Prozess zum Attentat auf die Kölner Oberbürgermeisterin. Henriette Reker wurde lebensgefährlich verletzt, lag 5 Tage im Koma, hat immer noch Albträume und betont, dass sie keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen hätte. – Befürchtet sie, dass man es ihr als Schwäche auslegen könnte? Schade, dass Psychotherapie in der Öffentlichkeit nach wie vor tabuisiert wird. – (WehrWolter – ww 149 – Hans Wolter)

Die Kölner Oberbürgermeisterin saß im heutigen Prozess ihrem Attentäter erstmals gegenüber. Dies sei kein Problem für sie. Als sie sagt, dass sie wenig später wieder am Schreibtisch sein wolle, frage ich mich, warum sie das betont. Sie erzählt dass sie noch unter Albträumen leidet und dass sie unmittelbar nach dem Attentat große Sorge gehabt hätte, für immer gelähmt zu sein. Das kann ich gut nachvollziehen. Hat sie doch ein richtig großes Jagdmesser vom 44 jährigen Täter Frank S. kräftig in den Hals gestoßen bekommen. Vorher hätte sie der Mann „sehr freundlich“ um eine Rose gebeten. Das hat ja schon Qualitäten eines Horrorfilms. Als sie im Zusammenhang mit den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht als Abwehrmassnahme vorschlägt, eine Armlänge Abstand zu halten, wird ihr dies deutschlandweit vorgeworfen und als Naivität ausgelegt. Meine Einschätzung hierzu ist, dass diese wirklich naiv anmutende Äußerung darauf hinweist, dass sie das traumatische Ereigniss noch nicht umfassend psychologisch bearbeiten konnte.

Warum muss Frau Reker betonen, dass sie keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen hätte? Befürchtet sie, dass man deshalb an ihrer Amtsausführung zweifeln könnte? Mir kommt es so vor. Und ehrlich gesagt, ich glaube es nicht. Für mich ist dies wieder ein Beispiel, dass die Inanspruchnahme einer psychologischen Behandlung in unserer Leistungsgesellschaft immer noch ein Tabu darstellt. Es ist an der Zeit, dass sich hier endlich etwas ändert.

In meiner Praxis habe ich immer wieder mit jungen Lehramtskandidaten zu tun, die es bevorzugen ihre Behandlung privat zu zahlen. Sie befürchten nicht in die Beihilfe aufgenommen und später nicht verbeamtet zu werden. In diesen Befürchtungen liegen sie leider gar nicht so verkehrt. Andere Patienten rechnen nicht über ihre Krankenkasse ab, weil sie befürchten sich den Weg für einen späteren Wechsel in eine Privatversicherung zu verbauen oder dass sie Schwierigkeiten beim Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung bekommen. Das sind leider realistische Ängste. Hier muss unbedingt ein Umdenken erfolgen.

Der erweiterte Suizid des Germanwings-Piloten Andreas Lubitz hatte ja auch den Hintergrund, dass er u.a. befürchtete, dass er aufgrund seiner Depression seine Flugerlaubnis entzogen bekommt. Das führt dazu, dass die Angst vor Psychotherapie steigt. Dies ist weniger die Angst vor einer Behandlung, als die Angst vor den Nachteilen, die damit verbunden sein könnten.

In diesem Zusammenhang hätte ich mich gefreut, wenn eine Politikerin wie Henriette Reker ein gutes Beispiel gegeben hätte. Auch wenn sie tatsächlich keinerlei psychologische Unterstützung in Anspruch genommen hat – was ich bei einem solch massiven Übergriff nicht verstehen kann – warum muss sie das so deutlich betonen?

Die Angst vor der Psyche ist größer als wir denken. Warum? Weil wir sie fühlen!

Frau Reker scheint als Persönlichkeit sehr auf Autonomie bedacht zu sein. Sie ist nicht nur partei-los, sie hat sich unmittelbar nach dem Attentat auch selbst in die stabile Seitenlage gebracht und die Wunde selbst zugedrückt. Vielleicht hat sie aufgrund ihrer Persönlichkeit tatsächlich keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen? Das könnte passen.

Nur würde ich ihr zu Bedenken geben: die Tatsache, dass sie bis heute noch bedrohliche Albträume hat, weist darauf hin, dass ihre Seele mit der psychischen Verdauung überfordert ist. Bei anhaltendem Durchfall hätte sie sicher weniger Probleme, sich ärztliche Hilfe zu holen.

