Cristiano Ronaldo – Auch fehlende Liebe kann ein Motor sein – Für einen reichen Armen eine Lanze brechen – Kleines Plädoyer für gute Selbstliebe – (WehrWolter – ww 167 – Hans Wolter)

„Heute bin ich glücklich, dass wir Dich nicht abgetrieben haben …“ sagte Ronaldos Mutter ihrem Cristiano vor laufender Kamera. Vor einigen Wochen sah ich den Film „RONALDO“. Regisseur Anthony Wonke begleitete den Fußballer ein Jahr lang und erhielt seltene Einblicke. Ich war gerührt, streckenweise erschüttert und im Umgang mit seinem fünfjährigen Sohn auch befremdet.

Zugleich hielt sich meine seelische Mitbewegung in Grenzen. Wahrscheinlich weil das Ausmaß des dargestellten Leidens nur als nebensächlich rüber kommt und beim Hauptdarsteller – so meine Einschätzung – gefühlsmäßig noch nicht wirklich bewusst angekommen ist. Vielleicht ist es besser, weil unklar ist, ob er aus dem damit möglichen Absturz wieder auftauchen könnte. Zugleich ist diese Abwehrmauer auch dafür verantwortlich, dass er sich wahrscheinlich selbst nicht richtig lieben kann und von vielen Menschen auch nicht geliebt wird.

 

„Es gibt Leute, die mich lieben. Es gibt Leute, die mich hassen. Aber das ist Teil des Erfolgs. Ich wurde dazu erschaffen, der Beste zu sein.“ (CR7)

 

Der portugiesische Weltstar stellt sich in seinem Film als einen recht isolierten Menschen dar. Er selbst sieht dies dies offensichtlich als unproblematisch an. „Ich komme nach Hause und trenne mich komplett von der Welt. Ich weiß ja, dass ich am nächsten Tag wieder in diese Welt hineingedrängt werde.“

 

CR7 versus Floh

Bei Ronaldo ist wenig Wärme zu spüren. Das steckt ja schon in seinem selbstgewählten Kürzel CR7. Das klingt mehr wie ein Typ der Automarke Audi, weniger wie ein Mensch. Ganz anders bei seinem großen Gegenspieler in der spanischen Liga. Lionel Messi wird intern „Floh“ (spanisch: La Pulga) genannt, weil er schon immer klein und wendig war.

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Das Verbindende zwischen den beiden großen Männern der Fußballwelt ist eine schwierige Kindheit.

Messi, zu dem ich hier ja schon viele Beiträge geschrieben habe*, litt unter einer Wachstumsstörung. Durch eine vom FC Barcelona finanzierte Behandlung wuchs der damals 13 jährige 140 cm kleine Junge dann doch noch bis zur Marke 1.69. Von Messi geht etwas Sympathisches aus. Ihn können wir lieben. „Ich habe Messi nicht als Rivalen gesehen, sondern als Person, die mich zu einem besseren Spieler macht. Und umgekehrt“ – sagt Ronaldo. Er behauptet, dass sie hin und wieder miteinander sprechen würden.

 

Ronaldo hat gleich zwei gewaltig große Defizite in seiner Kindheit und Jugend.

Zunächst einmal sollte er als fünfter Sohn seiner portugiesischen Eltern Maria Dolores dos Santos Aveiro (* 1954) und José Dinis Aveiro (* 1954; † 2005) gar nicht zur Welt kommen. Seine Mutter sagt im Film, wie glücklich sie doch im Nachhinein sei, dass sie ihn damals doch nicht abgetrieben habe. Ronaldo selbst ruft seine Mutter nach großen Siegen auch an – zumindest wird dies im Film so gezeigt – und sagt ihr: „na Mutter, es ist doch gut, dass ich da bin!“ Dabei kommt im Film vielleicht so etwas wie ein leichtes Triumphgefühl rüber, aber nichts von Ärger, Wut oder Trauer. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass diese massive Wunde weder von ihm noch der Mutter adäquat gefühlt wird.

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Ronaldo Reagan: in der Namensgebung steckt schon das, wie wir ihn heute wahrnehmen

Das zweite große Defizit ist der faktische Wegfall seines alkoholkranken Vaters der nach langjährigen Alkoholexzessen im Alter von 51 Jahren starb. Ronaldo heißt Ronaldo, weil der damalige US-Präsident Ronald Reagan der Lieblingsschauspieler seines Vaters gewesen war. In dieser Namensgebung stecken für mich Anspruch und Distanz. Eigentlich steckt hier schon der Kern, wie wir CR7 heute wahrnehmen.

