„Nur im Süden ist Rettung“- Begegnung mit André Heller. Vom neuen Roman und „Anima“, dem Garten des Zauberkünstlers & Poeten. – Heller Wahnsinn zwischen Wien und Marrakesch. – Sei Poet. Denn: es scheint, die Zeit heilt alle Wunder … (WehrWolter – ww 190 – Hans Wolter)

„Wahrscheinlich ist André Heller im Grunde ein Flüchtling“, schrieb Hans Magnus Enzensberger einmal über den Verwandlungskünstler, „auf die Vertreibung aus dem Garten Eden reagiert er dadurch, dass er sich seine eigenen Paradiese erfindet.“

Davon sang er schon in den achtziger Jahren. Bei unserem Treffen in Wien sprach ich ihn auch auf mein Lieblingslied von ihm, „Sei Poet“, an. Dazu meinte er nur nüchtern, das sei doch schon „hundert Jahre her“. Heute entwirft er Paradiese handfest. Aktuell drückt er sich in „Anima“ (Seele), seinem Traumgarten in Marrakesch ganz konkret und materiell aus. Heller machte auf mich einen weisen und gelassenen Eindruck, als ich ihn im auslaufenden September an einem schönen Herbsttag in Wien traf. Ab und zu müsse er nach der Mutter schauen, die mit ihren 101 Jahren schon in die Nähe einer Scheherazade rückt.

 

Seiner Mutter widmet er den aktuellen und damit seinen ersten Roman:

 

„Für meine schöne und wundersame Mutter,

Elisabeth Heller, der ich an ihrem 101. Geburtstag

aus dem Manuskript zu diesem Roman vorlesen

durfte. Ihr Urteil lautete: »Ich hoffe, du hast all

dies ursprünglich mit einer Füllfeder geschrieben.

Die Buchstaben lieben nämlich Füllfeder.«“

 

André Heller kam mit strahlend, kräftig blauem Mantel daher. Ein tiefgründiges Blau ist auch die beherrschende Farbe in seinem ansonsten häufig heißen afrikanischen Park. Der 1947 in Wien geborene Künstler lebt heute abwechselnd in Marrakesch, in Wien und auf Reisen.

Anima, seinen poetischen Zaubergarten, verlegt er nicht zufällig in das Sonnenland Marokko. Heller hat einen Hang zum Süden, denn:

„nur im Süden ist Rettung“

lässt er den Vater seines Romanheldens Julian sagen. Österreichische Schwermut erfahre im Süden Erleichterung.

 

„Ihr habt die Zypressen der Monarchie nicht mehr gekannt. Geht und lebt, wenn irgend möglich frohen Herzens bei den italienischen oder slowenischen. Alles ist leichter im Süden. Im übertragenen und auch in wirklichem Sinn. Eines Tages wird man wissen, dass sich die Physiker irren, wenn sie behaupten, zehn Kilogramm in Salzburg sind gleich zehn Kilogramm in Assisi. Allein der Gesang der Orpheusgrasmücke, jenes schwarzköpfigen Vogels übermütiger Melodien, könnte das spezifische Gewicht der Dinge in der Landeschaft des Heiligen Franzikus auf das Erstaunlichste verringern. Zehn Salzburger Kilo wegen wiegen in Assisi. Nur im Süden ist Rettung.“

 


In André Heller sehe ich einen Perlentaucher,

 

der tief in unbewusste Gefilde abtaucht. Ohne Sauerstoffgerät. Perlen bringt er an die Oberfläche des Bewusstseins, die er dann zu leuchtenden Schmuckstücken verarbeitet.

 

Bei ihm spürte ich schon immer eine faszinierende Fülle und Tiefe. Besonders seine Lieder haben mich schon früh bewegt. Es ist gesungene Poesie, in der sich Text und Musik in die Tiefe hinabschrauben. Das lässt verborgene Saiten in mir mitschwingen. Auch wenn er dafür das Bild des Kopfes findet, er meint die Seele.

