„Grüße aus Fukushima“ – Was können wir bewahren, was müssen wir loslassen? Von Doris Dörrie über Charles Dickens zu Heinrich Böll und der literarischen Einordnung von Adolf Hitler: „Mein Kampf“ – Atomkraft & Flüchtlingskrise – Berlinale 2016 – (WehrWolter – ww 125 – Hans Wolter)

Trailer zum Text: Fukushima mon amour, eine poetische Geschichte vom Loslassen und Weiterleben – Gegen die Verdrängung. – Wir können als Menschen Radioaktivität nicht begreifen. – „Wir wollen, wenn wir ehrlich sind, nur das unser Computer läuft.“ – Eine Meister-Schülerin-Geschichte. – Was sollte ich weiterführen, was ablegen, was geht verloren: in meinem Leben? -„Mein Kampf“ – Von Charles Dickens über Adolf Hitler zu Heinrich Böll. – Ergänzt durch Überlegungen zur aktuellen Lage der Nation: Atomkraft & Flüchtlingskrise –Der Plot: Zwei sehr unterschiedliche Frauen nähern sich langsam einander an und werden mit den Geistern ihrer Vergangenheit konfrontiert.

„Ich möchte Euch ein paar Dinge fragen, die mich beschäftigen: Oft gerate ich in Panik, wenn ich sehe, welche Richtung mein Leben nimmt. Sehe ich richtig aus? Verdiene ich genug Geld? Bin ich glücklich? … was wäre, wenn ich alles verlöre, was mir lieb ist … und wie kann ich mich daran erinnern, dass dies mein Leben ist … mein einziges?“ (Marie)

 

„Grüße aus Fukushima“ – Was können wir bewahren, was müssen wir loslassen?

„Diese Katastrophe ist nicht die Katastrophe Japans, das ist unsere. Und dieses Gefühl der Verbundenheit, das wollte ich erzählen“, sagte die Autorin &Regisseurin Doris Dörrie, fünf Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, bei der Berlinale 2016. Ja, so funktioniert Kino, Text und Kunst: es ist immer UNSER eigener FILM, der in Gang kommt.

Viele denken das liefe getrennt, das Innen und Außen. Psychologisch gesehen ist diese Trennung Quatsch. Wir spiegeln uns in der Welt. Daher sieht auch jeder, zunächst einmal seinen eigenen Film. Natürlich gibt es auch die, dem Werk innewohnende Gestalt. Ist diese nicht überzeugend, wie z.B. bei RTL-TV etc., dann schlafen wir ein. Das ist ja häufig auch gewollt. Siehe Radio Gaga, Orwells 1984, Cäsars Brot und Spiel. Hitlers Filmpaläste etc..

Filme müssen eine KomplexEntwicklung haben, um uns zu packen. (Morphologische FilmPsychologie, Prof. W. Salber)

In Fukushima mon amour – so der Untertitel – geht es um den Komplex von Festhalten versus Loslassen. Da dies ein Grundkonflikt in der Entwicklung eines jedem von uns ist, kann uns der Film packen und sogar ein wenig verwandelt wieder aus dem Kino entlassen.

Die beiden hauptdarstellenden Frauen sind verbunden durch die Ausgangslage einer Stagnation. In ihrem Leben spüren sie, jeweils unterschiedlich, keinen richtigen Sinn mehr. Sie wollen aber auch nicht aufgeben. So entfaltet sich Schritt für Schritt über eine Annäherung (von West und Ost) der Entwurf eines Neuanfangs.

Auch durch die weltweite Flüchtlingskrise, verbunden mit einer gewaltigen Völkerwanderung, bekommt dieser Film seine frische Aktualität. Natürlich auch durch das Thema Atomkraft. Der größte Teil der „Herde“ verdrängt ja die damit verbundene Bedrohung für uns und unsere Nachfahren. Mit ihrem Film zeigt uns Dörrie: alte Menschen, die sich dem Schicksal fügen. Die jungen Japaner interessiert es – nach ihren Gesprächen vor Ort – sehr wenig. Sie haben Dörrie gesagt: „Wir wollen, wenn wir ehrlich sind, nur das unser Computer läuft.“ – Das wollen doch viele PegidaSchafe bei uns letztlich auch. Nur, es gibt keine einfachen Lösungen mehr: wie z.B. Grenzen dicht machen. Damit halten wir eine Flut langfristig nicht auf.

