Midnight in Paris – 80 Jahre Woody Allen, der Komiker, Tragiker und Zyniker. – Einer der produktivsten Filmregisseure unserer Zeit. – Zwischen: Hollywood – Psychoanalyse – Manhattan – Zürich – Köln. (WehrWolter – ww 95 – Hans Wolter)

Allan Stewart Konigsberg alias Woody Allen ist wirklich ein Phänomen. Er  feiert jetzt seinen 80sten Geburtstag – andere sind dann schon lange, lange in Rente – und denkt nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Im Gegenteil: Nach wie vor dreht er Filme. Einen pro Jahr, für den er die Crème de la Crème Hollywoods engagiert, und der auf den großen Festivals Premiere feiert. Ein Ende seiner kreativen Phase scheint nicht in Sicht: Aktuell filmt Allen mit Bruce Willis, Jesse Eisenberg und Kristen Stewart.

Midnight in Paris

 

Mein Lieblingsfilm ist der romantisch verträumte Midnight in Paris. Der junge Drehbuchschreiber Gil gerät in Paris in einen Zeitsprung. Er trifft sich nachts mit seinen Idolen der 20er Jahre. So ein Gefühl bekomme ich auch immer, wenn ich nach Weimar komme. Da treffe ich auch Schiller, Goethe, Frau von Stein etc.. Für alle, die den Film noch nicht kennen, stelle ich ihn gleich kurz in einem Artikel  von Ulrich Greiner, Redakteur DIE ZEIT, vor.

Woody Allen ist einer der produktivsten Filmregisseure unserer Zeit. Neben den über 50 Filmen als Drehbuchautor und Regisseur hat er zahlreiche Erzählungen, Theaterstücke und Kolumnen geschrieben. Darüber hinaus ist er passionierter Jazzmusiker. Er wurde 24-mal für den Oscar nominiert.

Viermal schaffte er den Oskar.

1978 Der Stadtneurotiker, Bester Regisseur, Bestes Drehbuch

1986 Hannah und ihre Schwestern; Bestes Drehbuch

2012 Midnight in Paris; Bestes Drehbuch

 

Woody Allen und die Psychoanalyse

„Wenn ich das Wort „ungezwungen“ schon höre, dann bin ich sofort völlig verklemmt.“

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Sein Verhältnis zu den Vertretern des Berufsstandes der Psychologen und Psychiater ist recht zwiespältig. Der Erfolg ihrer Arbeit in seinen Filmen  besteht meist in einer noch größeren Verwirrung des Patienten (Annie: „Meine Therapeutin meint, dieser Schritt sei sehr wichtig für mich.“ Alvy: „Ja, ich hatte von Anfang an Vertrauen zu ihr, weil mein Therapeut sie empfohlen hat.“ Und an anderer Stelle: Alvy: „Ich bezahl Annies Therapeuten, sie macht Fortschritte und ich hab immer mehr Schwierigkeiten (…) Wenn ich das Wort „ungezwungen“ schon höre, dann bin ich sofort völlig verklemmt.“). Und viel Verstand traut Allen dem Therapeuten sowieso nicht zu. Der Arzt, der in die Neigung eines Patienten zu einem Schaf heilend eingreifen soll, verliebt sich selbst in das Tier und ruiniert schließlich aus unglücklicher Liebe seine eigene Existenz („Alles, was Sie schon immer über Sex wissen wollten…“).

Manhatten: „Schließlich hatte ich einen Orgasmus, aber mein Arzt sagte mir, es war der falsche.“

Allen geht in „Manhatten“ schließlich einen entscheidenden Schritt weiter: Zwar wiederholen sich Allens bissige Witze gegen die Psychiatrie in Sätzen wie „Schließlich hatte ich einen Orgasmus, aber mein Arzt sagte mir, es war der falsche.“ oder „Mein Analytiker warnte mich, aber Du warst so schön, dass ich mir einen anderen Analytiker nahm.“ – doch darin deutet sich bereits Kritik an der Bereitwilligkeit der Patienten an, die Allen später sein Film-Ego Isaac Davis wie folgt formulieren lässt:

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„Die Menschen in Manhatten schaffen sich dauernd selbst ihre Probleme, die sie davon abhalten, sich mit erschreckenderen, unlösbaren Problemen der Welt zu befassen.“

 

 

Woody Allen, der selbst seit 1959 zum Psychiater geht, hat inzwischen exzellente Fortschritte gemacht: Er braucht jetzt – wie er sagt – auf der Couch, auf der er allerdings immer noch nicht frei reden kann, kein „Sabberlätzchen“ mehr.

