Weh-Mut – Leonard Cohen – Versuch einer kunstanalogen Annäherung – Über Melancholie, Trauer & Depression in seinem Werk – Zwischen Brüchiger Heilung & Geheilten Brüchen erklingt ein leiden-schaftliches: Halleluja! – (WehrWolter – ww 208 – Hans Wolter)

„Da ist ein Riss, ein Riss in allem. Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt“ Leonard Cohen war ein Meister der tiefen Bilder. Er verstand etwas vom Paradox des Lebens. In vielen seiner Texte erwähnt er die Brüche und Risse, durch die Leben erst lebendig wird. Das ist eine ganzheitlichere Sicht als die polarisierten Aufspaltungen in Gut und Böse. Viele Zeitgenossen möchten in den Liedern, Filmen, Geschichten und Kunstwerken möglichst nur das Helle, Gute, Erbauenende, Optimistische des Lebens gezeigt bekommen. Sie haben Angst davor, in das Dunkel einer Depression gezogen zu werden. Ich versuche aufzuzeigen, dass es v.a.D. das Paradox war, zu dem uns Cohen einen Zugang ermöglichte. Dem versuche ich anhand eines Musikvideos von „Halleluja“ kunstanalog nachzugehen. Kurz verfolge ich Stationen seiner Lebensgeschichte, um abschließend noch etwas dazu aufzuzeigen, wieso traurige Musik glücklich machen kann.

 

„You want it darker“ – Auch das Dunkle gehört zum Leben

Ja, es gibt die depressiven Verfassungen, in denen alles nur noch neblig bis dunkel erscheint. Wenn wir diese allerdings aus unserem Leben zu verbannen suchen, dann bleiben wir ängstlich, dann leben wir an der Oberfläche. Die Angst vor der Rückkehr des Verdrängten ist nach Freud die größte Angst die der zivilisierte Mensch hat.

Unsere Kultur spaltet ja auch den Tod ab. Wenn es dann soweit ist, werden wir panisch, ohnmächtig und hilflos. Es gibt Kulturen, die den Tod besser ins Leben integrieren. Jeder der schon einmal erfolgreich durch eine Depression gegangen ist, weiß dass er dabei tiefer ins Leben blicken konnte. Häufig geht diese Schwächung paradoxerweise mit einer Stärkung einher. Falls wir die Krise erfolgreich durchschritten haben.

Leonard Cohen verstand es uns in ein Wechselspiel von Hell und Dunkel zu führen. Warum kann traurige Musik glücklich machen? Musikpsychologen untersuchten das am Beispiel der Gruppe „Coldplay“. Darauf gehe ich später noch einmal kurz ein. Erst einmal zu Meister Cohen.

Immer wenn ein besonderer Mensch verstirbt, hört und liest man viele Nachrufe. Die Mehrzahl der Nachrufer hangelt sich entlang der Biografie dieser Menschen. So bekommen wir in den Tagen auch eine Menge zu Leonard Cohen zu lesen. Um die Leser nicht mit der dreiundzwanzigsten Fassung der Lebensnacherzählung zu langweilen, versuche ich es einmal anders.

 

Persönliche Bemerkung zur Wirkmacht der Lieder

Eine Woche vor Cohens Tod fiel mir im Internet ein tolles Musikvideo zu seinem Song „Hallelujah“ zu. Anhand dieses Videos versuche ich einen Zugang zu finden. Vorab noch eine kurze persönliche Bemerkung. Cohen, der singende Poet begleitete mich auf meinem Weg ins ErwachsenWerden. Über seine melancholischen tiefgründigen Lieder sprang der Funke bei mir über. Ende der 70er Jahre begann ich all seine Songs auf der Gitarre nachzuspielen, um sie dann im Gitarrenunterricht weitergeben zu können. Cohen war ein Frauenheld und auch ich konnte zu der Zeit eine Schülerin für mich gewinnen, die heute noch die Frau an meiner Seite ist. Damals sang Reinhard Mey, dass er wie Orpheus singen wollte. Aber er habe bald gespürt, dass er kein Gott, sondern eher ein Mittelmäßiger sei: „Kein Fels ist zu mir gekommen, mich zu hören, kein Meer, aber ich hab‘ Dich gewonnen und was will ich noch mehr?“Aber vielleicht gelang das auch mit „Bird on the wire … So long Marianne“ & „Suzanne“? Wer weiß

Leonard Cohen hatte gerade im Oktober noch sein neues Album „You want it darker“ veröffentlicht. Da geht es schon deutlich um das Thema Tod. Sicher fand das Musikvideo von „Hallelujah“ auch deshalb meine Aufmerksamkeit, weil ich zuvor ein Interview von ihm im Radio gehört hatte. Hier hatte er vom Tod seiner langjährigen Freundin Marianne gesprochen und davon, dass er ihr bald folgen werde. Am Ende machte er zwar noch einen Witz, dass er unendlich leben werde. Aber offensichtlich hat ihn dann doch nichts mehr hier gehalten.