 

Die wahren Abenteuer sind im Kopf

Ich wär ein schlechter Kapitän,
die Meridiane sind mein Handwerk nicht.
Und trommelte auch der Regen in den Tropen
Neuguineas die Mangoblätter wund,
es heißt, am Ende aller Reisen weiß man doch
wiederum die Erde rund.

Und Abendstern und Kleiner Bär
sind Feuer in der schwarzen Wiese über meinem Haus.

Die wahren Abenteuer sind im Kopf,
und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.
Die wahren Abenteuer sind im Kopf,
und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.

Der Maskenhändler mit der Blutmaschine,
der Detektiv der kühlen Worte,
das Saltorückwärts-Kind mit Bakelitperücke,
die Schmerzensdienerin des Hokusei,
Sie alle sind in meinem Kopf, und sind sie nich t
in meinem Kopf, dann sind sie nirgendwo.
Sie alle sind in meinem Kopf, und sind sie nicht
in meinem Kopf, dann sind sie nirgendwo.

Im Jahr der Insekten, dem Dreimonatsjahr,
gleitet von Ferne in der Nähe, bizarre,
gefräßige Architektur aus Stachel
und Zange, Schere und Lärm und stielt
die Schatten aus den Zweigen und dringt
in den Traum des Soldaten. Und die kleinen
Gebärden der Hasardeure werden wie Segel eingeholt.

Die wahren Abenteuer sind im Kopf, in meinem Kopf,
und sind sie nicht in meinem Kopf, dann sind sie nirgendwo.

Die wahren Abenteuer sind im Kopf, in deinem Kopf,
und sind sie nicht in deinem Kopf, dann suche sie.
Die wahren Abenteuer sind im Kopf, in euren Köpfen,
und sind sie nicht in euren Köpfen, dann suchet sie.

Die Wirklichkeit, die Wirklichkeit trägt wirklich ein
Forellenkleid und dreht sich stumm,
und dreht sich stumm nach anderen Wirklichkeiten um.

 

 

„Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“

 

Den Werken André Hellers merke ich an, dass er sich sein „inneres Kind“ lebendig gehalten hat. Er steht – wie letztlich jeder Künstler – in einem guten und lebendigen Austausch, mit dem kleinen Jungen in sich selbst.“Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist der Titel einer Erzählung, die er 2008 veröffentlichte. Hier greift er , nach eigener Aussage, Themen und Begebenheiten aus seiner Kindheit auf und macht daraus die fiktive Geschichte des zwölfjährigen Jungen Paul Silberstein. Ein Junge aus dem Wiener Großbürgertum, der sich nach dem Tod seines Vaters daran erinnert, was er über ihn weiß, beziehungsweise mit ihm erlebte. Was davon authentisch ist und was nicht, lässt sich nicht ohne weiteres unterscheiden. Ist aber wohl auch nicht so wichtig. Goethe titelte ja seine Biographie auch nicht von ungefähr mit: „Dichtung und Wahrheit“.


Kenner seiner Schattenseiten

In Hellers Werken, besonders in seinen Liedern, kommt für mich die Weisheit zum Ausdruck, über die Menschen verfügen, die auch schon in ihre Schattenseiten abgetaucht sind. Wien ist eh schon eine Stadt, in der die Melancholie immer schon fruchtbare Werke befördern konnte. André Heller gehört zu der selten Spezies der produktiven Melancholiker. In seinen Liedern spüre ich, dass er gefühlsmäßig die Gradwanderungen zwischen Leben und Tod nur allzu gut kennt.

 

Wie komm ich nur durch die Nacht

Wie komm ich nur durch die Nacht,
was hat mich so schlaflos gemacht!
Kommt das vom Rauschen des Bluts
oder vom Sinken des Muts.
Führt etwas gegen mich Krieg,
wittert ein Feind seinen Sieg.
Läßt mich mein Engel im Stich,
wo ist es noch heimatlich.

Es scheint, die Zeit heilt alle Wunder,
sogar die Macht der Hoffnung erlischt,
Wie nutzlos sind die Wörter
als Mittel gegen meine Angst.

