„Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“ – Zum 30sten Todestag des Kölner Schriftstellers Heinrich Böll – Passend zu Frank Witzel. Preis Frankfurter Buchmesse – Verdamp lang her – im Gespräch mit dem Kölner Sänger & Künstler Wolfgang Niedecken – (WehrWolter – ww 72 – Hans Wolter)

Vor 30 Jahren starb Heinrich Böll. Nicht auf den Tag. Da aber heute aus diesem Anlass sein verfilmtes Buch „Ansichten eines Clowns“ gezeigt wurde, habe ich mich gedanklich noch einmal etwas mit ihm beschäftigt.

Es gibt auch noch einen ganz aktuellen Bezug. Die Frankfurter Buchmesse ist eröffnet. Hier gibt es ja schon einen ersten Preis. Die wichtigste Literaturauszeichnung des deutschsprachigen Raums geht an Frank Witzel. Der Offenbacher Schriftsteller erhielt gestern in Frankfurt für seinen Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ den Deutschen Buchpreis 2015. Witzel schaut zurück auf die alte Bundesrepublik, die 68er, die RAF und den Deutschen Herbst. Er tut dies mit den Augen eines 13-Jährigen Wiesbadener Teenager. Dazu passt Heinrich Bölls Werk. Er hatte in dem „heißen Herbst“ der späten 60er auch viel Trouble mit seinen RAF-Statements. Als er für die Freilassung von Ulrike Meinhof plädierte bekam er damals großen Ärger.

Heinrich Böll 3

Anfang der achtziger Jahre konnte ich Heinrich Böll einmal für einen eigenen kleinen Super-8-Film interviewen. Er hat mir bereitwillig auf meine damaligen Fragen geantwortet.

Heinrich Böll 2

Was mir bis heute noch in Erinnerung geblieben ist, ist eine gütige Wärme, die von ihm ausging, seine angenehm einfache, ehrliche Sprache und sein trauriger, zugleich humorvoller Blick. Seine Bücher hab ich nahezu alle gelesen und höre ab und zu auch noch einmal in ein Hörbuch rein. Gesprochen von ihm.

Heute fand ich einen alten Film (Veröffentlicht auf Youtube am 20.07.2015), in dem sich Wolfgang Niedecken, Sänger, Texter und Frontmann der Kölschrock-Gruppe BAP mit dem Schriftsteller Heinrich Böll unterhält. Beide Männer kommen aus dem gleichen Veedel, der Kölner Südstadt. Auch Niedecken beeindruckt mich durch eine einfache, aber sehr wirkungsmächtige, Sprache.

Heinrich Böll W. Niedecken 3

Er hat es auch ab den siebziger Jahren geschafft, sich mit seiner kölschen Muttersprache so über die Grenzen der Dom-Stadt verbreiten zu können, dass er damit eine eigene Marke etablieren konnte. KölschRock. DeutschRock titeln andere. – Mit 60 bekam er am 2. November 2011 einen Schlaganfall. Mich beunruhigte das sehr, da mein bester Freund ja auch nach einer Woche Koma daran gestorben ist. Umso erfreuter war ich ihn 2014 wieder auf seiner Tournee „BAP zieht den Stecker“ live in der Kölner Philharmonie erleben zu können. Den Steckertitel hat er damit begründet, dass sie es nicht „BAP unplugged“ nennen durften. Wobei ich mir als Psychologe natürlich denke, dass es auch eine tiefere unbewusste Symbolik darstellt.

Heinrich Böll Niedecken 5

Als er im Koma lag, wurde eben der Stecker gerade nicht gezogen. Freud würde jetzt sagen, es stellt eine gelunge Verarbeitung des Traumas dar, nun selbst derjenige zu sein, der den Stecker zieht. … Aber eigentlich sollte es hier ja um Heinrich Böll gehen.

Meine Vermutung ist, dass die Beiden streckenweise etwas seelenverwandt sind.

Heinrich Böll W. Niedecken

Dazu könnte kommen, dass Heinrich Böll für Wolfgang Niedecken als Gesprächspartner so etwas wie ein Vater sein konnte. Dass hier vielleicht eine Begegnung stattfinden kann, die mit seinem BAP nicht möglich war. Wolfgang Niedecken setzt sich in seinem Lied „Verdamp lang her“ mit seinem Vater auseinander, nachdem dieser gestorben ist: „verdampt lang her, dass ich bei Dir am Grab war* …“  … wie auch immer: Zwei meiner Vorbilder im Gespräch. Ein Geschenk!

