Die Burka Frage: „wie hast Du’s mit der Religion?“ Instrumentalisierung eines Kleidungsstücks – Kleines Plädoyer für das Un-Verschämte – (mit Gastbeiträgen von Lale Akgün & Marc Hieronimus) – (WehrWolter – ww 185 – Hans Wolter)

Als das verliebte Mädchen dem Faust die Gretchen-Frage stellte, wollte sie wissen, wie er es mit der Religion halte. Warum? Einer der sich zu der Zeit von der Kirche freisagte, hatte etwas Unberechenbares. Er unterwarf sich nicht dem gängigen System. Dass Kleidung ein Indiz für Zugehörigkeit und letztlich auch Unterwerfung sein kann, sehen wir heute noch an der Krawatte in der männlichen Businesswelt. Symbolisch lassen sich hier die Männer an die Leine nehmen und bekommen damit Zutritt in eine Welt, in der sie nicht nur individuelle Macht abgeben. Die Männer machen das, weil sie damit auch wieder Macht in einem System bekommen. Wer gängige Dresscodes nicht mitmacht, gehört nicht richtig dazu. Damit hat Mann es schwerer. Frau natürlich auch. Aber anders.

Aktuell stellt sich allerorten die Burka-Frage. Häufig macht es allerdings den Eindruck, als stellen sich nicht primär die Frauen die Frage, was sie wann anziehen. Vielmehr fragen sich muslimische Männer, was eine Frau wann zu tragen hat. Verhüllung und Scham werden mit Religion und mit Kategorien von Gut und Böse verknüpft. Hierzu zitiere ich nachfolgend zwei Gastbeiträge. Die Psychologin und ehemalige Bundestagsabgeordnete Lale Akgün stellt das Unterdrückungsargument des Burkatragens dar. Der Philosoph und Autor Marc Hieronimus beschreibt den Schutzaspekt des Kopftuchs. Einleitend beschäftige ich mich kurz mit Fragen von Scham über Macht zu einem kleinen Plädoyer für das Un-Verschämte.

 

Scham reguliert menschliche Gemeinschaften

Adam und Eva schämten sich ihrer Nacktheit, als sie begann ihren eigenen Weg zu gehen

Scham ist in den Abrahamitschen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) das Gefühl, was der Mensch bekommt, wenn er sich bewusst wird, dass er gegen die göttlichen Weisungen verstoßen hat. Adam und Eva fanden ihr Nacktsein außerhalb des Paradieses plötzlich als unangemessen:

„Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. (Gen 3,7 EU)“

Scham können wir als ein Signal verstehen, was sich einstellen kann, wenn wir außerhalb einer Gemeinschaft stehen.

 

Über die Scham können sich Gruppen regulieren.

Scham ist ein wirkungsvoller Mechanismus, um den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit in Gruppen zu etablieren und aufrechtzuerhalten. Das Schamgefühl ist ein verinnerlichter Regulator, um geltende Normen einzuhalten. Dies sichert den Verbleib in der Gruppe, von dem häufig auch das Überleben abhängen kann. Nach innen wirkt Scham wie eine Alarmanlage, nach außen beschwichtigt sie: Seht her, ich habe eine Regel verletzt, und mir geht es nicht gut damit. Mehr Bestrafung ist nicht nötig. Diesen Effekt wollen beispielsweise amerikanische Justizbehörden nutzen, wenn sie Delinquenten statt einer Haft- oder Geldstrafe eine Beschämung auferlegen. Wie in Florida, wo Freier, die bei einer Prostituierten ertappt werden, im Fernsehen vorgeführt werden.

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Scham und Macht

Der Mechanismus der Scham erleichtert die Herrschaft der Autoritäten. Früher versuchte man Kinder mit der Aufforderung „Schäm dich!“ zu disziplinieren. In der sogenannten schwarzen Pädagogik gelang das sehr gut. Das Kind was sich schämt, also sich als schlecht ansieht, geht in den Rückzug. Es nimmt sich raus aus dem Spiel und gibt seine Macht ab. Das funktioniert natürlich nicht nur beim Kind. Früher erwartete man am Königshof Höflichkeit. Der König scharte teils machtvolle Menschen um sich und entmachtete sie mit dem Gebot der Höflichkeit.

 

Unter Scham verstehen wir ein Gefühl der Verlegenheit oder der Bloßstellung, das durch Verletzung der Intimsphäre auftreten kann. Scham kann auch auf dem Bewusstsein beruhen, dass ein Mensch durch unehrenhafte, unanständige oder auch erfolglose Handlungen die sozialen Erwartungen oder Normen nicht erfüllt.

