30 Jahre Tschernobyl – auch ein GAU für die Psyche vieler Menschen – Depressionen und Traumatisierungen werden als Folge von Atomkatastrophen häufig unterschätzt – 5 Jahre Fukushima – (WehrWolter – ww 146 – Hans Wolter)

Vor 30 Jahren gab es die Atomkatastrophe in Tschernobyl, vor 5 Jahren in Fukushima. Die damit einhergehenden psychischen Folgen werden häufig übersehen. Der Anteil an schweren psychischen Erkrankungen wie Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen ist selbst 20 Jahre nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl noch sehr hoch gewesen. Ähnliche Probleme gebe es nach dem Gau in Fukushima. Einer Studie zu Folge leiden 14,6 Prozent der Erwachsenen, die wegen der Katastrophe die Provinz Fukushima verlassen mussten, an psychischen Problemen. Dies sind fast fünf Mal mehr als in der sonstigen Bevölkerung (3 Prozent). Dies führen die Forscher der Fukushima Medical University auch darauf zurück, dass die Evakuierungen recht chaotisch abliefen und die Betroffenen nur unzureichend über Gesundheitsgefahren informiert wurden.

„Obwohl die Strahlenbelastung für die Menschen nach Fukushima relativ niedrig war und keine erkennbaren körperlichen Gesundheitsschäden erwartet werden, hatten psychische und soziale Probleme einen verheerenden Einfluss auf das Leben der Menschen“, sagt der Studienleiter Koichi Tanigawa in einer Lancet-Mitteilung .

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Vor 30 Jahren war die Kommunikation – war die Welt – noch eine andere.

1986 war ein gruseliges Jahr. Ich kann mich noch genau daran erinnern. Ein großes Pfadfinderlager für 5.000 Kinder und Jugendliche, in dessen Organisationsteam ich früher mitwirkte, wurde im Münsterland kurzfristig abgesagt und für eine Jahr verschoben. Wir haben uns nicht mehr getraut Pfifferlinge zu essen oder auf Aschenplätzen Fußball zu spielen. Wir fürchteten den radioaktiven Regen.

Es gab weder Internet, noch Twitter und keine Sofortwarnungen sich in Sicherheit zu bringen. Niemand riet der Bevölkerung in ihren Häusern zu bleiben oder warnte sie davor, verseuchte Lebensmittel zu essen. Das alles hätte Menschen weniger Strahlung ausgesetzt. Noch wichtiger: Es hätte wahrscheinlich verhindert, dass sie Milch trinken, die mit radioaktivem Jod verseucht war. Das war auch der Grund, weshalb später etwa die Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen unter Kindern in den betroffenen Gegenden dramatisch angestiegen ist.

In Fukushima Nach der Atomkatastrophe wurden solche Strahlenfolgen weitgehend verhindert. Vor allem, weil rechtzeitig Nahrungsmittelbeschränkungen ausgerufen und die Bevölkerung in Sicherheit gebracht worden ist. Genau das war das größte Problem in Tschernobyl.

Zwischen 1991 und 2005 wurden mehr als 6.000 Krebsfälle unter den Kindern aus den betroffenen Gebieten um Tschernobyl diagnostiziert. Ein wesentlicher Teil davon ist durch die Strahlung verursacht worden. Diese Fälle wurden schnell aufgespürt und die Patienten behandelt. 

 

Die Angst vor der Strahlung hatte einen enormen psychologischen Effekt auf die Bevölkerung.

Vor allen Dingen vor Ort. Die Auswirkungen der Strahlung auf die Gesundheit wurden niemals öffentlich bestätigt – weder in Belarus, Russland und der Ukraine noch im restlichen Europa. Die Angst vor der Strahlung war allerdings sehr groß. Sie hatte einen enormen psychologischen Effekt auf die Bevölkerung.

Die Angst wiegt schwerer als die Strahlung selbst. Traumatische Erlebnisse verursachen Stress, das ist bekannt. Dies kann den kompletten Lebensstil eines Menschen verändern, Depressionen und physische Symptome verursachen. Außerdem können sich andere negative soziale Phänomene herausbilden, etwa Alkoholismus. Genau diese Folgen wurden in den kontaminierten Gebieten beobachtet. Hinzu kam, dass Personen aus der betroffenen Bevölkerung rasch als Tschernobyl-Opfer bekannt wurden. So etwas beeinflusst Menschen, wirkt sich darauf aus, wie sie sich fühlen und wie sie sich verhalten. Anstatt sich selbst als Überlebende zu sehen, begannen viele sich hilflos zu fühlen, ohne jede Kontrolle über ihre Zukunft.

 

Zum 70. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki

Die Forscher der Fukushima Medical University im Medizinjournal „The Lancet“ fordern die betroffene Bevölkerung über die tatsächlichen Gesundheitsrisiken durch Atomunfälle besser aufzuklären. 


Verlässliche Kommunikation mit der Bevölkerung gehört zu den wichtigsten Aufgaben nach einer Atomkatastrophe

 

Akira Ohtsuru von der Fukushima Medical University führt in einer weiteren Studie in The Lancet aus, dass es eine der wichtigsten Aufgaben der Gesundheitsdienste sei, „verlässlich zu kommunizieren, dass bei den meisten Atomunfällen nur sehr wenige Menschen einer lebensbedrohlichen Dosis von Radioaktivität ausgesetzt sind.“

Man muss der Bevölkerung helfen, die Gesundheitsrisiken zu verstehen. Zudem müssten mentale Erkrankungen von Bewohnern, die ihre Häuser verlassen mussten, beobachtet und behandelt werden. Nach dem Gau in Fukushima am 11. März 2011 waren 170.000 Bewohner im Umkreis von 30 Kilometern der Atomruine aus der Gefahrenzone gebracht worden. Bei einem Drittel der weltweit insgesamt 437 Atomkraftwerke lebten teils deutlich mehr Menschen innerhalb eines solchen Radius. Bei 21 AKW seien es mehr als eine Million.

Eine dritte Forschergruppe um Kenji Kamiya von der Hiroshima University schreibt, dass die Krebsgefahr im Falle moderater und hoher Strahlendosen deutlich steigt. Unklar bleibe dagegen das Risiko bei niedrigen Strahlenwerten – also 0,1 Gray oder weniger. Forschung sei nicht nur wichtig, um die Auswirkungen von Atomkatastrophen auf die Gesundheit zu ermitteln, sondern auch, um Grenzwerte und Standards zum Strahlenschutz zu entwickeln. (Quelle: ZEIT ONLINE)

Zum aktuellen Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl zitiere ich zunächst einen Artikel von Michail Balanow aus der ZEIT ONLINE. Danach gehe ich noch einmal auf die Katastrophe von Fukushima ein.

Tschernobyl-Jahrestag:  

Ich war dabei, als Tschernobyl begann

Vor 30 Jahren explodierte Block 4, zu spät kam der Alarm. Erst zwei Tage später wurde unser Autor, ein Strahlenbiologe, angerufen. Haben wir aus den Fehlern gelernt?

Ein Gastbeitrag von Michail Balonow

 

Read the English version of this article here.

Dreißig Jahre sind vergangen, doch ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen. Am 26. April 1986 hörte ich zum ersten Mal die Gerüchte über den Reaktorunfall in Tschernobyl – damals war ich leitender Wissenschaftler am Institut für Strahlungshygiene im heutigen Sankt Petersburg. Der offizielle Anruf kam erst 48 Stunden später. 