Menschen, nicht Fisch und nicht Fleisch,
in diesem Land voll Gekreisch.
Maßlos im Selbstbetrug,
nur mehr die Narren sind klug.
Wer ruft im Stürzen nach Halt,
läßt Euch das Fieber so kalt.
Fordert Ihr Gnade vor Recht,
der euch beriet, der riet schlecht.

Es scheint, die Zeit heilt alle Wunder…..(Refrain)

 

Denis Scheck im Gespräch mit André Heller zu seinem neuen Roman

Drogen retten nicht – Nur im Süden ist Rettung

„Ich habe 1967 begonnen, meine Gedichte mittels meiner Stimme über Schallplatte und in Liederabenden Millionen Menschen zugänglich zu machen. Dies war nach dem Beispiel Bob Dylans zunächst sinnvoller als Lyrikbändchen im Selbstverlag oder bei Suhrkamp zu veröffentlichen. 1982, also durchaus im Zenit dieser Karriere, mußte ich meine Konzerttätigkeit beenden, weil es mir zur Qual wurde, um 20 Uhr vor einigen tausend Zuhörern begabt zu agieren, nur weil sie Eintritt bezahlt hatten.“ – André Heller in den Liner Notes der 1991 erschienenen „Kritischen Gesamtausgabe“

Warum macht André Heller keine Lieder mehr, warum geht er mit ihnen nicht mehr auf die Bühnen dieser Welt? Er selbst begründet es damit, dass er zu seinen Auftritten immer Drogen genommen hätte. Dies wolle er sich nicht mehr antun. Schade. Aber im Süden ist Rettung.

Jetzt möchte ich gerne noch einmal den neuen Roman von André Heller in den Mittelpunkt rücken und übergebe dafür das Wort an einen Literaturprofi. Ulrich Weinzierl hat sich dem Buch in der von mir hochgeschätzten Zeitschrift „DIE ZEIT“ (Nr. 19/2016) ausführlich zugewandt.

 

„Nur im Süden ist Rettung“

André Heller ist Artist, Gärtner, Liedermacher, Zirkusdirektor, aber vor allem: Ein Poet. In seinem 70. Lebensjahr legt er jetzt sein Romandebüt „Das Buch vom Süden“ vor, und es ist große Literatur

Von Ulrich Weinzierl

 

Hier sitze ich, ich kann nicht anders. Die Karten müssen auf den Tisch. Nun denn: Ich bin befangen, sogar sehr. Im Frühling 2015 gab mir André Heller den Text seines Romans, an dem er zehn Jahre gearbeitet hatte. Er wollte von mir wissen, ob das Manuskript etwas tauge. Und zwar schonungslos. Verständlich, dass er mir solche Brutalität zutraute. 1981 habe ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Band von ihm verrissen. Zum (wenigstens mir gegenüber) stummen Schmerz meiner verehrten Vorgängerin Hilde Spiel, die Heller für ein Wiener Wunderkind hielt, vielleicht für ein ziemlich ungezogenes, allzu freches – gleichwohl für ein echtes Wunderkind.

Für mich jedoch war André Heller anno dazumal ein überbegabter Blender mit dem Zeug zum verschmockten Scharlatan. Meine Kritik zielte ins Grundsätzliche: „Ist er, was er kann? Verbirgt sich hinter den zahllosen Masken ein Gesicht?“ Hilde Spiel hatte recht, ich hatte unrecht. Sie sah schon das Gesicht, das sich mir erst in den folgenden Jahrzehnten zeigen sollte. Nein, ich meine nicht die beeindruckende Vielfalt von Hellers spektakulärer Karriere als Liedermacher, Zirkus-, Varieté- und Revuedirektor, als Kunstgärtner und Himmelszeichner, als neobarocker Feuerwerker und Kristallartist, der stets neue Fantasieskulpturen schuf und zum Lehrmeister und Impresario unseres Staunens wurde. Ich meine den ungemein ernsthaften, den engagierten Zeitgenossen und scharfsichtigen politischen Beobachter. Der hält sich nicht mit Visionen auf, sondern setzt sie sofort in die Praxis um.