Das sogenannte Schamgefühl geht häufig mit vegetativen Erscheinungen einher, wie Erröten, Herzklopfen oder dem Senken des Blickes. Dies wird unterschiedlich intensiv erlebt: von flüchtiger Anwandlung bis zur tiefsten Beklommenheit. Scham tritt auf, wenn man sich im sozialen Umfeld entblößt oder entehrt erlebt. Erlebt sich ein Mensch in seiner Handlung als verfehlt oder unzulänglich, kann ihm das rasch peinlich werden. Manchmal fühlen wir das in kleinen Details. Wenn wir z.B.. einen Witz erzählen, über den keiner lacht, kann sich rasch ein Gefühl der Peinlichkeit ausbreiten.

 

Beschämung als Waffe

Demütigung ist die gezielte Auslösung von Schamgefühlen des Anderen in manipulativer, erzieherischer oder feindseliger Absicht. Dies stellt in allen Gemeinschaften eine scharfe negative soziale Sanktion dar.

 

Allzu große Scham begrenzt das Individuum

Wurde Scham bei Aristoteles noch als Tugend des Feingefühls beschrieben, weisen Psychologen und Psychoanalytiker auf die teilweise einengenden Folgen für das Individuum hin.

Erik H. Erikson, ein Schüler Freuds, hat ein Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung entworfen. Hier verortet er Scham und Zweifel als Effekte misslungener Lernerfahrung der Autonomie des zwei- bis dreijährigen Kindes. Scham stellt er als Gegensatz zum Stolz über gemeisterte Entwicklungsschritte dar.

Für Erikson ist Scham ein sekundärer Zorn, der sich gegen das Ich richtet. „Der Schamerfüllte möchte […] die Welt zwingen, ihn nicht anzusehen […]. Er würde am liebsten die Augen aller anderen zerstören. Stattdessen muss er seine eigene Unsichtbarkeit wünschen.“ (Erik H. Erikson: Kindheit und Gesellschaft, Stuttgart 1999, S. 243 ff.)

Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich die Psychoanalyse verstärkt dem Thema zugewandt, um die Bedeutsamkeit von Schamkonflikten und traumatischen Schamerfahrungen für schwerste Pathologien (Dissoziale Persönlichkeit, Sucht, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Schizophrenie) nachzuweisen. Wegweisend sind hier insbesondere die Arbeiten des Züricher Analytikers Léon Wurmser.

 Link: Prof. Leon Wurmser: „Urscham und tragischer Teufelskreis“

Scham, das Für-andere-Sein

Sartre weist in seiner existentialistischen Philosophie (Das Sein und das Nichts, 1943) darauf hin, dass sich in der Scham das „Für-andere-Sein“ als Selbstentfremdung bzw. Verdinglichung, die das „Für-sich“ in der konflikthaften Begegnung mit dem anderen erleidet.

Scham sieht Sartre als Anerkennung der Tatsache, dass ich so bin, wie der andere mich sieht.

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Kleines Plädoyer für das Un-Verschämte

Es ist wie häufig im Leben: es kommt auf die Maß-Frage an. Sichert ein gewisser Grad an Scham das Zusammenleben menschlicher Gemeinschaften, so können wir dies leicht als positiv ansehen. Sichert die Scham allerdings die Stellung derjenigen, die Macht über die anderen ausüben wollen, wird es schon fraglich. Nicht nur autoritäre Eltern versuchen es sich damit leichter zu machen, auch Diktaturen arbeiten damit.

Ich möchte dazu ermutigen, ein wenig mehr mit Un-Verschämtheit im Alltag zu experimentieren. Machen wir uns nicht oft zu klein? Wo sind unsere Grenzen? Welches Motiv haben die, die uns schief angucken. Un-Verschämtheit mit Niveau. Das wär doch was. Oder?

Gegenwärtig wird bei uns und in anderen westlichen Ländern die Burka-Frage erörtert. Üben hier muslimische Männer Macht über die Frauen aus, indem sie zu mehr Scham aufrufen? Geht es hier um Religionsfreiheit oder Einschüchterung und Einengung? Mir ist alles, was auf ein Zuviel von Kleinmachen des Menschen abzielt, suspekt. Nachfolgend zitiere ich zwei Beiträge, die sich jeweils unterschiedlich positionieren.