Während der folgenden Stunden dachte wohl niemand, mich eingeschlossen, dass wir gerade Zeugen eines Ereignisses wurden, das Folgen für die nächsten Jahrzehnte haben sollte. Die Erkenntnis kam mir erst, nachdem die ersten Rettungsteams mit Informationen und Eindrücken aus erster Hand zurückkehrten. Im Juni 1986 reiste ich als Leiter des Notfallteams selbst an die Orte in Russland, die am stärksten betroffen waren. Bis heute ist das Wort Tschernobyl traurigerweise für viele Menschen gleichbedeutend mit Katastrophe.  

Zwei Tage nach dem Anruf vor drei Jahrzehnten kamen die ersten 200 Evakuierten aus Pripjat in meine Stadt. Innerhalb weniger Monate stieg ihre Zahl auf 25.000. Die Menschen kamen sowohl aus der Ukraine als auch aus Belarus. 30 Arbeiter starben direkt durch den Unfall, 100 weitere erlitten Strahlenverletzungen.  

1986 evakuierte die sowjetische Regierung ein riesiges Gebiet rund um den Reaktor, 115.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen. Später wurden 220.000 weitere umgesiedelt: aus dem heutigen Belarus, aus Russland und der Ukraine. In diesen drei Ländern waren große Flächen mit radioaktiven Stoffen verseucht und in beinahe allen Ländern der nördlichen Hemisphäre konnten Radionuklide aus Tschernobyl gemessen werden.

Michail Balonow ist Professor für Radiobiologie und hat mehr als 40 Jahre Erfahrung im Bereich Strahlenschutzes. Er trug einen erheblichen Teil zu den UNSCEAR-Berichten über Tschernobyl und Fukushima bei.

Damals war die Welt noch eine andere. Es gab kein Internet, kein Twitter und keine Sofortwarnungen sich in Sicherheit zu bringen. Niemand riet der Bevölkerung in ihren Häusern zu bleiben oder warnte sie davor, verseuchte Lebensmittel zu essen. Das alles hätte Menschen weniger Strahlung ausgesetzt. Noch wichtiger: Es hätte wahrscheinlich verhindert, dass sie Milch trinken, die mit radioaktivem Jod verseucht war. Das war auch der Grund, weshalb später etwa die Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen unter Kindern in den betroffenen Gegenden dramatisch angestiegen ist.

Nach der Atomkatastrophe im japanischen Kraftwerk Fukushima Daiichi vor fünf Jahren wurden solche Strahlenfolgen weitgehend verhindert. Vor allem, weil rechtzeitig Nahrungsmittelbeschränkungen ausgerufen und die Bevölkerung in Sicherheit gebracht worden ist. Genau das war das größte Problem in Tschernobyl: die Reaktion auf den Notfall. Menschen mussten ihre Häuser kurzfristig verlassen, im Wissen, dass sie vielleicht nie wieder zurückkehren können, wir befragten sie wie viel Strahlung sie ausgesetzt gewesen sein könnten, erkundigten uns also nach ihren Ernährungsgewohnheiten und sonstigen Aktivitäten.   

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Mehr als 6.000 Krebsfälle unter Kindern

Ich selbst habe mich als Wissenschaftler vor allem mit dem Schutz der Öffentlichkeit beschäftigt. Während meine Kollegen und ich in die verseuchten Gebiete reisten, um Daten zu sammeln und zu helfen, wo wir konnten, begannen Tag und Nacht zu verschwimmen. Wir waren nur auf bestimmte Arten von Unfällen vorbereitet, auf jene, die man sich vorstellen konnte. Dafür gab es detaillierte technische Anleitungen und Notfallanweisungen. Tschernobyl war kein solcher Unfall, niemand hatte ihn für möglich gehalten. Wir konzentrierten uns darauf die Strahlenwerte zu überwachen und beurteilten die Dosen, denen Menschen ausgesetzt gewesen sein könnten, schlugen Gegenmaßnahmen vor. Doch innerhalb kurzer Zeit wurde es immer komplizierter auf die Krise zu reagieren. Schuld daran waren die enormen ökonomischen, sozialen und politischen Umwälzungen während und nach dem Zusammenbruch der UdSSR. 

Wie ein Gespenst

Zwischen 1991 und 2005 wurden mehr als 6.000 Krebsfälle unter den Kindern aus den betroffenen Gebieten um Tschernobyl diagnostiziert. Ein wesentlicher Teil davon ist durch die Strahlung verursacht worden. Diese Fälle wurden schnell aufgespürt und die Patienten behandelt. 

Die Angst vor der Strahlung war größer

Trotz gegenteiliger Behauptungen wurden keine anderen Auswirkungen der Strahlung auf die Gesundheit jemals öffentlich bestätigt – weder in Belarus, Russland und der Ukraine noch im restlichen Europa. Die Angst vor der Strahlung aber war größer und sie hatte einen enormen psychologischen Effekt auf die Bevölkerung – vor allem vor Ort. Dieser wiegt schwerer als die Strahlung selbst. Traumatische Erlebnisse verursachen Stress, das ist bekannt. Dies kann den kompletten Lebensstil eines Menschen verändern, Depressionen und physische Symptome verursachen. Außerdem können sich andere negative soziale Phänomene herausbilden, etwa Alkoholismus. Genau diese Folgen wurden in den kontaminierten Gebieten beobachtet. Hinzu kam, dass Personen aus der betroffenen Bevölkerung rasch als Tschernobyl-Opfer bekannt wurden. So etwas beeinflusst Menschen, wirkt sich darauf aus, wie sie sich fühlen und wie sie sich verhalten. Anstatt sich selbst als Überlebende zu sehen, begannen viele sich hilflos zu fühlen, ohne jede Kontrolle über ihre Zukunft.   

Als ich Anfang dieses Jahren in Iwaki in der Präfektur Fukushima zu Besuch war, überhäuften mich die Menschen mit Fragen: Etwa, ob es sicherer sei, die Kinder zur Schule zu fahren, anstatt sie zu Fuß gehen zu lassen. Bauern waren besorgt, dass ihre Kinder die Landwirtschaft verlassen könnten, weil sie für diese Arbeit stundenlang draußen sein müssten und so größeren Mengen radioaktiver Strahlung ausgesetzt seien.  

Die Natur hat die schlimmsten Wunden geheilt

Dies zeigt, wie lebensnotwendig es ist, sich mit den Erfahrungen aus den vergangenen Strahlenunfällen zu beschäftigen. Die betroffene Bevölkerung braucht wissenschaftlich fundierte Antworten und jede Form von Unterstützung und Beratung. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion, die wir aus der Katastrophe von Tschernobyl gelernt haben.  

Natürlich muss es auch ein Notfallsystem geben, das auf dem aktuellen Stand der Technik ist – eines, das praktisch und bevölkerungsnah ist und nicht nur eine theoretische Überlegung. Die Menschen sollten spüren, dass sich jemand um sie kümmert, nur so wird die Angst geringer, der Stress kleiner. Das ist genauso wichtig wie die Frage, wie viel Strahlung sie wirklich ausgesetzt gewesen sind. 30 Jahre nach Tschernobyl hat die Natur die schlimmsten Wunden geheilt. Ein neuer Wald ist nahe der Anlage gewachsen, dort wo 1986 der Red Forest entstanden war. Hier hatten sich die Baumkronen als Folge der Strahlung einst rot gefärbt.

