„Vom Zorn und seinen Früchten – Oder: Die Wurzeln der Gewalt… menschlicher Grausamkeit.“ – Sei es in Nizza, Orlando, Istanbul …oder … – Ein philosophischer GastBeitrag von Dr. Marc Hieronimus – Aus der Serie: Lichtwolf meets WehrWolter – (Marc Hieronimus – Hans Wolter – ww 171)

Ich könnte das nicht, sagt der brave Schüler beim Thema Lynchjustiz, und denkt das noch als Erwachsener. Außer natürlich, das Schwein hat es verdient.

°              Die Galgen und Räder vor den Städten des Mittelalters dienten, lernen wir, der Abschreckung der Reisenden: Hier herrscht Ordnung, seht was wir mit Gesetzlosen tun. Zweitens waren sie das Element der Repression nach innen; auch die Nazis haben ihre Opfer tagelang hängen lassen, gegen Ende auch in den deutschen Städten.

°              Die NS-Täterforschung hat tausende Beispiele von „ganz normalen Männern“ herausgearbeitet, die nicht aus Sadismus und „Rassenwahn“, sondern aus verzeihlichen wenn nicht ehrenwerten Gründen gemordet haben. Gruppenzwänge, Straflosigkeit und der Glaube an die Notwendigkeit der Maßnahme scheinen unter den entsprechenden Voraussetzungen – „Verteidigung“ – mehr Menschen (Männer, um genau zu sein) zu Mord und Totschlag zu befähigen, als jedem Humanisten lieb sein kann. Und das beunruhigt uns viel zu wenig.

°              Kein Terrorregime gründet sich auf erklärten Terror. Es geht immer um das Gute, das man leider nur über das Böse erreichen kann.

 

Zum Autor: Dr. Marc Hieronimus: Wirtssohn, Salonanarchist, lehrt beruflich die Sprache Bohlens und Ackermanns. Geboren am 9.11. 1973 sollte er eigentlich etwas ganz Besonderes werden; Lichtwolf4

bislang war er nur vielerlei, u.a. Historiker, Stallbursche, Hausbesitzer, Flüssiggaswart, Linguist, Vortragsreisender, Lyriker, Mäusezüchter, „Charlie“, Büttenredner, Comicforscher, Küchenmonteur. Hat sich oft kopiert, aber noch nie erreicht, und zwar auch musikalisch: www.grau-musik.de. (www.marc-hieronimus.de)

Lichtwolf: “Die neue Moralische Quartalsschrift alter Schule für den verarmten Geistesadel und das gebildete Prekariat.” (www.lichtwolf.de) – Weiteres am Ende des Artikels.

Lichtwolf

 

Zum Jahresgeburtstag des Blogs WW – 09. November 2015 – 26 Jahre Mauerfall – hat Dr. Marc Hieronimus eine Kurz-Charakterisierung geschrieben.

„Wehrwolter: die erste Assoziation ist sich wehren, Wehrmacht, englisch „war“. So kann man sich irren. Eher geht es Richtung Werwolf, also Menschwolf und alles, was damit zusammenhängt. Da ist nämlich immer noch ein Wolf im Mensch verborgen, und die Chance und die Tragik des Menschen ist, dass er in weiten Teilen noch ein Tier ist. Eine Chance, weil Verstand ohne Gefühl, Hirn ohne Herz nur fantasie- und mitleidlose Automaten hervorbrächte. Tragisch ist das, weil wir das Tier beherrschen müssen, um gesellschaftsfähig zu sein. Aus dieser Spannung erklären sich letzten Endes alle Errungenschaften und Gräuel der Menschheitsgeschichte. Es ist das Verdienst des Wehrwolterblogs, alltägliche Phänomene und Tragödien auf ihren tiefenpsychologischen Gehalt zu untersuchen und uns daran zu erinnern, dass wir nicht Herr im eigenen Hause sind.“

Nun zum nachfolgenden Beitrag. Der Autor legt Wert darauf festzustellen, dass die Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Lichtwolf (Nr. 53, 2013) erschienen ist.

 

Vom Zorn und seinen Früchten

(Lichtwolf 44/2013)

Oder: Die Wurzeln der Gewalt. Das Dörrobst revolutionärer Theorie? Sagen wir bescheiden: Salonanarchistisches Beharken des immer noch allzu fruchtbaren Bodens menschlicher Grausamkeit.