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Weh-Mut

Dem Medium Musikvideo hatte ich mich schon Anfang der 90er Jahre intensiver gewidmet. Das war die Zeit als es mit MTV und Viva noch Fernsehsender gab, die rund um die Uhr Musikclips zeigten. Für meine Diplomarbeit in Psychologie hatte ich mir die Untersuchung des Musikvideos zu „Losing my Religion“ der Gruppe R.E.M ausgesucht. Mich interessierte was die Zuschauer innerhalb der 4.55 Minuten erlebten. In welche Verfassung sie im Verlauf des bebilderten Liedes gerieten.

Hierzu führte ich 20 zweistündige Tiefeninterviews durch, indem ich mir den Gefühlsverlauf der Probanden genau beschreiben ließ. Wilhelm Salber, mein damaliger Professor, entwickelte diese Untersuchungsmethode, die sich über genaue Beschreibungen den Phänomenen annäherte. Diese Befunde wurden dann entsprechend systematisiert, um letztendlich etwas über das Wirkungsgefüge der untersuchten Werke aussagen zu können. Wenn ich es auf den Punkt bringen soll, arbeitete ich damals heraus, dass uns dieses Video in eine Verfassung des Schwebens bringen konnte. Eine Gestimmtheit von Weh-Mut.

 

Von Anmutungen übers Fühlen zum Denken

Kunstwerke, Träume, auch unsere Alltagswerke beginnen oft aus einem vagen Drängen. Es will sich etwas ausdrücken. Stimmungen werden spürbar, wenn wir uns mitbewegen. Die Bewegung beginnt sich auszuformen. Können wir uns dem Weg anvertrauen, entwickelt sich nach und nach eine Gestalt.

 

„Man muss eine Idee davon haben, was man vorhat, aber es sollte eine vage Idee sein.“ (Picasso)

 

Wenn Musik, Kunst und Träume sich zunächst aus vagen Gefühlen entwickeln, ist es ratsam sich diesen Werken auch auf diese Weise anzunähern.

Halleluja – Auf-Bruchs-Bewegung im Kargen

Als ich das Video zum ersten Mal sehe und höre bekomme ich den Text nur bruchstückhaft mit.

Ein junger Mann beginnt zunächst mit leicht gebrochener Stimme zu singen. Er kommt aus einer Unschärfe, geht durch eine weiße Wüste, wahrscheinlich ein ausgetrockneter Salzsee. Dann erweitert sich das Bild. Insgesamt gehen vier junge Männer und eine Frau mit ernsten und eher besorgt wirkenden Minen durch die helle karge Landschaft. Die Atmosphäre ist hell, streckenweise grell. Weit aber auch staubig ausgetrocknet. Im Gehen baut sich eine Steigerung auf. Es wird leidenschaftlicher. Einer klopft sich auf die Brust als wenn er mehr spüren will. Zugleich unterstützt er trommelnd den Rhythmus des Liedes. Der Andere stampft irgendwie wütend auf den staubigen Boden. Als die Frau zu singen beginnt hört man ein Zischen. Das assoziiere ich sofort mit dem großen Riss auf dem Boden. Das Stampfen des Mannes bekommt jetzt auch etwas Bedrohliches. Wird die Erde weiter aufbrechen? Dann singt der Mann mit dem breitkrempigen Hut. Oder ist es eine Frau? Die Stimme ist recht hoch. Durch die Wollmütze des langhaarigen Mannes wird eine Kälte spürbar. Wohingegen die Sonne im Hintergrund auch wärmende Qualitäten reinbringt. Die zunehmende Dynamik in den Gesten und Gesichtern der Gruppe bringt mich Schritt für Schritt in eine Aufbruchsstimmung. Wie gesagt, vom Text bekomme ich zunächst weniger mit, bis auf das immer wieder auftauchende Hallelujah. Damit verbinde ich etwas Heiliges. Insgesamt stimmt mich das bebilderte Lied positiv.