Mein Fazit: Die Angst vorm Psychologen ist bei vielen Menschen – nach wie vor – noch eindeutig zu groß!
Nach wie vor scheint es noch zu bedrohlich zu sein, dass wir nicht „Herr im eigenen Hause“ sind.

Für die Entdeckung des Unbewussten wurde schon Sigmund Freud heftigst angegriffen. Aber das war 1897! – Hat sich seitdem in den Köpfen (deutscher Kontrolletis) wirklich etwas verändert?

Da hilft es auch noch nicht wirklich, dass die aktuelle Hirnforschung viele Thesen Freuds bestätigt. Die Tatsache, dass man im Hirnscan heute Dinge wie „Verdrängung“ nachweisen kann, führt auch noch nicht zu einem Umdenken. Insgeheim sicher schon in vielen Köpfen. Im öffentlichen Diskurs erinnert es mich an das jahrhundertelange Tabu der Homosexualität.

Also: Wir brauchen öffentlich wirksame Menschen die sagen: ich war (kurzzeitig) psychisch krank und das ist ganz normal! Ich war beim Psychologen und das ist gut so!

Viele trauen sich ja noch nicht mal einen solchen Beitrag zu liken. – Die Angst ist größer als wir denken. Warum? Weil wir sie fühlen!

Nachfolgend zitiere ich einen aktuellen Beitrag von ZEIT ONLINE, um im Anschluss noch einmal auf das Attentat einzugehen.

 

„Ich hatte große Sorge, dass ich gelähmt sein könnte“

(Henriette Reker)

Die Kölner Oberbürgermeisterin hat im Prozess gegen ihren Angreifer ausgesagt. Dem Attentäter erstmals gegenüberzustehen, empfand Henriette Reker nicht als Problem.

Im Prozess um das Attentat auf sie hat die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erstmals selbst ausgesagt. Vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht schilderte sie ihre Erinnerungen an den Messerangriff. Frank S. habe „in Sekundenschnelle“ sein Messer gezogen und zugestochen. „Ich bin sofort zu Boden gegangen und habe gemerkt, dass ich aus Mund und Nase blute“, sagte sie. Sie habe große Sorge gehabt, dass sie gelähmt sein könnte.

Bei einem Wahlkampftermin in Köln hatte S. Reker nach einer Rose gefragt und ihr dann ein Jagdmesser in den Hals gestoßen. Der 44-Jährige habe sie „sehr freundlich“ um die Blume gebeten. Blitzschnell habe er dann das Messer gezogen und ihr in den Hals gestoßen. Die Klinge habe ihre Luftröhre durchtrennt und sei dann in den zweiten Brustwirbel eingedrungen.

Reker wurde lebensgefährlich verletzt und für fünf Tage in ein künstliches Koma versetzt. Währenddessen gewann sie die Abstimmung und wurde an die Spitze der größten Stadt Nordrhein-Westfalens gewählt.

Die Ärzte im Krankenhaus hätten später gesagt, sie habe „ganz großes Glück“ gehabt, sagte Reker. Vom Gericht nach den Spätfolgen des Attentats befragt, gab die gelernte Juristin zwar an, sie habe „keine Angst vor großen Menschenmengen“. Allerdings berichtete sie zugleich von „schlimmen Albträumen“, von denen sie nach der Tat zeitweise heimgesucht worden sei.

Nach Rekers Zeugenaussage verzichteten die Anwälte des Angeklagten auf inhaltliche Fragen an die 59-Jährige. Der Verteidiger Christof Miseré fragte lediglich, ob Reker seinem Mandanten Gelegenheit zur Verlesung einer Erklärung mit „entschuldigenden Worten“ geben wolle. Reker lehnte das ab. „Das ist noch nicht die richtige Situation“, sagte die Kölner Oberbürgermeisterin.

Die Begegnung mit dem Attentäter sei für sie kein Problem, hatte Reker auf dem Weg in den Gerichtssaal gesagt. Sie sei aber auch „froh, wenn ich meine Arbeit am Schreibtisch im Kölner Rathaus heute wieder aufnehmen kann“. Den Journalisten vor dem Saal dankte sie, „dass sie da sind und mir ein Stück weit beistehen“, sagte Reker.