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Verhüllung ist Instrument und Symbol weiblicher Unterdrückung –

 

Gastbeitrag Lale Akgün

 

Burka Lale Akgün

Lale Akgün, geb. 1953 in Istanbul, hat Medizin, Völkerkunde und Psychologie studiert. Die Kölner SPD-Politikerin und Islam-Expertin war von 2002 bis 2009 Mitglied des Bundestags. (Foto: Worring)

Hidschab, Nikab, Burka und Burkini. Die Diskussionen drehen sich seit Wochen um die Verhüllung der „muslimischen“ Frauen. Warum ich muslimisch in Anführungszeichen setze? Wenn in der westlichen Welt von „den Muslimen“ die Rede ist, geht man sehr oft von den Vorstellungen fundamentalistischer Muslime aus und glaubt dann zu wissen, welches die im Islam für alle Zeiten gültigen Bekleidungsvorschriften sind. Doch so schlicht und einfach ist es ja bekanntlich nicht.

 

Es gibt im Islam keine Uniformen für Frömmigkeit, auch wenn man uns das gerne weismachen möchte. Bedecken heißt verstecken. Männer müssen beides nicht. Frauen schon. Klar doch! Das Kopftuch scheint geeignet, die Frau in die den Männern genehmen Schranken zu weisen.

 

Der ganze Körper als Tabuzone

 

Für konservative und fundamentalistische Muslime muss die Schamgegend – im Arabischen Avret genannt – bedeckt sein. Während beim Mann nur der Bereich zwischen dem Bauchnabel und den Knien als „Avret“ definiert wird, sind bei der Frau nur Gesicht, Hände und Füße ausgenommen. „Die Fundamentalisten haben es geschafft, den gesamten Körper der Frau zu einer Tabuzone zu erklären“, sagt die türkische Theologin Beyza Bilgin.

Aber inzwischen reicht selbst das nicht mehr aus. Die wahhabitische Auslegung des Islams hat auch das Gesicht der Frau zur Schamzone erklärt. „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Frömmste in diesem Land?“ Die Antwort ist klar: natürlich diejenige, die „am bedecktesten“ ist. Offenbar gibt es das, eine Steigerung des Bedeckens. Wer noch frömmer sein will als die anderen, soll sich noch mehr bedecken!

Es ist beeindruckend, wie Männer es hinbekommen haben, Religiosität, Moral und Sexualität so zu verbinden, dass sie die Macht und Deutungshoheit über den weiblichen Körper erlangt haben!

 

Dürfen Frauen selbst über ihren Körper bestimmen?

 

Wegen der Unterschiedlichkeit der Kulturen hätten wir das zu respektieren? Mitnichten! Die Diskussion um die Verhüllung ist und bleibt die muslimische Variation der alten feministischen Frage: Sind Frauen Herrinnen im eigenen Haus? Dürfen sie selbst über ihren Körper bestimmen? Wenn Frauen die Verhüllung verteidigen – was durchaus häufig vorkommt –, dann haben sie sich die Sichtweise der mächtigen Männer zu eigen gemacht. Sie heißen damit nicht nur deren Kontrolle über den weiblichen Körper gut, sie tragen auch insgesamt zur Sexualisierung des Körpers der Frau bei.

 

Es geht nicht um ein Stück Stoff

 

Es geht nicht nur um ein Stück Stoff. Der Hidschab ist das wichtigste Instrument und Symbol für die Abkapselung der muslimischen Frau. Folglich muss es für sie getrennte Schwimmtage geben (wieso dürfen muslimische Männer eigentlich mit den nicht-muslimischen Frauen schwimmen?) sowie eigene Sportstudios. Und irgendwann weigern sich männliche Abiturienten dann, ihrer Klassenlehrerin die Hand zu geben, weil sie eine Frau ist. So geschehen etwa in einer Kölner Gesamtschule.

 

Gerade am Kopftuch – so sichtbar und, ach, so „exotisch“ – wollen die gutmeinenden Anhänger des Folklore-Islams eine „gesellschaftliche Bereicherung“ festmachen. Leider fehlt es bislang am dringend notwendigen Streit über die Frage, wer von dieser „Bereicherung“ profitiert. Etwa die Nichtmuslime? Die Kopftuchträgerinnen? Oder gar die Musliminnen, die kein Kopftuch tragen? Das darf denn doch wohl bezweifelt werden.