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Eine Geschichte gegen die Verdrängung.

Vom Loslassen und Weiterleben

 

„Grüße aus Fukushima“ ist weltweit der erste SpielFilm über die ReaktorKatastrophe in Japan. Nach Kirschblüten – Hanami kehrt Doris Dörrie, die auch das Drehbuch schrieb, erneut nach Japan zurück. Ihr schwarz-weiß gedrehtes Drama erzählt eine universelle, poetische Geschichte vom Loslassen und Weiterleben. Hierbei geht es um eine Meister-Schülerin-Geschichte. Es ist die sich entwickelnde Beziehung zwischen der alten Satomi, der letzten Geisha Fukushimas und Marie, einer jungen Deutschen, die auf der Flucht vor ihren zerplatzten Lebensträumen nach Japan reist.

 

 

Was können wir weiterführen, was geht verloren,

was müssen wir neu entwickeln?

 

Auf welchem Hintergrund entstand dieser Film? Dörrie reiste bereits ein halbes Jahr nach der Katastrophe nach Japan. Sie war tief erschüttert. In einem Interview am Rande der Berlinale (Deutschlandradio Kultur) ruft sie uns noch einmal ins Gedächtnis, dass dies vor fünf Jahren, drei Katastrophen innerhalb von 20 Minuten gewesen waren: das Erdbeben, der Tsunami und der Reaktorunfall. Ich finde, Fukushima ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr wir in unserer Kultur verdrängen. Japan ist trotz dieser verheerenden Katastrophe nicht aus der Atomenergie ausgestiegen. Im Gegenteil.

Fukushima7

Deutschland steigt aus. Das haben wir nicht nur der Tatsache zu verdanken, dass unsere Bundeskanzlerin Physikerin ist. Das hat meiner Meinung auch damit zu tun, dass Angela Merkel einen inneren Wandel vollzogen hat. Sie hat sich von der Mehrheitsverwalterin in eine Führungsperson verwandelt. Dem mag man zustimmen oder auch nicht. In meiner Achtung und Einschätzung hat sie damit gewonnen, dass sie nicht, wie die meisten ihrer Kollegen, nur auf die Meinungsumfragen schielt. Bleibt zu hoffen, dass sie das, was sie in der Energiefrage und der Flüchtlingskrise von der Tendenz her – in meinen Augen – richtig macht, auch auf andere Themen überträgt: wie z.B. TTIP.

 

 

„Grüße aus Fukushima“ erinnert mich auch an die Trümmerliteratur und Heinrich Böll

 

„Aber wir wollen es so sehen, wie es ist, mit einem menschlichen Auge, das normalerweise nicht ganz trocken und nicht ganz nass ist, sondern feucht ‑ und wir wollen daran erinnern, dass das lateinische Wort für Feuchtigkeit Humor ist ‑, ohne zu vergessen, dass unsere Augen auch trocken werden können oder nass; dass es Dinge gibt, bei denen kein Anlass für Humor besteht.“ (Heinrich Böll)

 

Auf diese Zusammenhänge gehe ich später ein.

 Fukushima 1

 

Wir können als Menschen Radioaktivität nicht begreifen.

Doris Dörrie beschreibt, dass sie nach der Katastrophe einen alten Mann gesehen hat, der einfach nur dagesessen und ihr gesagt hat: „mein ganzes Leben ist weg. Alles was ich bin ist weg.“ Fünf Jahre später leben die Menschen immer noch in Notunterkünften. Inzwischen aufgeräumt. Kilometerweise Plastiksäcke mit radioaktiver Erde. Die Leute warten seit fünf Jahre darauf, dass ihr Leben wieder eine Richtung, eine Perspektive bekommt. Viele Männer haben sich umgebracht. Viele haben angefangen zu trinken oder sind spielsüchtig geworden. Diejenigen, die überhaupt das Leben am Laufen halten, sind die Frauen. Sie haben sehr viel Kooperativen gegründet. Angefangen von Häkelclubs oder Geschichtenerzählkr eisen, weil das Leben dort auch einfach unheimlich langweilig ist. Für die olympischen Spiele 2020 wird alles aufgeräumt. Bis dahin soll nicht mehr zu sehen sein.

 

 

Der Plot: Zwei sehr unterschiedliche Frauen

nähern sich langsam einander an und werden mit den Geistern ihrer Vergangenheit konfrontiert.

