„Auf sieben Krücken musst du stehen. – Der Mensch stirbt aus, nur die Menschheit nimmt zu.“ – WW 199. Text auf dem Blog für Psychologisch-Quergedachtes: Philosophischer GastBeitrag von Dr. Marc Hieronimus – Lichtwolf meets WehrWolter – Winter is coming

WehrWolter, der Blog für Psychologisch-Quergedachtes feiert bald seinen zweiten Geburtstag. Genau werden die Kerzen brennen, am  09. November 2016 – zum 27 jährigen Mauerfall-Geburtstag.

Heute erscheint der 199 Beitrag in fast zwei Jahren. Ich freue mich sehr, dass ich Dr. Marc Hieronimus – Philosoph, promovierter Historiker, Redakteur der Zeitschrift Lichtwolf u.V.m. – erneut für einen Gastbeitrag auf meinem Blog gewinnen konnte.

Sehr gerne veröffentliche ich hier seinen Artikel „Auf sieben Krücken musst du stehen.“, zumal wir uns im Vorfeld häufiger recht angeregt und intensiv über die Thematik austauschen konnten. Von Philosoph zu Psychologe. Auch wenn er einigen Lesern schon aus zwei Gastbeiträgen bekannt sein wird, möchte ich ihn vorab noch einmal kurz vorstellen. 

Leitender Philosoph vom Lichtwolf

Dr. Marc Hieronimus: Wirtssohn, Salonanarchist, lehrt beruflich die Sprache Bohlens und Ackermanns. Geboren am 9.11. 1973 sollte er eigentlich etwas ganz Besonderes werden;

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bislang war er nur vielerlei, u.a. Historiker, Stallbursche, Hausbesitzer, Flüssiggaswart, Linguist, Vortragsreisender, Lyriker, Mäusezüchter, „Charlie“, Büttenredner, Comicforscher, Küchenmonteur. Hat sich oft kopiert, aber noch nie erreicht, und zwar auch musikalisch: www.grau-musik.de. (www.marc-hieronimus.de)

Lichtwolf: “Die neue Moralische Quartalsschrift alter Schule für den verarmten Geistesadel und das gebildete Prekariat.” (www.lichtwolf.de) – Weiteres am Ende des Artikels.

Kurz-Charakterisierung zum ersten Jahresgeburtstag des Blogs WW – 09. November 2015 – 26 Jahre Mauerfall

„Wehrwolter: die erste Assoziation ist sich wehren, Wehrmacht, englisch „war“. So kann man sich irren. Eher geht es Richtung Werwolf, also Menschwolf und alles, was damit zusammenhängt. Da ist nämlich immer noch ein Wolf im Mensch verborgen, und die Chance und die Tragik des Menschen ist, dass er in weiten Teilen noch ein Tier ist. Eine Chance, weil Verstand ohne Gefühl, Hirn ohne Herz nur fantasie- und mitleidlose Automaten hervorbrächte. Tragisch ist das, weil wir das Tier beherrschen müssen, um gesellschaftsfähig zu sein. Aus dieser Spannung erklären sich letzten Endes alle Errungenschaften und Gräuel der Menschheitsgeschichte. Es ist das Verdienst des Wehrwolterblogs, alltägliche Phänomene und Tragödien auf ihren tiefenpsychologischen Gehalt zu untersuchen und uns daran zu erinnern, dass wir nicht Herr im eigenen Hause sind.“ (Marc Hieronimus)

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Nun zum nachfolgenden Beitrag. Der Autor legt Wert darauf festzustellen, dass die Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Lichtwolf 39/2012 erschienen ist.

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Auf sieben Krücken musst du stehen

 

Der Mensch stirbt aus, nur die Menschheit nimmt zu. Er steht zugleich zu sehr im Mittelpunkt und im Abseits, als dass man noch groß von ihm spräche. Vielleicht ist „der“ Mensch eine Fiktion, neulich noch gab es in den (traurigen) Tropen welche, die weder Lévy-Strauss lasen noch trugen. Bestimmt ist er wacklig und schlecht fassbar. Er steht auf sieben Krücken und erhebt sich nicht. Wir brauchen einen neuen Humanismus. Beginnen wir bei den Rändern.