Wer mal reinschauen möchte: https://youtu.be/Y85OEXf5FSk

Dann habe ich dazu noch einen Text von Benedikt Erenz gefunden, den ich nachfolgend wiedergebe. Darin wird der Fernsehfilm ankündigt, der zwei Monate vor Heinrich Bölls Tod gezeigt wurde.

„Wolfgang Niedecken, Sänger der Kölner Polit-Rockgruppe BAP, Jahrgang 1951, könnte der Sohn Heinrich Bölls (Jahrgang 1917) sein, dem er in Viktor Bölls und Herbert Hovens Film „Deutschland, Deutschland … – Kölner Erinnerungen aus 40 Jahren“ gegenübersitzt. Beide wurden sie in derselben Ecke Welt groß, in Köln, in der Südstadt, dem „Vringsveedel“, zwischen Stollwerck-Fabrik und Sankt Severin.

Heinrich Böll W. Niedecken 4

Der eine in den unzerstörten Gassen einer alten Stadt, der andere in den Ruinen, die von dieser Stadt nach dem Krieg geblieben waren. Der eine wuchs auf mit der Not der Inflation, dem Terror der Nazis, er erlebte die Schrecken des Krieges und die Zerstörung einer der ältesten, schönsten Städte Europas – der andere erfuhr in seinen Kinderjahren den Überlebenswillen dieser Stadt nach dem Inferno und die Torheit der Bewohner, ihre Panik, möglichst schnell alles zu vergessen, verdrängen zu wollen, möglichst schnell alles neu zu bauen und das Alte, die Trümmer und das, was stehen geblieben war, zusammen mit der Erinnerung an die furchtbare Zeit unter Schnellstraßen und Einkaufszentren zu begraben. „Das alte Köln“, sagt Böll, „existiert nicht mehr für mich. Einige wenige Ecken vielleicht, einige Kirchen, die ich noch wiedererkenne. Der Rest könnte Frankfurt heißen oder Stuttgart.“

Heinrich Böll 7

Was aber beiden gemeinsam ist, dem politischen Schriftsteller und Kölner Heinrich Böll und dem politischen Rocksänger und Kölner Wolfgang Niedecken, das ist die Erfahrung des „anderen Kölns“, eines Kölns ohne Pappnase, das Köln der Rebellionen von den meuternden Truppen des Caligula bis zu den Edelweißpiraten, das Köln der kommunistischen Katholiken und renitenten Pfadfinderbanden – die nördlichste Stadt Italiens vielleicht. Wenn Niedecken in Kölscher Mundart sein „Südstadt“-Lied gegen die weitere Zerstörung dieses Viertels durch „Sanierung“ oder das Lied „Kristallnacht“ gegen die neue Gleichgültigkeit singt, dann ist das auch ein Stück Tradition, einer Tradition der Rebellion.

Heinrich Böll W. Niedecken 1

In der Friedensbewegung haben sich Niedecken und Böll kennengelernt. Hier demonstrieren die Enkel mit den Großvätern Arm in Arm. Hier findet der Staffelwechsel statt. Viktor Bölls und Herbert Hovens Film ist eine Momentaufnahme dieses Wechsels. Ein Film, ein Gespräch über die Erfahrung zweier Generationen im Widerstand, ein Gespräch über Heimat, nicht als Ort sentimentalen Rückzugs in die Innerlichkeit, sondern als Bedingung für Protest, für Widerspruch gegen die Ignoranz der Regierenden.“ (Quelle: http://www.zeit.de/1985/21/koeln-ohne-pappnase)

Heinrich Böll W. Niedecken 2

Der Film endet mit dem Lied:

Hundertmohl 

(Wolfgang Niedecken)

Heinrich Böll W. Niedecken 6

Wie stonn ich neuerdings vüür dir?
Wie vüür nem Fremde, wie blamiert.
Ming Vis-a-Vis em Spejel ess von mir entsetz.
Et kann Jedanke lese un et sieht en Flut, die eskaliert,
en Flut, met der et nie em Draum jerechnet hätt.
Spürt: Ming Latein ess koot vüürm Schluß,
weiß kaum noch wigger, doch ich muß,
mich, dä Kassandrarufe su jähn övverhührt,
sich met jottweißwat arrangiert,
öffentlich Eins-A funktioniert.
Mich mäht jet, wat ich nit erkläre kann, bestuß.