  • °          Southern trees bear a strange fruit
  • Blood on the leaves and blood on the root
  • Black bodies swinging in the southern breeze
  • Strange fruit hanging from the poplar trees
  • […]
  • Here is fruit for the crows to pluck
  • For the rain to gather, for the wind to suck
  • For the sun to rot, for the trees to drop
  • Here is a strange and bitter crop        (Billie Holiday)
  •  

°          Das Lynchopfer, hier ein Schwarzer im amerikanischen Süden. Strukturell mit Mussolini am Laternenpfahl verwandt. Auch die Aborigines, die man als Vogelscheuchen aufstellte, gingen in die Richtung. Entehrung über den Tod hinaus, „Schändung“. Sie richtet sich kaum noch gegen das Opfer, mehr an seine Angehörigen, die Mitstreiter, die Mit- und Nachwelt: Seht, was ich tue, was auch euch geschehen kann. Und sie rührt tief, ganz tief.

°          Lacan und Derrida trieben viel Nonsens mit zufälligen Gleichklängen. Diesseits des Rheins neigte der von ihnen verehrte Heidegger zur Überstrapazierung der Wortherkünfte. Nichtsdestotrotz regt das Deutsche vielerorts zum Nachdenken an: Die Doppelbedeutung von Opfer weist auf die sakrale Bedeutung des Todes bzw. der Tötung hin, ähnlich wie Schuld nicht zufällig Wirtschaft und Tiefenpsychologie verbindet.[1] Nicht zuletzt ist auch Gewalt Ordnung und ihr Zusammbruch.

°          Ich könnte das nicht, sagt der brave Schüler beim Thema Lynchjustiz, und denkt das noch als Erwachsener. Außer natürlich, das Schwein hat es verdient.

 

°          Die Galgen und Räder vor den Städten des Mittelalters dienten, lernen wir, der Abschreckung der Reisenden: Hier herrscht Ordnung, seht was wir mit Gesetzlosen tun. Zweitens waren sie das Element der Repression nach innen; auch die Nazis haben ihre Opfer tagelang hängen lassen, gegen Ende auch in den deutschen Städten.

 

°          Die NS-Täterforschung hat tausende Beispiele von „ganz normalen Männern“ herausgearbeitet, die nicht aus Sadismus und „Rassenwahn“, sondern aus verzeihlichen wenn nicht ehrenwerten Gründen gemordet haben. Gruppenzwänge, Straflosigkeit und der Glaube an die Notwendigkeit der Maßnahme scheinen unter den entsprechenden Voraussetzungen – „Verteidigung“ – mehr Menschen (Männer, um genau zu sein) zu Mord und Totschlag zu befähigen, als jedem Humanisten lieb sein kann. Und das beunruhigt uns viel zu wenig.

 

°          Kein Terrorregime gründet sich auf erklärten Terror. Es geht immer um das Gute, das man leider nur über das Böse erreichen kann. Vlad Tepeş, der Prinz Dracul, der so vielen Volkssagen und nicht zuletzt Bram Stoker als Zerrbild des Blutsäufers diente, hat über seine mehr oder minder nachgewiesene Grausamkeit das friedliche Zusammenleben seiner Untertanen erreichen wollen. Und was hat er gewütet! Tausende Türken hat er pfählen lassen, analsadistische Tötungsart par excellence, und dabei sein Essen zu sich genommen. Einmal kam ein Fremder mit einem Geldschatz zu ihm. Er hieß ihn, den Schatz unbewacht auf dem Marktplatz zu deponieren. Und siehe da, es wurde nichts geklaut…

 

°          Aber was macht das mit dem Individuum? Die Frage begegnet uns „moderner“ bei der Diskussion um die Todesstrafe. Der Staat darf nicht töten, ohne Wenn und Aber. Warum? Weil die „sonderbaren Früchte“, am Galgen, am Spieß, auf dem Elektrogrill auf ihre Art weiterhin den Korb verderben, den man gerade vor ihrer Fäulnis schützen wollte, selbst die „human“ auf der Bahre totgespritzten. 