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Mein Lieblingsfilm von Woody Allen ist Midnight in Paris.

Der junge Drehbuchschreiber Gil gerät in Paris in einen Zeitsprung. Er trifft sich nachts mit seinen Idolen der 20er Jahre. So ein Gefühl bekomme ich, wenn ich nach Weimar komme. Für alle, die den Film noch nicht kennen, stelle ich ihn kurz in einem Artikel des Zeitredakteurs Ulrich Greiner vor.

Woody-Allen-Film : Ein Traum aus Champagner

Woody Allen kann es: Sein neuer Film „Midnight in Paris“ ist eine wunderbare Hommage an die Zwanzigerjahre. Von Ulrich Greiner; 18. August 2011, 8:00 Uhr DIE ZEIT Nr. 34/2011

„Nur der mittelmäßig begabte Künstler meidet das Klischee. Der blutige Anfänger stürzt sich hinein und wird, weil er es nicht bemerkt, sein komisches Opfer. Der geniale Könner hingegen spielt mit dem Klischee. In seinen zauberischen Händen verwandelt es sich zum lebensklugen Sinnbild, und wir begreifen: Das Klischee ist die Wahrheit, die auf der Straße liegt.

Woody Allens neuer Film beginnt mit einer ganzen Serie gefälliger Ansichtskarten aus Paris, und das hübsche junge Paar, das uns nun begegnet, stammt aus dem Musterkoffer amerikanischer Filmtypen. Er heißt Gil und ist ein erfolgsverwöhnter kalifornischer Drehbuchschreiber. Sie heißt Inez, hat den breiten amerikanischen Kussmund, ist blond und sexy. Die beiden wollen heiraten und ein Haus in Malibu beziehen. Jetzt aber sind sie in Paris. Für sie ist es der Ort für Besichtigungen, für ihre reichen Eltern die Gelegenheit, Antiquitäten zu erwerben. Typisch Amis halt.

Am liebsten würde der Held im Paris der Zwanzigerjahre leben

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Für Gil jedoch ist Paris die Stadt seiner Träume, hier will er seinen Roman vollenden, an dem er schon lange sitzt. Sich selber und der Welt will er beweisen, dass mehr in ihm steckt als nur der Lieferant dürftiger Hollywood-Storys, dass er durchaus das Zeug dazu hat, das Reich der wahren Kunst zu betreten – obwohl er weiß, dass deren Zeit eigentlich vorbei ist. Am liebsten nämlich würde er im Paris der Zwanzigerjahre leben, als die Größten der Großen auf heißen Partys folgenreiche Debatten führten.

Gils Traum geht in Erfüllung. Eines Nachts nämlich, nachdem er allein und berauscht – vom Wein und von Paris – durch die Gassen gestreift ist, verläuft er sich und sinkt erschöpft auf malerischen Stufen nieder. Da schlägt die Turmuhr zwölf. Ein schwerer Oldtimer nähert sich, stoppt, die Insassen winken einladend mit Champagnergläsern, er gesellt sich zu ihnen, man landet in einer Bar. Und hier merkt unser Held, dass ihn eine wunderbare Zeitmaschine ins Reich seiner Fantasien befördert hat. Denn wer sind seine Gastgeber? Scott und Zelda Fitzgerald. Und wer faselt da surreal in die Runde?

Salvador Dali. Und wer sitzt da schwer bedröhnt am Tisch? Niemand anderes als Hemingway.

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Die simple Idee der Zeitreise funktioniert in Midnight in Paris so überzeugend, dass wir, ebenso wie Gil, keine Sekunde daran zweifeln, wirklich Hemingway zu sehen, zumal dieser, als Gil darlegt, er habe seine Werke gelesen und bewundere sie, naturgemäß höchst erbaut ist und sich bereit erklärt, den jungen Landsmann bei Gertrude Stein einzuführen, damit sie ihm in Sachen seines Romans Rat erteile. So geschieht es in der folgenden Nacht. Gertrude Stein liest das Manuskript, findet es verbesserungsbedürftig, aber vielversprechend. Unser Held ist selig. Seine Seligkeit steigert sich, als er dem finsteren, wortkargen Picasso begegnet und seiner schönen Muse Adriana. Sie und Gil verlieben sich ineinander. Was daraus wird, soll hier aber nicht verraten werden. Nur so viel: Am Ende wird Gil über eine Seinebrücke wandern und einer hübschen Frau tief in die Augen blicken. Jetzt rauscht der Regen hernieder, das Licht der Laternen gewinnt einen schimmernden Hof. Der Vorhang fällt.

