Winner burnen out. Loser sind dann mal depressiv. – Von Gewinner- und VerliererKrankheiten. (WehrWolter – ww 37 – Hans Wolter)

Gestern lese ich im Kölner Stadtanzeiger den Artikel „Einer Krankheit auf der Spur“. Hier geht es um den sogenannten Burnout (21.06.15). Mich wundert es, mit welchem Halbwissen immer wieder Beiträge zu psychischen Erkrankungen veröffentlicht werden. Daher möchte ich einmal kurz etwas klar stellen.

(Zuvor: ich habe jetzt neben dieser Website auch endlich eine Homepage: www.HansWolter.wordpress.com)

Burnout ist zwar in aller Munde, aber es ist keine anerkannte Behandlungsdiagnose. Damit die Krankenkasse eine psychotherapeutische Behandlung bezahlt, muss eine Diagnose vorliegen, die in der „Internationalen Klassifikation der Erkrankung“ (ICD10) als Behandlungsdiagnose anerkannt ist.

Depression Edvard_Munch_-_Melancholy

Wenn der Volksmund von Burnout, also einem Ausgebranntsein spricht, dann wird häufig eine Erschöpfungsdepression beschrieben. Warum spricht man also nicht von Depression?

Depression steht für Defizit und wird rasch als Verlierer-Krankheit angesehen. Daher sprechen auch sehr wenige Menschen davon, dass sie depressiv erkrankt sind. Wobei es mittlerweile in Europa die Volkskrankheit Nr 2 ist. Wer depressiv geworden ist, gilt als weniger stark, weniger leistungsfähig  und vielleichtals  zu sensibel und empfindlich.

Burnout hingegen bekommen „Helden der Arbeit“. Menschen die sehr viel gearbeitet haben. Seien es der Fußballtrainer Ralf Rangnick, der Koch Tim Mälzer, die Professorin Miriam Meckel (Partnerin von Anne Will), Sven Hannawald oder der Sänger Hartmut Engler, sie alle erkrankten einmal an Burnout. Bei Männern spricht man gerne von Burnout, bei Frauen mehr von Depression. Männer färben ja auch ihre Haare nicht. Wenn überhaupt „tunen“ sie ihre Haarpracht. Wenn einer etwas anderes behauptet drohte der damalige Bundeskanzler Schröder sofort mit Klage. In der Depression wirkt man eingeschränkt, gedrückt sowie ausdrucks- und antriebsarm. Also eher wie ein Verlierer.

Mit Burnout und Herzinfarkt verbindet man eher Winner, mit Depression und Darmkrebs eher Verlierer.

DepressionA

Melancholie der historische Vorläufer der Depression

Melancholie (griechisch μελαγ-χολία melancholia „Schwarzgalligkeit“; lateinisch melancholia) bezeichnet eine durch Schwermut, Schmerz, Traurigkeit oder Nachdenklichkeit geprägte Gemütsstimmung, die in der Regel auf keinen bestimmten Auslöser oder Anlass zurückgeht. In Bezug auf eine psychische Disposition oder ein Krankheitsbild ist der Begriff Melancholie im 20. Jahrhundert weitgehend durch den Begriff der Depression ersetzt worden. Der Melancholiker stellt eines der vier Temperamente dar. Der Begriff Melancholie wird in Philosophie, Medizin, Psychologie, Theologie und Kunst behandelt. (Quelle Wikipedia)

Nachfolgend zeige ich die Dynamik von Depression in kurzen Schlagsätzen auf. Hierbei orientiere ich mich teils an einer Zusammenstellung meiner Kollegin Dr. med. Ursula Davatz.

 DepressionB

 Depression hat mit Verlieren und Verlust zu tun

  • Depression wirkt häufig wie Trauer.
  • Trauer hat mit dem Verlust bedeutsamer Beziehungen zu tun.
  • In der Depression verlieren wir häufig die Beziehung zu uns selbst und unser Selbstwertgefühl.
  • Das ist der zentrale Unterschied zur Trauer.
  • Die Depression ist eine Verliererkrankheit, und da heute niemand mehr verlieren kann, alle nur gewinnen möchten, muss gegen das Verlieren möglichst schnell vorgegangen werden.
  • Arretiertes Kampfverhalten, oder arrested fight reaction, die Physiologie der Depression

Depression6

  • Der Mensch ist ein Sozialwesen und lebt in einem Sozialverband.
  • Innerhalb dieses Sozialverbandes wird die Hierarchie über Dominanzkämpfe ausgefochten und etabliert.
  • Dies kann in der Politik, im Sport in der Wirtschaft in der Familie unter Geschwistern sowie in der Ehe stattfinden.
  • Der Gewinner ist aufgestellt, mit stolzer Brust, glücklich, der Verlierer wirkt depressiv, vornübergebeugt „crouch“, traurig, apathisch. Dies kann sehr gut beobachtet werden an Tennisturnieren.