1. Der Transmensch

Er ist der Mensch von Morgen, oder vielmehr heute Abend. Hüftgelenke, Zahnprothesen, Herzschrittmacher „verbessern“ uns bereits körperlich, und mittels „Coaching“ und medizinischer Aufputschmittel wird auch die Performanz der grauen Zellen gestärkt und vor allem verlängert. Wirklich neu ist das nicht. In Scott Kenemores illustriertem Trash-Pop-Kracher Nazis vs. Zombies regt einer der (Nazi-) Protagonisten an, den Führer zu zombifizieren, damit die Welt noch tausend Jahre etwas von ihm hat. Vorher würde deutscher Ingenieursgeist den wilden Voodoo-Zauber selbstverständlich zur Biotechnik verfeinern. Der Bezug? Transmenschen sind „trans-“ weniger über ihre Menschlichkeit als über ihre Sterblichkeit hinaus. Ohne eine Definition oder zumindest eine Reflexion, was der Mensch denn überhaupt sei oder sein solle, kann die transhumane Forschung nur den allgemeinen Weg des höher-schneller-weiter verfolgen und muss sich auf die Überwindung?, Verzögerung?, Verdrängung des Todes beschränken. Der Transhumanismus der heutigen Form ist das Gegenteil des Humanismus, er ist ein Antimortalismus. Dieser aber ist seit jeher das Nonplusultra der (ehr-) furchtlosen Wissenschaft, egal ob nun ein Zombie, Lazarus, der Golem oder Frankensteins namenloses Monster erweckt wird.

2. Der Übermensch

Englisch: Superman. Ein Multiversum und „Komplex“, auch im tiefenpsychologischen Sinne, man vergleiche für eine Ahnung seiner Dimensionen das 3bändige Official Handbook of the Marvel Universe und die einschlägigen Internetseiten http://www.dcuguide.com, http://www.internationalhero.co.uk und http://www.marvunapp.com. „Superhelden in New York? So ein Quatsch!“ sagt Stan Lee (Stan Lee) im jüngsten Marvel/Paramount-Kracher „Avengers“, also der Adaption seiner so oft als Quatsch gescholtenen Comics, und das ist es ja auch: Quatsch, mit Soße sogar, hier der nordischen Art, mit Asgard, Thor und Konsorten. Auch Guildo Horn und Helge Schneider sind Quatsch, und trotzdem rennen die Leute hin, aber das ist nicht dasselbe. Bei allem Augenzwinkern, Selbst- und Fachliteraturzitat, bei aller Vielschichtigkeit wohnt den modern-technischen Superhelden ein Gutteil des Ernstes der Halbgötter und Ausnahmehelden der abendländischen Mythen inne, die sie inspirierten.

Nach Superman, der noch von außerhalb kam und sich nur als Mensch verkleidete, kamen Menschen, die allein durch Anwendung oder Unfälle moderner Wissenschaft und Technik übermenschlich wurden. Magie macht nur die Bösen stark. Sie gilt nicht, darf nicht gelten, weil sie am Dunkeln rührt, darum wirkt sie auch kaum, es ist immer ein Trick dabei. Superhelden sind humorlos, haben kein Netz von sozialen Beziehungen, haben keine glückliche Liebe, leiden einsam, aber „edel“, chic, für einen guten Zweck. Der emotional verwahrloste Halbwüchsige kann sich einreden, auch in ihm stecke ein Held, seine Unfähigkeit zur Liebesbeziehung sei gewählt und resultiere z.B. nicht aus jenem verhängnisvollen Gemisch von Feigheit, hormoneller Verwirrtheit, intellektueller Beschränktheit, gesellschaftlichem Rahmen und einer gefühlt miserablen Beziehung zu den Eltern, das auch Amokläufer und (andere) Rechtswähler hervorbringt.

