„Die letzte Kränkung“ (EGO 0) – WW 100. Text auf dem Blog für Psychologisch-Quergedachtes: Ein GastBeitrag von Dr. Marc Hieronimus – Lichtwolf meets WehrWolter – Winter is coming

WehrWolter, der Blog für Psychologisch-Quergedachtes feiert Jubiläum. 100 Beiträge in 396 Tagen. Ich freue mich sehr, dass ich Dr. Marc Hieronimus – Philosoph, promovierter Historiker, Redakteur der Zeitschrift Lichtwolf u.V.m. – für den 100sten Text auf meinem Blog gewinnen konnte.

Sehr gerne veröffentliche ich hier seinen Artikel „Die letzte Kränkung“, zumal wir uns im Vorfeld häufiger recht angeregt und intensiv über das Thema “Narzissmus” austauschen konnten. Hier freut es mich auch, dass er Beispiele von mir aufgreifen konnte. Das Narzissten etwas entscheidendes gefehlt hat: “Der Glanz im Auge der Mutter” (Kohut). Wie z.B. auch meine Einschätzung von Andreas Lubitz, dem Co-Piloten der Germanwings Maschine, der 149 Menschen mit in seinen erweiterten Suizid genommen hatte. Nach meiner Einschätzung ist hierfür maßgeblich die narzisstische Persönlichkeitsstörung und nicht die Depression des Piloten verantwortlich gewesen. Da Marc Hieronimus über einen weiten und recht differenzierten philosophischen sowie historischen Hintergrund verfügt, sehe ich in seinem Beitrag eine beeindruckende Erweiterung meiner psychologischen Sichtweise zu der aktuellen Thematik der Generation „Selfie/EGO Null“: Narzissmus, Ego und Selbstwertregulierung.

Kurze Vorstellung

Dr. Marc Hieronimus: Wirtssohn, Salonanarchist, lehrt beruflich die Sprache Bohlens und Ackermanns. Geboren am 9.11. 1973 sollte er eigentlich etwas ganz Besonderes werden; Lichtwolf4

bislang war er nur vielerlei, u.a. Historiker, Stallbursche, Hausbesitzer, Flüssiggaswart, Linguist, Vortragsreisender, Lyriker, Mäusezüchter, „Charlie“, Büttenredner, Comicforscher, Küchenmonteur. Hat sich oft kopiert, aber noch nie erreicht, und zwar auch musikalisch: www.grau-musik.de. (www.marc-hieronimus.de)

Lichtwolf: “Die neue Moralische Quartalsschrift alter Schule für den verarmten Geistesadel und das gebildete Prekariat.” (www.lichtwolf.de) – Weiteres am Ende des Artikels.

 Lichtwolf

 

 

WehrWolter: –  (WehrWolter) (Hans Wolter)

Zum Jahresgeburtstag des Blogs WW – 09. November 2015 – 26 Jahre Mauerfall – hat Dr. Marc Hieronimus eine Kurz-Charakterisierung geschrieben.

WehrWolterWerbung

„Wehrwolter: die erste Assoziation ist sich wehren, Wehrmacht, englisch „war“. So kann man sich irren. Eher geht es Richtung Werwolf, also Menschwolf und alles, was damit zusammenhängt. Da ist nämlich immer noch ein Wolf im Mensch verborgen, und die Chance und die Tragik des Menschen ist, dass er in weiten Teilen noch ein Tier ist. Eine Chance, weil Verstand ohne Gefühl, Hirn ohne Herz nur fantasie- und mitleidlose Automaten hervorbrächte. Tragisch ist das, weil wir das Tier beherrschen müssen, um gesellschaftsfähig zu sein. Aus dieser Spannung erklären sich letzten Endes alle Errungenschaften und Gräuel der Menschheitsgeschichte. Es ist das Verdienst des Wehrwolterblogs, alltägliche Phänomene und Tragödien auf ihren tiefenpsychologischen Gehalt zu untersuchen und uns daran zu erinnern, dass wir nicht Herr im eigenen Hause sind.“

Nun zum nachfolgenden Beitrag. Der Autor legt Wert darauf festzustellen, dass die Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Lichtwolf (Nr. 51, 3/2015, September 2015, Titelthema „EGO NULL“) erschienen ist.