 

 

Das Patriarchat hat den Islam instrumentalisiert

 

Vor zehn Jahren lief ich an der türkischen Ägäis-Küste dort entlang, wo ich seit meiner Kindheit spazieren gegangen war, als ich auf einen neu errichteten „Strand für Frauen“ stieß. Ich wurde von Wachen aufgehalten. Auf meinen Einwand, ich sei doch auch eine Frau, hieß es, „aber eine unbedeckte“. Die anderen fühlten sich von mir gestört.

 

Das Beispiel zeigt: Wo fundamentalistische Muslime in der Mehrheit sind, hat Pluralität keinen Platz mehr. Sie beharren auf ihren Vorschriften und schließen alle anderen aus – auch säkulare Muslime wie mich. Doch nicht nur wir säkulare Muslime teilen mit ihnen den öffentlichen Raum, sondern alle Menschen. Und demokratische Grundsätze sollten für uns alle gelten, oder etwa nicht? Auch darüber wäre nachzudenken, bevor man beim Thema Kopftuch über Menschen- und Frauenrechte schwadroniert.

 

Ich fasse zusammen: Das Patriarchat hat den Islam instrumentalisiert, um die Frauenunterdrückung zu rechtfertigen. Wer sich gegen die Verhüllung der Frauen ausspricht, kritisiert also nicht den Islam, sondern was mit ihm angestellt wird. Eine Denkanregung für diejenigen, die sich hierzulande für Nikab und Burkini stark machen und das als Kennzeichen ihrer besonderer Toleranz ausgeben.

Auch da findet ein Überbietungswettbewerb statt: Um sich als tolerant zu erweisen, reicht die Hinnahme des Kopftuchs inzwischen wohl nicht mehr aus. Anscheinend ist genug nicht genug!

 Quelle: http://www.ksta.de/24678476 ©2016

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Blickfang Kopftuch.     Eine Männermeinung.  

 Gastbeitrag Marc Hieronimus

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Alle gucken gerne auf die anderen, Begucktwerden ist nicht so schön. Darum haben wir Fernsehen und Gardinen. Draußengucken ist anstrengender, da gucken vor allem die Männer, und zwar die jungen mehr auf die Jungen: eh, kuckstu?, fuck you lookin at?, die älteren mehr auf die jungen Frauen. Bevorzugtes Objekt etwa vom blicksicheren Logenplatz der westdeutschen Großstadtparkbank ist die Joggerin, aber im Grunde jede ansehnliche Frau zwischen achtzehn und mindestens vierzig. Der Männerblick sticht und lastet, die Frauen senken den ihren. Für die „Karriere“, d.h. der im Rahmen des Aussehens und der Fähigkeiten möglichen beruflich-gesellschaftlichen Entfaltung mögen sie die Präsentation (und immer häufiger chirurgische Transformation) ihrer Körper durchaus in Kauf nehmen; in der „Freizeit“, dem Rest- oder eigentlichen Leben entziehen sie sich leidlich den Männerblicken, indem sie beim Joggen Schirmmützen, Schlabberhosen und Sonnenbrillen tragen, in der Bahn, die sie möglichst selten benutzen, halsstarr aus dem Fenster oder auf ihre Unterhaltungselektronik schauen, und sich ansonsten wo es nur geht strikt unter ihresgleichen oder ganz allein daheim aufhalten.

 

Woher und wozu die männlichen Blicke? Die meisten Gaffer wären von einem Angebot auf schnellen Sex völlig überfordert, zumal sie meist liiert und nicht selten in Begleitung sind. Mag der Anblick einer sportlichen Frau mit wallendem Haar dem „nackten Affen“  im Manne auch seit Urzeiten Gesundheit und Fruchtbarkeit signalisieren, hat seine Spezies doch seither einen beachtlichen Weg der kulturellen Sublimation (oder Entfremdung) zurückgelegt, die eine allzu rasche Performanz verhindern. Vielleicht haben die visuellen Medien die Sehgewohnheiten verändert. Vielleicht haben diese auch den Ausbau der Medien erzwungen. Wahrscheinlich gründet beides in der „Psychopathologie“ der Ereignis- und Konsumgesellschaft: Mit ihren Propagandatrommeln Werbung, Medien und arrivierter Kunst spiegelt sie ihren Vollmitgliedern die Verfügbarkeit alles Materiellen vor, darunter die der weiblichen Menschheitshälfte. Die schmackhaften Musikclips, Unterwäschewerbetafeln und zwischen Kantine und Kaffee am Firmen-PC konsumierten youporn-Amateurvideos könnten ja auch nur den männlichen Appetit anregen, „aber gegessen wird zuhause“; stattdessen bedeutet dem Mann offenbar schon das bloße gute Aussehen einer beliebigen Passantin noch vor dem ersten Blickkontakt, dem ersten Lächeln, dass sie zu denen gehört, die unter den rechten Umständen zu haben sind, also nicht zuletzt sexuell.