 

°          Das ist der Grund, warum wir uns für Tierschutz engagieren müssen – weil Stierkampf, Vivisektion, Massentierhaltung als akzeptierte Gewalt den Menschen verrohen. Wenn nicht schon der Fleischkonsum an sich für Gewalt und Kriegstreiberei verantwortlich ist, wie es berühmte Anarcho-PazifistInnen wie Tolstoi, Élisée Reclus oder Clara Wichmann glaubten.[2] Sicher. Aber meine Mutter zum Beispiel isst so gut wie alles vom Tier, z.B. auch die Ohren, und hat mir doch nie ein paar hinter dieselben gegeben…

 

°          Grapes of wrath, sauber archaisierend übersetzt in „Früchte des Zorns“. Zorn ist ein altes, vergessenes Wort für die überschäumende Wut – gegenüber der verhaltenen, die früher einmal „Groll“ oder „Grimm“ geheißen wurde, aber die drei hat Luther schon nicht sauber auseinandergehalten.

 

°          Der dies irae, Bezeichnung und Anfang der Totenmesse (dies irae, dies illa: Tag des Zorns, jener Tag), ist also keineswegs ein Tag des verhaltenen, sondern das rasenden Zorns, wie ihn der sonst wenig zitierte Zephanja beschreibt: Der Herr will wieder einmal alles vom Boden hinwegraffen, wie er es zur Zeit der Propheten des öfteren zu tun drohte. „[Die Menschen wird] ihr Silber und Gold nicht erretten können am Tages des Zorns des Herrn“ – nicht einmal die Harten oder Smarten, nur die Zarten kommen in’en Garten, sofern sie elend und arm sind.

 

°          Gott straft seit Langem nicht mehr. Vielleicht hat der Besitz ihn verdorben?

 

°          Reichtum hilft nicht am Tag des Zorns (Spr 11,4). Soviel verstehen wir auch bei John Steinbeck (Pulitzer-Preis für das bekannte Wutobst von 1939, nach Jenseits von Eden auch Nobel-Preis). Er ist „sozialkritisch“. Ehrenwert, dass er sich überhaupt um diese Leute scherte, gute Amerikaner, deren Großeltern noch eigenhändig „Injuns“ (Indianer) gemordet und hernach deren Land in aller Bescheidenheit zum Aufbau einer eigenen Existenz genutzt haben. Anständige, hilfsbereite Menschen aus Oklahoma. Verschuldet müssen sie zusehen, wie Baumwolle ihre Böden, die neuen Traktoren ihr Land und ihre Hütten zerstören, ziehen widerwillig in den goldenen Westen und verlieren dort das bisschen, das sie haben, Familienmitglieder, Mut und Rechte inbegriffen. Sie werden zu „Okies“, besitzlosem Obst- und Baumwollpflückervolk. Und sind – zornig. Na, wütend. Resigniert auch. Gefügig.

 

°          Wehe, wenn die Besiegten aufstehen. Ja, wenn. Sonst ist es nur vae victis, wehe den Besiegten. So ist es fast immer.

 

°          Steinbeck war ein verhaltener Kritiker. Upton Sinclair über dreißig Jahre vor ihm war offen sozialistisch und politisch, hat kandidiert. Sein Jungle über die Chicagoer Schlachthöfe (Stichwort Fleisch) hat einen Skandal erregt: Das Lebensmittelrecht wurde geändert. Nicht etwa die Arbeitsbedingungen. Zu Harriet Beecher Stowe (Onkel Toms Hütte, 1852, über das Sklavenelend; Dokumentensammlung dazu 1853) soll Lincoln im Bürgerkrieg gesagt haben: „Sie sind also die Lady, wegen der wir hier Krieg führen.“ Drei mutige, wirkmächtige Menschen in einer auf Gewalt gegründeten Gesellschaft. Diese haben sie ein wenig verändern, jene aber nicht abschaffen können.

 

°          Zwei Richtungen der Gewalt. Erstens die der Unterdrücker gegen die Unterdrückten zum Machterhalt, aus Sadismus, zu ihrem eigenen Besten, oder als paradoxe Abwehr der Schuldgefühle, wie sie Primo Levi bei den Barackenältesten in Auschwitz beschreibt; zweitens die seltene von unten nach oben, der Aufstand: „Spartakus“. Auf sie mag Steinbeck gehofft haben, Lenin hat sie forciert, geschult am letztlichen Versagen der Pariser Kommune, der „Zeit der Kirschen“: Die – vereinte – Gewalt von unten versiegt nur zu rasch zur Friedlichkeit, und die Feinde von Außen und Oben, die Freunde der alten Gewaltverhältnisse [sic!], Repräsentanten der alten Staatsgewalt [re-sic!] bereiten dem Zauber in seltener Einmütigkeit ein rasches Ende.