Die letzte Kränkung

 (Dr. Marc Hieronimus)

Menschen unserer Prägung sind – auch, ein wenig, zumindest in der Kindheit – narzisstisch. Das muss nicht schädlich sein. Für die persönliche wie für die Entwicklung unserer Spezies aber ist entscheidend, wie wir der Tatsache unserer Unwichtigkeit begegnen.

 

Kopernikus, Darwin, Freud

Der Begründer des Narzissmuskonzepts wusste, wovon er schrieb. Eine, früher sagte man: „Zigeunerin“ hatte Freuds Mutter vorhergesagt, ihr Sohn werde mal ein ganz Großer. Das hat sich letztlich erfüllt, aber Sigmunds Leben war geprägt von Kränkungen seiner Eigenliebe. Die Uni-Karriere misslang, als Arzt wurde er nichts, viele therapeutische Hoffnungen musste er verwerfen, ging häufiger auf Holz- und Irr- als auf geraden Wegen und fragte sich kurz vor seinem Tod im Londoner Exil sogar, was er denn überhaupt Großes, über bloße Ansätze Hinausreichendes hinterlassen werde. Das allein ist nicht zwangsläufig krankhaft. Von einer Neurose, also krankhaftem Narzissmus spricht man, wenn die nur menschlichen Züge Selbstliebe und Selbstzweifel den Menschen in seiner Entfaltung einschränken oder über das verträgliche Maß hinausgehen, wo immer das auch liegen mag. Es war zweifellos in einem Moment großer Selbstverliebheit, als Freud sein berühmtes Diktum von den „drei Kränkungen des Menschen“ niederschrieb. Mit Kopernikus habe er den Platz im Zentrum des Universums eingebüßt (bzw. mit Aristarch von Samos 1.800 Jahre früher, seien wir nicht kleinlich), mit Darwin den an der Spitze der irdischen Schöpfung (oder bereits mit de la Lamarck, bleiben wir großzügig), na und nun, mit ihm, Freud (der ja auch weder der erste noch der einzige Rufer in der Wüste war), sei er nicht mal mehr Herr im eigenen Haus.

Die verschärfte Kränkung

Der allzu verkürzten Triumvirats-Behauptung ist noch einiges hinzuzufügen. Die Wissenschaft hat ja nach Freuds Tod nicht aufgehört, nicht die „weiche“ des Geistes, und schon gar nicht die „harte“ der Natur. Unser aus Wissenschaft, Technik und Spektakel bestehendes und entstandenes Weltbild ist keine weitere Religion; es gibt in ihm nichts Bleibendes und Weiterführendes, weder Transzendenz noch Spiritualität, und der Platz, den es dem Menschen im Kosmos einräumt, ist beschämend. Es ist nichts Ganzes, sondern zerfällt in drei unvereinbare und unlebbare Positionen: 1. Wir sind nichts. 2. Wo wir etwas sind, sind wir nichts. 3. Wir sind alles.