Superhelden sind nie „links“ in irgendeinem Sinne, sondern überzeugte Wahrer des gesellschaftlichen Status quo, konservativ, systemstabilisierend, „rechts“, wie aller Mainstream, insbesondere jedes teure Kino. Und wie immer entkräftet der Rummel, das Spektakel (Debord) auch hier jeden Gegenimpuls durch Vereinnahmung. Sicher, bei den X-Men geht es um Benachteiligung Andersartiger und Angst vor Überfremdung. In „Kingdom Come“ (Autor: Mark Waid, Zeichner: Alex Ross) hauen sich selbstverliebte Superhelden einer neuen Generation zum Kollateralschaden der Normalos untereinander, bis die alten Helden und – vernichtend – die UN eingreifen. Auch die Watchmen lassen sich gesellschaftskritisch lesen. Durch alle Geschichten aber scheinen der Glaube an einen oder mehrere Erlöser und die Verachtung demokratisch legitimierter Institutionen; an Basisdemokratie und Graswurzelrevolution ist nicht zu denken. Aufklärung geht anders.

3. Der Untermensch

Untermenschen sind alle, die irgendwas an Kultur/Zivilisation (noch) nicht so gut können, noch nicht so sehr haben wie wir. Darum sind sie zunächst noch keine Gegner; wenn sie brav mitspielen, ihren minderen Status akzeptieren, sich bekehren, erziehen, zivilisieren lassen, dürfen sie mit uns handeln, für uns arbeiten und sogar Kriege für uns führen. Aber wehe sie sind undankbar und bleiben bei ihren barbarischen Bräuchen, (erst) dann gehören sie reinen Gewissens ausgerottet. „Untermensch“ ist heute mehr ein Gedanke als ein Wort. Als solcher ist er aber keineswegs nur kulturell und rassistisch besetzt. Was ist, wer nicht „Elite“ ist, wenn nicht ein Untermensch? Was ist der „Leistungsträger“ anderes als das Gegenteil des Parasiten? Nun sind nicht alle Menschen gleich, und Leitunterscheidungen sind zweifellos oft hilfreich. Auch kann niemand behaupten, dass wir alle schon auf derselben Bewusstseinsstufe seien, wenn denn, was jeder ernstzunehmende Denker glauben muss, der Weg vom Dunkel ins Licht führt, wenn auch mit schmerzlichen Umwegen und Rückschritten. Wirklich zynisch und menschenverachtend sind das elitäre Denken und die mit ihm verbundene Politik, weil sie die da unten stigmatisiert, ohne ihnen eine Chance zur Emanzipation zu bieten. Es geht im Neoliberalismus eben nicht um die Verfeinerung des Menschen, der ist außen vor, längst abgeschrieben. Das Pack soll weiter schuften und seine Kinder auf die Doofenschulen schicken, damit die notorisch weniger Nachwuchs generierenden Elitemenschen nicht um ihre Herrschaft fürchten müssen. Ins Globale übersetzt heißt das: Baut und kauft unsere Maschinen, aber Finger weg von der Weltpolitik! Und sorry für die Hungerkatastrophen und den Umweltscheiß.

Damit sind wir beim Gedanken hinter dem Gedanken: Wer unter uns ist, kann uns sehr gut dienlich sein. Untermenschen sind Nutzmenschen.