Depression selbstmord

  • Manchmal reißt sich der Verlierer nochmals zusammen und bricht auf zu einer neuen Aggression, häufig dann aber auch zur Autoaggression, zur Selbstaggression.
  • Diese Verliererreaktion geht auf körperlicher Ebene einher mit ganz bestimmten physiologischen Reaktionen wie Muskeln und allgemeine Müdigkeit, Blutdruckabfall, erniedrigter Grundumsatz, auch Schilddrüsenhormonabfall und vielen anderen Reaktionen, alles Vagus Reaktionen.
  • Da sich der Depressive aber häufig wehrt gegen seine Verliererreaktion d.h. den Verlust nicht zulässt, sich nicht eingesteht und vor allem nicht akzeptiert, kämpft er dagegen und bringt somit einige seiner Körpersysteme wieder auf Touren und daraus kann dann hoher Blutdruck, Rastlosigkeit, Schlaflosigkeit, Unruhe entstehen, die sogenannte agitierte Depression.

Depression8

Wie entwickeln sich  Verliererreaktionen?

  • Normalerweise kann der Mensch seine Verlierererlebnisse mit Gewinnererlebnissen ausgleichen, und wenn er nicht mehr als 50% verliert, passiert nichts, er erholt sich schnell von seinem Verlierererlebnis.
  • Verlieren aber Menschen innerhalb von wichtigen Beziehungen wie in der Ehe, Partnerschaft, zu den Eltern oder am Arbeitsplatz, zum Chef oder zu Kollegen über längere Zeit immer wieder, dann tritt eine Verliererreaktion mit Krankheitscharakter auf.
  • Diese chronische Verlierersituation führt häufig zum Verlust des Selbstwertgefühls und zu der ganzen depressiven Stimmungslage, die zu einer Depression gehört.
  • Diese Gefühle beleben alte Selbstverlustgefühle, die häufig bis in die frühe Kindheit zurückgehen.
  • Da Frauen durch ihre Sozialisierung zur Anpassung sich häufig „gegen ihr Herz“ anpassen, geraten sie leichter in eine Verlierersituation und werden somit häufiger depressiv. ,

Depression

  • Männer neigen von Natur her mehr zum Dominanz- und somit zum Kampfverhalten, sodass sie auch weniger zu Depressionen neigen.
  • Männer können jedoch auch eine Verliererreaktion haben und zwar dann, wenn sie gegen ihre hochgesteckten Ziele verlieren. Erreicht man nicht das Ziel, das man sich im Leben gesteckt hat, kommt es auch zur Verliererreaktion und somit zur Depression.
  • Die Gefahr zur Selbstaggression ist dann häufig gross.
  • Suizidversuche von Männern sind entsprechend aggressiv, mit Gewehr, erhängen oder unter den Zug legen.
  • Ein Stellenverlust, eine Nicht-Beförderung, ein schlechtes Qualigespräch, eine dauernde Kritik durch den Chef, eine Scheidung als Ausdruck von Ablehnung, all das kann zu einer depressiven Verliererreaktion führen.
  • Alle Verlustreaktionen durch den Tod können selbstverständlich auch eine Depression auslösen, speziell dann, wenn eine besonders enge Abhängigkeitsbeziehung bestanden hat.