  1. Der Mensch im Kosmos

Astronomisch sind wir in den letzten Jahrzehnten noch einmal sehr viel kleiner geworden, und diese „Vernichtung“ der Menschheit durch Satellitenteleskope und neue Theorien und Auswertungsverfahren hat längst nicht aufgehört. Wir fliegen um einen kleinen Stern, von denen es nach jüngeren Schätzungen Einhundertmilliarden in ebensovielen Galaxien gibt – 1022, sinnlos, sich das vorstellen zu wollen. Auch die zeitliche Dimension ist schlichtweg nicht fassbar. Fünfzehn oder zwanzig Milliarden Jahre soll der Urknall her sein, die Zeitalter der jüngeren Erde messen sich in Jahrhundertmillionen. Gibt es außer uns noch Leben „irgendwo da draußen“, womöglich intelligentes? Zweifellos, wenn man sich die Zahlen anschaut, aber wohl so wenig und so weit entfernt, dass wir niemals mit außerirdischen Lebensformen werden kommunizieren können, so sehr CETI und SETI, Krethi und Plethi auch davon träumen mögen. Stanisław Lem hat uns zwar Kontakte mit nicht-irdischen „Psychozoen“ ausgemalt – aber glaubhaft dargestellt, dass eine Kommunikation mit ihnen an der menschlichen Beschränktheit scheitern würde. Vielleicht würden wir nicht einmal wissen, ob, geschweige denn mit wem dort kommuniziert wird.

  1. Der Mensch an der Maschine

Was wir seit der durch die Weltkriege teils unterbrochenen, teils vorangetriebenen techn(olog)ischen Modernisierung erfahren, lässt sich am besten mit Günther Anders’ Begriff der „prometheischen Scham“ oder eben „Kränkung“ beschreiben: Früher konnten sich die Menschen Dinge vorstellen, die sie nicht herstellen konnten. Heute stellen sie Dinge her, deren Folgen sie sich nicht vorstellen können – und ihre Maschinen können alles besser als sie selbst. Der Mensch passt sich an sie an oder verschwindet, und verschwindet in dem Maß, in dem er sich anpasst. Anders ist kein weiterer Kränker, weil nicht seine Beobachtung, sondern ihr Objekt die Kränkung bewirkt. Diese wird aber viel zu wenig bedacht, weniger noch als die der drei Großen: Der (einzelne, westliche) Mensch hat jede Autonomie gegenüber seiner Umwelt verloren. Man kann auf dem Balkon ein paar Kräuter züchten. Man konnte einmal, kann vielleicht noch einen Tisch oder ein Kleidungsstück selber herstellen und reparieren. Was heute aber an Technologie und Servicediensten üblich und „unverzichtbar“ ist – Autos, Smartphones, Kühlschränke, Turnschuhe, Energie, Internet – kann ich nur kaufen. Die Regel ist, dass wir nichts mehr herstellen, alles nur kaufen, und zwar egal, woher es kommt und was dabei anderswo kaputt geht. Der homo faber ist nurmehr homo consumens consumptusque, er verbraucht und wird verbraucht, nämlich von seiner eigenen Maschinerie. Das steckt uns heute in den Knochen, das stecken wir nicht weg.

  1. Der Mensch im Spektakel

Der Rummel schließlich sagt uns etwas ganz anderes: Wir alle können es schaffen, egal, wer wir sind, egal, wo wir leben. Wir sind schon Gewinner, wir müssen nur noch an uns arbeiten. So stellt sich gar nicht die Frage, wohin das global oder auch nur gesellschaftlich führt: Erstmal bin ich mir doch selbst der Nächste, und ich will nun mal kein Luhser sein.

Stars…

Es wurde viel über den Germanwings-Copiloten geschrieben, der im April diesen Jahres 149 Menschen mit in seinen Tod gerissen hat. Zweifellos war er auch „depressiv“, aber das war nicht das Entscheidende. Klassische depressive Selbstmörder wollen einfach verschwinden. Manchmal spielt auch die Bestrafung der Angehörigen eine Rolle oder der Schrei nach Aufmerksamkeit – besonders dann, wenn sie ihn ankündigen und also eigentlich gerettet werden wollen. Nicht so Andreas Lubitz. Er musste fürchten, nie echter Pilot zu werden und nicht einmal Copilot bleiben zu dürfen. „Eines Tages wird jeder meinen Namen kennen“, soll er seiner Freundin gesagt haben.