Sicher schlägt die Ausübung des Blickmonopols gewissermaßen dialektisch auf die Gaffer zurück, werden auch die Männer mode- und körperbewusster, können sich nicht mehr gehenlassen, „beleidigen“ immer weniger den Blick der anderen (Männer und Frauen), doch statt einer geschlechtlichen Egalisierung bedeutet dies nur die Generalisierung der in ihrem Wesen zutiefst männlichen Videokratie. Wie eine ganze Reihe medien- und gesellschaftskritischer Größen aus Geistes- und (anderen) Psychowissenschaften seit nun mehr auch schon wieder mindestens vierzig Jahren verkünden, herrschen ja gar nicht die Männer, nicht einmal der Mann, sondern bestenfalls ein männliches Prinzip, ein System, in dem Männer und Frauen gleichermaßen gefangen sind. Körper, Kleidung und Konsumartikel sollen vielleicht wirklich Fruchtbarkeit und Wohlstand, vor allem aber Charakterzüge wie Offenheit, Intelligenz, Stabilität, Umgänglichkeit und die jeweilige Klassen- oder Milieuzugehörigkeit signalisieren – wo doch ein herrschaftsfreies, freundliches Gespräch so viel billiger, verlässlicher und umweltfreundlicher wäre! Echte Emanzipation aller im Sinne einer Betonung der „weiblicheren“ Seiten des Menschen scheint unmöglich; es gibt immer noch kein richtiges im falschen Leben. Der bewusste Verstoß gegen visuelle Normen, etwa durch Attribute des jeweils anderen Geschlechts oder die Mitgliedschaft in abgrenzenden Subkulturen, entzieht Frauen und Männer zwar dem sexualisierten Blick, verstellt aber den gemeinen Weg nach „oben“ und ist auch in der Breite, im Umgang mit den anderen, mehr Beschränkung als Entfaltung: die „jugendlichen“ Subkulturen mögen eine selbstbewusste und -zufriedene Gemeinschaft bilden, sie bleiben doch immer unter sich.

 

Aber zurück zur Parkbank, auf der ja bisweilen auch Alte, Frauen und alte Frauen sitzen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Blicke und Ansichten teilen die meisten selbst nicht betroffenen BetrachterInnen die Ablehnung des Kopftuchs. Warum dieser Hass, und warum heute? Zum einen mag irgendwann jener von anderen Begegnungen bekannte und etwa von Claude Lévi-Strauss beschriebene Schwellenwert erreicht worden sein, an dem der/die/das Fremde keine positive Neugier mehr erregt, noch auch nur toleriert, d.h. (lateinisch) „ertragen“ wird, sondern man sich „überfremdet“ fühlt, wie überzogen mit etwas Fremdem. Die typisch „westliche“ (oder nördliche), industrialisierte, individualisierte Entfremdung („besser wäre: Verfremdung“, „Zerfremdung“) sich selbst, den Mitmenschen und auch der eigenen Geschichte gegenüber wird so weit verdrängt bzw. notdürftig als Ablehnung des Anderen und Besinnung auf das wie auch immer definierte neue Eigene kompensiert, dass alle menschlichen, aber auch die historischen Ähnlichkeiten übersehen werden; das Kopftuch war über Jahrhunderte ein alltägliches, ja sittlich vorgeschriebenes Kleidungsstück der christlich-europäisch Frau und wird heute noch in besonders frommen Kreisen oder Regionen als solch ein „Symbol“ getragen. Die Alten sollten sich daran eigentlich noch erinnern.

 

Die jüngeren Männer und Frauen, unter sich Gaffer und Begaffte, haben ihre eigenen Gründe. Der primitive Mann verachtet das Kopftuch, weil es nichts zu gucken, nichts zu holen gibt. Die mit ihm Gekleidete signalisiert mit einer Glaubwürdigkeit, die überhaupt nur wenigen Zeichen eigen ist, dass nicht nur seine immer schon verschwindend geringe Chance auf raschen Flirt und Koitus bei ihr gleich Null ist, sondern sie sich dem gesamten System entzieht – sie möchte dem Betrachter gar nicht gefallen, jedenfalls nicht so. Was stört aber die joggingverkleidete, schönheitsoperierte und/oder anders von Männerblicken ausgezogene Frau daran?

