Radikale fühlen sich oft im Recht – Anfällige Persönlichkeiten finden in radikalen Statements von Populisten Nahrung für schräge Weltbilder – Ein Jahr nach dem versuchten Mord an der Kölner OB Henriette Reker – Einblicke in das digitale Leben des Täters – (WehrWolter – ww 196 – Hans Wolter)

Am 17. Oktober 2015 stach der 44-jährige arbeitslose Kölner Lackierer Frank S. der OB-Kandidatin Henriette Reker auf dem Braunsfelder Wochenmarkt mit einem Rambo-Messer zehn Zentimeter tief in die Kehle. Einen Tag später wurde die parteilose Kandidatin zur Oberbürgermeisterin gewählt. Sie lag zu der Zeit noch im Koma. Die Operationen hat sie den Umständen entsprechend gut überstanden, so dass sie ihr Amt im Dezember tatsächlich antreten konnte. Das fand ich damals schon recht beachtlich.

Heute ist über die Hintergründe der Tat und des Täters vieles aufgeklärt. Hilfreich war hier die Auswertung einer kaputten Festplatte. Der Täter hatte zwar kurz vor seiner Tat alles gelöscht, aber der Firma Correctiv.Ruhr gelang eine Rekonstruktion. Mit einer entsprechenden Analyse-Software, unterstützt von der ZDF-Redaktion Frontal 21, konnten die Daten in den letzten Monaten ausgewertet und eingeordnet werden.

Das digitale Leben von Frank S. konnte bis weit ins Jahr 2012 zurückverfolgt werden und Aufschluss über seine Persönlichkeit geben.

In diesem Mann brodelte schon längere Zeit ein Hass auf politischen Entscheidungsträger. So vermerkte Frank S. in einer Onlinespiel-Nachricht zum damaligen Oberbürgermeister Jürgen Roters: „unter diesem roten Anti-Demokraten, entwickelt sich Köln mehr und mehr zu einem rot-faschistischen Lager“. Er speichert häufiger Screenshots zu seinen Spielen. Der Roterseintrag ist auf August 2011 datiert.

Auch die Auftragsbestätigung für die wahrscheinliche Tatwaffe ist hier zu finden. Für ein „Rambo III Sylvester Stallone Signatur Editionsmesser“, Klingenlänge monströse 33 Zentimeter, 139 Euro, poppt am 15. Juni 2011, abends kurz nach halb acht, eine Nachricht in seinem E-Mail-Postfach auf. Es ist wahrscheinlich die Waffe, mit der S. vier Jahre später Henriette Reker attackieren wird.

Mit einer baugleichen Waffe wurden auch die politischen Anschläge auf Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble verübt.

 

Die aufgeheizte Stimmung im Deutschland von Wutbürgern, Pegida & AfD schüren die Aggression

In jenen Tagen war die Stimmung in Deutschland aufgeheizt. Pegida demonstrierte mit erschreckenden Parolen in Dresden, die AfD goss laufend Öl ins Feuer, enthemmte Wutbürger trugen Galgen durchs Land, an denen Merkel und Gabriel baumelten. Die symbolische Aufforderunge zur Gewalt an Politikern war überall präsent. Solche Auswüchse haben bei entsprechend empfänglichen Persönlichkeiten ihre Wirkung. Sie liefern Nahrung für Radikalisierung und später mögliche Umsetzungen.

Henriette Reker war zu der Zeit Sozialdezernentin in Köln. Da sie sich immer wieder für Flüchtlinge einsetzte, stellte sie für den 44-jährigen S. ein Symbol für angebliche „Überfremdung“ dar. Später gab er an, dass er sie angegriffen habe, um Deutschland vor „der Selbstverstümmelung“ zu bewahren. Der kahlrasierte 1,86-Meter-Mann verkündete das vor Gericht im engagiert, selbstüberzeugten kriegerischen Rambo-Jargon.

Actionheld Rambo war sein Idol

Frank S. bestellte im Internet ein Rambo-Poster und hatte einen Rambo-Soundtrack auf seinem Computer gespeichert. Auch ein Bild des Vietnam-Veteranen, der Kriegsgegner im Film als „Maden“ bezeichnet und Selbstjustiz übt, weil er sich vom Staat verraten fühlt, dient ihm als Bildschirmschoner. Rambo ist hier der einsame Wolf, der über Leichen geht, um Selbstjustiz zu üben.