 

°          Warum sind die Beat-Poeten und ihre Epigonen so verehrt? Mit ihnen kann man „kritisch“ sein, sich weiden am Verfall, ohne ihn genau zu sehen, geschweige zu verstehen, ohne Konsequenz, ohne Gegenentwurf. Kein Prinzip Hoffnung, nichts auch nur vage Konstruktives, nur das angenehme, weil bekannte Gruseln. Wie sich manch Depressiver wohlfühlt in der Finsternis; die kennt er wenigstens, die nimmt ihm keiner.

 

°          Man sage nicht: All die Revoluzzer hätten nichts erreicht, weil sie nicht alles Erträumte erreichten. Ohne sie wäre alles viel schlimmer. Selbst ohne die Grünen wäre alles viel schlimmer. Wir sind de facto unglaublich zivilisiert. Norbert Elias war kein Blinder, er war nur kurzsichtig. Bei uns haben wir die Gewalt halbwegs im Griff. Ein Blick nach vorn, zurück, zur Seite genügt, um sich vom Weiterleben des Barbarischen zu überzeugen.

 

°          Die Menschen, die Europa in den letzten Jahrtausenden besiedelt haben, waren, wie es scheint, mal mehr (Kelten, Germanen) und mal weniger blutrünstig (z.B. die Hallstatt-Kultur), ohne dass sich ein Zusammenhang mit ihrer Ernährung konstruieren ließe, schon weil die mageren Quellen keine Rückschlüsse darauf zulassen. Das wiederum hat es Forschern wie Bachofen oder in jüngerer Zeit Heide Göttner-Abendroth möglich gemacht, von einem leider verlorenen Paradies der Frauenherrschaft zu schreiben: Kaum eine Hypothese ist gänzlich ausgeschlossen.

 

°          Die Ur- und Frühgeschichte: Der letzte Ort für den „Nicht-Ort“ Utopie.

 

°          Die Entzauberer sind rege. Zwar musste man früher kaum „arbeiten“; zwar bedeutete die durchschnittliche Lebenserwartung von circa 35 Jahren nicht, dass man nicht in der Regel mindestens 50 wurde, sofern man nur die Kindheit überlebte; aber die Gefahr, durch Mitmenschen ums Leben zu kommen, war enorm. Ständig war Krieg, lernen wir heute. Jedenfalls von dem Moment an, als die Bösen auf den Plan traten, die Barbaren. Unsere Vorfahren. Vermutlich.

 

°          In der Zivilisation, der Zivilisiertheit erleben wir strukturelle Gewalt. An die sind wir gewöhnt, akkulturiert. Da kann man nichts (mehr) machen. Die Früchte des Zorns verdorren vor den Spielekonsolen und im Stadion. Sie sind ein Grummeln. Wer Wind säht, wird einen Furz ernten. Und nicht mal einen, der stinkt.

 

°          Aber Altes wirkt fort: Ursünden, Überwindungen, blinde und gemiedene Flecken, Tabus. Der Tabubruch erzeugt Schuldgefühle, zeugt von ihnen. Hakenkreuze auf Judengräbern sollen die Toten bannen, damit sie nicht emporsteigen, um sich zu rächen. Das Tabu der Parawissenschaften zeigt die Zerbrechlichkeit der rein rationalen Welterklärung und die Angst vor dem Einbruch des Tieferliegenden, gegen die sich selbst der „Torhüter“ Freud hat wehren müssen.[3]

 

°          „Weder den Primitiven noch den Modernen wird es je gelingen, den Erreger jener Pest zu identifizieren, die die Gewalt darstellt.“ Gewalt ist überall versteckt: „Die Tatsache, daß die Sexualorgane der Frau Ort eines periodischen Blutvergießens sind, hat die Menschen aller Erdteile immer außerordentlich beeindruckt, weil es in ihren Augen die offensichtliche Affinität zwischen der Sexualität und den unterschiedlichsten Ausdrucksformen der Gewalt bestätigt, die alle dazu geeignet sind, Blutvergießen herbeizuführen.“ Weiß doch jeder, „daß der Übergang von Gewalt zu Sexualität und von Sexualität zu Gewalt mit Leichtigkeit vollzogen wird, und zwar auch von ‚ganz normalen’ Leuten und ohne daß die geringste ‚Perversion’ ins Spiel gebracht werden müßte.“