Ähnlich dem Fang im Springreiten bedeutet auch der Blickfang Schutz vor dem zu Fangenden durch seine Lenkung. Der Rückzug unter das Kopftuch ist nur und ausgerechnet den Frauen mit Migrationshintergrund (oder -affinität) vorbehalten. Sie genießen die Vorzüge der modernen Welt von Achselrasur bis Zusatzversicherung, Audi A8 bis BMW Z4 (die es vermeintlich dort, wo sie herkommen oder ethnisch „hingehören“, nicht gibt), ohne die Blicke der Männer auf ihrem Körper spüren zu müssen. Sie kämpfen nur an der Herd- und Heimatfront, und trotzdem scheinen sie glücklich. Sie lassen sich nicht operieren, und trotzdem gehen ihre Männer nur selten ins Bordell. Sie sind wie Spielverderberinnen, die beim Fangen nur am „Freio“ stehen, oder die beim Apfelklauen kneifen, aber sich beim Apfelkuchenessen als erste bedienen…

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Das ist sicher polemisch, zur Unkenntlichkeit verkürzt und zur besseren Verständlichkeit und Akzeptanz mit vielen Emotikons J zu versehen. Aber es ist doch bemerkenswert, mit welchem Selbstverständnis gerade „linke“, der Herkunft nach basisdemokratische Bürgerbewegte einer erheblichen Zahl ihrer Mitbürgerinnen mit dem Recht auf Kleidungswahl und Religionsausübung zugleich jegliche politisch-gesellschaftliche Mündigkeit absprechen und in ihrer Wut vor Gerichtsklagen und xenophober Publizistik nicht zurückschrecken.

2008 haben die heute noch bekannten Figuren der Zeit um und nach 1968 deutungshoheitlich den vermeintlichen Erfolg ihrer Bewegung verkünden dürfen. Was hat sich die Gesellschaft nicht seither verändert! Unbestritten. Allerdings ging dabei völlig unter, was im „roten Jahrzehnt“ bis Ende der Siebziger Jahre noch alles verhandelt wurde, gerade als wären alle künstlerischen, ökologischen, pazifistischen, spirituellen und nicht zuletzt gesellschafts- und sexualemanzipatorischen Ziele mit der Gründung einer bürgerlichen Klientelpartei und ihrer bundesweiten Etablierung jenseits der fünf Prozent schon verwirklicht worden. Sind die Geschlechterverhältnisse zum Guten gewendet, wenn eine Frau ohne Kopftuch nicht einmal unbegafft spazieren kann? Ist die Sexualität von Zwang und Gewalt befreit, wenn der Sexmarkt aus Pornographie und Zwangs- und Kinderprostitution dank der genuin westlichen Nachfrage inzwischen zu den weltweit stärksten Wirtschaftszweigen aufgestiegen ist? Sind wir wirklich aufgeklärt und ideologieresistent, wenn die Grundlagen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens – Freiheit von Wasser-, Nahrungs-, Bildungsmangel; Freiheit zur Selbstentfaltung, Sinngebung, Ästhetisierung; Abwesenheit von Krieg und Gewalt; Einklang mit der Umwelt im weitesten Sinne; Liebe – allenfalls im Kleinen ansatzweise umgesetzt, auf globaler Ebene aber nicht einmal mehr angesprochen werden?

 

Das Kopftuch erinnert weniger an die Niederlage der religiösen Aufklärung; das Wissen um den Tod Gottes könnte sich eines Tages noch durchsetzen. Es erinnert an den falschen Kompromiss, die Niederlage der emanzipatorischen Bewegung, die in den Sechziger und Siebziger Jahren ihren vorzeitigen Höhepunkt fand und seither über ihre Scheinsiege verstummt ist.

Es erinnert die neidischen Männer an das Fortbestehen des Patriarchats innerhalb der somit besser dastehenden Bevölkerungsteile; bei den Türken ist die Welt noch in Ordnung, da weiß die Frau noch, wo sie hingehört. Seid mal ehrlich, Männer, unsere Ulla hat einfach nicht die Haut, den Bauch, den Arsch, ’nen flotten Bauchtanz hinzulegen, und selbst wenn: mit den Ideen, die die Frauen heute haben, gibt es Orient nur an besonderen Tagen, und immer muss man fürchten, dass die Alte irgendwann zum nächsten rennt.

