“Erst als die immer schon Heimischen sich fremd genug waren, begannen auch sie … ihr Fremdsein zu ertragen, sich selbst zu erkennen und mit ihnen zu leben.” – “Vonne Endlichkait” Günter Grass. Auch zu: Flüchtlinge, Flüchtlingskrise & Heinrich Böll – (WehrWolter – ww 54 – Hans Wolter)

„Als Millionen Vertriebene mit lastendem Gepäck und lastender Erinnerung im restlichen Vaterland zwangseinquartiert wurden, riefen viele Heimische, die sich durch Zuzug beengt sahen:

Geht hin, wo ihr hergekommen seid!

Aber sie blieben, und eingeübt blieb der Ruf: Haut endlich ab!

Bald galt er Fremden, die später, noch später von weither gereist kamen und unverständlich sprachen; sie blieben gleichfalls und vermehrten sich seßhaft.

Erst als die immer schon Heimischen sich fremd genug waren, begannen auch sie in all den Fremden, die mühsam gelernt hatten, ihr Fremdsein zu ertragen, sich selbst zu erkennen und mit ihnen zu leben.“

Das sagt Günter Grass in seinem letztem Buch: „Vonne Endlichkait“. Morgen, zum 266sten Geburtstag von Goethe, kommt sein Buch mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren in den Buchhandel. Hieran hat der Literaturnobelpreisträger bis zum letzten Tag seines Lebens geschrieben.

grassGoethe

Es ist wohl ein „altersmildes“ Buch, dessen Lektüre angenehm und gut verständlich ist. Anders als der Nachlaß von Goethe. Dessen Faust II durfte erst nach seinem Tod veröffentlich werden, weil er befürchtete, dass dieses Werk nur von wenigen Zeitgenossen verstanden werde. Seine damalige Einschätzung war zutreffend.

Der am 16. Oktober 1927 in Danzig geborene und am 13. April 2015 in Lübeck verstorbene Schriftsteller, hat im Schreiben und Zeichnen immer schon eine Belebung erfahren.

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Sein Verleger Steidl sagt, dass Grass trotz seiner spürbaren Schwermut über seinen körperlichen Verfall und seiner Alterswehmut,  ein „mitunter zum Brüllen komisches Buch“ geschrieben habe. Im Humor sei er hier zu „Höchstform“ aufgelaufen. „Grass war kein verbiesterter Mensch, wie viele meinen“.

Auch Angela Merkel bekommt noch mal ihr Fett weg:

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„Mutti.

Was stören könnte, wird beredt beschwiegen;

sie jedenfalls sagt wortreich nichts.“

Spiel mit mir den Tod … oder: Probeliegen im eigenem Sarg

„Worin und wo wir liegen werden“ ist die längste Erzählung in seinem Buch. Hier würzt er noch einmal mit deftigem Humor. Als sein zweiter Herzschrittmacher schwächelte und die Lunge nach jahrzehntelangem Rauchen kaputt ist, lässt er sich, für sich und seine Frau Särge von einem Schreiner anfertigen. Hierzu fällt ihm der DDR-Begriff „Erdmöbel“ ein. Mit den Handwerkern trinkt er zur Feier des Tages einen Obstler. Dichtung und Wahrheit ließen sich bei Goethe auch nicht so genau unterscheiden. Es wirkt wie ein Probesterben.

GrassBöll

„Schon am darauffolgenden Tag legten (…) wir uns in die Kisten“, berichtete Grass. „Wie seltsam, den Atem des anderen zu hören.“ „Beim Aussteigen war mir meine Frau behilflich.“ „Später bedauerte ich es, meine Frau nicht gebeten zu haben, von mir ein Foto in der Kiste gemacht zu haben: „Du schaust so zufrieden aus““, sagt sie in der Erzählung. „Sogar die Kinder und Enkel schienen sich an die vorzügliche Maßarbeit zu gewöhnen“. In seiner Fantasie lässt Grass seine Frau Gemüse und Blumen im ungenutzten Sarg ziehen. Dann wurden die Särge plötzlich gestohlen. Während eines Opernbesuch wurde das Haus des Ehepaares Grass ausgeraubt.Die zwei Holzkisten – eine aus Kiefer, die andere aus Birke –  wurden später wieder zurückgestellt: „Wir rätseln seitdem.“

G.G. studierte Bildhauerei, zunächst an der Düsseldorfer Kunstakademie, dann an der Hochschule für Bildende Künste Berlin. Ab 1955 nahm er regelmäßig an den Tagungen der Gruppe 47 teil. 1956 erschien sein erstes Buch, der Gedichtband „Die Vorzüge der Windhühner“. Mit dem Roman „Die Blechtrommel“ wurde er 1959 schlagartig berühmt. Er lebte viele Jahre im Berliner Dichterviertel Friedenau. Hier waren Uwe Johnson, Max Frisch, später auch von Herta Müller u.a. seine direkten Nachbarn. Nach der Blechtrommel, mit der international zum berühmtesten deutschen Gegenwartsautor wurde, vervollständigte er seine sogenannte Danziger Triologie mit  „Katz und Maus“ und „Hundejahre“. Später folgten „Der Butt“, „Das Treffen in Telgte“, „Die Rättin“.