Dann beginne ich nachzudenken. Es bewegt sich zwischen Brechung und Heilung. Der Text wirft mehr Fragen in mir auf, als dass er mir etwas beantwortet.

 

Hallelujah

Now I’ve heard there was a secret chord
That David played, and it pleased the Lord
But you dont really care for music, do you?
It goes like this, the fourth, the fifth
The minor falls, the major lifts
The baffled king composing Hallelujah

Hallelujah, Hallelujah
Hallelujah, Hallelujah

Your faith was strong but you needed proof
You saw her bathing on the roof
Her beauty and the moonlight overthrew her
She tied you to a kitchen chair
She broke your throne, and she cut your hair
And from your lips she drew the Hallelujah

Hallelujah, Hallelujah
Hallelujah, Hallelujah

Maybe I’ve been here before
I know this room, I’ve walked this floor
I used to live alone before I knew you
I’ve seen your flag on the marble arch

love is not a victory march
Its a cold and its a broken Hallelujah

Hallelujah, Hallelujah
Hallelujah, Hallelujah

You say I took the Name in vain
I dont even know the Name
But if I did, well really, what’s it to you?
There’s a blaze of light in every word
It doesnt matter which you heard
The holy or the broken Hallelujah

Hallelujah, Hallelujah
Hallelujah, Hallelujah

I did my best, but it wasnt much
I couldn’t feel, so I tried to touch
I’ve told the truth, I didnt come to fool you
And even though it all went wrong
I’ll stand before the Lord of song
With nothing on my tongue but Hallelujah
Hallelujah, Hallelujah
Hallelujah, Hallelujah
Hallelujah…

 

 Hier die Übersetzung:

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Halleluja

Ich habe gehört, dass es ein geheimer Akkord war,
den David spielte und der Gott gefiel.
Aber du scherst dich nicht um Musik, oder?

Es geht so:

Die Quarte, die Quinte
moll runter, Dur rauf
Der verwirrte König komponierte Halleluja

Halleluja, halleluja

Halleluja, halleluja

Dein Glaube war stark, doch du brauchtest einen Beweis
Du sahst sie auf dem Dach baden *1
Ihre Schönheit und das Mondlicht überwältigten dich
Sie band dich an einen Küchenstuhl
Sie brach deine Macht *2 und sie schnitt dir die Haare *3
Und sie entlockte deinen Lippen das Halleluja

Halleluja, halleluja
Halleluja, halleluja

Liebes, ich war schon mal hier zuvor
Ich kenne diesen Raum, und habe diesen Flur schon mal durchquert
Ich lebte alleine, bevor ich dich kennenlernte

Ich sah deine Flagge am Triumphbogen
Liebe ist kein Triumphzug
Es ist ein kaltes und gebrochenes Halleluja

Halleluja, halleluja
Halleluja, halleluja

Du sagst, ich würde den Namen Gottes missbrauchen,
dabei kenne ich den Namen nicht einmal.
Aber wenn es denn so ist, welche Bedeutung hätte das denn für dich?
In jedem Wort strahlt ein gewisser Lichterglanz,
es macht keinen Unterschied welches du gehört hast:
Das heilige oder das zerbrochene Halleluja.

Hallelujah, Hallelujah
Hallelujah, Hallelujah

Ich habe mein Bestes gegeben. Ich weiß, es war nicht viel.
Ich war unfähig zu fühlen, und darum habe ich Kontakt gesucht.
Ich sage die Wahrheit, ich bin nicht gekommen um dir was vorzumachen.
Und auch wenn alles schief gelaufen ist, stehe ich vor dem Gott der Musik mit nichts auf meiner Zunge als Halleluja.

Hallelujah, Hallelujah
Hallelujah, Hallelujah
Hallelujah

 

*1 David war am Dach und sie im Hof oder einem Zimmer ihres Hauses
siehe 2.Samuel 11:2

*2 + *3 War nicht bei David sondern bei Simson(Samson) und Dalila
siehe Richter Kapitel 16

Das Nebeneinander des Biblischen und der Liebesgeschichte wirkt zunächst auch wieder bruchstückhaft aber auch geheimnisvoll anregend auf mich. Schon die Eröffnung macht neugierig:

„Ich habe gehört, dass es ein geheimer Akkord war, den David spielte und der Gott gefiel. Aber du scherst dich nicht um Musik, oder?“

Mein Bild von Liebe wird ver/rückt:  

„Liebe ist kein Triumphzug. Es ist ein kaltes und gebrochenes Halleluja“

Es scheint um zwei Seiten einer Medaille zu gehen, ähnlich dem Ying und Yang:

„In jedem Wort strahlt ein gewisser Lichterglanz, es macht keinen Unterschied welches du gehört hast: Das heilige oder das zerbrochene Halleluja.“

Dann mündet die Geschichte in eine Mischung aus Ernüchterung und Entlastung.