Die Sperrzone ist heute ein Naturreservat. Die Strahlenexposition für den Menschen war hier 2015 um das mehrere Hundertfache geringer als noch 1986 und sie sinkt weiter. Nichtsdestoweniger wird eine Fläche von Tausenden Quadratkilometern noch über Jahrzehnte mit langlebigen Radionukliden verseucht bleiben. Auch die Konzentrationen der Teilchen in Nutztieren und Wild sowie in Obst, Gemüse und Pilzen, wie in Beeren und in Fischen aus Seen werden noch lange Zeit erhöht bleiben. Deshalb ist eine regelmäßige Überwachung nötig und in manchen Gebieten auch der weitere Wiederaufbau der Umwelt.

Zehntausende Menschen aus den betroffenen Gebieten sind jedes Jahr etwas über einem Millisievert zusätzlicher Radioaktivität ausgesetzt – verursacht durch den Tschernobyl-Fallout. Jede Form radioaktiver Strahlung ist schädlich. Doch liegen diese Werte nur wenig höher über dem Wert der Hintergrundstrahlung aus natürlichen Quellen, die es überall auf der Welt gibt und die im Schnitt etwa 2,4 Millisievert pro Jahr beträgt. Mancherorts sind die Dosiswerte rund um Tschernobyl sogar geringer als in einigen anderen Ländern. Je nachdem, wo auf der Welt man lebt, kann die natürliche Strahlung zwischen einem und zehn Millisievert pro Jahr betragen – ohne messbare Konsequenzen für die Gesundheit. Auch gibt es bislang keine wissenschaftliche Grundlage dafür, dass die aktuellen Strahlenwerte in den betroffenen Gebieten um Tschernobyl zu nachweisbar mehr Todesfällen oder Erkrankungen wie Krebs führen.

In Russland, Belarus und der Ukraine laufen weiterhin groß angelegte nationale Programme mit dem Ziel, die Folgen von Tschernobyl zu überwinden. Die internationale Gemeinschaft trägt mit ihrer Expertise und Unterstützung immer noch einen wesentlichen Teil zu diesen Bemühungen bei. Die Internationale Atomenergie-Agentur IAEA stellte Schutz- und Überwachungsausrüstung für die belarussische Feuerwehr zur Verfügung, die Weltgesundheitsorganisation WHO sendete ihre Gesundheitsexperten und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP unterstützte die Weitergabe von Informationen an die Öffentlichkeit. 

Der Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung, kurz UNSCEAR, ist die Stimme der Vereinten Nationen wenn es um die Effekte von ionisierender Strahlung geht. Der letzte UNSCEAR-Bericht zu Tschernobyl stammt aus dem Jahr 2008. Er kam zu dem Schluss, dass aus radiologischer Sicht die Aussichten für die Gesundheit der betroffenen Personen generell positiv sind.   

Ich war dabei, als alles begann und ich bin stolz ein Teil des Prozesses gewesen zu sein, der versucht hat die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Auch UNSCEAR wird seine Nachsorge für die Gesundheits- und Umweltfolgen in Tschernobyl fortsetzen.

(Quelle: http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-04/tschernobyl-jahrestag-strahlung-fukushima-michail-balonow/komplettansicht)

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Fukushima: Fünf Jahre nach der Jahrhundertkatastrophe treibt Japan den nuklearen Neustart voran. – Merkels Wandel vom Saulus zum Paulus. – Während die Atomlobby auf Vergesslichkeit setzt, machen Kunst & Naturwissenschaft das Unsichtbare sichtbar: Radioaktivität. – „Das Gift der kleinen Dinge“ & „Kunst und Fakten“ – (WehrWolter – ww 133 – Hans Wolter)

(11. März 2016)

Kurz gefasst, für den eiligen Leser: Fukushima & nuklearer Neustart Japans heute. Die Mächtigen bauen auf Vergesslichkeit/ Deutschland schafft erstaunlicherweise den Ausstieg aus der Atomenergie. Angela Merkel wandelte sich nach dem japanischen GAU, vom Atomkraftfan zur Aussteigerin. / Wie geht die Kunst mit der Jahrhundertkatastrophe um? „Das Gift der kleinen Dinge“: Ein Projekt von Künstlern und Naturwissenschaftlern macht das Unsichtbare sichtbar: Radioaktivität. Geduldig haben sie verstrahlte Objekte gesammelt und mit der Technik aus der Mikroskopie wie der Medizin experimentiert, bis es funktionierte. Das Ergebnis: stille Fotografien, vermeintlich unscheinbare Doppelbilder, denen die Magie des Schreckens innewohnt. – Ausstellung: „Kunst und Fakten“/ In ihrem Schwarz-Weiß-Film: „Grüße aus Fukushima“, gestehen japanische Jugendliche der Autorin und Regisseurin Doris Dörrie im Interview: “Wir wollen, wenn wir ehrlich sind, nur das unser Computer läuft”. Über die Atomkraft hinaus, stellt uns der Film allen, die tiefergehende Frage: Was können wir bewahren, was müssen wir loslassen?

Japan fällt es schwer, sich vom Mythos des „nuklearen Kreislaufs“ zu verabschieden.

 

Verspricht diese magische Kraft doch die Autonomie vom Weltmarkt. Durch die Wiederaufbereitung von verbrauchtem Uran aus eigenen Kernkraftwerken, so die Theorie, könne sich das rohstoffarme Land langfristig energiepolitisch unabhängig machen. Allerdings lehnt die Mehrheit der Japaner, Umfragen zufolge, den nuklearen Neustart ab. Doch die Atomlobby ist nach wie vor noch mächtig.

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Sie scheint aus dem Jahrhundert-Desaster wenig gelernt zu haben und setzt auf die Vergesslichkeit der Menschen sowie finanzielle Anreize. Sie versprechen bald die Strompreise zu senken. Die Realität verhält sich genau umgekehrt. Seit der Katastrophe leiden die Stromversorger unter hohen Verlusten. Einerseits wissen die Menschen, spätestens nach dem GAU von Fukushima, der Zehntausende Japaner aus ihrer Heimat vertrieb, dass sie für Strom aus Kernenergie letztlich einen noch höheren Preis bezahlen müssen. Andererseits ist die Atomlobby offensichtlich immer noch mächtiger. – Umso erfreulicher und erstaunlicher finde ich es, dass ausgerechnet eine Politikerin aus der Union, in Deutschland der Atomlobby zu trotzen vermag.

 

Merkels Wandlung vom Saulus zum Paulus

 Bis zur Reaktorkatastrophe in Fukushima war Merkel noch ein Fan der Atomkraft. Es sei doch „jammerschade“, gab sie beispielsweise im Sommer 2009 zu Protokoll, „wenn Deutschland aussteigen würde“. Das führte zunächst zu der von der Regierung Merkel beschlossene Laufzeitverlängerung für die deutschen Atommeiler. Nach dem GAU setzte sich die Physikerin Merkel für eine radikale Kehrtwende ein. Es kam zu einer Verkürzung der Laufzeiten. Für die Atomlobby muss das so etwas, wie ein zweiter Mauerfall gewesen sein.Atomkraft1

Angela Merkel ist nicht nur Physikerin, sie weiß seit einiger Zeit auch zu führen. Wer auf der Bühne steht, muss auch mit Buhrufen rechnen. Diese sind aber im Fall der Bundeskanzlerin Merkel in meinen Augen unverhältnismäßig hoch. Sollte das explosible Gemisch aus Pegida, AfD, Seehofer & Co. tatsächlich irgendwann zu einem Sturz der Kanzlerin führen, dann glaube ich nicht an eine Verbesserung im Umgang mit der Energie- & Flüchtlingskrise. Der rechte Mob bellt in erster Linie destruktiv. Konstruktive Lösungen traue ich diesem Lager nicht zu. Intelligente Lösungen müssen zunehmend in internationaler Zusammenarbeit herbeigeführt werden. Wenn nämlich jedes Land einen Autonomiestatus nach dem Muster der Schweiz anstrebt, wird ein einigermaßen friedliches Wirtschaften & Zusammenleben nicht mehr funktionieren.