Depression Burnout2

Wie spielt sich die Depression im Gehirn ab

 

  • Das Gehirn kann, vereinfacht ausgedrückt, in 3 Bereiche aufgeteilt werden.
  1. Motorisches Reflexhirn oder R.Komplex (Reptilien Hirn) ⇒ Verhalten
  2. Limbisches System oder emotionelles Hirn (Säugerhirn) ⇒ Gefühl, Motivation
  3. Vorder- Grosshirn oder Denkhirn ⇒ Denken

Hirnforschung

  • Die Depression spielt sich an erster Stelle im limbischen System, d.h. im emotionellen Teil des Gehirns ab. Das ist der Teil des Gehirns, wo die Motivation sich aufbaut.
  • Ist dieser Gehirnteil entsprechend heruntergefahren, gibt er Signale ans Rept. Hirn, welche dann die entsprechenden depressiven Verhaltensmuster auslösen wie „crouch“ oder Vornübergebeugte Körperhaltung, traurige Augen etc.
  • An den kognitiven Hirnteil, das Denkhirn, gibt er Impulse weiter, die dann lauter negative Gedanken auslösen wie „ich bin nichts“ „ich kann nichts“, „ich werd es nie zu etwas bringen“, „niemand will mich“ etc.

Medikamente und ihre Wirkung

  • Alle Antidepressiva greifen an im emotionellen Hirn im Sinne einer Stimulation und dadurch Stimmungsaufhellung, manche stärker, andere weniger stark!
  • Durch die Stimmungsaufhellung passiert eine emotionelle Entspannung, was dann auch den Schlaf wiederum verbessern kann.
  • Schlafentzug hat am nächsten Tag auch eine adrenerge stimmulierende Wirkung und wirkt sich somit antidepressiv aus.

Depression3

  • Sonnenlichteinstrahlung durch die Pupille hat ebenfalls eine stimulierende antidepressive Wirkung. (Lichtherapie).
  • Drogen wie Amphetamine, Cocain und alle anderen „uppers“ haben ebenfalls eine antidepressive Wirkung und werden auch so gebraucht, bzw. missbraucht.
  • Schmerz auf der Haut durch Akupunktur oder Selbstverletzung, kann auch eine antidepressive Wirkung haben.
  • Akute Erschöpfung durch sportliche Leistung, wie Joggen, kann ebenfalls
  • antidepressive Wirkung haben.

Psychotherapie

Depressionc

  • In der Psychotherapie geht es darum sich selbst besser zu verstehen, Zugang zu seinen Gefühlen zu bekommen und Probleme versprachlichen zu können.
  • Der Therapeut versucht dem Patienten zu helfen, sich im Alltag und den dort auftretenden Konflikten besser durchzusetzen, d.h. effektiveres Dominanzverhalten an den Tag zu legen.
  • Oder wenn er in einem Konflikt steckt, den er niemals gewinnen kann, muss er lernen, die Realität zu akzeptieren, um nicht mehr gegen Windmühlen zu kämpfen.
  • Wenn er mit seinen eigenen zu hohen Zielsetzungen kämpft, muss erzunächst verstehen wo diese herkommt. Dann kann er lernen, seine Zielsetzungen zu verändern und seinen realistischen Möglichkeiten anzupassen.
  • Letzteres ist jedoch häufig ein sehr schwieriges Unterfangen, da diese Zielsetzungen u.a. mit der Erziehung zu tun haben und mit dem, den Eltern eine Freude machen wollen, ihnen gefallen wollen, ihre Anerkennung erhalten zusammenhängt, und diese Muster sind sehr schwer zu durchbrechen.

Profil Praxis

Fazit:

Eigentlich sollte es darum gehen Krankheiten nicht in Gewinner und Verliererkrankehiten einzuteilen. Dazu müssen wir mehr von ihren Hintergründen verstehen. Ein längerfristiges Ziel sollte es sein, psychische Krankheiten zu entdämonisieren. Psychische Erkrankungen können auftreten wie Zahn- oder Rückenschmerzen. Sind die Zähne oder Knochen schon einmal geschädigt worden, ist die Gefahr einer weiteren Zuspitzungen in der Gegenwart wahrscheinlich. Das gilt auch für psychische Erkrankungen wie z.B. Angst und Depression.

praxis3

14 Kommentare

  1. Die fachliche Ausführung einer hier vielmehr reaktiven Depression ist hervorragend. Danke dafür.

    Was wenn Burnout in gewissen Stadien noch keine Depression ist? Ich sehe das erheblich differenzierter.
    Hatten Sie selbst schon einen Burnout?
    Oder basieren Ihre Anhaltspunkten ausschließlich auf bereits reaktiv depressive Patienten?
    Bei ca. 120 verschiedenen Depressionarten ist kaum jemand nicht mal depressiv 🙂

    Ich teile einiges aus Ihrem Beitrag, aber in Bezug auf den Burnout klingt es einfach nur sehr medizinisch, aus 2ter Hand betrachtet.