 

„Ich habe meinen Vater nicht wirklich kennengelernt. Ich wollte einen anderen Vater, der meine Erfolge anerkennt“,

 erklärt er in einer Filmszene. Das Porträt des Vaters hat einen herausragenden Platz in Ronaldos schickem Esszimmer. Es weist für mich auf seine Vatersehnsucht und seine Trauer hin. Zugleich wirkt es, wie der Versuch, sich als Familienmenschen darzustellen. Besonders deutlich und in Ansätzen auch tragisch wird dies im Film an seinem kleinen Sohn deutlich.

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Ronaldo fordert immer wieder ein Küsschen von seinem Sohn

Der Fünfjährige ist der eigentliche Hauptdarsteller. Am 4. Juli 2010 gab Ronaldo via Facebook und Twitter bekannt, Vater eines Sohnes geworden zu sein und für diesen das alleinige Sorgerecht übernommen zu haben. Über die Identität der Mutter wahrte er Stillschweigen. Im Film wird deutlich, dass die Großmutter, also Ronaldos Mutter sich mit ihm das Kind teilt. Mir tun das Kind und auch Ronaldo leid. Bedrückend erlebe ich, dass sich Ronaldo von seiner Mutter nicht richtig lösen kann und die Mutter ihre gescheiterte Ehe nachzuleben versucht.

 

Hat Ronaldo sich selbst denn schon richtig kennengelernt?

Der Film ist in seiner gespielten Familien-Harmonie langweilig, weil er die eigentliche Tragik nicht aufgreift. Damit bleibt er genau so unnahbar, wie Ronaldo selbst.

Ronaldo wird als Familienmensch dargestellt, der zwar von der Mutter nicht gewollt war, aber nun als gefeiertes Oberhaupt fungiert: Den alkoholkranken Bruder unterstützt er beim Kampf gegen die Sucht, der Mutter fehlt es sowieso an fast gar nichts – nur der Ehemann verließ sie zu früh.

Der Film schafft es nicht einen zu packen. Er hat mir aber geholfen, Christiano besser zu verstehen.

 

Er scheint immer noch der Liebe nachzulaufen, die ihm in der Kindheit fehlte. Nach meiner Einschätzung hat er die Liebe noch nicht gefunden. Wahrscheinlich kann er sich selbst auch noch nicht tiefergehend lieben, da er Leistung zur Bedingung macht. Auch die Zuschauer lieben ihn ja eigentlich nicht. Sie zollen ihm Anerkennung aufgrund seiner Leistung. Es ist ja vielmehr so, dass er die Welt immer wieder versucht darauf hinzuweisen, dass er – verdammt noch mal – liebenswert ist. Wenn sein Sohn bald eigene Wege geht, wird er von ihm auch nicht mehr die bedingungslose Liebe bekommen, die er so sehr braucht.


Tragödien laufen auf ein Scheitern hinaus

Derzeit scheint Ronaldo seine Eigenliebe auf seinen Körper und seine Torquote verlagert zu haben. Jeder Narziss ist ja deshalb selbstverliebt, weil er nie den Glanz im Auge seiner Mutter, seines Vaters gespürt hat. Narziss in der griechischen Oviderzählung ertrinkt ja letztlich im eigenen Spiegelbild. Das steckt bei Ronaldo in der Feststellung:

 

„Ich werde nicht lügen: Wenn wir zwei oder drei Cristiano Ronaldos im Team hätten, würde ich mich besser fühlen. Haben wir aber nicht.“

 

Für mich stellt sich die große Frage, ob er nach seiner Karriere als Weltfußballstar einen Weg finden wird, auf dem er genügend Bestätigung und Zufriedenheit findet. Gut, er könnte Trainer werden. Aber hier vermute ich auf Dauer zu wenig soziale Kompetenz. Nimmt die weitere Entwicklung einen tragischen Verlauf nach antikem Vorbild oder findet Christiano Ronaldo den Ausstieg? – Ich würde es ihm gönnen.

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Messi9

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Narzisst1

Verwandlung einer schuldgeplagten Mutter zur grandiosen Mutmacherin. – Stirb und Werde: Kriegstagebücher geben tiefe Einblicke in die komplexe Psyche Astrid Lindgrens. – (WehrWolter – ww 66 – Hans Wolter)

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