Man muss schon Woody Allen heißen, um derart dreist und selbstbewusst den allernächsten Kiesel zu ergreifen und daraus Gold zu machen. Wie geht das?

Drei Beobachtungen. Erstens: Woody Allen hat niemals Umwege gemacht, und in seinen letzten Filmen neigt er zur Ellipse, das heißt, er lässt alles weg, was geringere Regisseure allzu gerne ausmalen. Etwa: Es klingelt, die Kamera schwenkt aufs Telefon, der Akteur nimmt ab und sagt: „Hallo?“ Und weil das ja nun jeder kennt, verzichtet Allen auf derlei gefilmte Regieanweisungen und geht mitten ins Gespräch. In solchen Augenblicken ist er rasend schnell, geradezu hastig, um bei anderen, die ihm atmosphärisch wichtig sind, umso liebevoller zu verweilen.

Überhaupt ist die Geschichte vollkommen unwahrscheinlich

Zweitens: Woody Allen interessiert Wahrscheinlichkeit kaum. Glaubwürdigkeit ist sein Ziel. Die Szene, als Gil seiner Braut ein paar Ohrringe entwendet, um sie der geliebten Nachtgestalt Adriana zu schenken, und dabei von ihr (der Braut) überrascht wird und wie er sich aus dieser Peinlichkeit durch allergröbste Tricks und Lügen erfolgreich herausmogelt, das ist so komisch, dass man es nur noch glauben kann. Überhaupt ist ja die Geschichte vollkommen unwahrscheinlich. Sie gleicht einem Märchen, und Märchen lügen nicht.

Drittens: die Schauspieler. Er hat ja immer die besten. In Midnight in Paris ist es Owen Wilson, der den Gil spielt. Und eigentlich spielt er nicht Gil, sondern jenen Woody Allen, den Woody Allen sicherlich selber gespielt hätte (umgeben von schönen Frauen!), wenn er nicht schon 75 wäre. Das geht dann leider doch nicht mehr. Also gibt Owen Wilson den Allen junior, und er gleicht diesem verblüffend: etwas traumverloren, desorientiert, aber immer schlagfertig oder wenigstens frech. Und er ist, was uns tüchtigere Männer immer ein bisschen demoralisiert, bei Frauen umso erfolgreicher, je erotischer sie sind.

All diese Fertigkeiten und Tricks könnte man lernen, wenn man es könnte. Was man nicht lernen kann, sondern haben muss, sind Witz und Weisheit. Die Weisheit (wahrlich alt, aber alle Weisheiten sind alt): Man kann nur hier und jetzt leben. Und der Witz? Wenn Gil zum Beispiel während seiner Zeitreisen den surrealistischen Regisseur Luis Buñuel trifft, der (vermutlich zutreffend) als vollkommen steifer und humorloser Spanier auftritt, wenn Gil ihm vorschlägt, er solle doch mal einen Film über eine Festgesellschaft machen, die rätselhafterweise den Ort ihrer Festivität nicht verlassen könne (es handelt sich um Buñuels Film Der Würgeengel ), und wenn Buñuel ihm schlecht gelaunt entgegnet, er halte das für Quatsch, dann ist das ein Witz, der einem erstens einfallen muss, und zweitens einer, den man erzählen können muss. Woody Allen kann es. Möge er noch viele Filme drehen.“

Woody Allen1

Harte Fakten zum soft wirkenden Woody

 

Filme

Legende: B – Buch, D – Darsteller, R – Regie

Woody Allen

 

 

Weiterführende Links:

Woody Allen

Hans Wolter

WehrWolter

2 Kommentare

  1. Sehr schön Natur und Wirken unseres lieben Woody herausgearbeitet und dargestellt. Danke.

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    1. Danke für Deine Rückmeldung, Werner.

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