Den zwischen Zwängen von und zu Karriere und Familie zerrissenen Frauen erinnert das Kopftuch an ein ihnen verschlossenes Alternativprogramm des Sowohl-als-auch, mit dem frau in manchen Fällen sogar glücklich werden kann – das Schlimmste sind doch wohl die Kopftuchfrauen, die nach überdurchschnittlicher Fortpflanzung über Abendgymnasium und Uni die Wende schaffen und am Ende auch noch in den Schuldienst drängen!

Und vielleicht schwingt bei den Ablehnern beider Geschlechter auch die Ahnung mit, dass viele junge Mädchen heute aus freiem Willen (wenn es den denn gibt) zum Kopftuch greifen, um zu sehen, ob sie „es“ schaffen, nämlich für ein Ideal Enthaltsamkeit und gesellschaftliche Ablehnung in Kauf zu nehmen, was den meisten „KämpferInnen“ für egal welche Emanzipation ab einem gewissen Grad von Berühmtheit abgeht. Sie könnten zurecht die Ausrichtung der erwachsenen Familienmitglieder auf Tradition und Religion bemängeln, weil sie Verhältnisse zementiert, die es langfristig zu überwinden gilt, aber aus Neid auf ihre unerkämpfte Freiheit von Konsum- und Wettbewerbszwang und vielleicht auch den Schutz, den Großfamilien bei allem Konfliktpotential auch bieten, greifen sie die jungen Frauen an und wollen sie zu ihrem, d.h. zum modernen Glück zwingen; und die Dummchen merken nicht einmal, wie schlecht es ihnen geht.

 

Der Autor dieser „Männermeinung“ war als Grundschulkind ein wenig in eine Mitschülerin verliebt, die, wie die meisten Türkinnen des Jahrgangs 1973, zunächst „nur“ Hausfrau geworden sein dürfte. Dass sie als solche vermutlich zu Hause mehr zu melden hat als ihre lautesten Kritikerinnen in vergleichbarer Position tut schon einiges zur Sache, ist aber nicht der Punkt: ich wünschte, wünsche mir, dass sie als perfekt zwei- oder vielleicht längst drei- oder viersprachige Deutsche mindestens die gleichen Freiheiten und Möglichkeiten geniest wie ich selbst.

Gülten, trägst Du ein Kopftuch? Ich bin überzeugt, es gibt keinen Gott, in dem Punkt werden wir uns vermutlich nicht verstehen, aber ich würde gern – Abwäger, Laumann, Schmalspur-Voltaire, der ich nun mal bin – ein wenig dafür tun, dass Du auch deine Meinung haben und Dein Leben leben darfst. Oder vielmehr wir. Denn wenn wir die Grenzen einmal anders ziehen, sind wir beide uns sehr viel ähnlicher. Leute wie wir schaffen es selten auf die Uni. Den Nachhilfeschulen und Privatgymnasien für die von da unten wird es schwer gemacht, und die deutsche Regelschule ist erwiesenermaßen nicht für Prolls gemacht. Wer vertritt da eigentlich welche Interessen in der Politik – passt es den EntscheiderInnen nicht ganz gut in den Kram, wenn die Kinder der Straßenfeger, Sesamkringelbäcker und Gemüsehändler (oder in meinem Falle: Wirte) nicht mit den ihren konkurrieren? Irgendwer muss schließlich auch in Zukunft die unangenehmen Arbeiten machen oder sich andernfalls als Nichtsnutz und Parasit beschimpfen lassen; das Selbstverständnis weiter Teile des Neuen Bürgertums hängt davon ab. Sicher, die waren auch nicht immer die Besten in der Schule, zumal nicht in Fremdsprachen, Kreativität oder Zivilem Ungehorsam, falls der irgendwann mal positiv zur Kopfnote gerechnet werden sollte, aber die sprechen zumindest sozio- und dialektfrei Deutsch. Der leichteste Akzent dagegen, schon der falsche Name können bei der Lehrlingswahl zum Ausschluss führen und sind untilgbare Mäkel in egal welcher späteren Laufbahn. Kein Wunder, dass zum Beispiel die wenigen Türken unter uns, die es trotz „Migrationshintergrund“ auf und durch die Uni geschafft haben, ihr Glück heute oft in ihrer schönen, aber falschen, ihnen selber fremden zweiten Heimat versuchen.