„Ich habe mein Bestes gegeben. Ich weiß, es war nicht viel.
Ich war unfähig zu fühlen, und darum habe ich Kontakt gesucht.
Ich sage die Wahrheit, ich bin nicht gekommen um dir was vorzumachen.
Und auch wenn alles schief gelaufen ist, stehe ich vor dem Gott der Musik mit nichts auf meiner Zunge als Halleluja.“

Hier spüre ich wieder etwas von der Weh-Mut, wie bei „Losing my religion“. Auch etwas von Endidealisierung des eigenen Selbst im „Orpheus“ von R. Mey ist zu spüren „Zum Dank teilst Du mit mir meine Mittelmäßigkeit“

Leonard Cohen macht Mut, indem er das Weh nicht verschweigt. Damit bekommt er für mich Qualitäten eines Heilers. Der Hinweis auf das Brüchige zieht sich nahezu durch sein gesamtes Werk. Er ist auch ein Anwalt der Traurigkeit. Aber immer mit dem Hinweis, dass im Traurigen auch das Trauen steckt. Durch die Brüche nehmen wir das Licht war. Dazu gibt es auch einen starken Text von ihm, in dem er darauf hinweist:

„Da ist ein Riss, ein Riss in allem
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt“

Anthem

Die Vögel sangen
Im Morgengrauen
Fang nochmal an
Hörte ich sie krächzen
Verweile nicht bei dem
Was vergangen ist
Oder noch kommen wird

Ja, die Kriege werden
Weiter gehen
Die heilige Friedenstaube
Sie wird wieder eingefangen
Gekauft und verkauft
Und wieder gekauft werden
Sie wird nie frei sein.

Läute die Glocken, die noch klingen
Vergiss deine wohlfeilen Gaben
Da ist ein Riss, ein Riss in allem
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt

Wir fragen nach Zeichen
Die Zeichen wurden geschickt
Die Geburt verraten
Die Ehe erloschen
Ja, es ist ein Witwenstand

In jeder Form der Regierung
Zeichen, die wir alle sehen können

Ich kann nicht mehr fortlaufen
Inmitten der gesetzlosen Masse
Während die Mörder in den oberen Etagen
Ihre Gebete lauthals plärren
Aber sie haben etwas heraufbeschworen
Einen Gewittersturm
Und sie werden noch von mir hören

Läute die Glocken, die noch klingen
Vergiss deine wohlfeilen Gaben
Da ist ein Riss, ein Riss in allem
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt

Du kannst eins und eins zusammenzählen
Aber die Summe wirst du nie ziehen können
Du kannst zum Marsch aufrufen
Dazu bedarf es keiner Trommel
Jedes Herz, jedes Herz
Jedes liebende Herz wird herbeieilen
Wenn auch wie ein Flüchtling

Läute die Glocken, die noch klingen
Vergiss deine wohlfeilen Gaben

Da ist ein Riss, ein Riss in allem
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt

Zum Original Songtext von Anthem

 

 

Der Poet Cohen kam zunächst zur Musik um schnelles Geld zu verdienen

 

Leonard Cohen sah sich zunächst einmal nicht in der Musik. Er war ein leidenschaftlicher Schriftsteller. Als er merkte, dass Musiker einfacher mehr Geld verdienen konnten, schrieb er Lieder. Diesen biographischen Teil übergebe ich jetzt einmal an Wikipedia.

Cohen als Schriftsteller

Die Musik spielte für Leonard Cohen zunächst eine untergeordnete Rolle, da er sich in einem universitären Debattierclub engagierte und eine Karriere als Schriftsteller anstrebte. Cohens Erstlingswerk, ein Gedichtband mit dem Titel Let Us Compare Mythologies, erschien 1956, noch vor seinem Universitätsabschluss. In diesem Buch, dessen Erstauflage 500 Exemplare betrug, lassen sich viele seiner späteren Hauptthemen ausmachen. Der Nachfolger, The Spice-Box Of Earth (1961), erhöhte die Popularität des jungen Künstlers vor allem innerhalb Kanadas. Aber auch im Ausland begann man, auf ihn aufmerksam zu werden.