4. Der Unmensch

Ist interessanterweise kein Tier. Sicher, als solches oder Bestie wird er gelegentlich bezeichnet, aber doch zumeist mit dem Nachsatz, dass Tiere „so etwas“ nicht tun, was auch immer es war, wodurch der Mensch zum Unmensch wurde. Man muss nicht daran erinnern, dass Menschen in fast allen Blickwinkeln Tiere sind, interessant ist vielmehr, wie am Verlust der Menschlichkeit, am Wendepunkt zum Unmenschentum das Menschsein definiert wird. Was macht den Menschen zum Menschen im eigentlichen, heutigen Sinne? Dass er bastelt (homo faber)? Tun auch die Biber und die Bienen. Dass er lacht? Musil hat einmal das schöne Zusammenspiel von Ross und Reiter geschildert, wie dieser jenes mit einem Striegel zum Lachen bringt. Dass er liebt, wie Günther Anders in „Lieben gestern“, seinen „Notizen zur Geschichte des Fühlens“ vorschlägt? Konrad Lorenz meinte, Gänse könnten an Liebeskummer zerbrechen. Nicht einmal, dass er etwas weiß, erst, dass er weiß, dass er weiß (homo sapiens sapiens) erhebt ihn über seine noch mehr oder minder tierischen Vorfahren. Der um sein Wissen Wissende kann individuell entscheiden, was er tut, und wenn er sich die Mitgliedschaft im Club nicht verspielen will, muss er die aktuelle Moral seiner Mitmenschen auf der Kette haben und sich tunlichst an sie halten. Menschlichkeit ist moralisch, Pflanzlichkeit nicht. Es gibt auch keine „Unmenschheit“, nicht einmal Mitunmenschen; egal, wie sehr ihn bisweilen im Krieg das Bewahren der Menschlichkeit von der wilden Horde der Mitstreiter unterschiede, als Unmensch ist der Mensch allein – und nur allein, wenn er das Band zu seinen Artgenossen schon durchtrennt hat, kann er zum Unmenschen werden.

Es muss dem vom Abendland mehr kolonisierten als ihm geografisch Zugehörigen unglaublich bitter und ironisch erscheinen, wenn er seine Denker positiv von „Menschlichkeit“ reden hört. Was sollten ausgerechnet wir davon verstehen? Es gibt kein Verbrechen, dessen sich der Überunmensch unserer Breiten- und Geistesgrade im Namen und im Geiste der Kirche nicht schuldig gemacht hätte, massenhaft, mit bestem Wissen und Gewissen. Und das Modell soll Schule machen? Der Mensch ist mit Kant aus krummem Holz geschnitzt, aber die Horte, Beitel und Beizen der Ordnung: Staat, Familie, „Anstand“, Religion vermögen seinem Hang zu Spliss und Wildwuchs die notwendigen Grenzen zu setzen, um ihn letztlich zu glatt polierten Pfeilern und vor allem Möbeln eines verträglichen Ganzen zu formen. Sind die Grundbedürfnisse gestillt (wozu auch die affektiven, libidinösen gehören), können Menschen halbwegs friedlich sein. Dann wollen sie es immer noch schön und sinnvoll haben, aber dafür laufen sie nicht Amok und führen auch keinen Krieg.

5. Der Antimensch

Es versteht sich nicht von selbst, dass der einzelne Mensch seiner Gattung wohlgesonnen ist. Die (hier schon gar nicht mehr so „trashige“) Pop-Kultur kennt die Figur des überaus intelligenten, wenngleich unmenschlichen Menschheitsauslöschers (interessanterweise häufig ein Waffenforscher), der einer erlesenen Menschengruppe oder dem Planeten etwas Gutes tun möchte, indem er die Menschheit um 80 bis 100 Prozent reduziert. Auch Hans Jonas kann die Forderung des Fortbestands der Menschheit in seiner Ethik nur axiomatisch setzen. Der (menschenförmige) Agent Smith in „Matrix“ hat unser Unbehagen an der Kultur auf hinlänglich bekannte Art zusammengefasst: Wir stinken. Wir sind immer unglücklich. Wir sind Parasiten. Nur ist er ja erstens selber nur computergeneriert, mithin Maschine, zweitens gibt oder gab es ja auch andere Kulturen, und innerhalb unserer andere mögliche Wege.