 

Marie, eine junge Deutsche, reist auf der Flucht vor ihren zerplatzten Lebensträumen nach Japan. Sie schließt sich der Organisation Clowns4Help an, die im Katastrophengebiet von Fukushima den Opfern der Dreifachkatastrophe von 2011 ein wenig Freude in die Notunterkünfte bringen will, in denen überwiegend ältere Menschen noch immer leben, weil sie nicht wegziehen wollten oder konnten. Doch Marie muss sich bald eingestehen, dass sie für diese Aufgabe überhaupt nicht geeignet ist. Kurz davor, erneut davonzulaufen, begegnet sie der eigenwilligen Satomi, der letzten Geisha Fukushimas, die es sich in den Kopf gesetzt hat, in ihr zerstörtes Haus in der Sperrzone zurückzukehren. Maria hilft Satomi bei den Aufräumarbeiten. Dabei kommen sich die junge und die alte Frau, die unterschiedlicher nicht sein könnten, langsam näher und werden beide mit den Geistern ihrer Vergangenheit konfrontiert.

Trailer zum Film

 

Was sollte ich weiterführen, was ablegen: in meinem Leben?

 

Mich erinnert das Anliegen von Doris Dörrie spontan an Heinrich Böll. Er hatte sich in der sogenannten „Trümmerliteratur“ den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs zugewannt. Leider fand er damit nicht das Gehör, was ihm zugestanden hätte und was wichtig für die Aufarbeitung unserer grausamen Vergangenheit wichtig gewesen wäre. Der Wille zum Wirtschaftswunder forcierte rasch die Verdrängung. Viele Deutsche wollten nicht mehr mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden. Vergleichbar mit der Wiedervereinigung Deutschlands. Viele Menschen erlagen dem Sog der D-Mark. Da blieb keine Zeit, die DDR-Vergangenheit so aufzuarbeiten, dass der Westen gute Dingehätte integrieren können. Das neue Paar zog nicht in eine neue gemeinsame Wohnung. Beide zogen ins Haus vom alten Papa Kohl.

 Fukushima 2

Ich glaube, der Film von Doris Dörrie kann hier die psychische Abwehr unterlaufen.

 

„Ich hoffe, dass es uns gelungen ist, eine Geschichte zu erzählen, die einen sehr schweren Anfang hat, die dann aber eine Leichtigkeit entwickelt und einen am Ende dann auch mit einem leichten Gefühl, aus dem Kino entlässt.“ (Doris Dörrie)

 

 

„Mein Kampf“ –

Von Charles Dickens über Adolf Hitler zu Heinrich Böll.

 

Ein – in meinen Augen – ausgezeichneter Aufsatz des Kölner Literaturnobelpreisträgers.

 

Abschließend möchte ich ihn noch einmal zu Wort kommen lassen. Daher gebe ich sein Statement zur Trümmerliteratur wörtlich noch einmal wieder. Einmal, weil es zu meinen Lieblingstexten von Böll gehört, aber eher noch, weil er das gerade wieder veröffentlichte Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler angemessen einordnet.

 Heinrich Böll 8

 

Heinrich Böll Bekenntnis zur Trümmerliteratur

 

Heinrich Böll (1917‑1985) hatte nach dem Abitur eine Buchhandelslehre abgeschlossen, war dann aber viele Jahre Soldat. Bereits 1936 begann er zu schreiben, wurde nach dem Krieg durch seine Kurzgeschichten und Satiren sowie seine Romane bekannt. In seinen frühen Werken schildert er realistisch das Grauen des Krieges und die Not der Nachkriegs­jahre. Später übte er Kritik an Auswüchsen der Wohlstandsgesellschaft und den sozial­moralischen Ansprüchen kirchlicher und staatlicher Institutionen. Seine Liebe gehörte einfachen Menschen und Außenseitern. Seine letzten Werke galten den großen Problemen der Zeit. Wiederholt hat er sich in die öffentliche Diskussion eingeschaltet. Das „Bekenntnis“ dieses Aufsatzes von 1952 zur Trümmerliteratur hat Böll nie verraten.