Etwas Vergleichbares – nämlich die Überzeugung von der eigenen Besonderheit und der Ungerechtigkeit des Schicksals, der Gesellschaft oder was bzw. wer auch immer die gebührende Wertschätzung der eigenen Person verhindert – trieb Freud an, und auch von Mengele und Hunderten anderen ist ein solches Zitat bekannt. Vielleicht haben es sich sogar die meisten bekannten Menschen aller Länder und Zeiten früh im Leben zum Ziel gesetzt, zumindest in ihrem Wirkungskreis erfolgreich, angesehen, machtvoll und „berühmt“ zu werden. „Der fehlende Glanz in den Augen der Mutter“ (Kohut) hat sie zur Selbstaufopferung, zum Wagemut, zum Experimentieren und Ränkeschmieden getrieben. Ihre Geltungssucht (wenn sie es war, was sie bewegte) mag oft von Depressionen begleitet gewesen sein, ihrem Wesen nach war sie narzisstisch und betraf, soweit man das historisch überhaupt herausarbeiten kann, immer einen verschwindend geringen, wenngleich überaus wirkmächtigen Prozentsatz der Menschen.

 

…und die Masse

Ewig waren die Menschen fromm, dumm, elend, zufrieden, furchtsam oder schlicht beschäftigt genug, über ihre Existenz nicht nachzudenken. In festen, Levy-Strauss würde sagen: „kalten“ Gesellschaften hat das Schicksal über das je eigene Los bestimmt, war es nun von außen betrachtet ein großes oder eher eine Niete. Wenn ausreichend viele Menschen die Lotterie nicht mehr akzeptierten, wurde es heiß, begannen die Verhältnisse zu tanzen. Bewegungen bildeten sich, die alles umwälzten oder niedergeschlagen wurden. Vor und nach dem Sturm war und ist Ruhe.

Nun wiederholt sich Geschichte und wiederholt sich nicht. In jeder Veränderung, jedem Zustand ist Bekanntes und Neues. Neu ist die Akzeptanz und Pflege des individuellen Narzissmus. Becketts „Fail again. Fail greater“ wäre in anderen Zeiten einfach unverständlich gewesen und ist heute etwas für Leute, die den Retro-Lifestyle der düsteren Selbstaufopferung für die Kunst als den ihren gewählt haben. Massenhaft aber verschenken wir Glückwunschkarten mit Sprüchen wie „Aufstehen. Krönchen richten. Weitergehen“ oder „Ich schmeiße alles hin und bleibe Prinzessin“. Das ist nur Spaß? Sicher, aber auch und vor allem Zeitgeist, also ein Spaß, den man zu anderen Zeiten gar nicht verstanden hätte.

Der Fortschritt ist, dass wir uns in der Regel nicht mehr mit allem abfinden und uns auch nicht wie Beckett kaputt machen wollen oder müssen. Der Rückschritt ist, dass jeder Beckett sein will, oder Beckham (Mann oder Frau), Curt Cobain ohne Selbstmord, Steve Jobs ohne Krebs, „Conchita Wurst“ oder welche Bekanntheit auch immer. Wir lachen (vielleicht!) über unsere Starallüren, aber pflegen sie nichtsdestotrotz. So ist jeder unzufrieden, weil er es vermeintlich besser haben könnte, wenn. Also strengen wir uns an. Das ist eine große Triebfeder der Verhältnisse in unserer Fettwelt, wo wahrlich jeder mehr hat, als er bräuchte. Das hält das Elend der Welt mit am Laufen.