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Nachfolgend ein Beispiel der künstlerisch-naturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Jahrhundertkatastrophe von Fukushima. Zusammengefasst von Christiane Peitz von „Der Tagesspiegel“

Fünf Jahre nach Fukushima:  Das Gift der kleinen Dinge

Fukushima und die Kunst nach der Katastrophe: Jetzt gibt es Fotos, die das Unsichtbare erstmals wie im Röntgenbild zeigen – die Radioaktivität.

von Christiane Peitz

 

Gift der kleinen Dinge

Matsutake-Pilze aus einem Dorf, 35 Kilometer vom Fukushima-Daiichi-Reaktor entfernt. Das Caesium sammelt sich vor allem in den Lam…Foto: Masamichi Kagaya

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Die verstrahlten Matsutake-Pilze in der autoradiografischen Aufnahme: Vor allem die Köpfe und Lamellen sind kontaminiert.Foto: Masamichi Kagaya

Die Katastrophe unter dem Röntgenschirm, so ungefähr sieht es aus. Die Haut, die Hülle wird transparent, die Schemen der Dinge, der Pflanzen, der kleinen Tiere sind mit Punkten übersät. Der Fall-out, ein Sternenbild in Schwarz-Weiß-Grau.

Ein Gummistiefel, gefunden bei einem Kindergarten, zehn Kilometer vom Kernkraftwerk Fukushima Daiichi entfernt. Matsutake-Pilze aus einem Dorf 35 Kilometer weit weg, das Caesium sammelt sich in den Lamellen. Eine Schlange, 2012 in Namie aufgelesen, ebenfalls in der Präfektur Fukushima, sie ist am stärksten befallen, vor allem die Muskeln. Bei der 2013 in Namie gefundenen Schere sind die verrosteten Schneiden sechsfach stärker kontaminiert als der Griff, und bei dem fein verästelten Zypressenzweig konzentriert sich das Gift in den jüngeren Trieben.

Am 11.März 2011 riss die Flutwelle an Japans Küste 18.000 Menschen in den Tod

Ist das Kunst oder Naturwissenschaft, Forschung oder Fanal? Vielleicht ja beides, eine Art Epiphanie: Die Bilder, die der japanische Fotograf Masamichi Kagaya mit dem emeritierten Biotechnologieprofessor Satoshi Mori mittels Autoradiografie-Technik erstellt hat, machen das Unsichtbare sichtbar: Radioaktivität. Geduldig haben sie verstrahlte Objekte gesammelt und mit der Technik aus der Mikroskopie wie der Medizin experimentiert, bis es funktionierte. Das Ergebnis: stille Fotografien, vermeintlich unscheinbare Doppelbilder, denen die Magie des Schreckens innewohnt.

Vor fünf Jahren, am 11. März 2011, bebte vor der ostjapanischen Küste die Erde, die Flutwelle riss 18 000 Menschen in den Tod. Beim Kernkraftwerk Fukushima Daiichi fiel der Strom aus, die Folge: Kernschmelze, der GAU.

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Der bei einem Kindergarten gefundene Gummistiefel weist vor allem bei den Rissen in der Oberfläche….Foto: Masamichi Kagaya

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…. höhere Strahlenwerte auf. Der Fotograf Masamichi Kagaya und der Biotechnologe Satori Moshi experimentierten so lange, bis es …Foto: Masamichi Kagaya

Schon im Herbst 2011 gab es in Berlin eine erste Ausstellung dazu, „Breaking News. Fukushima and the consequences“ in den Kunst-Werken. Die japanische, unter anderem in Berlin lebende Künstlerin Leiko Ikemura fragte nach der Bedeutung von Kunst im Angesicht der Katastrophe und lud Kollegen und Architekten zu Beiträgen ein. Kunst, sagte sie, reagiere nicht nur, sondern visualisiere die Risiken unserer Zeit schon vorab. Auch der erste Spielfilm über den Tsunami lief bereits im September 2011, auf dem Filmfest Venedig. Sono Sion war gerade mit dem Dreh von „Himizu“ beschäftigt, einem Lowbudgetfilm über Japans Jugend ohne Zukunft, als die Flutwelle die Küstenregion zerstörte. Kurzentschlossen schickte der Regisseur seine Helden mitten in die vom Tsunami heimgesuchte Gegend und radikalisierte den Plot. „Himizu“ wurde ein schrilles apokalyptisches Poem, angereichert mit einer Überdosis Wirklichkeit.

Tschernobyl, Fukushima: Todeszonen strahlen eine morbide Faszination aus

Seitdem hat es viele Versuche gegeben, sich von 3/11 und der Reaktorkatastrophe von Fukushima ein Bild zu machen. Die wie Streichholzmodelle zerdrückten Häuser, die Bootswracks auf Feldern, die übereinandergepurzelten Autos; die panisch verlassenen Häuser mit der stillgestellten Zeit darin; die zu Tausenden gestapelten schwarzen Plastikballen voller verseuchter Erde: Fotografien und Filme nach Art solcher Endzeitästhetik kennt man seit Tschernobyl. Im Februar konnte man sie auf der Berlinale wieder erleben, etwa in Nikolaus Geyrhalters Stillleben-Etüde „Homo sapiens“ über unbewohnbare und gottverlassene Orte überall auf der Welt.

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Auch diese tote Schlange aus Namie in der Präfektur Fukushima untersuchten der Fotograf und der Forscher.Foto: Masamichi Kagaya

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Bei der Schlange fand sich die höchste Strahlungskonzentration in den Muskeln. Von allen untersuchten Objekten, Pflanzen und Tiere…Foto: Masamichi Kagaya

Nature morte: Die Todeszone strahlt eine morbide Faszination aus. Ihr korrespondieren die Porträts, Fotos als Memoir, als Zeugnisse jener Opfer, die offiziell nicht existieren. Schon der ukrainische Fotograf Igor Kostin bat sie nach dem Super-Gau von Tschernobyl 1986 vor die Kamera, verstrahlte Menschen, die Liquidatoren zum Beispiel, die den Atommüll eigenhändig entsorgen mussten. Kostin wurde dabei selber verstrahlt. Auch nach Fukushima entstanden Fotoserien von gefährdeten Akw-Arbeitern und Dekontaminierern mit Schutzanzügen und -helmen.

Inzwischen gibt es zahlreiche Fukushima- Dokumentarfilme, ebenso fiktive Annäherungen an Heimatverlust, Traumatisierung und Lebensgefahr. Zum Beispiel die Dokumentationen „Nuclear Nation“ 1 und 2, unter anderem mit dem Bürgermeister von Futaba, der einen Ort regiert, der nicht mehr existiert, und mit den alten, entwurzelten Leuten, die jetzt auf Matratzen in der Turnhalle hausen oder in der entwürdigenden Enge eines Containerdorfs.