 

Diagnose: „Paranoid-narzisstische Persönlichkeitsstörung“

und ein rechtsradikales Weltbild mit wahnhaften Zügen diagnostiziert der Gutachter Norbert Leygraf später bei Frank S.

Auf der rekonstruierten Festplatte seines verschollenen Computers fand man Hinweise auf eine groteske Selbsteinschätzung: absurde Nachrichten in Onlinespielen, die er per Screenshot abfotografiert und speichert, die Genese seiner Tätowierungen, Musik rechtsextremer Bands wie Stahlgewitter, und ein ausgeprägtes Machogehabe. Desweiteren waren da Internetaufrufe, E-Mails, Bewerbungsschreiben und ein Lebenslauf mit martialischen Emblemen.

Insgesamt bekommt man das Bild eines isolierten Menschen, der sich als idealistischer Kämpfer für eine bessere Welt betrachtet. Der aber wohl kaum vor die Tür ging. Er bestellte so gut wie alles online und ließ sich nahezu alles nach Hause liefern.

2011 suchte eine alte Bekannte Kontakt zu Frank S. auf. Sie berichtete vom Tod eines Partners, den ihr Ex-Freund erstochen habe. S. antwortet unter dem Betreff „Blut ist Leben“, wie wenig ihn noch schocken könne. Er schrieb: „Der Tot kann mir keine Angst mehr machen langsam glaube ich der Tot hat mehr Angst vor mir als ich vor ihm;-).“… „Man versucht nur hinzunehmen was passiert ist und dann das zu tun was nötig ist um noch schlimmeres zu vermeiden.“

Mit dieser Argumentation wollte er auch später das Attentat auf Henriette Reker rechtfertigen. Er wollte sich gegen eine in seinen Augen verfehlte Flüchtlingspolitik zur Wehr setzen. Mit allen Mitteln.

 

Abwehrmechanismus des erlebten Versagens: Verkehrung ins Gegenteil

Frank S. trat in seinen Aufzeichnungen und Mail erschreckend selbstüberschätzend und selbstherrlich auf. So schrieb der damals 40-Jährige, der seine Lehre zum Maler und Lackierer vor der Gesellenprüfung abbricht, am 12. März 2011 einem möglichen Arbeitgeber. „Sie brauchen mich vielleicht mehr als ich Sie.“

In dieser Arroganz sehe ich den Abwehrmechanismus, den Freud als „Verkehrung ins Gegenteil“ bezeichnet hat. Das heißt er verkehrt seine gefühlte Kleinheit in eine fiktive Großartigkeit. Als er im Oktober 2015 festgenommen wurde, war er seit knapp drei Jahren arbeitslos und er hatte mehrere tausend Euro Schulden. Er hatte Ärger mit den Mitarbeitern des Jobcenters, ist ausfallend und aggressiv. Selbst sein Pflichtverteidiger besuchte ihn am Ende des Prozesses, bei dem er wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu 14 Jahren Haft verurteilt wurde, nicht mehr, weil er ihn immer wieder beschimpft hatte.

 

Natürlich hatte der Täter einen schwierigen biographischen Hintergrund

Im Prozess versuchten die Anwälte den Angeklagten als ein psychisch krankes Opfer darzustellen. Das war er natürlich letztlich auch, wobei ihn das nicht schuldunfähig macht.

Mit vier Jahren wurde er von seinen Eltern verlassen, verwahrlost in seiner Wohnung aufgefunden. Man gab ihn in die Obhut einer Pflegefamilie. Die Erziehungsmethoden des Pflegevaters bezeichnete Frank S. als „mittelalterlich“, die Pflegemutter habe ihn und seine Geschwister hungern lassen.

Als Jugendlicher geriet S. in Bonn in rechte Kreise. Ende der 1980er Jahre liess er sich den Schädel kahlrasieren, zog Springer-Stiefel an und hörte die damalige Rechtsrock-Band Böhse Onkelz. Er nahm an Rudolf-Heß-Gedenkmärschen teil und verkehrt mit Leuten aus der rechtsextremen Freiheitlichen Arbeiterpartei.