Heinrich Böll BAP

Ejal, ob Rotterdam, ob Wien,
bloß Bühne krisste noch ze sinn.
T kütt vüür, dat do dodrop em Ritual verflachs.
Un immer seldener jelingt et dir,
wodrinn ne Sinn ze sinn,
je mieh de dich von Titelbilder selvs ahnstarrs.
T weed surrealer Daach für Daach
un isolierter Naach für Naach.
Föhls dich wie n Kääz,
die merk, dat se och ungen brennt.
Die trotzdämm enjemeißelt, routiniert wie Stewardesse laach
un sujar Angs vüür Stagnation nutfalls verdräng.

Do schriefs jetz hundertmohl:
Ich soll bei Ruut su winnisch waade wie bei Gröön.
Wenn t Jähl weet, will ich jonn.
Mer hätt sich vill ze schnell ahn all dä Müll jewöhnt.

Kumm her, mir drinken eez ens eine
op uns Kralle, die nit kratze,
unser scheinduut Meer uss Träne un uss Wut,
en dämm uns Hoffnungsfunke noh un noh wie Seifebloose platze.
Ussjeixt wie op ner Fahndungslist – met ruut.
Op dich, do Gigolo ahm Fließband dinger Sensibilität,
die Ziele, die do uss em Bleck verloore häss.
Wo ohne Frönde mir wohl stünde?
Op all Sünde, övver die mer nie e Woot verliere,
op die drink mer jetz.

Heinrich Böll W. Niedecken 7

Mer mössen russ uss dä Sackjasse,
die du Kismet nenne wills, dä komfortable Fall,
en die dö ständig fälls.
Russ uss dä Einbahnstroße,
die jepflastert sinn vun dämm Jeföhl,
dat do dir selden enjestehß, datte verstells.
Schrief dir die Finger wigger bloodisch,
schrei et russ, su laut de kanns.
Dann lääsch die Zäddel övverall hin,
dat jet bliet, von dämm,
wat wir jraad nit zem eezte Mohl begriffe hann,
op beidze Sigge vun dä silverne Jlasschief.

Übersetzung 😉

Heinrich Böll W. Niedecken 9

Hundertmal

Wie stehe ich neuerdings vor dir?
Wie vor einem Fremden, wie blamiert.
Mein Vis-a-Vis im Spiegel ist von mir entsetzt.
Es kann Gedanken lesen und es sieht eine Flut,
die eskaliert – eine Flut, mit der es nie im Traum gerechnet hat.
Spürt: Mein Latein ist kurz vor dem Schluß,
weiß kaum noch weiter, doch ich muß,
mich, der Kassandrarufe so gerne überhört,
sich mit gottweißwas arrangiert,
öffentlich Eins-A funktioniert.
Mich macht etwas,
was ich nicht erklären kann, „bestuß“(verrückt).

Egal, ob Rotterdam, ob Wien,
bloß Bühnen kriegst du noch zu sehen.
Es kommt vor, daß du darauf im Ritual verflachst.
Und immer seltener gelingt es dir,
wo drin einen Sinn zu sehen,
je mehr du dich von Titelbildern selbst anstarrst.
Es wird surrealer Tag für Tag
und isolierter Nacht für Nacht.
Fühlst dich wie eine Kerze, die merkt,
daß sie auch unten brennt.
Die trotzdem eingemeißelt, routiniert wie Stewardessen lacht
und sogar Angst vor Stagnation notfalls verdrängt.