Auch Doris Dörries Film „Grüße aus Fukushima“ spielt in der Sperrzone

Geisterstädte, Geisterdörfer, die Szenen wiederholen sich. Die Heimatlosen, die zwei Stunden nach Hause zurück dürfen, um ein paar Habseligkeiten zusammenzuklauben. Die höflichen Lügen und Verbeugungen der Verantwortlichen bei Tepco, der Betreiberfirma, die bis heute für das Reaktorgelände zuständig ist – 30 Jahre soll es noch dauern, bis alles wieder sauber ist. Der Bauer, der seine von der Strahlung missgebildeten Rinder nicht tötet, er bringt es nicht übers Herz. Und immer wieder: Menschen in weißen Overalls vor verwüsteten Häusern, Mondlandschaften, Mondgeschichten. Auch in Doris Dörries Schwarz-Weiß-Spielfilm „Grüße aus Fukushima“: Eine liebeskummergeplagte junge Deutsche flüchtet als Helferin nach Japan und gerät an eine wunderliche Alte, die aus der Notunterkunft in ihr Haus in der Sperrzone zurückkehrt. Zwei Schmerzensfrauen, die einander die Trauer lehren, und die Lebenslust auch. Der Film läuft seit Donnerstag in den Kinos.

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Masamichi Kagaya und Satoshi Mori sammelten Objekte, Flora und Fauna rund um Fukushima, über mehrere Jahre. Die Schere fanden sie …Foto: Masamichi Kagaya

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Die Schneiden der Schere sind sechs Mal mehr verseucht als der Griff.Foto: Masamichi Kagaya

Bilder können Widerspruch einlegen, gegen das Verharmlosen, das Vergessen, das Schweigen. Allen Atomausstiegsbeschlüssen zum Trotz wird ja weiterhin die Notwendigkeit der Kernenergie im 21. Jahrhundert diskutiert, das Für und Wider erörtert. Höchste Sicherheitsstandards hier, Störfälle da, Atomkraft, nein danke, Atomkraft, ja bitte: Nicht nur in China sind neue Reaktoren in Bau, auch in England und Finnland. Dass wir uns auf die Kernkraft keinen rechten Reim machen können (außer dass sie zur mörderischsten Waffe seit Erfindung des Faustkeils taugt), hat damit zu tun, dass wir sinnliche Wesen sind. Wir fürchten nur, was wir sehen.

Der Fotograf möchte das Bewusstsein für die unsichtbare Gefahr schärfen

Wie nun zeigt man eine Gefahr, die man nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken kann? Der Klassiker bei der Strahlenmessung ist der Geigerzähler. Das Knacken der ionisierenden Teilchen, sprich: kleiner Stromstöße ist längst zum Synonym für Radioaktivität geworden. Und bei der Sichtbarmachung hilft die Autoradiografie, wie Masamichi Kagaya und Satoshi Mori sie sich bei ihren Fotoarbeiten zunutze machten. In Japan ist ihr Projekt als Buch erschienen, ein internationaler Verlag wird noch gesucht.

Wer in der Nähe eines Atomkraftwerks lebt (und welcher Bewohner einer Industrienation täte das nicht), möge „nicht vergessen, dass Sie eines Tages möglicherweise aus Ihrer Stadt oder Ihrem Land weggehen müssen“, schreibt Masamichi Kagaya. Mit seinen Bildern will er das Bewusstsein für die Möglichkeit größerer Akw-Unfälle und ihrer verheerenden Folgen schärfen. „Visualizing radiation“ nennt er das – ganz im Sinne jener Risiko-Visualisierung, wie Leiko Ikemura sie sich schon 2011 wünschte.

Der Tsunami, die Flüchtlinge, die Bilder von damals und heute schieben sich übereinander

Eine Ratte, ein Karpfen, eine zarte Vogelfeder, ein Gartenhandschuh, der Filter einer Klimaanlage, Münzen, Kiwifrüchte, weitere Pflanzen und Fische: Es ist das Gift der kleinen Dinge, der Gau en miniature. Die Japaner lieben Bonsaipflanzen.

Zu den Höhepunkten der Biennale in Venedig 2015 zählten die von schlüsselgespickten, blutroten Netzen umsponnenen Boote im japanischen Pavillon, eine Arbeit von Chiharu Shiota. Der Tsunami, die Flüchtlinge: Die Katastrophenbilder von damals und heute überlagern sich. Auch Architekturen und Installationen zur Frage des Wiederaufbaus haben wieder Konjunktur. Auf die Workshops für Stelzenhäuser aus Tsunami-Strandgut folgen Entwürfe temporärer Behausungen, module Bauten als Visionen einer prekären Gegenwart. Die Havarie flexibilisiert die Gebäudestatik, die Städteplanung, das Denken. Vorausgesetzt, man nimmt das Unsichtbare zur Kenntnis.

Weitere Infos zu den Fotos: www.autoradiograph.org. Die dazugehörige englischsprachige App zeigt 43 Bilder.

(Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur/fuenf-jahre-nach-fukushima-das-gift-der-kleinen-dinge/13305528.html)

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Ausstellungseröffnung „Kunst und Fakten“ 

Veranstaltungsreihe anlässlich der Jahrestage der Nuklearkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima

Buchhagen (red). In der KulturMühle Buchhagen finden im März und April eine Veranstaltungsreihe anlässlich der Jahrestage der Nuklearkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima statt. Die Reihe startet am 11. März um 19 Uhr mit der Eröffnung der Ausstellung „Kunst und Fakten“.

Hierzu konnte der Veranstalter Kaleidoskop e.V. die Tänzerin und Schauspielerin Caroline Frank mit ihrer Butoh-Tanz-Performance gewinnen, begleitet wird sie am Saxophon von Ove Volquartz. Es handelt sich um eine Ausstellung in 15 Plakaten zu Fakten und Folgen der beiden schlimmsten Reaktorunfälle.

Die Atomkatastrophen von Fukushima (2011) und Tschernobyl (1986) sind viele Jahre her. Vorbei jedoch sind sie noch lange nicht. Das zeigt auf eindrückliche Weise diese als Ausstellung konzipierte Plakatserie (15 Plakate, Format 60 × 80 cm). In eindrücklichen Bildern, erklärenden Grafiken und mit knappen Texten erzählt sie von den Hunderttausenden AufräumarbeiterInnen, deren Leben und Gesundheit Tschernobyl ruiniert hat, ebenso wie von den kranken und heimatlosen Kindern aus Fukushima. Sie zeigt, wie 1986 der radioaktive Fallout über ganz Europa niederging und wie Japan heute vergeblich versucht, den durch den Super-GAU von Fukushima kontaminierten Boden flächendeckend abzutragen. Sie öffnet die Augen dafür, dass viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt gesundheitliche Folgen der Atomkatastrophen zu tragen haben. Und sie spannt den Bogen bis zu den Atomkraftwerken, die hierzulande noch immer laufen: Auch hier ist eine Katastrophe jederzeit möglich. Wer weiter auf Atomkraft setzt, muss Fukushima und Tschernobyl vergessen und das Atomrisiko verdrängen. Diese Ausstellung hält dagegen.

Parallel zu der informativen Ausstellung wird am 11. März 2016, anlässlich des 5. Jahrestages der Umweltkatastrophe von Fukushima eine Kunstausstellung regionaler bildender Künstler eröffnet. Aktuelle Werke und vom Thema beeinflusste ältere Arbeiten werden im Saal der KulturMühle zu sehen sein. Beteiligte Künstler sind Burkhard Aickele, Alfons Holgreve, Susanne Holtwiesche-Misgeld, Michael Jenrich, Wiltrud Krämer, Wolfgang Menz, Almut Meyer, Susanne Otte, Karl Rehpfennig, Thomas Tigges, Eva Trautmann und   Marie-Luise Wilke. Helmut Dohrmann wird zugunsten der Veranstaltung einige seiner Drucke zum Verkauf anbieten. Des Weiteren wird es ein Solikonzert für den Rechtshilfefonds Atomerbe Grohnde mit MEK-Bochum und Asgat am Samstag, 23. April, ab 20 Uhr und eine Diskussionsveranstaltung mit Jochen Stay am Freitag, 29. April, um 19 Uhr geben. Umweltaktivist und Publizist Jochen Stay informiert an diesem Abend über Atompolitik in Deutschland. Zudem wird über den Stand der derzeit laufende Klage gegen den Weiterbetrieb des AKWs Grohnde berichtet. Nach dem Vortrag besteht die Gelegenheit zur Diskussion.