In den folgenden Jahren führte er ein unstetes Leben. Stipendien und die Einnahmen aus dem Verkauf seiner Bücher ermöglichten ihm längere Reisen quer durch Europa, bis er sich schließlich zwischen 1960 und 1967 auf der griechischen Insel Hydra niederließ. Hier lebte er einige Jahre mit der Norwegerin Marianne Ihlen zusammen, die zu seiner Muse wurde. Von Hydra aus veröffentlichte er die Romane The Favourite Game (1963) und Beautiful Losers (1966) sowie den Gedichtband Flowers for Hitler (1964).

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Wechsel zur Musik

Obwohl Cohen über keine gute Singstimme verfügte – die deutsche Musikzeitschrift Sounds attestierte ihr, in den höheren Lage gerate sie „leicht ins Krächzen“, laut dem Neuen Rocklexikon klingt sie wie die „eines alten Bluessängers, dem bereits die hohen Töne fehlen“, – schlug er 1967 nach seiner Rückkehr nach Amerika in New York eine Karriere als Folksänger und Songwriter ein. Zu dieser Zeit hatte die US-Folksängerin Judy Collins bereits erfolgreich Texte von ihm interpretiert, darunter Suzanne. Cohen wohnte damals im Chelsea Hotel, in dem viele Berühmtheiten vor und nach ihm lebten. Mit Chelsea Hotel No. 2, einem Lied über seine Beziehung mit Janis Joplin, setzte er dem Hotel später ein Denkmal.

 

Im New Yorker Greenwich Village lernte Cohen Joni Mitchell kennen, die wie er aus Kanada stammt. Die beiden verband ein Jahr lang auch privat eine Beziehung. In einer Art Songwriting-Wettbewerb schrieben sie jeweils einen eigenen Song mit dem Titel Winter Lady. Joni verarbeitete die Beziehung zu Cohen in den Songs Wizard Of Is, Chelsea Morning, Rainy Night House, A Case Of You, That Song About The Midway und The Gallery.

Sein Debüt als Sänger gab Leonard Cohen 1967 auf dem Newport Folk Festival. Der Produzent John Hammond von Columbia Records entdeckte ihn und sah in ihm einen zweiten Bob Dylan. So kam Cohens erstes Album Songs of Leonard Cohen zustande. Die melancholische Platte wurde in der Folk- und Songwriterszene ein großer Erfolg. Lieder wie Suzanne, Sisters of Mercy und So Long, Marianne gehören noch heute zu Cohens bekanntesten Kompositionen. Die drei Titel The Stranger Song, Winter Lady und Sisters of Mercy untermalen auch Robert Altmans Anti-Western McCabe & Mrs. Miller, dessen melancholische Stimmung maßgeblich von den Cohen-Songs geprägt wird.

Zunächst sah Cohen in der Musik nur ein Mittel, um schnell Geld zu verdienen und sich wieder seiner dichterischen Tätigkeit widmen zu können – eine Haltung, die er mit zunehmendem Erfolg jedoch bald aufgab.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Leonard_Cohen)

 

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Der Mönch Jikan (der Stille) – Der bestohlene Cohen –

Der Rückkehrer

 

Leonard Cohen wurde es zu turbulent in seinem Business. Er zog sich in ein buddhistisches Kloster zurück, in das spartanische Mount Baldy Zen Center in den Bergen in 2000 Meter Höhe, in der Nähe von Los Angeles. Dort betrieb er Zen-Meditation, wurde 1996 unter dem Namen Jikan (der Stille) zum Mönch ordiniert und arbeitete für den Rōshi Kyozan Joshu Sasaki

Kaum einer glaubt an eine Rückkehr ins Musikgeschäft. Doch 2001 erschien sein Album Ten New Songs. Das Album wurde von seiner Backgroundsängerin Sharon Robinson komponiert und basiert auf Gedichten und Texten von Leonard Cohen. 2004 erschien Dear Heather. Anjani, Cohens ehemalige Backgroundsängerin und spätere Lebensgefährtin, hatte auf diesem Album einen starken Gesangsanteil.

Ende 2004 kam es dann zum finanziellen Absturz. Cohens Tochter entdeckte, dass seine Vertraute, Kurzzeitgeliebte und Managerin Kelley Lynch sein Vermögen in Höhe von mehreren Millionen Dollar fast vollständig veruntreut hatte. Cohen verklagte Kelley Lynch, gewann den Prozess, aber das Geld blieb verschwunden.