Heinrich Böll W. Niedecken 8

Du schreibst jetzt hundertmal:
„Ich soll bei Rot so wenig warten wie bei Grün.
Wenn es Gelb wird, will ich gehen.
„Man hat sich viel zu schnell an all den Müll gewöhnt.
Komm her, wir trinken erst mal einen
auf unsere Krallen, die nicht kratzen,
unser scheintotes Meer aus Tränen und aus Wut,
in dem unsere Hoffnungsfunken
nach und nach wie Seifenblasen platzen.
Ausgeixt wie auf einer Fahndungsliste – mit rot.
Auf dich, du Gigolo am Fließband deiner Sensibilität,
die Ziele, die du aus dem Blick verloren hast.
Wo ohne Freunde wir wohl stünden?
Auf alle Sünden, über die wir nie ein Wort verlieren,
auf die trinken wir jetzt.

Wir müssen raus aus der Sackgasse,
die du Kismet nennen willst, die komfortable Falle,
in die du ständig fällst.
Raus aus den Einbahnstraßen,
die gepflastert sind von dem Gefühl,
das du dir selten eingestehst, das du verstellst.
Schreibe dir die Finger weiter blutig,
schrei es raus, so laut du kannst.
Dann lege die Zettel überall hin, daß etwas bleibt, v
on dem, was wir gerade nicht zum ersten Mal begriffen haben,
auf beiden Seiten von der silbernen Glasscheibe.

(Wolfgang Niedecken)

Heinrich Böll 5

„Wir denken immer in Daten, wir denken: 8. Mai 1945, Krieg zu Ende, Nazis weg, Stunde Null – eine große Täuschung. Und diese Täuschung habe ich nicht vollzogen. Ich habe mich immer gefragt: Waren hier überhaupt jemals irgendwo Nazis? Es waren ja 90 Prozent, wir wollen uns doch nichts vormachen. Und plötzlich keine mehr? […]: bis zum 8. Mai waren sie alle Nazis, wirklich, und plötzlich war das weg.“

(Heinrich Böll)

Zum Abschluss noch einen Überblick über den

Lebenslauf Heinrich Bölls

1917

  1. Dezember: Heinrich Böll wird in Köln als jüngstes von sechs Kindern des Bildhauers Viktor Böll und seiner Frau Maria (Geburtsname: Hermann) geboren.

1928-37

Besuch des Staatlichen Humanistischen Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums in Köln.

1937

Abitur und Beginn einer Buchhändlerlehre in Bonn.

1938

Abbruch der Lehre und erste schriftstellerische Arbeiten. Einberufung zum Arbeitsdienst.

Heinrich Böll W

1939-1945

Beginn des Studiums der Geschichte und der klassischen Philologie, das Böll mit der Einberufung zur Wehrmacht schon bald abbrechen muss.

Kriegsdienst in Polen, Frankreich, der Sowjetunion und Ungarn sowie Einsätze an verschiedenen Orten in Deutschland. Beförderung zum Obergefreiten.

Böll erkrankt an Typhus und wird mehrfach verwundet.

1945 wird er kurzzeitig in amerikanischen und britischen Lagern interniert.

1942

Heirat mit der Übersetzerin Annemarie Cech. Aus der Ehe gehen vier Söhne hervor.

1945

Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft.

1946

Studium der Germanistik in Köln, Beginn intensiver schriftstellerischer Tätigkeit.

1947/48

Veröffentlichung erster Kurzgeschichten, wie „Aus der ‚Vorzeit'“, „Die Botschaft“ und „Der Angriff“ in der Zeitung „Rheinischer Merkur“ und den avantgardistischen Zeitschriften „Der Ruf“ und „Karussel“.

1949

Erste Buchveröffentlichung mit der vom Kriegserleben geprägten Erzählung „Der Zug war pünktlich“.

Kultur Der Schriftsteller und Nobelpreistraeger Heinrich BOELL, Deutschland, Portraet, Portrait mit Baskenmuetze, blickt leicht zur Seite; Hf.

Kultur Der Schriftsteller und Nobelpreistraeger Heinrich BOELL,

1950

Veröffentlichung eines Sammelbandes mit 25 Kurzgeschichten unter dem Titel „Wanderer, kommst du nach Spa…“.

1951

Sein Antikriegsroman „Wo warst du, Adam“ wird veröffentlicht.

Böll lebt fortan als freier Schriftsteller mit festem Wohnsitz in Köln.

Einladung zur Tagung der „Gruppe 47“ in Bad Dürkheim, wo er für seine satirische Geschichte „Die schwarzen Schafe“ ausgezeichnet wird.