Die Bilder und Plakate werden im Saal der KulturMühle ausgestellt. Sie sind bis zum 26. April zu den Café-Öffnungszeiten samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen. Ausnahme: Am 19. und 20. März bleibt die KulturMühle geschlossen.

(Quelle: http://meine-onlinezeitung.de/kultur/53/11434-ausstellungseroeffnung-kunst-und-fakten-veranstaltungsreihe-anlaesslich-der-jahrestage-der-nuklearkatastrophen-von-tschernobyl-und-fukushima)

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 „Grüße aus Fukushima“ – Was können wir bewahren, was müssen wir loslassen? Von Doris Dörrie über Charles Dickens zu Heinrich Böll und der literarischen Einordnung von Adolf Hitler: „Mein Kampf“ – Atomkraft & Flüchtlingskrise – Berlinale 2016 – (WehrWolter – ww 125 – Hans Wolter)

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Trailer zum Text: Fukushima mon amour, eine poetische Geschichte vom Loslassen und Weiterleben – Gegen die Verdrängung. – Wir können als Menschen Radioaktivität nicht begreifen. – „Wir wollen, wenn wir ehrlich sind, nur das unser Computer läuft.“ – Eine Meister-Schülerin-Geschichte. – Was sollte ich weiterführen, was ablegen, was geht verloren: in meinem Leben? -„Mein Kampf“ – Von Charles Dickens über Adolf Hitler zu Heinrich Böll. – Ergänzt durch Überlegungen zur aktuellen Lage der Nation: Atomkraft & Flüchtlingskrise –Der Plot: Zwei sehr unterschiedliche Frauen nähern sich langsam einander an und werden mit den Geistern ihrer Vergangenheit konfrontiert.

„Ich möchte Euch ein paar Dinge fragen, die mich beschäftigen: Oft gerate ich in Panik, wenn ich sehe, welche Richtung mein Leben nimmt. Sehe ich richtig aus? Verdiene ich genug Geld? Bin ich glücklich? … was wäre, wenn ich alles verlöre, was mir lieb ist … und wie kann ich mich daran erinnern, dass dies mein Leben ist … mein einziges?“ (Marie)

 

„Grüße aus Fukushima“ – Was können wir bewahren, was müssen wir loslassen?

„Diese Katastrophe ist nicht die Katastrophe Japans, das ist unsere. Und dieses Gefühl der Verbundenheit, das wollte ich erzählen“, sagte die Autorin &Regisseurin Doris Dörrie, fünf Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, bei der Berlinale 2016. Ja, so funktioniert Kino, Text und Kunst: es ist immer UNSER eigener FILM, der in Gang kommt.

Viele denken das liefe getrennt, das Innen und Außen. Psychologisch gesehen ist diese Trennung Quatsch. Wir spiegeln uns in der Welt. Daher sieht auch jeder, zunächst einmal seinen eigenen Film. Natürlich gibt es auch die, dem Werk innewohnende Gestalt. Ist diese nicht überzeugend, wie z.B. bei RTL-TV etc., dann schlafen wir ein. Das ist ja häufig auch gewollt. Siehe Radio Gaga, Orwells 1984, Cäsars Brot und Spiel. Hitlers Filmpaläste etc..

Filme müssen eine KomplexEntwicklung haben, um uns zu packen. (Morphologische FilmPsychologie, Prof. W. Salber)

In Fukushima mon amour – so der Untertitel – geht es um den Komplex von Festhalten versus Loslassen. Da dies ein Grundkonflikt in der Entwicklung eines jedem von uns ist, kann uns der Film packen und sogar ein wenig verwandelt wieder aus dem Kino entlassen. 

Die beiden hauptdarstellenden Frauen sind verbunden durch die Ausgangslage einer Stagnation. In ihrem Leben spüren sie, jeweils unterschiedlich, keinen richtigen Sinn mehr. Sie wollen aber auch nicht aufgeben. So entfaltet sich Schritt für Schritt über eine Annäherung (von West und Ost) der Entwurf eines Neuanfangs.

Auch durch die weltweite Flüchtlingskrise, verbunden mit einer gewaltigen Völkerwanderung, bekommt dieser Film seine frische Aktualität. Natürlich auch durch das Thema Atomkraft. Der größte Teil der „Herde“ verdrängt ja die damit verbundene Bedrohung für uns und unsere Nachfahren. Mit ihrem Film zeigt uns Dörrie: alte Menschen, die sich dem Schicksal fügen. Die jungen Japaner interessiert es – nach ihren Gesprächen vor Ort – sehr wenig. Sie haben Dörrie gesagt: „Wir wollen, wenn wir ehrlich sind, nur das unser Computer läuft.“ – Das wollen doch viele PegidaSchafe bei uns letztlich auch. Nur, es gibt keine einfachen Lösungen mehr: wie z.B. Grenzen dicht machen. Damit halten wir eine Flut langfristig nicht auf.

 ,

 

Eine Geschichte gegen die Verdrängung.

Vom Loslassen und Weiterleben

 

„Grüße aus Fukushima“ ist weltweit der erste SpielFilm über die ReaktorKatastrophe in Japan. Nach Kirschblüten – Hanami kehrt Doris Dörrie, die auch das Drehbuch schrieb, erneut nach Japan zurück. Ihr schwarz-weiß gedrehtes Drama erzählt eine universelle, poetische Geschichte vom Loslassen und Weiterleben. Hierbei geht es um eine Meister-Schülerin-Geschichte. Es ist die sich entwickelnde Beziehung zwischen der alten Satomi, der letzten Geisha Fukushimas und Marie, einer jungen Deutschen, die auf der Flucht vor ihren zerplatzten Lebensträumen nach Japan reist.

 

 

Was können wir weiterführen, was geht verloren,

was müssen wir neu entwickeln?

 

Auf welchem Hintergrund entstand dieser Film? Dörrie reiste bereits ein halbes Jahr nach der Katastrophe nach Japan. Sie war tief erschüttert. In einem Interview am Rande der Berlinale (Deutschlandradio Kultur) ruft sie uns noch einmal ins Gedächtnis, dass dies vor fünf Jahren, drei Katastrophen innerhalb von 20 Minuten gewesen waren: das Erdbeben, der Tsunami und der Reaktorunfall. Ich finde, Fukushima ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr wir in unserer Kultur verdrängen. Japan ist trotz dieser verheerenden Katastrophe nicht aus der Atomenergie ausgestiegen. Im Gegenteil.

Fukushima7

Deutschland steigt aus. Das haben wir nicht nur der Tatsache zu verdanken, dass unsere Bundeskanzlerin Physikerin ist. Das hat meiner Meinung auch damit zu tun, dass Angela Merkel einen inneren Wandel vollzogen hat. Sie hat sich von der Mehrheitsverwalterin in eine Führungsperson verwandelt. Dem mag man zustimmen oder auch nicht. In meiner Achtung und Einschätzung hat sie damit gewonnen, dass sie nicht, wie die meisten ihrer Kollegen, nur auf die Meinungsumfragen schielt. Bleibt zu hoffen, dass sie das, was sie in der Energiefrage und der Flüchtlingskrise von der Tendenz her – in meinen Augen – richtig macht, auch auf andere Themen überträgt: wie z.B. TTIP.