So vor Kurzem in der von ihm organisierten internationalen Konferenz der Bürgermeister, deren Städte und Gemeinden am stärksten mit dem Elend der Flüchtlinge konfrontiert sind. Und ich meine vor allem den Autor André Heller. Seine oft autobiografisch grundierten Erzählungen überzeugten mich von Mal zu Mal mehr, manches davon begeisterte mich. Hellers Liebe zur Literatur, zu der dieser rastlose Universalkünstler immer wieder zurückkehrt, war keine unglückliche, lediglich seine erste und wichtigste. Mittlerweile glaube ich, was er als Jungdandy so forsch wie vollmundig behauptete: dass er in all seiner überschäumenden Kreativität zuvorderst Poet, also in der Tat ein Dichter ist.

Als ich Heller meine Ansicht mitteilte, er habe keinen guten, vielmehr einen hervorragenden Roman geschrieben, einen der schönsten, die ich seit Langem gelesen hätte, reagierte er ungläubig. So ist das eben bei Größenwahnsinnigen, oder genauer: bei denen mit zureichendem Grund. Sie sind äußerst unsicher. Wie pflegte Marcel Reich-Ranicki zu sagen? Vögel verstehen nichts von Ornithologie. Sonst könnten sie nämlich leider nicht fliegen, sage ich.

Weil ich von der Qualität dieser 330 Seiten völlig überzeugt bin, habe ich sie in Richtung des Zsolnay-Verlags bugsiert (der naturgemäß auch der meine ist) und werde sie gemeinsam mit dem Verfasser im Burgtheater präsentieren. Kann ein Rezensent parteiischer sein? Kaum. Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Zumindest die halbe, die ganze wäre ohnehin weder zu haben noch zu gebrauchen.

Das Buch vom Süden ist ein Bildungsroman im angenehm altmodischen Sinn. Er erzählt die Geschichte von Julian Passauer, geboren kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien, die Geschichte seiner Familie und seiner engsten Umgebung. Julian wächst in der Dienstwohnung seines Vaters Gottfried Passauer heran – in einem der für Beamte reservierten Trakte des Schlosses Schönbrunn. Schließlich hat der Herr Papa, seines Zeichens Zoologe und Botaniker, den Rang eines Vizedirektors des Naturhistorischen Museums. Dass das alte Österreich 1918 die südlichen Kronländer einbüßte, die Adriaküste mit den Zypressen, Licht und Wärme und Leichtigkeit und seine Völkermischung, ist für Gottfried Passauer eine nie verheilende Wunde.

Das Leben im älplerischen Restnorden: eine fortwährende Qual und Demütigung. „Katastrophe Hilfsausdruck“, hieße es in Wolf Haas’ Brenner-Krimis. Aber im Umkreis der Eltern Passauer gibt es einige wundersame, teils k. u. k. Überbleibsel, fast lauter Originale der Welt von gestern. Eine Hauptfigur – der greise Graf Eltz, sprühend von Melancholie und Witz und Gescheitheit: „So etwas wie ich, werte Freunde, wird nicht mehr erzeugt, und es gibt bedauerlicherweise dafür auch keine Ersatzteile mehr.“ Seine Sprüche sind eine Mischung aus Hofmannsthals Komödie Der Schwierige und Friedrich Torbergs vom weiland Kaffeehausliteratenmilieu geprägten Tante Jolesch-Anekdoten. Derlei könnte unschwer schiefgehen. Tut es indes nicht, da Heller – hierin ein Musterschüler seines Mentors Helmut Qualtinger – sämtliche Tonfallschattierungen virtuos beherrscht. Es stimmt einfach alles. Das Aroma einer verblichenen Ära, von der Kakaniens nicht minder als von jener des Wiens der fünfziger und frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, ist aus jedem Satz herauszuschmecken. Wie immer steckt die Kraft der Evokation in sprechenden Details. Einzelne Begriffe, Wörter, Objekte genügen, und man wird auf der Suche nach der verlorenen Zeit auf beglückende Weise fündig. Natürlich sind dabei auch die dunkelsten Schatten österreichischer Vergangenheit gegenwärtig. Zum Beispiel im Bericht eines ungarischen Juden, wie er seinen hilflosen Bruder auf der Flucht vor den Nazis umbrachte, damit er den Mördern nicht in die Hände falle …