1953

Veröffentlichung des Romans „Und sagte kein einziges Wort“, der eine durch das Elend der Lebens- und Wohnverhältnisse gefährdete Ehe eines Heimkehrers zum Thema hat.

1954

Veröffentlichung des Romans „Haus ohne Hüter“.

Heinrich Böll Bücher

1955

Die im Jahre 1962 verfilmte Erzählung „Das Brot der frühen Jahre“ erscheint.

1957

Veröffentlichung des Reiseberichts „Irisches Tagebuch“.

1958

Nach Erscheinen von „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren“ erhält er den Eduard-von-der-Heydt-Preis der Stadt Wuppertal.

Im Rundfunk darf ein Beitrag Heinrich Bölls, der „Brief an einen jungen Katholiken“, wegen seiner massiven Kritik am deutschen Nachkriegskatholizismus nicht gesendet werden.

1959

Veröffentlichung des Romans „Billard um halbzehn“, in dem er sich erneut mit Themen des Krieges und des Zusammenbruchs der bürgerlichen Gesellschaft auseinander setzt.

Auszeichnung mit dem Großen Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen.

1961

Stipendiat der Villa Massimo in Rom.

Heinrich Böll

1963

Veröffentlichung des Bestsellers „Ansichten eines Clowns“, der sowohl als Theaterstück inszeniert als auch verfilmt wird. Ein zentrales Thema des Romans ist die Kritik am deutschen Katholizismus.

1964

Gastdozent für Poetik an der Universität Frankfurt/Main.

1966

Veröffentlichung des Erzählung „Ende einer Dienstfahrt“.

1967

Verleihung des „Georg Büchner Preises“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

1970-72

Präsident des Deutschen P.E.N.-Zentrums (Bundesrepublik).

1971

Veröffentlichung des Romans „Gruppenbild mit Dame“, der später verfilmt wird.

Wahl zum Präsidenten des Internationalen P.E.N.-Zentrums (bis 1974).

Heinrich Böll RAF1

1972

Öffentliche Kontroversen um seinen „Spiegel“-Artikel „Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?“.

Heinrich Böll RAF

Engagement in der sozialdemokratischen Wählerinitiative zur Bundestagswahl.

Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur, der damit zum ersten Mal nach 43 Jahren wieder an einen deutschen Schriftsteller vergeben wird.

1974

Veröffentlichung der Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“, eine Kritik krimineller Formen der Meinungsmanipulation durch die Boulevardpresse.

Heinrich Böll Friedensbewegung 1

Im März gewährt Böll dem sowjetischen Schriftsteller Alexander Solschenizyn (1918-2008) erste Aufnahme. Zuvor hatte Böll einige seiner Manuskripte in den Westen geschmuggelt und so erste Veröffentlichungen ermöglicht.

Verleihung der „Carl-von-Ossietzky-Medaille“ der Internationalen Liga für Menschenrechte.

1977

Zu Bölls 60. Geburtstag erscheinen die ersten fünf Bände einer Werkausgabe sowie „Einmischung erwünscht. Schriften zur Zeit“.

Heinrich Böll Friedensbewegung

1981

Engagement in der Friedensbewegung. Böll spricht unter anderem bei der ersten Bonner Demonstration gegen den NATO-Nachrüstungsbeschluss.

1983

Ernennung zum Professor durch den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen.

Ehrenbürgerschaft der Stadt Köln.

Teilnahme an der Blockade des US-Militärdepots Mutlangen, Ansprache auf der zentralen Friedensdemonstration am 22. Oktober in Bonn.

1984

Die Stadt Köln erwirbt das literarische Archiv Bölls und richtet eine Böll-Sammlung und Arbeitsstelle ein.

1985

  1. Juli: Heinrich Böll stirbt nach langer Krankheit in seinem Haus in Langenbroich/Eifel. Obwohl er einige Jahre zuvor aus der katholischen Kirche ausgetreten war, erhält er ein kirchliches Begräbnis.

Posthum erscheint im Herbst sein letzter Roman „Frauen vor Flusslandschaft“.

Heinrich Böll 4

1992

Posthum erscheint Bölls erster in der Nachkriegszeit spielender Heimkehrer-Roman „Der Engel schwieg“.