 

 

„Grüße aus Fukushima“ erinnert mich auch an die Trümmerliteratur und Heinrich Böll

 

„Aber wir wollen es so sehen, wie es ist, mit einem menschlichen Auge, das normalerweise nicht ganz trocken und nicht ganz nass ist, sondern feucht ‑ und wir wollen daran erinnern, dass das lateinische Wort für Feuchtigkeit Humor ist ‑, ohne zu vergessen, dass unsere Augen auch trocken werden können oder nass; dass es Dinge gibt, bei denen kein Anlass für Humor besteht.“ (Heinrich Böll)

 

Auf diese Zusammenhänge gehe ich später ein.

 Fukushima 1

 

Wir können als Menschen Radioaktivität nicht begreifen.

Doris Dörrie beschreibt, dass sie nach der Katastrophe einen alten Mann gesehen hat, der einfach nur dagesessen und ihr gesagt hat: „mein ganzes Leben ist weg. Alles was ich bin ist weg.“ Fünf Jahre später leben die Menschen immer noch in Notunterkünften. Inzwischen aufgeräumt. Kilometerweise Plastiksäcke mit radioaktiver Erde. Die Leute warten seit fünf Jahre darauf, dass ihr Leben wieder eine Richtung, eine Perspektive bekommt. Viele Männer haben sich umgebracht. Viele haben angefangen zu trinken oder sind spielsüchtig geworden. Diejenigen, die überhaupt das Leben am Laufen halten, sind die Frauen. Sie haben sehr viel Kooperativen gegründet. Angefangen von Häkelclubs oder Geschichtenerzählkr eisen, weil das Leben dort auch einfach unheimlich langweilig ist. Für die olympischen Spiele 2020 wird alles aufgeräumt. Bis dahin soll nicht mehr zu sehen sein.

 

 

Der Plot: Zwei sehr unterschiedliche Frauen

nähern sich langsam einander an und werden mit den Geistern ihrer Vergangenheit konfrontiert.

 

Marie, eine junge Deutsche, reist auf der Flucht vor ihren zerplatzten Lebensträumen nach Japan. Sie schließt sich der Organisation Clowns4Help an, die im Katastrophengebiet von Fukushima den Opfern der Dreifachkatastrophe von 2011 ein wenig Freude in die Notunterkünfte bringen will, in denen überwiegend ältere Menschen noch immer leben, weil sie nicht wegziehen wollten oder konnten. Doch Marie muss sich bald eingestehen, dass sie für diese Aufgabe überhaupt nicht geeignet ist. Kurz davor, erneut davonzulaufen, begegnet sie der eigenwilligen Satomi, der letzten Geisha Fukushimas, die es sich in den Kopf gesetzt hat, in ihr zerstörtes Haus in der Sperrzone zurückzukehren. Maria hilft Satomi bei den Aufräumarbeiten. Dabei kommen sich die junge und die alte Frau, die unterschiedlicher nicht sein könnten, langsam näher und werden beide mit den Geistern ihrer Vergangenheit konfrontiert.

Trailer zum Film

 

Was sollte ich weiterführen, was ablegen: in meinem Leben?

 

Mich erinnert das Anliegen von Doris Dörrie spontan an Heinrich Böll. Er hatte sich in der sogenannten „Trümmerliteratur“ den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs zugewannt. Leider fand er damit nicht das Gehör, was ihm zugestanden hätte und was wichtig für die Aufarbeitung unserer grausamen Vergangenheit wichtig gewesen wäre. Der Wille zum Wirtschaftswunder forcierte rasch die Verdrängung. Viele Deutsche wollten nicht mehr mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden. Vergleichbar mit der Wiedervereinigung Deutschlands. Viele Menschen erlagen dem Sog der D-Mark. Da blieb keine Zeit, die DDR-Vergangenheit so aufzuarbeiten, dass der Westen gute Dingehätte integrieren können. Das neue Paar zog nicht in eine neue gemeinsame Wohnung. Beide zogen ins Haus vom alten Papa Kohl.

 Fukushima 2

Ich glaube, der Film von Doris Dörrie kann hier die psychische Abwehr unterlaufen.

 

„Ich hoffe, dass es uns gelungen ist, eine Geschichte zu erzählen, die einen sehr schweren Anfang hat, die dann aber eine Leichtigkeit entwickelt und einen am Ende dann auch mit einem leichten Gefühl, aus dem Kino entlässt.“ (Doris Dörrie)

 

 

„Mein Kampf“ –

Von Charles Dickens über Adolf Hitler zu Heinrich Böll.

 

Ein – in meinen Augen – ausgezeichneter Aufsatz des Kölner Literaturnobelpreisträgers.

 

Abschließend möchte ich ihn noch einmal zu Wort kommen lassen. Daher gebe ich sein Statement zur Trümmerliteratur wörtlich noch einmal wieder. Einmal, weil es zu meinen Lieblingstexten von Böll gehört, aber eher noch, weil er das gerade wieder veröffentlichte Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler angemessen einordnet.

 Heinrich Böll 8

 

Heinrich Böll Bekenntnis zur Trümmerliteratur

 

Heinrich Böll (1917‑1985) hatte nach dem Abitur eine Buchhandelslehre abgeschlossen, war dann aber viele Jahre Soldat. Bereits 1936 begann er zu schreiben, wurde nach dem Krieg durch seine Kurzgeschichten und Satiren sowie seine Romane bekannt. In seinen frühen Werken schildert er realistisch das Grauen des Krieges und die Not der Nachkriegs­jahre. Später übte er Kritik an Auswüchsen der Wohlstandsgesellschaft und den sozial­moralischen Ansprüchen kirchlicher und staatlicher Institutionen. Seine Liebe gehörte einfachen Menschen und Außenseitern. Seine letzten Werke galten den großen Problemen der Zeit. Wiederholt hat er sich in die öffentliche Diskussion eingeschaltet. Das „Bekenntnis“ dieses Aufsatzes von 1952 zur Trümmerliteratur hat Böll nie verraten.

 

„Die ersten schriftstellerischen Versuche unserer Generation nach 1945 hat man als Trümmerliteratur bezeichnet, man hat sie damit abzutun versucht. Wir haben uns gegen diese Bezeichnung nicht gewehrt, weil sie zu Recht bestand: tatsächlich, die Menschen, von denen wir schrieben, lebten in Trümmern, sie kamen aus dem Kriege, Männer und Frauen in gleichem Maße verletzt, auch Kinder. Und sie waren scharfäugig: sie sahen. Sie lebten keineswegs in völligem Frieden, ihre Umgebung, ihr Befinden, nichts an ihnen und um sie herum war idyllisch, und wir als Schreibende fühlten uns ihnen so nahe, dass wir uns mit ihnen identifizierten. Mit Schwarzhändlern und den Opfern der Schwarzhändler, mit Flüchtlingen und allen denen, die auf andere Weise heimatlos geworden waren, vor allem natürlich mit der Generation, der wir angehörten und die sich zu einem großen Teil in einer merk‑ und denkwürdigen Situation befand: sie kehrte heim. Es war die Heimkehr aus einem Krieg, an dessen Ende kaum noch jemand hatte glauben können.