La petite bourgeoisie

Wie es dazu kam? Es wird viel zu wenig bedacht, welch fatale Rolle die Mittelklasse oder das „Kleinbürgertum“ in beinah allen Bereichen unserer Gesellschaften spielt. Sie/es ist Verhaltens-, Konsum-, Stilvorbild für alle hier und anderswo, die noch versuchen, sich oder ihr Land zu „entwickeln“. Alain Accardo hat die „kleinbürgerlichen Edelmänner“ aufs Trefflichste in Buchform behandelt: Das Kleinbürgertum verhindert den Klassenkampf und die Emanzipation, zerstört mit seinen Medien, aber auch durch seine bloße Beharrlichkeit die letzten Reste populärer Kultur, treibt zu viel, um es schnell darzulegen, darunter auch Gutes.

Hier ist es wichtig, auf das fragile Selbstverständnis dieser Klasse und ihrer Mitglieder aufmerksam zu machen: Die reden sich wirklich ein, sie seien verhinderte Stars, ihnen gebührten Ruhm und Anerkennung. Oder vielmehr wir tun das, jeder von uns, sofern er/sie nicht reich, arm oder (anders) milieuverhaftet genug sind, nicht nach „oben“ zu streben. Das Kleinbürgertum ist immer im Wettbewerb. Weil es aber zu dessen Wesen gehört, dass fast keiner gewinnt, sind so viele frustriert, verunsichert und gekränkt. Eigentlich wollen sie die Verhältnisse nicht, oder haben jedenfalls in der Jugend ein wenig dagegen gemosert. Sie beruhigen ihr schlechtes Gewissen gegenüber den Ärmeren und wegen der begonnenen ökologischen Katastrophe mit Fatalismus, Spenden und Bio-Einkäufen, wollen aber irgendwo auch ein (noch) größeres Stück vom Kuchen haben. Klassenlose Gesellschaft? – gern, aber Leistung soll sich trotzdem lohnen, und (ererbtes) Eigentum ist unantastbar. Um den Prozess der individuellen Menschwerdung – ganz selbstverliebt – auf vier Verse der Band grau zu verkürzen:

Man arrangiert sich, etabliert sich

            Assimiliert sich, korrumpiert sich

Träumt vielleicht noch von der Revolution

Doch im Grunde fürchtet man sie schon

„Vielleicht“ träumt man von der Revolution, wahrscheinlich aber nicht. Der geneigte Lichtwolfleser, die (leider seltenere) Leserin des Magazins trotz Philosophie mache sich nichts vor: Die Leserschaft insgesamt, egal welcher Druckerzeugnisse, nimmt ab, ebenso wie der Umfang und vor allem die Tiefe des Gelesenen. Wer liest da noch oder betreibt gar Gesellschaftskritik? Der Bürger proletarischer Herkunft ganz sicher nicht, und zwar nicht bloß wegen den bösen „Medien“, sondern vor allem, weil es gar kein Klassenbewusstsein und keine entsprechenden Bildungsinitiativen mehr gibt. Ob sich die immer reicher, aber auch immer dünner werdende Oberschicht aus Nostalgie ihren Marx oder Gramsci in Leder binden lässt, interessiert hier nicht. Wer noch liest, ist die Sandwichklasse, aber in der Regel nicht aus umstürzlerischem Interesse oder wenigstens, um mit der politischen Belesenheit zu blenden; das narzissisierte Kleinbürgertum liest, was die anderen lesen, und das ist eben, anders als in den hochpolitischen Siebzigern, der jeden noch denkenden Menschen nur empörende oder entmutigende Kram der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Krümmungsgrad