Der rechtsextreme Messerstecher

Schon damals besaß er ein Rambo-Messer. Daher nannte man ihn in linksautonomen Kreisen „Messerstecher“, weil er schon damals schnell die Klinge zückte. Unterlagen aus den 1990er Jahren belegen, dass die Ermittlungsbehörden Frank S. als rechtsextrem einstuften und ihn wegen zahlreicher Gewaltdelikte beobachtet hatten. Vermutlich war er der Kopf hinter der Gruppierung „Berserker“. Das ist eine brutale Skinheadgruppe in Bonn. Berserker, das sind in der nordischen Mythologie Elitekämpfer des Kriegsgottes Odin. Zahlreiche Fotos auf der Festplatte zeigen den späteren Attentäter, wie er stolz sein breitflächiges Tattoo mit dem altdeutschen Schriftzug der Berserker Bonn zeigt. Die Bilder belegen, wie das Tattoo später um einen Totenkopf und Knochen anwächst.

Als Neonazis 1992 in Mecklenburg bosnische Kriegsflüchtlinge mit Brandsätzen und Messern angriffen, soll sich ein Frank S. unter den Angreifern befunden haben. Dem Bonner Frank S. liess sich damals allerdings nichts nachweisen. Nach diversen Bewährungsstrafen, vor allem wegen Körperverletzung, verbrachte S. drei Jahre in Haft. Die rechtsextreme Band „Stahlgewitter“ sendete ihm in einem Gespräch mit einer Nazi-Postille Grüße in den Knast und bedankte sich bei „dem inhaftierten Kameraden Frank S. für die geile Unterstützung“.

 

Online fühlte er sich grandios

Als er Anfang 2000 aus der Haft entlassen wurde, zog S. wieder nach Köln. In den kommenden Jahren verbrachte er wohl einen guten Teil seiner Zeit in Online-Spiel-Welten. Dort kommunizierte er mit den anonymen Mitspielern. Einige der Nachrichten waren ihm offenbar so wichtig, dass er davon Kopien machte, die er als Screenshots abspeicherte. Ein Bild trug den Namen „Hass“. Darin beschimpfte er einen anderen Spieler, der ihm offenbar wegen seiner politischen Gesinnung aufgestoßen war: „Das ist der falsche Ort um Deine rotfaschistische Drecks-Propaganda zu verbreiten und um deinen Multi Kulti Fetischismus auszuleben!“

Dann lud er einen User zur „Terror-Tour nach Köln“ ein. Der Teufel habe seine Seele längst in seiner Sammlung, schreibt er ein anderes Mal. Eine seiner Dateien heißt „Lord Evil“, auf dem Bild ist er selbst zu sehen. Und eine Nachricht unterschreibt er mit Frank666. Die Zahl 666 steht für den Antichristen. S. gefiel sich offenbar in der Vorstellung, dass etwas Böses Teil seiner selbst sei.

Mehrfach ruft er Verschwörungsseiten im Internet auf wie jene des Kopp-Verlags oder Altermedia, einer rechtsextremistischen Plattform, die im Januar 2016 verboten wird. Am 5. November 2014 überweist Frank S., der von Hartz-IV-Zahlungen lebt, Geld an die rechtsextremistische Partei „Der III. Weg“. 15,50 Euro schickt er, nicht viel, aber es ist ein Symbol. Ihm, der im Prozess behauptet, „kein Nazi“, sondern ein „wertkonservativer Rebell“ zu sein, ist es wichtig, die Rechtsextremen zu unterstützen.

 

Massenmörder als Vorbild im Kampf gegen gefühlte Unterjochung

Frank S. interessierte sich noch für weitere Extremisten. In den Lesezeichen seines Browsers ist ein Artikel über den Massenmörder Anders Breivik zu finden, der Islam-Anhänger als „Unterjocher Europas“ diffamiert. Unterjocht fühlt sich auch Frank S., das erzählen seine Mails und Chats so deutlich wie die wirren Sätze vor Gericht. Die Willkommenskultur sei ein „Amoklauf gegen die Realität“, sagt er bei der Befragung im Prozess. Mit seiner Wahnsinnstat habe er doch nur dafür sorgen wollen, dass die „Herrscherkaste“, die das Volk „als Rattendreck“ beschimpfe, endlich „wieder den Volkszorn fürchtet“.

(Quelle: u.a. Kölner Stadtanzeiger, Nr. 242, vom 17. Oktober 2017)

 rambo-reker-blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s