Wir schrieben also vom Krieg, von der Heimkehr und dem, was wir im Krieg gesehen hatten und bei der Heimkehr vorfanden: von Trümmern; das ergab drei Schlagwörter, die der jungen Literatur angehängt wurden: Kriegs‑, Heimkehrer‑ und Trümmerliteratur.

Die Bezeichnungen als solche sind berechtigt: es war Krieg gewesen, sechs Jahre lang, wir kehrten heim aus diesem Krieg, wir fanden Trümmer und schrieben darüber. Merkwürdig, fast verdächtig war nur der vorwurfsvolle, fast gekränkte Ton, mit dem man sich dieser Bezeichnung bediente: man schien uns zwar nicht verantwortlich zu machen dafür, dass Krieg gewesen, dass alles in Trümmern lag, nur nahm man uns offenbar übel, dass wir es gesehen hatten und sahen, aber wir hatten keine Binde vor den Augen und sahen es: ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers.

Die Zeitgenossen in die Idylle zu entführen würde uns allzu grausam erscheinen, das Erwachen daraus wäre schrecklich, oder sollen wir wirklich Blindekuh miteinander spielen?

Aber zu Anfang des 19. Jahrhunderts lebte in London ein junger Mann, der kein erfreuliches Leben hinter sich hatte: sein Vater hatte Bankrott gemacht, war ins Schuldgefängnis geraten, und der junge Mann selbst hatte in einer Fabrik für Schuhwichse gearbeitet, ehe er seine vernachlässigte Schulbildung aufholen und Reporter werden konnte. Bald schrieb er Romane, und in diesen Romanen schrieb er über das, was seine Augen gesehen hatten: seine Augen hatten in die Gefängnisse, in die Armenhäuser, in die englischen Schulen hineingesehen, und was der junge Mann gesehen hatte, war wenig erfreulich, aber er schrieb darüber und das Merkwürdige war: seine Bücher wurden gelesen, sie wurden von sehr vielen Menschen gelesen und der junge Mann hatte einen Erfolg, wie er selten einem Schriftsteller beschieden ist: die Gefängnisse wurden reformiert, die Armenhäuser und Schulen einer gründlichen Betrachtung gewürdigt und: sie änderten sich.

 

Allerdings: dieser junge Mann hieß Charles Dickens, und er hatte sehr gute Augen. [. . .] Ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers, ein Auge, gut genug, ihn auch Dinge sehen zu lassen, die in seinem optischen Bereich noch nicht aufgetaucht sind.

 

Nehmen wir an, das Auge des Schriftstellers sieht in einen Keller hinein: dort steht ein Mann an einem Tisch, der Teig knetet, ein Mann mit mehlbestaubtem Gesicht: der Bäcker. Er sieht ihn dort stehen, wie Homer ihn gesehen hat, wie er Balzacs und Dicken’s Augen nicht entgangen ist ‑ den Mann, der unser Brot backt, so alt wie die Welt, und seine Zukunft reicht bis ans Ende der Welt. Aber dieser Mann dort unten im Keller raucht Zigaretten, er geht ins Kino, sein Sohn ist in Russland gefallen, dreitausend Kilometer weit liegt er begraben am Rande eines Dorfes; aber das Grab ist eingeebnet, kein Kreuz steht darauf, Traktoren ersetzen den Pflug, der diese Erde sonst gepflügt hat. Das alles gehört zu dem bleichen und sehr stillen Mann dort unten im Keller, der unser Brot backt ‑ dieser Schmerz gehört zu ihm, wie auch manche Freude dazu gehört.

Der Blindekuh‑Schriftsteller sieht nach innen, er baut sich eine Welt zurecht. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts lebte in einem süddeutschen Gefängnis ein junger Mann, der ein sehr dickes Buch schrieb; der junge Mann war kein Schriftsteller, er wurde auch nie einer, aber er schrieb ein sehr dickes Buch, das den Schutz der Unlesbarkeit genoss, aber in vielen Millionen Exemplaren verkauft wurde: es konkurrierte mit der Bibel! Es war das Buch eines Mannes, dessen Augen nichts gesehen hatten, der in seinem Inneren nichts anderes hatte als Hass und Qual, Ekel und manch Widerwärtiges noch ‑ er schrieb ein Buch, und wir brauchen nur die Augen aufzuschlagen: wohin wir blicken, sehen wir die Zerstörungen, die auf das Konto dieses Menschen gehen, der sich Adolf Hitler nannte und keine Augen gehabt hatte, um zu sehen: seine Bilder waren schief, sein Stil war unerträglich ‑ er hatte die Welt nicht mit dem Auge eines Menschen gesehen, sondern in der Verzerrung, die sein Inneres sich davon gebildet hatte.

 

Wer Augen hat zu sehen, der sehe! Und in unserer schönen Muttersprache hat Sehen eine Bedeutung, die nicht mit optischen Kategorien allein zu erschöpfen ist: wer Augen hat, zu sehen, für den werden die Dinge durchsichtig ‑ und es müsste ihm möglich werden, sie zu durchschauen, und man kann versuchen, sie mittels der Sprache zu durchschauen, in sie hineinzusehen. Das Auge des Schriftstellers sollte menschlich und unbestechlich sein: man braucht nicht gerade Blindekuh zu spielen, es gibt rosarote, blaue, schwarze Brillen ‑ sie färben die Wirklichkeit jeweils so. wie man sie gerade braucht. Rosarot wird gut bezahlt, es ist meistens sehr beliebt und der Möglichkeiten zur Bestechung gibt es viele ‑, aber auch Schwarz ist hin und wieder beliebt, und wenn es gerade beliebt ist, wird auch Schwarz gut bezahlt.

Heinrich Böll 7

Aber wir wollen es so sehen, wie es ist, mit einem menschlichen Auge, das normalerweise nicht ganz trocken und nicht ganz nass ist, sondern feucht ‑ und wir wollen daran erinnern, dass das lateinische Wort für Feuchtigkeit Humor ist ‑, ohne zu vergessen, dass unsere Augen auch trocken werden können oder nass; dass es Dinge gibt, bei denen kein Anlass für Humor besteht.

Unsere Augen sehen täglich viel: sie sehen den Bäcker, der unser Brot backt, sehen das Mädchen in der Fabrik ‑ und unsere Augen erinnern sich der Friedhöfe; und unsere Augen sehen Trümmer: die Städte sind zerstört, die Städte sind Friedhöfe, und um sie herum sehen unsere Augen Gebäude entstehen, die uns an Kulissen erinnern, Gebäude, in denen keine Menschen wohnen, sondern Menschen verwaltet werden, verwaltet als Versicherte, als Staatsbürger, Bürger einer Stadt, als solche, die Geld einzahlen oder Geld entleihen ‑ es gibt unzählige Gründe, um derentwillen ein Mensch verwaltet werden kann.

Es ist unsere Aufgabe, daran zu erinnern, dass der Mensch nicht nur existiert, um verwaltet zu werden ‑ und dass die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur äußerer Art sind und nicht so geringfügiger Natur, dass man sich anmaßen kann, sie in wenigen Jahren zu heilen.

Der Name Homer ist der gesamten abendländischen Bildungswelt unverdächtig: Homer ist der Stammvater europäischer Epik, aber Homer erzählt vom Trojanischen Krieg, von der Zerstörung Trojas und von der Heimkehr des Odysseus ‑ Kriegs‑, Trümmer‑ und Heimkehrerliteratur ‑, wir haben keinen Grund, uns dieser Bezeichnung zu schämen.“

 

Atomkatastrophe 0

 

 

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