    Ich habe/mache andere Erfahrungen.
    Vielleicht weil ich es anders betrachte.
    Ich würde mich gerne genauer mit Ihnen darüber austauschen.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank Frau Lenz, für Ihre differenzierte Rückmeldung. Die Anmerkung, dass die Burnout-Beschreibuung „aus 2ter Hand betrachtet“ erscheint, kann ich teilen. Wie in meinem Text angedeutet, habe ich hier auszugsweise mich an den Ausführungen einer Kollegin orientiert. Desweiteren wollte ich einen weiter gefassten Überblick über das Phänomen Depression geben. Daher gebe ich auch einen kurzen Überblick über die medikamentösen Gesichtspunkte dieser Erkrankung. Ich selbst bin Psychologe. In bestimmten Fällen halte ich Antidepressiva für sinnvoll. In vielen Fällen halte ich den Einsatz von Medikamenten aber auch für unangebracht. Zumal die Nebenwirkung häufig erheblicher sind, als die angestrebten Entlastungen. – In meiner Praxis sehe ich tatsächlich mehr bereits depressive Menschen, weniger Menschen, die mit den Vorstufen zu tun haben. Eventuell ist mein Blick hier auch noch nicht geschärft genug. Ansonsten kann ich sagen, dass ich schon eine ganze Menge Erfahrung aus der Praxis habe. Gerne nehme ich Ihre Einladung zum genaueren Austausch an. Beste Grüße aus Köln, Hans Wolter (www.HansWolter.com)

      Gefällt 1 Person

  2. Saskia

    Hallo Hans,

    sehr interessanter Artikel!
    Hast du eine Theorie dazu, warum in Peru die Suizidrate so niedrig ist?
    Leben die Menschen dort möglicherweise den glücklichsten Lebensweg? Oder könnte es sein, dass Suizid dermaßen geächtet ist, dass man eher bereit ist, mit seiner Depression „zu leben“?

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Saskia,

      danke für Deine positive Rückmeldung. Mit Peru hab ich mich noch nicht näher beschäftigt. Vermuten würde ich, dass die Menschen dort mehr mit sich selbst, ihrer Kultur & Natur in Einklang leben. Weniger in sich verloren sind. Sicher kann auch Religion und vielleicht auch die von Dir vermutete Ächtung des Suizids dazu beitragen. Vermutlich sind sie insgesamt deutlich weniger depressiv.

      Beste Grüße, Hans

      Gefällt mir

  3. […] Winner burnen out. Loser sind dann mal depressiv. – Von Gewinner- und VerliererKrankheiten. […]

    Gefällt mir

  4. […] Winner burnen out. Loser sind dann mal depressiv. – Von Gewinner- und VerliererKrankheiten. […]

    Gefällt mir

  5. Klara

    informativ und umfassend – meine ich – und hilft vielleicht und hoffentlich, mit den eigenen ‚inneren Augen‘ besser zu sehen. Ich hab jedenfalls einige Punkte bei mir und bei anderen erkannt.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für Deine Rückmeldung Klara. Das war auch mein Ziel: eine Möglichkeit zu geben etwas von sich finden zu können, um ein Gefühl für diese Krankheit bekommen zu können. Jeder von uns kennt traurige und auch mal depressive Verfassungen. Wir müssen das nicht verteufeln, auch wenn es uns Angst macht. Psychische Probleme sind Normalität. Unsere Angst davor ist in vielen Fällen zu groß. Seit dem depressiven Co-Piloten und der Flugzeugtragödie ist die Angst vor Depression noch einmal mehr angestiegen. Ich versuche mit Aufklärung dagegenzuwirken.

      Gefällt mir

    2. Danke für Dein freundliches Feedback, liebe Klara. Irgendwie bin ich mit diesem BLOG noch nicht so ganz vertraut … das könnte meine späte Antwort vielleicht etwas entschuldigen. Liebe Grüße, Hans

      Gefällt mir

  6. Die Gegenüberstellung gefällt mir sehr gut !

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für Dein freundliches Feedback, liebe queenofirnony. Irgendwie bin ich mit diesem BLOG noch nicht so ganz vertraut … das könnte meine späte Antwort vielleicht etwas entschuldigen. Liebe Grüße, Hans

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s