Unter den zunächst durchweg unterstützenswerten Wachstumsgegnern gibt es die bedeutende Gruppe der Malthusianer, die radikale Geburtenkontrolle für den einzig gangbaren Weg zur Rettung des Planeten halten – „der Mensch“ ist einfach zu zahlreich. Nur ist die Erde vor allem von Zuchttieren überbevölkert, werden Urwälder für Steakrindweideland und „Bio“-Sprit-Plantagen gerodet, und wenn wir alle lebten wie die Nepalesen oder allgemeiner mindestens ein Drittel der Menschheit, könnten wir uns noch bis zur Elfstelligkeit ausdehnen, ohne unseren Fortbestand oder auch nur den des Großteils der Flora und Fauna zu gefährden. Ja, hätten die angewandten Naturwissenschaften, v.a. die Chemie, einen anderen Weg genommen, anders: Hätte zu gegebener Zeit unter den Chemikern eine Art ganzheitliches oder nachhaltiges Ethos geherrscht, könnten wir alle heute bequem leben, ohne irgendwem zur Last zu fallen, egal, wie viel wir „verbrauchen“. Wie der Technikphilosoph Michael Baumgart betont, ist ein Kirschbaum mit seinen alljährlich verschwenderisch vielen Blüten ja auch nicht umweltschädlich, weil in der Natur nun einmal alles im Kreise läuft. Die Gifte und unverwertbaren Abfälle sind das Problem. Der Mensch, genauer: der „Konsument“ ist der Antimensch, ohne es zu wollen, aus Nachlässigkeit, aus je einzelnen Sachzwängen heraus.

Auch Malthusianer sind Antimenschen, wenngleich mit den besten Intentionen. Vielleicht sind sie nur unüberlegt und hassen Kinder. Gut, wenn man so manche Bälger miterlebt…

6. Der Außermensch

Kamen die Götter nicht schon immer von oben? Die Elohim. Die Engel. Nazca. Der Ägypten-Kosmos, mit Freimaurern, von Däniken, „Stargate“ usw.? Andererseits, von wo sollten sie denn heute sonst noch kommen? Arktis (Lovecraft), Erdinneres (Verne), der Dschungel (Kipling, Conrad), der Osten (Karl May) haben ihren Zauber verloren. Sind Engel Außerirdische? Oder umgekehrt? Und warum sind die Außerirdischen seit Roswell (1948) oder vielleicht schon etwas länger „kleine grüne Männchen“, oder große graue, denn es gibt ja beide? Feingliedrig sind sie, darin sind sich die Zeugen einig, haben lange Finger, große Augen, große Hirne, und praktisch keine Nasen mehr – das dürfte die nächste Stufe unserer körperlichen Entwicklung sein. Und sie fummeln den Entführten an den Geschlechtsteilen rum, als wollten sie das Tierische ihrer Artverwandten oder Vorfahren ergründen. Egal, ob das Erinnerte oder nur die Erinnerung der Entführungsopfer „wahr“ ist, interessant ist doch, woran sie sich erinnern, und wie vergleichbare Erlebnisse früher interpretiert wurden. Ob wir nun seit Urzeiten von Raum/Zeitreisenden besucht werden oder immer nur gewisse Menschen an der vielleicht immer gleichen Wahrnehmungsstörung erkranken – spontan, oft zu hunderten, ganz anders als die unbestritten „visionären“, d.h. einfach psychotischen, wenngleich ungleich interessanteren Propheten, von denen wir heute so viele hätten, wenn die Medizin ihnen nicht hülfe – unser Bild von den Rettern, Beobachtern, Geißeln der Menschheit hat Bedeutung.

Der Außermensch ist der Mensch, der die dumme, schmutzige Erde seit langem verlassen hat, der nicht zwangsläufig gute Sonderweg seit dem Sündenfall mit dem Apfel: Er ist weiter als wir, oder gleich weit auf einem anderen Weg gegangen. Er will uns helfen. Er will uns verbessern. Die da oben verheimlichen uns seine Existenz, stecken mit ihm unter einer Decke. Wir sind machtlos.