 

°          René Girards Klassiker, aus dem die Sätze stammen, ist eine wahre Zitatensammlung.[4] Seine Erklärung der Geburt und Stabilisierung jeder Zivilisation durch „heilige“ Opferriten zur Eindämmung der Gewalt ist einer der ganz großen anthropologischen Entwürfe des vergangenen Jahrhunderts. Zwar glauben wir wie alle Gesellschaften vor uns, als einzige aus dem Heiligen (le sacré) aufgetaucht zu sein („das ist auch der Grund, warum die anderen Menschen nie ganz und gar Menschen sind“), während wir uns nur wieder in einer neuen Krise des Opferkultes befinden; wir können aber (dank Girard) erstmals in der Menschheitsgeschichte „die Rolle der Gewalt in den Gesellschaften in vollem Lichte offenkundig machen“ – außer allerdings der heutigen, so weit wollte er als Guggenheim-Stipendiat und Professor in Baltimore dann doch nicht gehen.

 

°          Wenn heute das Kapital die Religion ist (Paul Lafargue), der Markt mit seiner unsichtbaren Hand das Heilige, der deus ex machina, der göttliche Zufall, wie Girard ihn an so vielen Stellen im Alten Testament und in der griechisch-römischen Mythologie am Werke sieht, welches könnten die „menschenähnlichen“ Opfer sein, die uns daheim von der Gewalt abhalten? Nun, die ersaufenden Flüchtlinge vor Europas Küsten zum Beispiel. Oder die zivilen Opfer euro-amerikanischer Embargopolitik und Militärintervention („this is the price to pay“, M. Albright). All die Zombies und anderen Anthropomorphen auch, die jetzt die Bildschirme und Leinwände bevölkern. Oder die sechzig Milliarden Schlachttiere alljährlich.

 

°          Darum kommt nicht der Aufstand. Wir schrecken vor der Gewalt zurück, die (wie) stellvertretend, blitzableitend vor unseren Türen wütet, sei es im nur zu „nahen“ Osten, im US-amerikanischen Vorhof Mexiko oder unter den Wilden in Afrika. Und anders als den Sozial-, Kommun-, Anarchisten früherer Tage fehlt uns der Menschheits- und Fortschrittsglaube, dass wir, wenn wir es nur kapieren und uns organisieren, miteinander in Frieden leben können.

 

°          Es ist das Geld. Es-ist-das-Geld. Spielen Sie mit Betonung und Melodie. Jammern Sie. Schreien Sie. Lassen Sie es sacken. Finden Sie sinnverwandte Sprüche: It’s the economy, stupid! Oder Money makes the world go round.  Neuerdings auch green is green, will sagen, grün sein, „öko“ sein, bringt (grüne) Dollars ein. Den Thekenkalauer „Das Geld muss in die Wirtschaft“ versteht der Kiosk-Trinker schon gar nicht mehr.

 

°          „Alles geht vor die Hunde.“ Das Unkenglück: Es gibt nur Rechtbehalten oder glückliche Überraschung.

 

°          Kapitalismuskritik ist keine Häresie mehr, sondern Mainstream, jedenfalls unter wachen Geistern. Das ist ein Anfang. Ein neues „Heiliges“ aber mit den nötigen Opfern, Tabus und großen Erzählungen ist nicht in Sicht. Dafür geht es uns noch nicht schlecht genug. So macht jeder sein (nicht selten blass religiöses) Ding im Kleinen und wartet auf den großen Knall, den Kampf, die einende Bedrohung.

 

°          Denn auch das lehrt die Geschichte und erscheint mit Girard in einem neuen Licht: Ist das Böse benannt – der Bulle, der Staat, der Nazi, das System, der Jude auch oder der Kommunist – entstehen in sich gewaltfreie Gemeinschaften voller Aufopferung [sic!], Loyalität, Freundschaft und mitunter Festlichkeit, die wiederum zu Gründungsmythen werden, neue Gewaltvermeidungs- bzw. -ableitungsmechanismen generieren.

 

°          Wenn aber die Gewalt, der Feind in uns ist – wen können wir bekämpfen, und wen opfern? Nichts und niemanden. Wir beginnen zu verstehen. Nun tut sich die Frage auf: Wie kommen wir da raus?