Attentäter droht lebenslange Haft

 

Der Angeklagte Frank S. hat die Messerattacke auf Reker bereits gestanden. Ihm droht wegen versuchten Mordes lebenslange Haft.

Der arbeitslose Maler und Lackierer war unmittelbar nach dem Angriff am Tatort festgenommen worden. Er bestreitet den Vorwurf des versuchten Mordes: Er habe die heute 59-Jährige nur verletzen wollen. Die fünf weiteren Personen, die an dem Wahlkampfstand Stichwunden davontrugen, habe er nicht absichtlich verletzt. „Warum sollte ich auf einmal unschuldige Menschen angreifen?“, hatte Frank S. die Richterin gefragt.

Die parteilose Oberbürgermeisterin war vor ihrer Wahl als Sozialdezernentin für die Unterbringung der Flüchtlinge in Köln zuständig. Mit dieser Arbeit war Frank S. nicht einverstanden. Vor Gericht hatte er ausgesagt, er habe gegen Rekers Flüchtlingspolitik ein Zeichen setzen wollen. Damit die Tat martialischer wirke, habe er bewusst sein großes „Rambo-Messer“ mit einer 30-Zentimeter-Klinge gewählt. Zudem habe er sich Mut angetrunken: Vor der Tat habe er schon morgens drei Bier getrunken, um seine Hemmschwelle zu senken.

Zum Prozessauftakt vor gut zwei Wochen hatte S. außerdem eingeräumt, der rechten Szene in Bonn angehört zu haben. Unter anderem wegen „Schlägereien mit der Antifa“ und „politischer Sachen“ sei er mehrfach verurteilt worden. 

(Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-04/henriette-reker-koeln-prozess-beginn)

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„Ich bin kein Nazi. Ich bin ein wertkonservativer Rebell“, sagt Frank S. zum Prozessauftakt in Düsseldorf. Er ist angezeigt wegen versuchten Mordes der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker. – Erschreckend, wie die neuen Rechten sich im Recht fühlen. – Menschenverachtendes Klima in den sozialen Medien führen zur Selbstbestärkung radikal denkender Menschen und zu Impulsdurchbrüchen. – (WehrWolter – ww 141 – Hans Wolter)

(15. April 2015)

Kurzüberblick: Erschreckende Gewaltzunahme im Alltag. In Deutschland und weltweit. Eröffnung des Gerichtsverfahrens gegen Frank S., den Täter der Messerattacke auf die heutige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (59) einen Tag vor der Wahl. Der arbeitslose 44-jährige Kölner Lackierer erklärt, dass er kein Nazi sei, sondern ein „wertkonservativer Rebell“ sei. Er habe ein Zeichen gegen die Asylpolitik setzen wollen. Reker überlebte das Attentat und wurde einen Tag später zur Oberbürgermeisterin gewählt. Menschenverachtendes Klima in den sozialen Medien führt zur Selbstbestärkung radikal denkender Menschen. Besorgniserregend ist, dass es nicht nur beim Denken und Reden bleibt. Die Messerattacke auf die Politikerin Henriette Reker zeigt, dass es mittlerweile verstärkt zu gewalttätigen Impulsdurchbrüchen kommt.

Heute wurde das Gerichtsverfahrens gegen Frank S., den Täter der Messerattacke auf die heutige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (59) eröffnet. Einen Tag vor der Wahl wollte der arbeitslose 44-jährige Kölner Lackierer ein „Zeichen“ setzen. Gegen eine „verfehlte Politik in Deutschland, insbesondere in Ausländer- und Flüchtlingsangelegenheiten“. Vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf erklärt er, dass er kein Nazi sei, sondern ein „wertkonservativer Rebell“. Er habe ein Zeichen gegen die Asylpolitik setzen wollen. Reker überlebte das Attentat und wurde einen Tag später zur Oberbürgermeisterin gewählt.

Menschenverachtendes Klima in den sozialen Medien führt zur Selbstbestärkung radikal denkender Menschen.

Der Prozess läuft noch. Bisher gibt es meines Wissens keine Schuldeinsicht des Täters. Er stellt sich vielmehr als Opfer „mittelalterlicher Erziehungsmethoden“ in seiner Kindheit dar. Er kommt sich wie ein Rebell vor, der für Ordnung sorgen müsse. Er habe sich gegen verfehlte Ausländer- und Flüchtlings-Politik und gegen „millionenfachen Rechtsbruch“ auflehnen wollen. In der kommenden Woche will sich der Angeklagte zum Tag des Attentats äußern.