7. Das Tier

All die Menschengedanken nur, um uns vom Tier abzuheben. Das Tier ist die Höhle, aus der wir kommen, das Es in uns. Was macht so ein (wildes) Tier eigentlich den ganzen Tag? Es erhält sich. Fühlt es sich wohl? Spürt es seine Freiheit von kulturellen Zwängen? Warum ist es nicht unglücklich, so wie die Menschen, wenn sie unbeschäftigt sind? Ist es zu dumm, zu klug? Wahrscheinlich ist es einfach angepasst. Der Mensch ist das nur oberflächlich, der Unmensch gar nicht. Menschen und andere Tiere arbeiten auch nur „wie ein Tier“, wenn sie von Menschen dazu gezwungen werden. Selbst die emsigen Bienen und Ameisen genießen in ihren doch so preußisch-straff organisierten Staaten im Vergleich ein Lotterleben voller ausgedehnter Ruhepausen.

Im Kindercomic und -trickfilm werden Tiere vermenschlicht, wenn sie nicht gleich Menschen sind, und zwar der ungleich edleren Art: Sie wachsen über sich hinaus. Fleischfresser werden Vegetarier, Einzelgänger zu Mitgliedern einer Herde, Fluchttiere zu Anführern. Beziehungen sind echt, die seltenen, dramaturgisch aber unverzichtbaren Bösewichte haben einen guten Kern oder sind durch ihre Tierart für ihre Art entschuldigt.

Mag sein, dass die Kleinen mit „My little Pony“ und „Ice Age“ gewaltfreie Kommunikation und Solidarität erlernen. Es ist nicht alles schlecht, das ist es nie. Das Tier als Tier, als Randerscheinung des aus ihm hervorgegangen Menschen lernen sie so aber ebensowenig kennen und schätzen wie die Position, die aufgeklärten Menschen ihnen gegenüber zukäme. Respekt, Ehrfurcht vor den Lebewesen in ihren Lebensräumen; ein Staunen über die Vielfalt ihrer Verhaltensweisen, schon die heimischen Vögel sind so unterschiedlich, wenn man nur genau hinschaut; Mitleid, Wut über das Unrecht, dass die Menschen besonders den „Nutztieren“ unter ihnen in dummer, jahrtausendealter Gewohnheit und neuer industrieller Perfektion antun – das vermitteln heute im wesentlichen Zoos und Tierdokus im Fernsehen.

In der Aufzählung oben fehlte (neben anderen) das Konzept des homo ludens: Wesensmerkmal des Menschen sei sein Spieltrieb über die Kindheit hinaus (Johan Huizinga); überhaupt sei er phylogenetisch auf einer ontogenetisch mittleren Stufe stehen geblieben, werde der (einzelne) Mensch nie ganz erwachsen. Ganz sicher nicht in den heutigen Gesellschaftsformen. Das wäre aber doch ein Ansatzpunkt.

8. Der Vollmensch

Er gehört schon nicht mehr zu den Krücken. Der Vollmensch entledigt sich seiner und steht ohne über ihnen. Sicher, auch Göring hielt sich für den „letzten Renaissancemenschen“, was wohl in dieselbe Richtung deuten sollte. Mit dem Jagdflieger, Morphinisten, Reichsjägermeister, Genießer, Kunsträuber, Menschenschinder, Technikverwalter und ganz späten Hitlergegner fielen unbestritten zahlreiche Facetten des Menschen in einer Person zusammen, ohne dass deshalb ein Vorbild daraus geworden wäre. Damit ist der Humanismus aber nicht vom Tisch. Der Vollmensch würde sich zur persönlichen und (damit) gesellschaftlichen Vervollkommnung des Besten aus allem je Gedachten und Erlebten bedienen. Klingt oll, hat aber z.B. Schiller umgetrieben, überhaupt eine ganze Bande von allergrößten Denkern seiner Zeit, und nennt sich „Aufklärung“. Erstmal gucken, was die Alten schon gemacht haben.