Warum ist die Banane krumm? Nicht bloß „darum“. Ihre Krümmung ist im Gesamten eine effiziente Lösung der Aufgabe, möglichst viele Früchte in einer Staude unterzubringen, das „System“ zwingt sie also zur Beugung; die Einzelbanane ist aber auch krumm, weil die Nachbarbananen es sind. Weil es aber auch immer mal ein paar gerade Abweichler gibt, bestimmt angeblich eine EU-Richtlinie ihren zulässigen Krümmungsgrad. Das klingt so fabelhaft und gut erfunden, dass ich es gar nicht in der Zauber-Koogel überprüfen möchte. Denn die Menschen krümmen sich gerade so wie ihre liebste Frucht, teils aus sich und den übergeordneten Zwängen heraus, teils wegen der anderen Mitgekrümmten. Wer geradlinig und standhaft bleibt, verkümmert oder wird mangels Verwertbarkeit aussortiert. Und sind die Bananen nicht gelb wie die Liberalen? Hat man nicht schon Kriege für ihre Verbreitung geführt…? Ende der Fabel und des wie immer hinkenden Vergleichs. Wären wir Bananen, hätte es ja gar keinen Sinn, eine Vielzahl unterschiedlicher Pflanzen sein zu wollen. Wir wissen andererseits, kriegen sogar von der Werbung gesagt, krumm sei dumm, „sich fügen heißt lügen“. Ja, selbst Erich Mühsam lässt sich mühelos zum Stichwortgeber des kapitalistischen Zeitgeists erniedrigen. Denn ein bisschen dagegen muss man sein, nur mitmachen ist langweilig. Sagen wir also: Als Frucht wären wir frustrierte Bananen.

Nimby, Selfie, Wannabe

Der Ich-Mensch ist das Wunschsubjekt bzw. -objekt der bestehenden Ordnung. Jeder soll nur an sich denken, sich ja nicht organisieren, ja keine gesellschaftlichen Ideen oder gar Ideale haben. Der Nimby, der Not in my backyard, ist eine feste, kalkulierbare Größe der Governance, dieses bitterernsten Regierungsspiels, das unsere Führungskader an den euro-amerikanischen Hochschulen lernen: Protestbereit werden die Leute erst, wenn sie den Atommüll, die Flüchtlinge, die Schlachtfabrik vor die Haustür bzw. in ihren Garten geliefert kriegen – überall sonst kann man damit gut leben. Wir Erschütterten müssen ja schon froh sein, wenn die Menschen wenigstens vor ihrer Haustür vom Klein- zum Wutbürger werden. Was hat es in den Siebziger, Achtziger Jahren für bunte Bewegungen gegeben, wegen besetzter Häuser, bedrohter Wälder, Stadtvernichtung! Bei den Protesten gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens soll der Himmel zuweilen schwarz vor Wurfgeschossen gewesen sein – heute düsen die vage Linksbewegten von ihr oder einer ihrer Nachfolgerinnen zum Diskussions-Camp am anderen Ende des Planeten und fühlen sich auch noch gut dabei. Der Gipfel der pseudopolitischen Aktion ist das Selfie – an sich schon das größte Argument für die hier vertretene These der Narzissisierung der Gesellschaft – des Schlachtenbummlers vor dem Kampfplatz einer ritualisierten Ausschreitung, sagen wir der Maifestspiele in Berlin.

Die letzte Kränkung

Wir sind nichts, aber in der Masse viel zu viele. Wie Viren, oder Krebszellen. Man lausche noch einmal Agent Smiths Monolog gegenüber Morpheus im epochalen Film Matrix: Wir stinken. Wir sind nie zufrieden, und schon gar nicht, wenn alles gut läuft. Anders als jede andere Tierart suchen wir kein Gleichgewicht mit unserer Umwelt, wir zerstören sie und gehen weiter, so lange das geht. Der Witz vom Treffen der zwei Planeten: „Du, mir geht’s schlecht, ich hab’ Menschen“ – „Mach dir nichts draus, das geht vorbei“ bringt es auf den Punkt. Von außen betrachtet sind die Menschen „überwiegend harmlos“ (nach Douglas Adams’ Hitchhikers Guide to the Galaxy) und werden auch ihrem Heimatplaneten keinen dauerhaften Schaden zufügen. 500 Jahre nach unserem Verschwinden stehen die Wälder wieder in alter Pracht, etwas später werden sich Bakterien gebildet haben, die unseren Plastikmüll fressen können; sechstes Artensterben hin oder her, das Leben als solches wird fortbestehen. Die Menschheit ist nicht fremd-, sondern selbstgefährdend. Wenn der Mensch und ein Mensch gleichzusetzen wären, gehörten wir samt und sonders in eine geschlossene, Verzeihung: „geschützte“ Anstalt. Aber wer soll uns schützen und therapieren, wie lautet die Diagnose?