Julian Passauer hat einen seltenen, seltsamen Beruf: Er ist ein „fleißiger Taugenichts“. Das Geld für diese Ausnahmeexistenz hat er als professioneller Kartenspieler verdient: Pokern als hohe Kunst betrachtet und geübt. Getreu der Devise seines Vaters „Nur im Süden ist Rettung“ landet er am Ufer des Gardasees, in einer Villa in unmittelbarer Nachbarschaft eines zauberischen Gartens. Sein Ziel: ein gelungener Mensch zu werden, frei von erdrückenden, verbiegenden, verhärtenden Ängsten, „ganz im Jetzt zu sein“ und sich allzeit buchstäblich zu entwickeln. Drei Frauen unterrichten ihn in seiner éducation sentimentale: die Äthiopierin Mébrat als Verkörperung der Anmut, die kapriziöse Aimée und Sonja, die Gebieterin der Lüste und erotischen Abgründe.

Heller gelingt es dank wie gestochener Beschreibungspräzision, uns zu öffnen – für Gerüche, für Farben und Töne und Geräusche. Darum ist Das Buch vom Süden gleichsam nebenbei ein Lehrbuch der Sinne. Ebenso freilich eines der Lebensklugheit. Wer es liest und dabei keine Ermunterung zu Aufbruch und Veränderung, zur Versöhnung mit sich selbst verspürt, dem ist auf Erden wohl nicht zu helfen. Auch jenem nicht, den die Sterbeszene der Mutter kaltlässt, so zart und hart und traurig wirkt sie in Humor und Weisheit der letzten Dinge und Stunden: des Abschieds. Ohne Zweifel steckt vieles von Hellers persönlichen Erfahrungen und Widersprüchen in diesem Werk der Erfindung. In der poetischen Fiktion ist es im Doppelsinn aufgehoben. Dichtung und Wahrheit, Groteskes und Tragisches bilden darin ein unverwechselbares, faszinierend schimmerndes Amalgam. Niemand vermag es zu leugnen: Der Schriftsteller Heller steht im 70. Lebensjahr, das ist für einen debütierenden Romancier ein bisschen unjung. Aber gerade dass er sich eine so lange Zeit zugestand, so viele produktive Nebenwege ging, gibt dem erzählerischen Panorama die ungewöhnliche Weite des Horizonts.

Heller ist bekennender Eklektiker der Künste und Erbe altösterreichischer Tradition, gleich dem Wunschtraumvater im Roman, Gottfried Passauer, ein „Epochenverschlepper“, um die Eigendefinition Gregor von Rezzoris zu zitieren. An der Figur des leiblichen Vaters, eines großbürgerlich-jüdischen Schokoladefabrikanten und katholisch-autoritären Monarchisten, hat sich Heller wiederholt abgearbeitet, anfangs voll Verachtung, später mit nachgetragener, scheuer Liebe. Im Pariser Exil war Stefan Heller mit dem luziden Säufer und genialen Untergeher Joseph Roth befreundet. Ihm hat André Heller 1994 einen seiner besten Essays gewidmet, unter dem Titel Ein armer Jud und wahrscheinlich der größte Dichter unter den anständigen Menschen. Mit diesen Worten charakterisierte der Vater einst seinen Sohn Joseph Roth.

Das Buch vom Süden liest sich wie eine ins Tröstliche gewendete Fortsetzung von Roths Kapuzinergruft, es ist – in der Unbeugsamkeit der Gesinnung, in Klarheit und Musikalität der Sprache – Geist vom gleichen Geist. Und die Moral von der Geschicht’: Nostalgie kann auch Utopie sein, die Sehnsucht nach einer erträumten zukünftigen Vergangenheit.