 

°          Vielleicht ist die Zeit bald einfach reif. Die push– und pull-Faktoren Wissen, Wille, Not, Notwendigkeit sind da. Klotzen wir rein, jeder nach seinen Möglichkeiten. Ein paar Jahrzehnte wird es gewiss noch dauern. Sieh an, um 2040 herum beginnt das Zeitalter des Wassermanns, voller Einsicht, Friedlichkeit und Spiritualität. Für die, die dann noch leben. Unsere Kinder.

 

 

[1] Vgl. Dominique Jacques Roth, Économie et psychanalyse. Paris: L’Harmattan 2011; Gilles Dostaler/Bernard Maris, Capitalisme et pulsion de mort. Paris: Albin Michel 2009.

[2] Vgl. die vielgelesene Sammlung „Das Schlachten beenden!“ vom Verlag Graswurzelrevolution. Nicht zufällig gibt es in Friedens- und (anderen) „linken“ Bewegungen auffallend viele Vegetarier und Veganer, während auf der dumpfen Gegenseite arglos rauhe Mengen toter Tiere verspeist werden.

[3] Jeder zitiert den großen Mann der Psychoanalyse, kaum einer denkt ihn zu Ende, dabei bedeutete schon Freuds Werk eine Abschottung gegen noch sehr viel weiter reichende Experimente und Theorien etwa zum Bereich „Magnetismus“, Hellseherei u.a., vgl. die Werke von James Webb und Bertrand Méheust. Eine zeitgenössische Sammlung zum Tabubegriff bieten Claudia Benthien/Ortrud Gutjahr (Hg.): Tabu. Interkulturalität und Gender. München: Wilhelm Fink 2008.

[4] René Girard, Das Heilige und die Gewalt. Frankfurt/M.: Fischer 1992 [frz. Original: 1972], S. 54, 56f., 474f.

 

Über den Lichtwolf

Die neue Moralische Quartalsschrift alter Schule für den verarmten Geistesadel und das gebildete Prekariat.

von Timotheus Schneidegger /

die subversive Kraft des Denkens gegen die akademischen und literarischen Blabla-Betriebe rehabilitieren – das ist Aufgabe des Lichtwolf. Im Widerstand gegen die Verzweckung des Daseins stand er von Anfang an im lichten Abseits.

Der Lichtwolf wurde im Sommer 2002 aus Übermut und Langeweile im Umfeld der Fachschaft Philosophie der Uni Freiburg gegründet. Der Studentengag wuchs sich im Laufe der Jahre grund- und ziellos zum fröhlichen Wissenschaftsmagazin aus.

Im Geiste der Publizistik des fin de siècle erkundet der Lichtwolf vierteljährlich, was im falschen Leben möglich ist. Seine spärliche Leserschaft bestärkt er darin, dass Leben und Denken auf scheinbar verlorenem Posten gut, schön und wahr sein kann. Indem er unermutigt und unerfolgreich (nicht erfolglos!) beharrlich weiter gegen jede ökonomische Vernunft erscheint, widerlegt der Lichtwolf Ausgabe für Ausgabe ihre Allgültigkeit.

Pünktlich zu jeder neuen Jahreszeit stellen Herausgeber, Autoren und Illustratoren – Akademiker aus der Unter- und Mittelschicht – über 100 aufgeräumte Seiten mit langen, schweren Texten und wenigen Bildern zusammen. Jede Ausgabe enthält seltene Lesefrüchte und seltsame Themen, aber keine Werbung. Der Lichtwolf nimmt seine Leser und die Philosophie ernst: Er ist anspruchsvoll wie eine Fachzeitschrift und lustig wie ein Punkzine.

Der Lichtwolf ist…

autonom  Mehr als nur unabhängig von Geldgebern und Vertriebspartnern.

pluralistisch  Jeder darf alles, nur die Menschenrechte gelten für alle oder für keinen.

historisch  Es hätte auch ganz anders sein können und alles, was ist, ist geworden; das Wie ist das Zweitinteressanteste daran!

schöngeistig  Vergangenheit und Fortschritt verpflichtet, sofern „schön“ auch „kritisch“ bedeutet.

skeptisch  Nichts ist selbstverständlich, erst recht nicht der Zweifel.

Zorn

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