Kleines Plädoyer für die Mutprobe – Von Angst, Neugier und Ausweitung des Möglichkeitsraumes – Experimente im Alltag – Jeden Tag ein bisschen Urlaub – (WehrWolter – ww 186 – Hans Wolter)

„Der da, in der roten Badehose, ist gerade einfach in den Rhein rein …“ … höre ich einen kleinen Jungen sagen, auf der Zufahrt zur Fähre Rolandseck. Mit Blick auf’s Siebengebirge. Ja, heute habe ich eine kleine Mutprobe gemacht. Hab schon seit einiger Zeit damit geliebäugelt. Dann hab ich mir einfach die rote Badehose eingesteckt und bin mit dem Moped den Rhein runter gefahren. Mittwochs mach ich nämlich immer schon früher frei und ein wenig Urlaub. Die Badehose hab ich schon im Zürcher Limmat getestet. Dieser teils kanalisierte Fluss hat auch was von einem Strömungskanal. Der Rhein ist natürlich viel breiter. Besonders in Köln. Daher hat der Kölner auch einen gehörigen Respekt vor dem starken „Vater Rhein“.

Respekt ist ein gutes Stichwort. Respekt ist Ausdruck einer sinnvollen Angst. In meinem beruflichen Alltag begegne ich vielen, vielen Ängsten. Wobei Männer ja eigentlich keine Angst haben. Zumindest im Erstgespräch. Dabei ist doch Angst unser wichtigster Überlebens-Affekt.

Ohne Angst würden wir rasch vom Auto überfahren und die Bergziege würde ihren ersten Geburtstag nicht erleben. Das schlimmste sind übrigens diffuse Ängste. Unsere Psyche versucht sie rasch zu konkretisieren. Z.B. in eine Phobie. Das ist ökonomisch sinnvoll. Haben wir, sagen wir mal, eine Fahrstuhlphobie, dann können wir das ganz gut kontrollieren. Wir können alles machen, außer Fahrstuhl fahren. Phobien stehen häufig für andere, unbewusste Ängste. Den wenigsten Fahrstuhlphobikern ist im Fahrstuhl schon mal etwas passiert. Das ist so wie mit den Flüchtlingen in Mecklenburg Vorpommern. Insgesamt gibt es da recht wenige, die Ängste vieler Menschen sind aber enorm hoch.

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Einerseits sind Ängste gut, weil sie uns auf Gefahren hinweisen, andererseits können sie aber auch unverhältnismäßig groß werden. Sollte das der Fall sein, sind zwei Dinge notwendig. Zum einen sollte man versuchen zu analysieren, wofür die Angst stehen kann. So kann die Fahrstuhlangst vielleicht dafür stehen, dass man sich in der neuen Beziehung eingeengt erlebt. Als zweites ist eine Konfrontation mit dem Beängstigenden notwendig. Wenn ich schwimmen lerne, dann gehört es dazu, dass ich auch mal Wasser schlucke, um zu erleben, dass ich davon nicht sterbe. Radfahren- und Schwimmenlernen nutze ich gerne als Erklärungsbeispiele. Bei diesen Vorgängen bekomme ich nämlich den Halt und die Sicherheit nur aus der Bewegung. Das ist ungewöhnlich, da wir normalerweise in der Stagnation Halt erleben.

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Schwimmen ist das Stichwort zu meiner heutigen kleinen Alltags-Mutprobe. Die Sonne schien und es war ein schöner heißer Spätsommertag. Da bin ich kurzerhand in den Rhein gestiegen und von Rolandseck auf die Rheininsel Nonnenwerth geschwommen. Die Strömung hat mir schon Respekt eingeflößt. Gespürt habe ich es daran, dass meine Kraft nicht ausreichte, den von mir gewünschten Punkt an der Spitze der Insel auf direktem Weg zu erreichen. An dieser Stelle war die Strömung zu stark. Also musste ich ein Stück mit dem Strom schwimmen. Das tut auch mal gut. Dabei bekam ich dann das Maß des notwendigen Gegenstromschwimmens mit, so dass ich ein Stück später an Land klettern konnte. Dann hab ich die Insel etwas erkundet. Die Wildgänse am anderen Ufer hatten Angst vor diesem Robinson in roter Hose. Unter lautem Geschrei flogen zwei Gänse los, bis kurz darauf der ganze Schwarm aufbrach. Auch hier wirkte ein Angstsignal. Es reichte, dass zwei Vögel schreiend losflogen. Dann folgte rasch der Rest. Jetzt hatte ich diesen Teil der Insel für mich und phantasierte: wär ich jetzt ein Ritter im Mittelalter, würde ich mich fragen, ob die Nonnen hier dieses Abenteuer werth gewesen wäre.

 

In unseren zivilisierten Großstädten sind die sinnlich erfahrbaren Mutproben ja eher selten geworden. Ich überlege auch noch, ob die zwei Kilometer, die ich barfuß stromaufwärts in Badehose an der Hauptstraße entlang zurückgelegt habe, nicht vielleicht die größere Mutprobe dargestellt hat. Mit dem Schwimmen ging schon nach kurzer Zeit ein Glücksgefühl einher. Das ist wie E-Bike fahren im See.

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Das alles gut geklappt hat, war dann noch zusätzlich mit einem Erfolgserlebnis verbunden. Mir fiel auf, dass der 50 km weite Rückweg auf dem Moped anders war als der Hinweg. Vielleicht war es die stolzgeschwellte Brust, die mir Rückenwind verlieh? Vorm Schwimmen hab ich keine Angst. Aber ich hatte etwas für mich außergewöhnliches gemacht. Etwas, was auch nicht ganz ungefährlich war. Etwas was mir in bestimmten Dingen auch Grenzen aufzeigte. Der Strom ist stärker als wir. Hier kann man sich nur mitbewegen.