 

„Die ersten schriftstellerischen Versuche unserer Generation nach 1945 hat man als Trümmerliteratur bezeichnet, man hat sie damit abzutun versucht. Wir haben uns gegen diese Bezeichnung nicht gewehrt, weil sie zu Recht bestand: tatsächlich, die Menschen, von denen wir schrieben, lebten in Trümmern, sie kamen aus dem Kriege, Männer und Frauen in gleichem Maße verletzt, auch Kinder. Und sie waren scharfäugig: sie sahen. Sie lebten keineswegs in völligem Frieden, ihre Umgebung, ihr Befinden, nichts an ihnen und um sie herum war idyllisch, und wir als Schreibende fühlten uns ihnen so nahe, dass wir uns mit ihnen identifizierten. Mit Schwarzhändlern und den Opfern der Schwarzhändler, mit Flüchtlingen und allen denen, die auf andere Weise heimatlos geworden waren, vor allem natürlich mit der Generation, der wir angehörten und die sich zu einem großen Teil in einer merk‑ und denkwürdigen Situation befand: sie kehrte heim. Es war die Heimkehr aus einem Krieg, an dessen Ende kaum noch jemand hatte glauben können.

Wir schrieben also vom Krieg, von der Heimkehr und dem, was wir im Krieg gesehen hatten und bei der Heimkehr vorfanden: von Trümmern; das ergab drei Schlagwörter, die der jungen Literatur angehängt wurden: Kriegs‑, Heimkehrer‑ und Trümmerliteratur.

Die Bezeichnungen als solche sind berechtigt: es war Krieg gewesen, sechs Jahre lang, wir kehrten heim aus diesem Krieg, wir fanden Trümmer und schrieben darüber. Merkwürdig, fast verdächtig war nur der vorwurfsvolle, fast gekränkte Ton, mit dem man sich dieser Bezeichnung bediente: man schien uns zwar nicht verantwortlich zu machen dafür, dass Krieg gewesen, dass alles in Trümmern lag, nur nahm man uns offenbar übel, dass wir es gesehen hatten und sahen, aber wir hatten keine Binde vor den Augen und sahen es: ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers.

Die Zeitgenossen in die Idylle zu entführen würde uns allzu grausam erscheinen, das Erwachen daraus wäre schrecklich, oder sollen wir wirklich Blindekuh miteinander spielen?

Aber zu Anfang des 19. Jahrhunderts lebte in London ein junger Mann, der kein erfreuliches Leben hinter sich hatte: sein Vater hatte Bankrott gemacht, war ins Schuldgefängnis geraten, und der junge Mann selbst hatte in einer Fabrik für Schuhwichse gearbeitet, ehe er seine vernachlässigte Schulbildung aufholen und Reporter werden konnte. Bald schrieb er Romane, und in diesen Romanen schrieb er über das, was seine Augen gesehen hatten: seine Augen hatten in die Gefängnisse, in die Armenhäuser, in die englischen Schulen hineingesehen, und was der junge Mann gesehen hatte, war wenig erfreulich, aber er schrieb darüber und das Merkwürdige war: seine Bücher wurden gelesen, sie wurden von sehr vielen Menschen gelesen und der junge Mann hatte einen Erfolg, wie er selten einem Schriftsteller beschieden ist: die Gefängnisse wurden reformiert, die Armenhäuser und Schulen einer gründlichen Betrachtung gewürdigt und: sie änderten sich.

 

Allerdings: dieser junge Mann hieß Charles Dickens, und er hatte sehr gute Augen. [. . .] Ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers, ein Auge, gut genug, ihn auch Dinge sehen zu lassen, die in seinem optischen Bereich noch nicht aufgetaucht sind.

 

Nehmen wir an, das Auge des Schriftstellers sieht in einen Keller hinein: dort steht ein Mann an einem Tisch, der Teig knetet, ein Mann mit mehlbestaubtem Gesicht: der Bäcker. Er sieht ihn dort stehen, wie Homer ihn gesehen hat, wie er Balzacs und Dicken’s Augen nicht entgangen ist ‑ den Mann, der unser Brot backt, so alt wie die Welt, und seine Zukunft reicht bis ans Ende der Welt. Aber dieser Mann dort unten im Keller raucht Zigaretten, er geht ins Kino, sein Sohn ist in Russland gefallen, dreitausend Kilometer weit liegt er begraben am Rande eines Dorfes; aber das Grab ist eingeebnet, kein Kreuz steht darauf, Traktoren ersetzen den Pflug, der diese Erde sonst gepflügt hat. Das alles gehört zu dem bleichen und sehr stillen Mann dort unten im Keller, der unser Brot backt ‑ dieser Schmerz gehört zu ihm, wie auch manche Freude dazu gehört.