Die Männer unserer sozialen Herkunft sitzen übrigens häufiger im Stadion als auf den besagten Gafferbänken. Ich bin kein Fußballfreund, aber es scheint, dass meine Oma oder Thilo Sarrazin mit ihren Sprüchen unter den „Schland“-Schreiern und Wimpel-Winkern wenig Anklang finden. Vielleicht ahnen unsere früheren Spielkameraden bei aller Bällchennarretei, dass es im Grunde in Deutschland, in Europa, auf der Welt noch immer vor allem um Macht und Verteilung geht. „Teile und herrsche“ heißt das bei Macchiavelli, oder besser: wenn du herrschen willst, musst du die Beherrschten teilen. Aber wahrscheinlich weißt Du das alles schon und/oder hast ganz andere Probleme. Lass uns mal auf einen Kaffee treffen, unter Familien, oder zu zweit.

Görüşmek üzere!

M.H.

P.S.

Also Kopftücher auch für Nicht-Muslime? Lieber nicht. Das Kopftuch wird Frauen in dem Moment kein Schutz mehr sein, wenn es „kokettierbar“ wird, wenn erst Popsternchen und Werbung, dann „die Straße“ es, ähnlich dem Che-Guevara-Konterfei, als Accessoire entdecken. Seine weitgehende Akzeptanz von Seiten der großstädtischen Jugend kündigt den Wandel schon an. Es ist immer gut, wenn externe und internalisierte Zwänge fallen, gerade wenn Religion dahinter steht. Die popkulturelle, d.h. kommerzielle Entwertung oder gar ein staatliches Verbot des Kopftuchs brächte den Kampf um ein anderes Geschlechterverhältnis aber keinen Schritt weiter. In der Zwischenzeit sollten dennoch auch die nicht-muslimischen Frauen einmal über die Vorzüge des asexuellen Blickfangs nachdenken. Statt des Kopftuchs könnten sie neue Symbolkleider etablieren. Warum nicht Latzhosen und Bauarbeiterhelme? Die Männer würden Augen machen. Und hätten doch nichts mehr zu gucken.

 

Um es zu kurz zu machen, eine Einführung in die Hobbypsychologie:

Der Begriff der Krise stammt aus der Medizin und bezeichnet den Moment einer Krankheit, den der Patient überlebt – oder eben nicht. In der Geschichtswissenschaft ist er auf Gesellschaften übertragen worden und bezeichnet dort „krankhafte“, d.h. im Rückblick unhaltbare Zeiten des Umbruchs, die sich, beinah analog, durch Fieberwahn und Schwächezustände auszeichnen. Etwas drückt: zuviele adlige und nicht-adlige Menschen während der Kreuzzüge etwa, etwas zieht: eine „kleine Eiszeit“ oder der allseitige radikale Wandel, den man Industrialisierung und Moderne nennt – und schon entdeckt oder erschafft man sich die Anderen, die es zu bekämpfen gilt. Die Anderen draußen bedeuten Krieg und lassen die drinnen enger zusammenrücken. Die Anderen drinnen bedeuten Judenpogrom, Religionskrieg und Hexenverbrennung. Zweifel an der Rechtmäßigkeit der eigenen Argumentation wirken zunächst verstärkend; nur schneller Erfolg oder zu langer Misserfolg setzt der Auslöschung des Anderen ein Ende.

Dann gibt es die „wirklichen“ Anderen, die, die gerade erst angekommen sind.

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Dr. Marc Hieronimus: Wirtssohn, Salonanarchist, lehrt beruflich die Sprache Bohlens und Ackermanns. Geboren am 9.11. 1973 sollte er eigentlich etwas ganz Besonderes werden;

bislang war er nur vielerlei, u.a. Historiker, Stallbursche, Hausbesitzer, Flüssiggaswart, Linguist, Vortragsreisender, Lyriker, Mäusezüchter, „Charlie“, Büttenredner, Comicforscher, Küchenmonteur. Hat sich oft kopiert, aber noch nie erreicht, und zwar auch musikalisch: www.grau-musik.de. (www.marc-hieronimus.de)

Mitherausgeber der Zeitschrift „Lichtwolf“

Lichtwolf: “Die neue Moralische Quartalsschrift alter Schule für den verarmten Geistesadel und das gebildete Prekariat.” (www.lichtwolf.de)

 

 

 

Burka Text

Bilder: Sebastian Bieniek

(from the serial of paintings „Bicolores“, 2016; www.BIENIEK.at)

 

 

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