Menschenverachtendes Klima in den sozialen Medien führt zur Selbstbestärkung radikal denkender Menschen. Besorgniserregend ist, dass es nicht nur beim Denken und Reden bleibt. Die Messerattacke auf die Politikerin Henriette Reker zeigt, dass es mittlerweile verstärkt zu gewalttätigen Impulsdurchbrüchen kommt.

Bevor ich noch einmal auf Tat und die fremdenfeindliche Atmosphäre in den sozialen Medien eingehe, zitiere ich einen aktuellen Beitrag aus der WELT zum heutigen Prozessauftakt.

Henriette Reker

„Wertkonservativer Rebell nenne ich mich“

 

Der Mann, der Henriette Reker im Kölner Bürgermeisterwahlkampf fast erstach, erzählt aus seinem Leben. Ein Nazi sei er nicht. Mit dem Attentat habe er ein Zeichen gegen die Asylpolitik setzen wollen. (Kristian Frigelj, Die Welt)

„Frank S. soll vor Gericht erzählen, warum er in der rechten Szene gewesen ist und welche Einstellung er hatte. „Ich kann das nicht in einem Satz erklären. Das ist sehr komplex. Darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben“, sagt der 44-jährige Kölner. Die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza bleibt beharrlich, fragt immer wieder nach, und irgendwann sagt er: „Ich war nie ein Nazi. Wertkonservativer Rebell nenne ich mich.“

 

Der arbeitslose Lackierer sitzt vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf und soll am ersten Verhandlungstag seinen Lebensweg und seine Gedankenwelt beschreiben. Er ist zeitlich noch weit entfernt vom 17. Oktober 2015, jenem Tag, an dem er die damalige Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker (parteilos) mit einem Jagdmesser angriff und sie mit einem Stich in den Hals beinahe tötete. Bei der Attacke verletzte er auch mehrere Wahlkampfhelfer und ließ sich dann widerstandslos festnehmen. Reker überlebte das Attentat und wurde einen Tag später zur Oberbürgermeisterin gewählt.

 

Der Generalbundesanwalt hat den Kölner wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Die Bundesbehörde in Karlsruhe zieht strafrechtliche Ermittlungen an sich, wenn sie Anhaltspunkte für schwerwiegende staatsgefährdende oder terroristische Verbrechen sieht.

 

  1. habe sich entschlossen, Reker „umzubringen“, um „ein Zeichen“ gegen eine – nach seiner Auffassung – verfehlte Politik in Deutschland, insbesondere in Ausländer- und Flüchtlingsangelegenheiten, „zu setzen“. Reker sei damals als Beigeordnete zuständig gewesen. Zudem habe er verhindern wollen, dass Reker gewählt wird. Frank S. soll sich Polizisten gegenüber fremdenfeindlich geäußert haben.

 

Oberbürgermeisterin Reker tritt als Nebenklägerin auf und wird Ende April über ihre Erinnerungen an den Tag der Attacke berichten. Die 59-Jährige hat vieles noch klar im Gedächtnis. Sie musste damals wegen der schweren Verletzung ins künstliche Koma versetzt werden.

Verteidiger sieht „politischen Prozess“

Die Anwälte von Frank S. sehen das Geschehene anders, und bevor ihr Mandant Details seiner Biografie darlegt, gibt Verteidiger Christof Miseré eine Stellungnahme ab. Zunächst zweifelt er den Vorwurf des versuchten Mordes an. Es käme ein „Rücktritt vom Versuch“ in Betracht: „Wäre es tatsächlich darum gegangen, Frau Reker zu töten, hätte er es ohne Zweifel umsetzen können. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, dies final durch mehrere Messerstiche zu verwirklichen“, sagt der Verteidiger. Würde es sich nicht um eine Politikerin in gehobener Position handeln, würde es nur um schwere Körperverletzung gehen, meint der Jurist.

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Er bezeichnet die Verhandlung als einen „politischen Prozess“ und führt aus, es könne nicht unbeachtet bleiben, dass Menschen damals im Rahmen der Flüchtlingskrise mehr als irritiert gewesen seien. Er sagt, dass der Abstand zwischen den Regierenden und großen Teilen der Bevölkerung „symbolisch ausgedrückt mehr als eine normative Armlänge betrug“.