Auch das gehört zur mittelständischen Medienpest, dass wir nach dem Vorbild bestellter „Experten“ Antworten auf Fragen geben, die ein soziologisch und/oder sprachphilosophisch halbwegs Gebildeter wegen unklarer Begriffe, falscher Analogien, Kategorien etc. als solche nur zurückweisen kann. Spätestens mit der letzten Kränkung wird klar: Nicht „der Mensch“, auch nicht der „Wilde“ in Papua-Neuguinea, der tibetanische Mönch usw., Sie und ich müssen uns ändern und alles, was uns bestimmt. Es ist bekannt, aber auch beleidigend und nur schwer einzusehen, dass mein hiesiges Kaufverhalten im asiatischen Sweatshop oder im lateinamerikanischen Dschungel irgendein Unheil anrichten soll – ich trenne doch meinen Müll! Ich leike doch Greenpeace! Tun wir denn nicht alle etwas für die Umwelt? Da wo der gekränkte Einzelne sich noch sagen konnte: Ist schon toll, was die Menschen (also irgendwo auch ich Idiot) so leisten, da lernt er jetzt: Alles Scheiße. Oder schlimmer: Da wo ich noch nie mitgewirkt habe, nämlich bei der Erfindung und Verbreitung dieses ganzen Krempels, da bin ich plötzlich verantwortlich. Niemand redet von der Verselbständigung der Technologie aus kapitalistischen Interessen, oder von uralten individuellen und gesellschaftlichen Alternativen, aber alle vom unaufhaltbaren „Fortschritt“ und der vermeintlichen Schuld und Verantwortung, die der Einzelne an seinen „Auswüchsen“ hat. Es folgt nur der Logik des Systems, wenn die Kinder es jetzt richten sollen: Natur wie Geld sind nur begrenzt zu haben, und wenn heute trotz Hochtouren nicht noch mehr herausgepresst werden kann, muss die Zukunft beliehen werden.

Endstation Bescheidenheit und Anstand

Nietzsche schrieb von den Menschen und ihrer Geltungssucht: „Man gebe ihnen alles: Gesundheit, Nahrung, Wohnung, Unterhaltung – sie sind und bleiben unglücklich und grillig. Denn der Dämon wartet und wartet und will befriedigt sein. Man nehme ihnen alles und befriedige diesen: So sind sie beinah glücklich – so glücklich, als eben Menschen und Dämonen sein können.“ Nietzsche hat es geschafft, er ist ein Großer, und zwar just wegen Sprüchen wie diesem. Auch er aber wusste, wovon er sprach – der Übermensch, der Umwerter aller Werte usw., das war ihm doch vor allem er selbst. Der arme Irre. In seinen Sprüchen erkennen sich bis heute genau die buckligen Gelehrten wieder, die er damals verachtete, weil er selber einer war. So ist manch einer wie Nietzsche, aber anders, als er denkt.

Bescheidenheit und Anstand sollten das Ziel der Onto- und Phylogenese sein. Endstation klingt nach Friedhof, wie in Tennessee Williams’ Endstation Sehnsucht, aber sein Stück heißt im Original nicht zufällig Eine Straßenbahn namens Sehnsucht (vgl. Der Lichtwolf 38, 2012), und Straßenbahnen pendeln bekanntlich. Einmal bei Bescheidenheit und Anstand angekommen, kann die „Rückfahrt“ sehr stolz ausfallen, nämlich über das Erreichte, hier die Überwindung der Hybris und die Selbsterkenntnis als Spezies – als einer unter von einander abhängigen vielen auf einem endlichen, an uns erkrankten Planeten.