André Heller: Das Buch vom Süden. Roman; Paul Zsolnay Verlag, Wien 2016; 336 S., 24,90 €

(Quelle: http://www.zeit.de/2016/19/andre-heller-das-buch-vom-sueden-romandebuet)

Sei Poet

Sei Poet
benütz die Sprache als ein Federbrett,
spring einen Salto in die Alphabete,
zieh jeden Satz wie eine Flagge hoch.

Sei Poet,
nicht Schaf im Wolfspelz für ein Schattenspiel,
nicht Winterkleid für all die dünnen Phrasen,
die jedermann zu jedermann an jedem Tag erzählt,
Dann kannst Du Gärtner der Träume sein,
hurra!
Und kannst Kalif von Bagdad sein,
hurra!
Mehr will ich nicht von dir,
Mehr will ich nicht von dir,

Sei Poet,
Den innern Erdteil sollst Du projizieren
mit magischen Laternen und mit Spiegeln,
die man für zwei Kometen überall erhält.

Aktionen, Installationen, Inszenierungen, Design

Zeltstadt nachts
  • 1981 – Im Rahmen der Wiener Festwochen entsteht das poetische Varieté Flic Flac, mit dem er anschließend auf Europa-Tournee geht.
  • 1983 – Das Pyro-Poem Theater des Feuers (Teatro de Fogo) nach dem Vorbild barocker Licht- und Farbspiele findet in Lissabon statt. Heller finanziert das Spektakel aus eigener Tasche und gerät an den Rand des Bankrotts.
  • 1984 – Das Feuerspektakel Sturz durch Träume vor dem Berliner Reichstag zieht 650.000 zahlende Zuschauer an
  • 1984 – Feuertheater mit Klangwolke vor dem Reichstagsgebäude in Berlin
  • 1985 – Für die Bundesgartenschau in Berlin realisiert Heller ein Blumenbild aus 40.000 Pflanzen unter dem Titel Misstraue der Idylle.
  • 2. November 1985 – Die Show Begnadete Körper hat am Deutschen Theater München Premiere. Heller engagiert hierfür in chinesischen Artistenschulen 60 Jongleure, Equilibristen und Akrobaten, entwirft Bühnenbild und Kostüme und verfasst die Moderation.
  • 1986 – In Graz entsteht ein Dichtergarten: Aus Blumen formt Heller Kernsätze bedeutender Schriftsteller.
  • 1986 – Die Heißluftballon-Skulpturen Himmelszeichen schweben am Himmel von London, München, Venedig, Oslo, New York, Moskau, San Francisco und über den Niagarafällen.
  • 1986 – Mit der Show Salut für Olga bemüht sich Heller um eine Wiederbelebung der Varieté-Künste
  • 1987 – In Hamburg inszeniert Heller Luna Luna, einen „Jahrmarkt der modernen Kunst“. Zahlreiche bekannte zeitgenössische Künstler, darunter unter anderem Roy Lichtenstein, Salvador Dalí, Joseph Beuys, Friedensreich Hundertwasser und Jim Whiting steuern neben Heller selbst Kunstwerke und Installationen bei.
  • 1987 – Clownparade Lachen machen
  • 1988 – Body and Soul, eine Show des schwarzen amerikanischen Kulturguts (Spirituals, New Orleans Jazz, Ragtime, Bebop, Sandshoe, Blues, Soul, Scat, Stepptanz)
  • 1988 – Erwerb des in Gardone Riviera gelegenen, ca. 10.000 m² großen botanischen Gartens Giardino Botanico A. Hruska.
  • 1989 – Chinesischer Nationalzirkus
  • 1991 – Jagmandir, das exzentrische Privattheater des Maharana von Udaipur, Indien.
  • 1991 – Blumenskulptur mit Brunnen Versinkende Riesin im Schlosspark von Schönbrunn, Wien.
  • 1991 – Wonderhouse am Broadway in New York
  • 1992 – Bambusmann, eine 55 Meter hohe, schwimmende Skulptur im Hafen von Hongkong
  • 1992 – Mit dem Wintergarten-Varieté eröffnet Heller gemeinsam mit Bernhard Paul den Theaterbau in Berlin.