Die Zeit ist reif. Kaum einer glaubt mehr an den Fortschritt auf dem eingeschlagenen Weg. „This is the dawning of the Age of Aquarius“, heißt es im längst wieder antiquierten Hair-Musical; bis das neue Zeitalter rotgolden leuchtet, vergehen noch zwei-drei Jahrhunderte, wenn man denn daran glauben will.

Und die Zeit drängt. Unzweifelhaft muss es in Zukunft anders gehen als konsumistisch. Aber wie? Die eigene Körperlichkeit und die Albernheit dieser Welt verlachen, kann es nicht sein – solange man nicht ganz ganz fest an eine andere jenseits des Menschen glaubt, wie die vorchristlichen „Heiden“ (soma sema, der Körper ist ein Grab, zitiert sie Platon), die Buddhisten selbstverständlich, aber auch die christlich-dualistischen Manichäer, Bogomilen, Katharer usw., die die Kirche wie alle geistige Dissidenz oder Emanzipation so unbarmherzig ausgerottet hat und die, Stichwort Elite, durchaus neben den gewöhnlichen Gläubigen auch perfecti kannten. Und wenn man, nur der Vollständigkeit halber, mal in die 1945 entdeckten Qumran-Texte schaute, um zu erahnen, wie diese Leute tickten?

Es ginge auch um Psychologie- und Psychiatrie-Kritik. Die hilft auf den einschlägigen Intensivstationen freilich weder der Selbstmordkandidatin noch dem angehenden Propheten mit „Sendungsbewusstsein“ (dessen Stimmen im Kopf heute interessanterweise nicht mehr von Engeln oder der Jungfrau Maria, sondern von Sendemasten kommen). Aber es wäre doch nur aufklärerisch, wissenschaftlich im strengsten Sinne, die Pfade der Psychowissenschaften wieder ein gutes Stück zurückgehen, ohne neues Wissen aufzugeben. Wie funktioniert noch mal Hypnose? Was waren doch gleich Träume? Was steckt hinter dem Surrealismus, der Psychedelia-Bewegung, ist LSD wirklich „nur“ Droge, und sollte man unter denen nicht Aufputsch und Abschuss von Bewusstseinserweiterung unterscheiden? Was treibt und trieb Menschen zur religiösen Selbstaufgabe? Sollte ein „Geisteswissenschaftler“ sich nicht auch mit Geistern beschäftigen, statt höchstens mal ein Gläschen Kräutergeist zu verzehren? Wo reihen wir eigentlich die ganzen Fabelwesen ein, die Hexerei, das Heidentum im Allgemeinen? Kann ein Mediävist ernsthaft Mentalitätsgeschichte betreiben, ohne sich je an Bilsenkraut oder zumindest Waldmeister berauscht, ohne je überhaupt an etwas geglaubt zu haben als an abstrakte „Erkenntnis“ aus Lektüre? Wie ist das mit dem Löffelverbiegen, Gläserrücken und dem ganzen Quatsch?

Da gibt es unter tausenden das Beispiel Victor Hugos, der nach langem Zögern einigen Séancen beiwohnte. Die Forschung ist sich einig, dass, was dann passierte – der jeweilige „Geist“, also z.B. Shakespeare, Hannibal, Moses, Noahs Taube oder der Tod sprach durch seinen literarisch unfähigen Sohn in Hugoschen Versen von Dingen, die der gar nicht wissen konnte – nur durch die Präsenz des großen Schriftstellers ermöglicht wurde. Aber wie geht das genau?  Wer meint, die Wissenschaft sei neutral und an objektiver Erkenntnis interessiert, beantrage ein DFG-Projekt zu einem dieser Themen.

 

Wir sind nicht zu satt, wir sind zu beschäftigt, sehen den Menschen vor lauter Menschheit nicht. Machen wir ruhig „was mit Medien“, aber richtig: Lernen wir von ihnen mit den Geistern und den Tieren reden, also mit uns selbst. Lernen wir.

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