 

Diese Bemerkung dürfte für das Opfer besonders verletzend sein, wenn man bedenkt, dass Reker nach den zahlreichen sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln Frauen geraten hatte, beim Karneval besser eine Armlänge Abstand zu halten.

Die Vorsitzende Richterin Havliza sieht sich gezwungen, etwas klarzustellen: „Politische Prozesse führen wir nicht.“ Das Gericht sei „parteipolitisch unabhängig“.

 

 

Ein Mitglied der „Berserker“-Clique

 

Dann beginnt Frank S. aus seinem Leben zu erzählen. Er kam als kleiner Junge zu einer Pflegefamilie in Bonn mit einem brutalen Vater, der schnell zuschlug und den man fürchtete, wenn er nach Hause kam. „Dann hieß es Reißaus. Wer wegkonnte, war weg“, sagt Frank S.

 

Es hätten „mittelalterliche Erziehungsmethoden“ vorgeherrscht: „Das Wohl der Kinder stand nicht im Vordergrund.“ Er machte den Hauptschulabschluss und zog dann aus. Er wollte Maler und Lackierer werden, nahm Helferjobs an und zog in den Stadtteil Bonn-Tannenbusch, in dem viele Migranten wohnen.

 

Er sei mal überzeugter Linker gewesen, erinnert er sich. Doch dann geriet er in die rechte Szene. Er kam auch mit der später verbotenen rechtsextremen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) in Kontakt, doch die sei ihm „etwas zu rückwärtsgewandt“ gewesen. Lieber hing er mit einer Clique rum, die sich irgendwann „Berserker“ nannte. Den Namen ließ sich Frank S. auf den Bauch tätowieren.

 

Er sah die Gruppe als „eine Art Bürgerwehr, als Freiheitsbewegung“. Sie geriet immer wieder in Schlägereien mit Antifaschisten und Migranten. „Die Antifa stand jeden zweiten Tag vor der Haustür“, erinnert sich S. Er selbst wurde zur rechten Szene gezählt, trug typische Klamotten und die Haare kurz.

 

Politisch will er sich nicht einordnen

 

  1. schildert die Konflikte so, als habe er stets reagieren müssen. Es passt nicht in seine Wahrnehmung, dass er wegen der Schlägereien mehrfach vor Gericht kam. 1997 musste er ins Gefängnis für insgesamt etwa 30 Monate, weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hatte. In der JVA Rheinbach erkannten ihn ausländische Mithäftlinge und schrien „Nazi“. Er wurde bedroht und musste das Gefängnis wechseln.

 

Nach seiner Freilassung im Jahr 2000 wollte er die „Gewaltspirale“ durchbrechen, wie er sagt, und zog von Bonn nach Köln. Frank S. arbeitete, beschäftigte sich intensiv mit politischen Vorgängen, las Artikel, schaute Polit-Talkshows im Fernsehen. 2013 verlor er seinen Job und wurde arbeitslos.

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Das Gericht nähert sich nun schon zeitlich der Attacke auf Reker. Die Vorsitzende Richterin Havliza will wissen, welche innere Haltung er damals vor der Tat hatte. Frank S. sagt wieder, dass er ein „wertkonservativer Rebell“ sei, und will sich nicht selbst irgendwo politisch einordnen. Die Frage der Richterin berührt offenbar schon das konkrete Tatmotiv – deshalb betonen die Verteidiger, dass der Angeklagte zu einem späteren Zeitpunkt darüber Auskunft geben werde.

 

Frank S. sagt selbst noch, er werde die Beweggründe sachlich rechtfertigen und ausformulieren. Die Tat habe sich gegen verfehlte Politik gerichtet und gegen „millionenfachen Rechtsbruch“. In der kommenden Woche will sich der Angeklagte zum Tag des Attentats äußern.