Der Blindekuh‑Schriftsteller sieht nach innen, er baut sich eine Welt zurecht. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts lebte in einem süddeutschen Gefängnis ein junger Mann, der ein sehr dickes Buch schrieb; der junge Mann war kein Schriftsteller, er wurde auch nie einer, aber er schrieb ein sehr dickes Buch, das den Schutz der Unlesbarkeit genoss, aber in vielen Millionen Exemplaren verkauft wurde: es konkurrierte mit der Bibel! Es war das Buch eines Mannes, dessen Augen nichts gesehen hatten, der in seinem Inneren nichts anderes hatte als Hass und Qual, Ekel und manch Widerwärtiges noch ‑ er schrieb ein Buch, und wir brauchen nur die Augen aufzuschlagen: wohin wir blicken, sehen wir die Zerstörungen, die auf das Konto dieses Menschen gehen, der sich Adolf Hitler nannte und keine Augen gehabt hatte, um zu sehen: seine Bilder waren schief, sein Stil war unerträglich ‑ er hatte die Welt nicht mit dem Auge eines Menschen gesehen, sondern in der Verzerrung, die sein Inneres sich davon gebildet hatte.

 

Wer Augen hat zu sehen, der sehe! Und in unserer schönen Muttersprache hat Sehen eine Bedeutung, die nicht mit optischen Kategorien allein zu erschöpfen ist: wer Augen hat, zu sehen, für den werden die Dinge durchsichtig ‑ und es müsste ihm möglich werden, sie zu durchschauen, und man kann versuchen, sie mittels der Sprache zu durchschauen, in sie hineinzusehen. Das Auge des Schriftstellers sollte menschlich und unbestechlich sein: man braucht nicht gerade Blindekuh zu spielen, es gibt rosarote, blaue, schwarze Brillen ‑ sie färben die Wirklichkeit jeweils so. wie man sie gerade braucht. Rosarot wird gut bezahlt, es ist meistens sehr beliebt und der Möglichkeiten zur Bestechung gibt es viele ‑, aber auch Schwarz ist hin und wieder beliebt, und wenn es gerade beliebt ist, wird auch Schwarz gut bezahlt.

Heinrich Böll 7

Aber wir wollen es so sehen, wie es ist, mit einem menschlichen Auge, das normalerweise nicht ganz trocken und nicht ganz nass ist, sondern feucht ‑ und wir wollen daran erinnern, dass das lateinische Wort für Feuchtigkeit Humor ist ‑, ohne zu vergessen, dass unsere Augen auch trocken werden können oder nass; dass es Dinge gibt, bei denen kein Anlass für Humor besteht.

Unsere Augen sehen täglich viel: sie sehen den Bäcker, der unser Brot backt, sehen das Mädchen in der Fabrik ‑ und unsere Augen erinnern sich der Friedhöfe; und unsere Augen sehen Trümmer: die Städte sind zerstört, die Städte sind Friedhöfe, und um sie herum sehen unsere Augen Gebäude entstehen, die uns an Kulissen erinnern, Gebäude, in denen keine Menschen wohnen, sondern Menschen verwaltet werden, verwaltet als Versicherte, als Staatsbürger, Bürger einer Stadt, als solche, die Geld einzahlen oder Geld entleihen ‑ es gibt unzählige Gründe, um derentwillen ein Mensch verwaltet werden kann.

Es ist unsere Aufgabe, daran zu erinnern, dass der Mensch nicht nur existiert, um verwaltet zu werden ‑ und dass die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur äußerer Art sind und nicht so geringfügiger Natur, dass man sich anmaßen kann, sie in wenigen Jahren zu heilen.

Der Name Homer ist der gesamten abendländischen Bildungswelt unverdächtig: Homer ist der Stammvater europäischer Epik, aber Homer erzählt vom Trojanischen Krieg, von der Zerstörung Trojas und von der Heimkehr des Odysseus ‑ Kriegs‑, Trümmer‑ und Heimkehrerliteratur ‑, wir haben keinen Grund, uns dieser Bezeichnung zu schämen.“

Fukushima0

 

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