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Letzte Woche hatte ich noch ein sehr interessantes Gespräch mit dem Leiter einer Kinder- und Jugendpsychologischen Abteilung der Kölner Universitätsklinik. Er berichtete mir von Kindern, die ihre Erfahrung zum allergrößten Teil im Computer und Fernsehen machen. Da sprang ein Junge von einer viel zu hohen Mauer und wunderte sich, dass er sich dabei die Füße brach. „Bei Super-Mario klappt das doch auch immer. Der tischt doch dann immer hoch“. So witzig wie das klingt, so traurig ist es zugleich. Sicher ist das ein außergewöhnliches Beispiel. Aber insgesamt besteht heute das Problem der Kinder und Jugendlichen darin, dass sie weniger sinnliche Erfahrungen machen. Das beeinflusst nicht nur das motorische Lernen und Können, sondern auch die Ausbildung von vielfältigen Hirnstrukturen. Also, Väter, Mütter und Lehrer: raus in die Natur, auf die Bäume, in die Flüsse, Feuer machen, Pfeil und Bogen basteln und in die Klettergärten.

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Nicht nur Kindern tun Mutproben gut. Auch wenn wir weniger Ängste haben, erweitern wir unser Können, Denken und Fühlen, wenn wir ab und zu mal etwas Außergewöhnliches machen. Am besten etwas, was unsere Sinne fordert und beeindruckt.

 

Angst geht immer mit Enge einher. Und umgekehrt. Im Deutschen haben die beiden Worte sogar den gleichen Wortstamm. Darum gebe ich immer als Grundrezept aus:

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Bei Angst für Weite sorgen. Darüber hinaus hilft es, wenn man sich intensiv körperlich spürt. Borderliner ritzen sich die Haut auf, damit sie sich nicht mehr der inneren Leere ausgeliefert erleben. Aber auch denjenigen, die „nur“ eine stärkere Angst aufwallen spüren, hilft es mal heiß und kalt zu duschen. Rausgehen ist immer gut. Bewegung schafft nämlich Beides: Weite schaffen und sich spüren. Dann sind wir wieder etwas mehr bei uns selbst und die Angst geht zurück.

 

Wer sich auch einmal in den Strom des Lebens begeben will, sollte natürlich die Risiken abklären. Das habe ich natürlich auch gemacht, indem ich mir die Teilstrecke vorher genau angeguckt habe und im Vorfeld mit einem Anrainer darüber gesprochen hatte. Und wenn ich ehrlich bin: heute bin ich in den Rhein gesprungen, weil ich mir Spaß davon versprochen hab. Ich bin nicht enttäuscht worden.

Ach ja, eine Erfahrung ist noch wichtig:

Es gibt Strömungen, die sind einfach stärker als wir.

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„Vater Rhein“ im Wallraf-Richartz-Museum, Köln

P.S. :

„Alle Menschen machen sich, wie zu allen Zeiten, auch jetzt noch zu Sklaven und Freien; denn wer von einem Tag nicht mindestens ein Drittel für sich hat, ist ein Sklave, mag er Minister oder Arbeiter sein.“ (Friedrich Nietzsche)

 

Ja, ja der alte Friedrich ist schon ein Extremist. Im Geist. Natürlich ist das nicht so leicht mit der freien Zeit. Aber von der Haltung gebe ich ihm Recht. Mir gefällt die Maxime:

Jeden Tag ein bisschen Urlaub!

 

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1 Kommentar

  1. „Dabei ist doch Angst unser wichtigster Überlebens-Affekt“:
    Angst LÄHMT – wie soll ausgerechnet DAS dem Überleben helfen?

    Zugegeben: wenn kleine KINDER vor etwas Angst bekommen, laufen sie weg – bzw. zu ihren Eltern oder sonstigen Vertrauenspersonen. ERWACHSENE aber sollen – nach dem Aufstieg vom kindestypischen grobstofflichen zum erwachsenentypischen feinstofflichen Bewußtsein NICHT mehr weg- oder zu Mama laufen, sondern (als) (wahres, höheres) SELBST mit der Herausforderung umgehen. Die „Vertrauensperson“ ist der feinstoffliche Gott bzw. die feinstoffliche Seele bzw. deren feinstoffliche „Kraft aus der Höhe“. Die Kraft, von der Jesus Christus sagt: „Der VATER in mir tut die Werke“.

    Angst ist SYMPTOM – für MANGEL. Mangel an feinstofflicher Energie (Liebe, Vertrauen, Glauben, usw.), oder Mangel an Information. Dem KIND fehlt BEIDES. Es ist noch nicht über die Wahrheit des Lebens / Seins, über die Kraft der Liebe usw., aufgeklärt UND es hat folglich keine Konrolle / Macht über die feinstoffliche Energie.

    Daß viele nachpubertäre / geschlechtsreife Menschen in der modernen / zivilisierten Gesellschaft „keine Angst haben“ liegt nach meinen Erkenntnissen nicht daran, daß sie im Zuge des geistig-seelisch-spirituellen Aspekts der Pubertät, im „Kult der wahren Menschwerdung“, zum feinstofflichen Bewußtsein aufgestiegen sind, sondern daß sie unter dem Einfluß ungeheilter Traumatisierung(en) und Neurose „gelernt“ haben, Angst und andere negative Gefühle (sowie Konflikte, Probleme, usw.) ins Unbewußte zu verdrängen. Wahrhaft erwachsen ist man damit NICHT. Diese Krankheit / Störung ist aber in jedem Fall grundlegend und auf ganz natürlichem Weg HEILBAR!

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