Heinrich Böll BAP1

1995

Unter dem Titel „Der blasse Hund“ erscheinen bislang unveröffentlichte Erzähltexte.

1997

Gründung der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Stiftung steht der Partei Bündnis 90/Die Grünen nahe.

2002

Erscheinen der ersten Bände der „Kölner Ausgabe der Werke Heinrich Bölls“, einer auf 27 Bände angelegten textkritischen Ausgabe aller veröffentlichten und unveröffentlichten Texte Bölls.

(iz/sw) © Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – Stand: 06.08.2015
Wirtz, Susanne/Zündorf, Irmgard: Biografie Heinrich Böll, in: LeMO-Biografien, Lebendiges Museum Online, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
URL: http://www.hdg.de/lemo/biografie/heinrich-boell.html

Heinrich Böll Niedecken 4

*Verdamp lang her

1)
Verdamp lang her, dat ich fast alles ähnz nohm.
Verdamp lang her, dat ich ahn jet jejläuv
un dann dä Schock, wie et anders op mich zokohm,
merkwürdich, wo su manche Haas langläuf.
Nit resigniert, nur reichlich desillusioniert.
E bessje jet hann ich kapiert.

2)
Wer alles, wenn dir et klapp, hinger dir herrennt,
ding Schulder klopp, wer dich nit all hofiert,
sich ohne ruut ze weede dinge Fründ nennt
un dich daachs drop janz einfach ignoriert.
Et ess lang her, dat ich vüür sujet ratlos stund
un vüür Enttäuschung echt nit mieh kunnt.

Heinrich Böll Niedecken 8

3)
Ich weiß noch, wie ich nur dovun gedräump hann,
wovunn ich nit woss, wie ich et sööke sollt,
vüür lauter Söökerei et Finge jlatt versäump hann
un övverhaup, wat ich wo finge wollt.
Ne Kopp voll nix, nur die paar instinktive Tricks.
Et duhrt lang, besste dich durchblicks.

4)
Dat woor die Zick, wo ich noch nit ens Pech hat.
Noch nit ens dat, ich hatt se nit ens satt.
He woor John Steinbeck, do stund Joseph Conrad,
dozwesche ich, nur relativ schachmatt.
Et ess paar Johr her, doch die Erinnerung fällt nit schwer.
Hück kütt mer vüür, als wenn et jestern wöör.

Refr.:
Verdamp lang her, verdamp lang. Verdamp lang her.

5)
Frööchs mich, wann ich zoletz e Bild jemohlt hann,
ob mir e Leed tatsächlich jetz jenüsch,
ob ich jetz do benn, wo ich hinjewollt hann,
ob mir ming Färv op die Tour nit verdrüsch.
Ich jläuv, ich weiß, ob du nu laut mohls oder leis,
et kütt drop ahn, dat du et deiß.

Refr.:
Verdamp lang her, verdamp lang. Verdamp lang her.

6)
Verdamp lang her, dat ich bei dir ahm Jraav woor
Verdamp lang her, dat mir jesprochen hann,
un dat vum eine och jet beim andere ahnkohm,
su lang, dat ich mich kaum erinnre kann.
Häss fess jejläuv, dat wer em Himmel op dich waat,
„Ich jönn et dir“, hann ich jesaat.

Heinrich Böll Niedecken

Verdammt lange her

1)
Verdammt lange her, daß ich fast alles ernst nahm.
Verdammt lange her, daß ich an etwas geglaubt.
Und dann der Schock, wie es anders auf mich zukam.
Merkwürdig, wo so mancher Hase langläuft.
Nicht resigniert, nur reichlich desillusioniert
– ein bißchen etwas habe ich kapiert.

Heinrich Böll Niedecken 6

2)
Wer alles, wenn es dir „klappt“ (gelingt), hinter dir herrennt,
deine Schulter klopft, wer dich nicht alles hofiert,
sich ohne rot zu werden dein Freund nennt
und dich tags drauf ganz einfach ignoriert.
Es ist lange her, daß ich vor so etwas ratlos stand
und vor Enttäuschung echt nicht mehr konnte.

3)
Ich weiß noch, wie ich nur davon geträumt habe,
wovon ich nicht wußte, wie ich es suchen sollte.
Vor lauter Sucherei das Finden glatt versäumt habe
und überhaupt, was ich wo finden wollte.
Ein Kopf voll Nichts, nur die paar instinktiven Tricks
– es dauert lange, bis du dich durchblickst.