Lektüreauswahl (soweit nicht im Netz recherchierbar)

Alain Accardo: Le petit bourgeois gentilhomme. Marseille 2009.

Günther Anders : Die Antiquiertheit des Menschen. 2 Bände. München 1956/1980.

Franz Broswimmer: Ecocide. A short history of the mass extinction of species. London 2002.

Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Frankfurt/Main 1996 (Original 1967).

Kurt R. Eissler: Todestrieb, Ambivalenz, Narzissmus. München 1980 (engl. Original 1975).

Heinz Kohut: Narzissmus. Frankfurt/M. 2007.

Stanisław Lem: Die Stimme des Herrn. Frankfurt/M.1983 und Golem XIV. Ebd. 1978.

Fabrice Nicolino : Un empoisonnement universel. Paris 2014.

Alan Weisman: The world without us. New York 2007.

Hans Wolter: (WW 31) Von Macht, Sucht, falschem Selbst und dem fehlenden Glanz im Auge der Mütter. Sepp B., Wladimir P., Helmut K., Margaret T., Napoleon B., Adolf H. & Silvio B. haben eines gemeinsam: Sie dulden und duldeten keine Majestätsbeleidigung.

www.HansWolter.com     –   www.WehrWolter.com

www.grau-musik.de (die Stücke Krummes Holz, Tanzt! und Ganz normal. Köln 2015)

Über den Lichtwolf

Die neue Moralische Quartalsschrift alter Schule für den verarmten Geistesadel und das gebildete Prekariat.

von Timotheus Schneidegger /

die subversive Kraft des Denkens gegen die akademischen und literarischen Blabla-Betriebe rehabilitieren – das ist Aufgabe des Lichtwolf. Im Widerstand gegen die Verzweckung des Daseins stand er von Anfang an im lichten Abseits.

Der Lichtwolf wurde im Sommer 2002 aus Übermut und Langeweile im Umfeld der Fachschaft Philosophie der Uni Freiburg gegründet. Der Studentengag wuchs sich im Laufe der Jahre grund- und ziellos zum fröhlichen Wissenschaftsmagazin aus.

Im Geiste der Publizistik des fin de siècle erkundet der Lichtwolf vierteljährlich, was im falschen Leben möglich ist. Seine spärliche Leserschaft bestärkt er darin, dass Leben und Denken auf scheinbar verlorenem Posten gut, schön und wahr sein kann. Indem er unermutigt und unerfolgreich (nicht erfolglos!) beharrlich weiter gegen jede ökonomische Vernunft erscheint, widerlegt der Lichtwolf Ausgabe für Ausgabe ihre Allgültigkeit.

Pünktlich zu jeder neuen Jahreszeit stellen Herausgeber, Autoren und Illustratoren – Akademiker aus der Unter- und Mittelschicht – über 100 aufgeräumte Seiten mit langen, schweren Texten und wenigen Bildern zusammen. Jede Ausgabe enthält seltene Lesefrüchte und seltsame Themen, aber keine Werbung. Der Lichtwolf nimmt seine Leser und die Philosophie ernst: Er ist anspruchsvoll wie eine Fachzeitschrift und lustig wie ein Punkzine.

Der Lichtwolf ist…

autonom  Mehr als nur unabhängig von Geldgebern und Vertriebspartnern.

pluralistisch  Jeder darf alles, nur die Menschenrechte gelten für alle oder für keinen.

historisch  Es hätte auch ganz anders sein können und alles, was ist, ist geworden; das Wie ist das Zweitinteressanteste daran!

schöngeistig  Vergangenheit und Fortschritt verpflichtet, sofern „schön“ auch „kritisch“ bedeutet.

skeptisch  Nichts ist selbstverständlich, erst recht nicht der Zweifel.

 

WehrWolter 100

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