Politik die Geheimdienste kontrolliert. Faktisch ist es wohl (leider) umgekehrt.Der Mensch und Politiker Sebastian Edathy ist massiv und m.E. unverhältnismäßig beschädigt worden. Hierzu fällt mir spontan Heinrich Böll und „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (2) ein. Okay, Edathy hat leider, durch seine arrogante Haltung, zum großen Teil auch selbst dazu beigetragen. Wäre er weniger narzisstisch gewesen, hätte er sich mit einem guten Psychologen beraten. Verstehen kann man das etwas mehr, wenn man sich einmal mit seiner Biographie und der darin zu Tage tretenden Behinderung seiner SozialKompetenz auseinandersetzt. Aber so weit geht kaum einer.
  2. Unsere Gesellschaft reagiert, in diesem vorliegenden Pädophilie-Sachverhalt, erstaunlich heftig. Wie können wir das verstehen? Ich denke, dass es damit zu tun hat, dass Missbrauch und Misshandlung von Kindern, ein massives Tabu darstellt. Zu Recht! Mir fiel in den sozialen Medien auf, dass tendenziell Frauen, härter und rigoroser in ihren Beurteilungen von Sebastian Edathy waren, als Männer. Natürlich ist es auch ein Tabu, sich eine Mutter, als sexuell übergriffig vorzustellen. Dabei ist jeder fünfte pädophile Täter eine Frau. Hinzu kommt noch die sogenannte Dunkelziffer. Das lässt sich offenbar schwer denken, noch schwerer fühlen. Einfacher geht es offensichtlich, in diesem Zusammenhang, an perverse Männer zu denken. In der Fachliteratur gibt es auch noch erstaunlich wenige Veröffentlichungen zum Thema „Perversion der Frau“. An Tabus trauen wir uns einfach weniger ran: Weil es eben nicht einfach ist. Auch in der Forschung. Das macht uns Angst. Darauf reagieren wir mit Abwehrmechanismen. Wie z.B. der Projektion, in der der potentielle Täter laut ruft: „Haltet den Dieb!“
  3. Die politischen Hintergründe im Fall Edathy werden auffällig wenig diskutiert. Aber ich denke, dass wir uns von dem Gedanken verabschieden sollten, dass die Politik die Geheimdienste kontrolliert. Faktisch ist es wohl (leider) umgekehrt.

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Fazit: Die Welt ist wesentlich komplexer, als Viele von uns denken.

Komplexer und teils diametral entgegengesetzt von dem, wie dies in den offiziellen Medien dargestellt wird. Entweder, weil (zu) einfache Journalisten zu begrenzt denken oder die Medienzunft hat auch Angst vor Benachteiligungen. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Allerdings weiß ich, nicht nur aus meiner langjährigen beruflichen Erfahrung als Psychotherapeut, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Motive haben. Es gibt sie nicht, DIE Wirklichkeit. Somit gibt es auch nicht DIE Wahrheit. Eigentlich dürfen WIR auch über Alles lachen. Auch über Allah. Ehrlich? Wirklich! Ist das nicht gefährlich? Vielleicht. Leider! Die Gedanken sind frei. Spätestens jetzt, interessiert sich die NSA nicht nur für: „Das Leben der Andern“. Aber das, ist ein anderer Film.

P.S.

Märchen wurden im Ursprung nicht für Kinder geschrieben. Es waren Gleichnisse für Erwachsene.

Hier noch eine Gute-Nacht-Geschichte:

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Des Kaisers neue Kleider  (Hans Christian Andersen)

Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Kleider hielt, daß er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht um Theater und liebte es nicht, in den Wald zu fahren, außer um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und ebenso wie man von einem König sagte, er ist im Rat, so sagte man hier immer: „Der Kaiser ist in der Garderobe!“

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tag kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, daß sie das schönste Zeug, was man sich denken könne, zu weben verstanden. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht würden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, daß sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

,Das wären ja prächtige Kleider‘, dachte der Kaiser; wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reiche zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muß sogleich für mich gewebt werden!‘ Er gab den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten. Sie stellten auch zwei Webstühle auf, taten, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten nicht das geringste auf dem Stuhle. Trotzdem verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold, das steckten sie aber in ihre eigene Tasche und arbeiteten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein.

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,Nun möchte ich doch wissen, wie weit sie mit dem Zeuge sind!‘ dachte der Kaiser, aber es war ihm beklommen zumute, wenn er daran dachte, daß keiner, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, es sehen könne. Er glaubte zwar, daß er für sich selbst nichts zu fürchten brauche, aber er wollte doch erst einen andern senden, um zu sehen, wie es damit stehe. Alle Menschen in der ganzen Stadt wußten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

,Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern senden‘, dachte der Kaiser, er kann am besten beurteilen, wie der Stoff sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner versieht sein Amt besser als er!‘ Nun ging der alte, gute Minister in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten. ,Gott behüte uns!‘ dachte der alte Minister und riß die Augen auf. ,Ich kann ja nichts erblicken!‘ Aber das sagte er nicht. Beide Betrüger baten ihn näher zu treten und fragten, ob es nicht ein hübsches Muster und schöne Farben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Stuhl, und der arme, alte Minister fuhr fort, die Augen aufzureißen, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. ,Herr Gott‘, dachte er, sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht zu meinem Amte taugen? Nein, es geht nicht an, daß ich erzähle, ich könne das Zeug nicht sehen!‘