Heinrich BAP

4)
Das war die Zeit, wo ich noch nicht einmal Pech hatte,
noch nicht einmal das, ich hatte sie nicht einmal satt.
Hier war John Steinbeck, da stand Joseph Conrad.
Dazwischen ich – nur relativ schachmatt.
Es ist ein paar Jahre her, doch die Erinnerung fällt nicht schwer.
Heute kommt es mir vor, als wenn es gestern wäre.

Verdammt lange her!

Heinrich BAP1

5)
Fragst mich, wann ich zuletzt ein Bild gemalt habe,
ob mir ein Lied tatsächlich jetzt genügt,
ob ich jetzt da bin, wo ich hingewollt habe,
ob mir meine Farbe auf diese Tour nicht vertrocknet.
Ich glaube, ich weiß, ob du nun laut malst oder leise.
Es kommt nur drauf an, daß du es tust.

6)
Verdammt lange her, daß ich bei dir am Grab war.
Verdammt lange her, daß wir gesprochen haben,
und daß vom einen auch etwas beim anderen ankam,
so lange, daß ich mich kaum erinnern kann.
Hast fest geglaubt, daß wer im Himmel auf dich wartet.
„Ich gönne es dir“, habe ich gesagt.

Heinrich Böll W. Niedecken 5

Böll Fotos: Toni Richter (u.a.)

15 Kommentare

  1. […] Wolfgang Niedecken sang mit seiner Band BAP einfach im unverständlichen Kölsch. Mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit, Können und viel Selbstvertrauen zog er sein Ding durch. Er prägte die neue Kategorie KölschRock und hatte damit sogar außerhalb der deutschen Grenzen Erfolg. Wer sich dafür interessiert, könnte hier weiterlesen: „Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“ – Zum 30sten Todestag des Kölner Schriftstellers H… […]

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  2. […] Wolfgang Niedecken sang mit seiner Band BAP einfach im unverständlichen Kölsch. Mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit, Können und viel Selbstvertrauen zog er sein Ding durch. Er prägte die neue Kategorie KölschRock und hatte damit sogar außerhalb der deutschen Grenzen Erfolg. Wer sich dafür interessiert, könnte hier weiterlesen: „Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“ – Zum 30sten Todestag des Kölner Schriftstellers H… […]

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  3. […] Wolfgang Niedecken sang mit seiner Band BAP einfach im unverständlichen Kölsch. Mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit, Können und viel Selbstvertrauen zog er sein Ding durch. Er prägte die neue Kategorie KölschRock und hatte damit sogar außerhalb der deutschen Grenzen Erfolg. Wer sich dafür interessiert, könnte hier weiterlesen: „Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“ – Zum 30sten Todestag des Kölner Schriftstellers H… […]

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  4. […] Wolfgang Niedecken sang mit seiner Band BAP einfach im unverständlichen Kölsch. Mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit, Können und viel Selbstvertrauen zog er sein Ding durch. Er prägte die neue Kategorie KölschRock und hatte damit sogar außerhalb der deutschen Grenzen Erfolg. Wer sich dafür interessiert, könnte hier weiterlesen: „Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“ – Zum 30sten Todestag des Kölner Schriftstellers H… […]

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  5. […] Wolfgang Niedecken sang mit seiner Band BAP einfach im unverständlichen Kölsch. Mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit, Können und viel Selbstvertrauen zog er sein Ding durch. Er prägte die neue Kategorie KölschRock und hatte damit sogar außerhalb der deutschen Grenzen Erfolg. Wer sich dafür interessiert, könnte hier weiterlesen: „Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“ – Zum 30sten Todestag des Kölner Schriftstellers H… […]

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  6. […] Wolfgang Niedecken sang mit seiner Band BAP einfach im unverständlichen Kölsch. Mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit, Können und viel Selbstvertrauen zog er sein Ding durch. Er prägte die neue Kategorie KölschRock und hatte damit sogar außerhalb der deutschen Grenzen Erfolg. Wer sich dafür interessiert, könnte hier weiterlesen: „Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“ – Zum 30sten Todestag des Kölner Schriftstellers H… […]

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