 

(Quelle: http://www.welt.de/politik/deutschland/article154412724/Wertkonservativer-Rebell-nenne-ich-mich.html)

 

 

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Radikalität und mangelnde Impulskontrolle nehmen erschreckend zu. – Fremdenfeindlich motivierte Messerattacke gegen die Kölner OB-Kandidatin Henriette Reker am Vortag zur Wahl. – Martin Walser zu Fremdenfeindlichkeit. Er bekam heute den Nietzsche Preis. – (WehrWolter – ww 75 – Hans Wolter)

(17. Oktober 2015)

Kurzüberblick: Erschreckende Gewaltzunahme im Alltag. In Deutschland und weltweit. Messerattacke heute in Köln. Täglich 145 Messerangriffe in Israel. Menschenverachtung durch „normale“ Bürger auf Facebook. Martin Walser bekam heute den Nietzsche Preis. Zur Fremdenfeindlichkeit sagte er: „Merkel hat die Humanitätsprüfung bestanden. Sie macht uns Mut. Seehofer spielt den Skeptiker. … Und dass wir das schaffen, das ist doch klar.“

„Ich muss die Gesellschaft vor solchen Leuten retten.“

– sagte der 44 jährige Deutsche nach seiner Messerattacke gegen Henriette Reker, die Oberbürgermeister-Kandidatin, die morgen in Köln zur Wahl antreten wollte.

Derzeit nimmt Gewalt im Alltag erschreckend zu. Nicht nur in Deutschland. So ist gegenwärtig Israels Gesellschaft tief verunsichert. Die zahlreichen Messerangriffe von Palästinensern verängstigen viele Menschen. Junge Palästinenser greifen jüdische Israelis mit Messern an, sie werfen Steine auf fahrende Autos, Brandsätze auf Soldaten. 145 solcher Attacken zählen Armee und Polizei in Israel derzeit täglich. Militärs mahnen: Die Angriffe erfolgten nicht koordiniert. In Israel werden mittlerweile Ausbildungskurse angeboten: Selbstverteidigungsstrategien gegen Messerattacken.

Deutschland verändert sich auch in den letzten Wochen erschreckend.

Im Internet, den Medien und auf der Straße nehme ich wahr, dass die Radikalität erschreckend weiter zunimmt. Derzeit ist es in vielen Fällen verbale und psychische Gewalt. Hierzu führe ich gleich einen Fall auf, der mir gestern auf Facebook begegnet ist.

Mich macht das wütend und zugleich ängstlich.

Ich beobachte eine erschreckend zunehmende Radikalisierung in Deutschland. Das geht nicht nur von den Fremden aus! Wer wachsam – auch in Facebook – ist, weiß was ich meine. Verbale und psychische Gewalt & Menschenverachtung kann bei einigen Menschen auch in konkrete, tödliche Handlung umschlagen. Unsere Eltern haben noch die „Reichskristallnacht“ miterlebt. Aus zunächst verbaler Gewalt gegen Juden wurde physische, tödliche Gewalt. – Natürlich gab es Attentate schon immer. Dennoch beobachte ich derzeit eine erschreckende Zunahme enormer psychische Gewalt gegen Fremde in unserem Land.

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Zunächst einmal zu der erschreckenden Messerattacke heute auf einem Samstagsmarkt im gutbürgerlichen Stadtteil Köln-Braunsfeld. Unmittelbar neben dem Clarenbachstift, dem Altenheim, in dem mein Schwiegervater lebt.

„Anschlag auf das öffentliche Leben und die Demokratie“

(Jürgen Roters, amtierender Kölner Oberbürgermeister)

Köln – Bild: „Einen Tag vor der Oberbürgermeister-Wahl in Köln hat ein Mann (44) die Kandidatin Henriette Reker (58, parteilos) mit einem 40 cm langen Jagdmesser attackiert. Dabei wurde die Politikerin schwer an der Luftröhre verletzt. Eine Not-OP hat sie gut überstanden. Polizeipräsident Wolfgang Albers: „Frau Reker ist stabil – aber nicht über den Berg.“

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Chef-Ermittler Norbert Wagner am Nachmittag auf einer Pressekonferenz: „Der Täter ist nach eigenen Angaben seit längeren Jahren arbeitslos. Er war von Beruf Maler und Lackierer, bezog Einkünfte nach Hartz IV. Nachbarn beschreiben ihn als unauffälligen Zeitgenossen. Er lebte alleine in seiner Wohnung.“

 

Reker hatte am Samstagmorgen Wahlkampf auf einem Wochenmarkt in Köln-Braunsfeld gemacht. Um 9.04 Uhr ging der Angreifer auf die Politikerin los! Laut FDP-Politiker Ralph Sterk hatte der Mann Henriette Reker, die gerade Rosen verteilte, zunächst nach einer der Blumen gefragt. Als sie ihm die Rose überreichen wollte, soll der 44-Jährige zugestochen haben.