„Nun, Sie sagen nichts dazu?“ fragte der eine von den Webern. „Oh, es ist niedlich, ganz allerliebst!“ antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. „Dieses Muster und diese Farben! – Ja, ich werde dem Kaiser sagen, daß es mir sehr gefällt!“ „Nun, das freut uns!“ sagten beide Weber, und darauf benannten sie die Farben mit Namen und erklärten das seltsame Muster. Der alte Minister merkte gut auf, damit er dasselbe sagen könne, wenn er zum Kaiser zurückkomme, und das tat er auch. Nun verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold zum Weben. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl kam kein Faden, aber sie fuhren fort, wie bisher an den leeren Stühlen zu arbeiten.

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Der Kaiser sandte bald wieder einen anderen tüchtigen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe und ob das Zeug bald fertig sei; es ging ihm aber gerade wie dem ersten, er guckte und guckte; weil aber außer dem Webstuhl nichts da war, so konnte er nichts sehen. „Ist das nicht ein ganz besonders prächtiges und hübsches Stück Zeug?“ fragten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige Muster, das gar nicht da war. ,Dumm bin ich nicht‘, dachte der Mann; es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muß man sich nicht merken lassen!‘ Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster. „Ja, es ist ganz allerliebst!“ sagte er zum Kaiser.

Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Zeuge. Nun wollte der Kaiser es selbst sehen, während es noch auf dem Webstuhl sei. Mit einer ganzen Schar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, die schon früher dagewesen, ging er zu den beiden listigen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Faser oder Faden. „Ja, ist das nicht prächtig?“ sagten die beiden ehrlichen Staatsmänner. „Wollen Eure Majestät sehen, welches Muster, welche Farben?“ und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, daß die andern das Zeug wohl sehen könnten.

,Was!‘ dachte der Kaiser; ich sehe gar nichts! Das ist ja erschrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte.‘ „Oh, es ist sehr hübsch“, sagte er; „es hat meinen allerhöchsten Beifall!“ und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl; er wollte nicht sagen, daß er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, was er mit sich hatte, sah und sah, aber es bekam nicht mehr heraus als alle die andern, aber sie sagten gleich wie der Kaiser: „Oh, das ist hübsch!‘ und sie rieten ihm, diese neuen prächtigen Kleider das erste Mal bei dem großen Feste, das bevorstand, zu tragen.

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„Es ist herrlich, niedlich, ausgezeichnet!“ ging es von Mund zu Mund, und man schien allerseits innig erfreut darüber. Der Kaiser verlieh jedem der Betrüger ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu hängen, und den Titel Hofweber. Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem das Fest stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und hatten sechzehn Lichte angezündet, damit man sie auch recht gut bei ihrer Arbeit beobachten konnte. Die Leute konnten sehen, daß sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue Kleider fertigzumachen. Sie taten, als ob sie das Zeug aus dem Webstuhl nähmen, sie schnitten in die Luft mit großen Scheren, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: „Sieh, nun sind die Kleider fertig!“

Der Kaiser mit seinen vornehmsten Beamten kam selbst, und beide Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, gerade, als ob sie etwas hielten, und sagten: „Seht, hier sind die Beinkleider, hier ist das Kleid, hier ist der Mantel!“ und so weiter. „Es ist so leicht wie Spinnwebe; man sollte glauben, man habe nichts auf dem Körper, aber das ist gerade die Schönheit dabei!“ „Ja!“ sagten alle Beamten, aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da. „Belieben Eure Kaiserliche Majestät Ihre Kleider abzulegen“, sagten die Betrüger, „so wollen wir Ihnen die neuen hier vor dem großen Spiegel anziehen!“

Der Kaiser legte seine Kleider ab, und die Betrüger stellten sich, als ob sie ihm ein jedes Stück der neuen Kleider anzogen, die fertig genäht sein sollten, und der Kaiser wendete und drehte sich vor dem Spiegel. „Ei, wie gut sie kleiden, wie herrlich sie sitzen!“ sagten alle. „Welches Muster, welche Farben! Das ist ein kostbarer Anzug!“ – „Draußen stehen sie mit dem Thronhimmel, der über Eurer Majestät getragen werden soll!“ meldete der Oberzeremonienmeister. „Seht, ich bin ja fertig!“ sagte der Kaiser. „Sitzt es nicht gut?“ und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel; denn es sollte scheinen, als ob er seine Kleider recht betrachte. Die Kammerherren, die das Recht hatten, die Schleppe zu tragen, griffen mit den Händen gegen den Fußboden, als ob sie die Schleppe aufhöben, sie gingen und taten, als hielten sie etwas in der Luft; sie wagten es nicht, es sich merken zu lassen, daß sie nichts sehen konnten.

So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: „Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche Schleppe er am Kleide hat! Wie schön sie sitzt!“ Keiner wollte es sich merken lassen, daß er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Kleider des Kaisers hatten solches Glück gemacht wie diese.

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„Aber er hat ja gar nichts an!“ sagte endlich ein kleines Kind. „Hört die Stimme der Unschuld!“ sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte. „Aber er hat ja gar nichts an!“ rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ,Nun muss ich aushalten.‘ Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.

(Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/hans-christian-andersen-m-1227/114)

2 Kommentare

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