  • 1995 – Heller gestaltet die Swarovski Kristallwelten in Wattens, Tirol
  • 1996 – Produktdesign: für die 20. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie Entwurf der Buchdeckel mit mehreren eingelassenen, kleinen Acrylschaukästen, die von außen sichtbare Objekte enthalten, welche jeweils ein Stichwort des betreffenden Bandes verkörpern (auch: Millenniumsausgabe).
  • 1997 – Schiff aus Salz im Toten Meer in Israel.
  • 1997 – Der stumme Prophet, eine Lichtskulptur in Aït-Ben-Haddou, Marokko.
  • 1997 – Yumé – Flug durch Träume: ein japanisches Kaleidoskop, Tokyo und Europatournee
  • 1998 – der Meteorit in Essen, der zum 100-jährigen Bestehen von RWE auf fünf Ebenen „Wunderkabinette zum Thema Energie“ präsentiert, wird eine der wenigen erfolglosen Inszenierungen Hellers und 2003 wieder geschlossen.
  • 1998 – Planung einer Parkanlage anima auf einem ehemaligen Krupp-Gelände in Bochum – nicht realisiert
  • 1999 – Stimmen Gottes, ein Ereignis mit spirituellen Sängern, Musikern und Tänzern aus zwölf Kulturen, Marrakesch in Marokko
  • 2000 – Der Erdgeist, eine 14 Meter hohe Skulptur, halb Mensch, halb Vogel, wacht über den Pavillon „Living Planet Square“ des World Wide Fund for Nature bei der Expo 2000.
  • 2002 – Im Herzen des Lichts – Die Nacht der Primadonnen erzählt einen von Heller erdachten und inszenierten Mythos.
  • 2002 – Am Théâtre du Châtelet in Paris wird unter Hellers Regie Erwartung von Arnold Schönberg und La Voix Humaine aufgeführt. Die Monolog-Opern singt Jessye Norman.
  • 2003 – Fußball-Globus für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland (inkl. dem WM-Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“). Um das Objekt gibt es einen Urheberschafts-Streit.
  • 2004 – Jessye Norman eine Dokumentation von André Heller und Othmar Schmiderer
  • 2005 – Afrika! Afrika!, Premiere in Frankfurt am Main 15. Dezember 2005
  • 2011 – Magnifico, Show, zeigte ein Kaleidoskop an märchenhaften Szenen rund um das Motiv Pferd. Die Show hatte ein Budget von etwa 20 Millionen Euro[23] und wurde Mitte 2011 wegen Insolvenz eingestellt.
  • 2012 – Bon Voyage – ein Abend mit dem Leben und den Liedern von Greta Keller nach einer Idee von André Heller am Wiener Volkstheater, ein Projekt, eine Revue mit Spielhandlung über die Wiener Diseuse Greta Keller (1903–1977), die in einer One-Woman-Show durch die Schauspielerin Andrea Eckert verkörpert wird.
  • 2015 – Eröffnung der ‚Al Noor Insel‘ in Schardscha im Auftrag von Shurooq, der Sharjah Investment and Development Authority.
  • 2016 – Eröffnung des ‚Anima Gartens‘ südöstlich von Marrakesch bei Ourika

 andre-heller-wien-blog

 

 

3 Kommentare

  1. Danke für deinem tolle Beitrag über Andre Heller, es hat mir sehr gefallen.

    Gefällt 1 Person

  2. Monika

    Wunderschöne Bilder des Paradieses Anima. Die Beschreibung des Romans hat mich sehr neugierig gemacht. Es wird wohl mein nächstes Buch sein.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für die Rückmeldung. Es freut mich, dass ich Lust auf dieses schöne Buch wecken konnte.

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