Ratsmitglied Dr. Jürgen Strahl (CDU) wurde Augenzeuge der Attacke: „Der Täter hatte zwei Messer dabei. Er trat an sie heran und stach auf sie ein. Dann griff er weitere Leute an, die ihr zu Hilfe kommen wollten. Als sich ihm ein Mann in den Weg stellen wollte, sagte der Angreifer: „Er müsse die Gesellschaft vor solchen Leuten retten.“

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Über die Tat selbst berichtete Augenzeuge Dr. Strahl weiter: „Nach der Attacke blieb der Mann einfach an der nächsten Ampel stehen und wartete. Er machte keinen Versuch zu fliehen.“ Eine Ärztin, die zufällig auf dem Wochenmarkt war, habe sich dann um Frau Reker gekümmert. Ein Bundespolizist, der zufällig in seiner Freizeit auf dem Wochenmarkt war, nahm den Täter in Gewahrsam, wartete auf die Polizei.

Chef-Ermittler Norbert Wagner: „Er ließ sich widerstandlos festnehmen.“

Der Täter handelte offenbar aus Fremdenhass! Chef-Ermittler Norbert Wagner: „Festgenommen wurde ein junger Mann, der seit ca. 15 Jahren in Köln lebt, deutscher Staatsangehörigkeit. Nach ersten Einlassungen sagte er, dass er Frau Reker gezielt und bewusst angegriffen hat. Er sagte auch, dass er aus fremdenfeindlichen Motiven diese Tat begangen hat.“

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Hintergrund: Henriette Reker ist nicht nur OB-Kandidatin, sondern auch amtierende Sozialdezernentin der Stadt Köln – und damit für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständig. Wurde sie deshalb zum Ziel? Polizeipräsident Wolfgang Albers: „Wir ermitteln daher auch in diese Richtung.“ Bislang fiel der Mann nicht als Rechtsextremer auf, Chef-Ermittler Wagner: „Derzeit haben wir keine Erkenntnisse, ob er in einer Partei oder Organisation aktiv ist. Auch keine polizeilichen Erkenntnisse in diese Richtung.“ Die vier weiteren Opfer: Henriette Rekers Wahlkampfmanager, sowie eine CDU-Politikerin, eine FDP-Politikerin und eine weitere Frau, die der FDP nahe steht. Alle sind außer Lebensgefahr.“

FlüchtlingeHass

„Undankbares Pack bekommen hier alles in den Arsch geschoben.“

(Tammy Brenner, 25)

Diese Bild (Nr. 1) habe ich gestern auf Facebook gesehen. Das hatte im Nu 42 Likes und entsprechend markige Sprüche. Da antworte z.B. die 25jährige Tammy Brenner: „Endlich wird ma in deren sprache gesprochen. Undankbares Pack bekommen hier alles in den Arsch geschoben.“

Daraufhin habe ich mir die Chronik der 50jährigen Yvonne Anding, selbstständig (Lightraisers und Die Erde), studiert (?) an der Medizinischen Hochschule Hannover, angeschaut, die dieses Bild gepostet hatte. Da waren lauter süße Fotos von Herzen & Katzen etc. drauf. Dann habe ich ihr Folgendes auf die Chronik gepostet und an alle die zahlreichen „Freunde“, die dieses Bild bereits begeistert geteilt hatten:

„Hände abhacken? Ich glaube ich spinne! Habt ihr sie noch alle? So etwas können nur Menschen gut finden, die spalten. Hat jemand Uli Hoeneß die Hände abgehackt? Wir haben Gesetze, die anders sind als finsteres Mittelalter. Das ist gut so. Das nehmen diese Idioten, die so etwas ernsthaft posten auch für sich in Anspruch. Erschreckend wie wenig einige Menschen ihre Affektimpulse kontrollieren können. So etwas gehört maximal in den Traum. Und dann wachen wir meistens auf. Mit solchen Drohung spielt man nicht. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt auch für Gesetzesbrecher – und sei es, dass sie aus dem VW-Vorstand kommen. – Also macht IHR Euch nicht strafbar!“ –

Zusätzlich hab ich ihr eine private Nachricht geschickt. Darauf schrieb sie mir: „… was Recht ist muss Recht bleiben … mir haben Flüchtlinge ein Handy für 70 € in meinem Geschäft gestohlen …“ Meine entsprechende Antwort konnte sie nicht mehr lesen, weil sie mich dann bereits blockiert hatte. – Erstaunlich finde ich die Naivität. Das ist so, als ob ich mit Kennzeichen mit 100 Stundenkilometern durch die Stadt rase. Bevor sie mich blockierte, hab ich in Ruhe Screnshots gemacht.