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Mit seinem letzten großen Roman, „Ein weites Feld“, kam es 1995 zu ambivalenten und extremen Reaktionen seiner Anhänger und Kritiker. Das fand seinen Höhepunkt, als er in seinem autobiografisch geprägten Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ öffentlich machte, dass er als Jugendlicher Soldat in der Waffen-SS war. Damit kam es zu einem Sturm der Entrüstung. Viele Menschen bekamen es nicht zusammen, dass er doch zeitlebens einen beherzten Kampf gegen Nazis, für die Aussöhnung mit Polen und für den Frieden in Europa geführt hatte. Für seinen Nobelpreis in Literatur wurde er in Polen letztlich mehr gefeiert, als in seiner Heimat.

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Durch seine kraftvolle Einmischungen in die deutsche Politik, polarisierte er vielen Deutschen zu heftig.

Der Biss des alten Schriftstellers ließ natürlich nach. Gerade sein letzter echter Zahn hat ihn inspiriert. Mehrmals kommt er auf ihn  und die dritten Zähne zurück. Humorvoll ist das Selbstporträt, das Grass von sich und seinem letzten Zahn gezeichnet hat. Aber er wäre nicht Grass, wenn es auf dieser leichten Ebene bleiben würde:

„Will – seit langem kurz von Atem–

nun mit allerletztem Zahn nie mehr sagen Ja und Ja

nur noch Nein, Neinnein und Nein.“

Endlichkeit hat nun auch Günter Grass erreicht – diese 100 Prosagedichte sind der Abschied von einem großen, eigenwilligen Geist. Er selbst hat es gesagt:

„Irgendwer. Der es gut meint, rät mir, den Schlußstrich zu ziehen,

solange die Hand nicht zittert.“

Grass3Grass trägt den Sarg von Heinrich Böll

Am 13. April 2015, dem Todestag, hatte ich schon einmal hier einen kurzen Text zu Günter Grass veröffentlicht:

Oskar G. Grass

Von der Größe im Kleinen – Zwerg Oskar als Selbstanteil des Großen Günter Grass

„Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt …“ lässt Günter Grass, der heute mit 87 Jahren verstorbene, große deutscher Querdenker, seinen Oskar Mazarath, die „Blechtrommel“ beginnen.

Oskar Grass3

In dem wehrhaften BlechtrommelZwerg, sehe ich einen Selbstanteil des Querdenkers Günter Grass. Der Literaturnobelpreisträger Grass war sicher Vieles. Auch ein unbequemer, schräger Trommler. Oskar, ein Däumling, der den Großen Angst einjagen und sogar Gläser zerspringen lassen konnte. Allein durch seine Stimme. Ein zwergenhafter, äußerst wehrhafter Hofnarr, der den Erwachsenen haushoch überlegen war und ihr falsches Treiben aufdecken konnte. Hierzu fällt mir der Junge im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ ein. Nur das Kind, traut sich hier auszusprechen, was es wahrnimmt. Zugleich kommt mir als spontane Assoziation, dass auch Hitler, kein sonderlich großer Mann, mit eine merkwürdig wirkungsvolle Stimme war. Auch keine angenehme Stimme. Billy the Kid, scheint auch so etwas wie ein kindhafter Massenmörder gewesen zu sein.

Oskar Tyrion1

Wie so oft, finden wir in Oskar Mazarath wieder ein Paradox: Indem der Dreijährige beschließt nicht mehr zu wachsen, wächst er gewissermaßen über sich hinaus. Dieses Phänomen findet sich auch, abgewandelt, in der aktuell erfolgreichsten amerikanischen Serie – „Game of Thrones“ – in der Figur des Tyrion Lannisters wieder. Machtvolle Größe verkörpert sich im scheinbar Kleinen. In Abwandlung eines Bibelwortes könnte man hier auch sagen: die Kleinsten werden die Größten sein.,

Zur Blechtrommel habe ich eine besondere, eine persönliche Verbindung. Auf meiner AbiAbschlussfahrt mit dem Deutsch LK, schaffte es unsere Lehrerin, die taffe Frau Zumpe, dass wir mit Volker Schlöndorff und seiner Frau Margarethe von Trotta, am Rande der Dreharbeiten in Danzig diskutieren konnten. Hier erinnere ich mich noch genau daran, dass es u.a. um die Wirkungs-Intensivierung durch Verfremdung in der Kunst ging. Weinende FrauHierzu fiel mir seiner Zeit, spontan Picassos „Weinende Frau“ ein, die für mich mehr Verzweiflung zum Ausdruck bringen kann, als das realistische Foto einer Weinenden. Aufregend fand ich es auch, dass ich später mit zwei Mitschülerinnen, hierzu noch im WDR.Hörfunkt in einem Kölner Studio reden konnte. In dem damaligen Rundfunkbeitrag ging es um die Frage, ob wir als junge Deutsche, revanchistische Impulse spürten, als wir uns in den ehemaligen deutschen Ostgebieten bewegten. Natürlich nicht. Seit dieser Fahrt habe ich zu Polen, Danzig und der Blechtrommel eine besondere Beziehung. Günter Grass ist sicher eine ambivalente Figur. Wie so viele großen Persönlichkeiten.

Für mich haben sein – teils kauziges – Querdenken und sein Mut zum Klartext, vor allen Dingen eines: VorBildCharakter.

Verantwortlich für den Inhalt: Dipl.-Psych. Hans Wolter (www.HansWolter.com)

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