Es müssen deutliche Grenzen aufgezeigt werden. Allen Beteiligten, nicht nur den Flüchtlingen, vor allen Dingen: dem Mob!

FlüchtlingeKirche

Erschreckender Weise sind das häufig ganz „normale“ Bürger, wie diese Frau, die das gepostet hat und die vielen „Heckenschützen“ die so etwas liken und beklatschen. Das ist wie beim Mobbing in einer Firma. Häufig kann man den „Tätern“ nicht direkt etwas nachweisen. So machen das auch die neuen Rechten. Die bewegen sich mit ihren Statements immer knapp im Nocherlaubten. Dabei stecken sie Gleichdenkende an. Vor allen Dingen die Menschen, die wenig selbstbewusst sind, AngstBeißer und Sadisten lassen sich hier leicht anstecken. Das erlebe ich auch auf Facebook. Hier müssen WIR klare Kante zeigen und keine falsche Toleranz pflegen.

AusländerBlogForts

Diagnose: Mangelnde Impulskontrolle

In menschlichen Gemeinschaften muss ich meine Impulse kontrollieren können.

Wenn ich im Straßenverkehr einen Impulsdurchbruch habe – d.h. z.B. meine Wut nicht regulieren kann – und dann einfach bei Rot durchfahre, dann kann ich eine empfindliche Geldstrafe bekommen. Falls ich ein Nummernschild habe und ich der Polizei gemeldet wurde. Auch wenn ich es in meinen tiefsten Inneren nicht einsehe, bei Rot zu halten, werde ich es mir schon überlegen, ob ich meinen Impulsen weiterhin freien Lauf lasse.

Wir müssen unbedingt deeskalieren und nicht mit Angstmache vor dem Fremden im Stil von: „Das Boot ist voll … bald gehen wir alle unter“ unnötig weiter radikalisieren! – wir brauchen intelligente Lösungen und mutmachende Unterstützung im Sinne von „Wir schaffen das!“ – Nicht als Freibrief, aber als Appell an’s Selbstbewusstseins der Deutschen, die eigentlich ja nicht in der Mehrheit dumpf sind. Das Klima, auch zwischen den Deutschen in Deutschland, wird unangenehm und beängstigend aggressiv. Unsere Welt ist komplex. Wir brauchen intelligente und integrierende Lösungen. Kein Land überlebt letztlich, wenn es sich einmauert.

„Und dass wir das schaffen, das ist doch klar.“

(Martin Walser)

Merkel hat die Humanitäts-Prüfung besser bestanden als Seehofer.

Der Schriftsteller Martin Walser (88) erhält heute in Naumburg den erstmalig verliehenen Internationalen Friedrich Nietzsche Preis

Christian Eger vom Kölner Stadtanzeiger (17./18. Oktober 2015): „Herr Walser, zum Schluß noch ein Blick auf Deutschland. Wie erleben Sie die Gesellschaft unter dem Zustrom von Flüchtlingen?

Walser: „Was ich jetzt sage, heißt nicht, dass es so sei, aber so kann man es auch sehen: Was uns da passiert, das ist für mich eine Prüfung. Ich weiß auch, dass es keine Weltregierung gibt und dass der Himmel ziemlich leer ist, aber das alles hier wirkt so, als wurde jetzt Europa geprüft auf seine Gültigkeit als humaner Kontinent. Durch diese Flüchtlingszahlen wird jede Ökonomie, jede Verwaltung erschüttert. Unsere Vertreter in Staat und Regierung werden durch diese Provokation geprüft auf Herz und Nieren, beziehungsweise auf den Gültigkeitsgrad ihrer Humanität. Und es ist doch klar, ich will da niemandem einen Vorwurf machen, aber sie sehen jetzt den Unterschied zwischen Merkel und Seehofer.“

Eger: „Die Bundeskanzlerin sagt: Wir schaffen das.“

Walser: „Sie hat uns Mut gemacht. Oder? Und der Seehofer hat den Skeptiker gespielt. Und da muss ich sagen, wenn das eine Prüfung ist, dann hat die Merkel die Prüfung besser bestanden als der Seehofer. Und dass wir das schaffen, das ist doch klar.“

Pegida7

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