Jetzt musste der Mönch doch wieder aktiv werden, um sein Leben weiter finanzieren zu können. Im Jahre 2005 brachte die Filmproduzentin Lian Lunson unter dem Titel I’m Your Man einen Film über Leonard Cohen heraus. 2006 veröffentlichte Anjani Blue Alert, für das Cohen die Texte schrieb und das er produzierte. Im Frühjahr 2007 erschienen die drei ersten LPs remastered und mit zwei zuvor unveröffentlichten Titeln (Songs of Leonard Cohen), zwei Alternativ-Versionen (Songs from a Room) sowie einer frühen Version eines Songs (Songs of Love and Hate) neu. Er hatte wieder Gefallen an der Bühne und seinen Lieder gefunden und wirkte weiter. Wenige Wochen vor seinem Tod erschien sein letztes Album.

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Leonard Cohen – Der brüchige Heiler

Mit Songs wie „Hallelujah“, „Suzanne“ oder „So long Marianne“ wurde der 1934 geborene Cohen weltberühmt. Zuvor hatte er bereits Gedichte und Romane geschrieben. Den Durchbruch als Musiker hatte Cohen in den 60er Jahren in New York geschafft, wo er im legendären Chelsea Hotel lebte und Kollegen wie Bob Dylan, Joni Mitchell und Janis Joplin kennenlernte – letzterer setzte er in dem Song „Chelsea Hotel No. 2“ ein Denkmal.

Cohen war sein Leben lang zutiefst spirituell. Mich hat die vorgestellte Inszenierung seines „Hallelujah“ sehr berührt. Daher finde ich, dass es ein angemessenes letztes Geleit darstellt.

 

Fazit: Leonard Cohen verstand etwas vom Paradox des Lebens

 

Wir brauchen die Risse, die Verwundungen, die Spalten, damit wir durch diese die Ganzheit des Lebens wahrnehmen können. Zum Paradox gehört auch, dass uns auch traurige Dinge entlasten und sogar glücklich machen können. Daher greife ich abschließend noch einmal eine musikpsychologische Untersuchung und einen Beitrag von Christoph Behrens auf.

 

Warum traurige Musik glücklich macht

Musikpsychologen haben erforscht, warum manche Menschen melancholische Melodien genießen. Die Forscher vermuten, dass ein Charakterzug entscheidend ist.

(Von Christoph Behrens)

Die Band Coldplay ist ein Paradoxon. Selbst bei den traurigsten Nummern geraten Konzertbesucher in Ekstase. Statt sich an der Melancholie anzustecken, beflügelt das Glückshormon Serotonin die Stimmung. Wie Trauer Genuss erzeugen kann, hat Philosophen Jahrtausende beschäftigt. Schon Aristoteles rätselte, wie Theaterzuschauer mit Wonne das Ableben eines Helden betrachten können. Arthur Schopenhauer erkannte in den schmerzlichen Emotionen einer Tragödie oder im Anblick einer rohen Naturgewalt etwas ästhetisch besonders Erhabenes.

Allerdings sind nicht alle Menschen für das Gefühl empfänglich – eine Band wie Coldplay liebt man, oder man hasst sie, dazwischen gibt es wenig. Eine britisch-finnische Forschergruppe hat nun in einem Experiment ergründet, wovon die Begeisterung für traurige Musik abhängt. Die Musikpsychologen spielten dazu hundert repräsentativ ausgewählten Personen traurige Musik vor. Die Probanden hörten ein klassisch instrumentiertes Stück aus dem Soundtrack der amerikanischen TV-Serie „Band of Brothers“, die im Zweiten Weltkrieg spielt – achteinhalb Minuten in getragenem Moll, ein tieftrauriges Stück.

 

„Die Genießer sind häufig in der Lage, ihre Gefühle zu regulieren“

Dennoch empfand etwa jeder Fünfte beim Hören einen besonderen Genuss. In diesen Fällen erzeugten die Klänge einen bewegenden Gefühlscocktail aus Traurigkeit und positiven Emotionen. Die Psychologen nennen diese Hörer in der Studie im Fachblatt Frontiers in Psychology „Traurigkeitsgenießer“. Während sie in der Lage waren, das Stück mit Gewinn zu hören, machte es viele andere Teilnehmer eher nervös oder sogar niedergeschlagen.

Doch was unterscheidet die Gruppen? Um das herauszufinden, erkundeten die Forscher mithilfe von Fragebögen auch die Psyche der Teilnehmer, darunter die Fähigkeit zur Empathie. Dabei zeigte sich, dass die „Traurigkeitsgenießer“ meist überdurchschnittlich empathisch sind. Sie sind demnach besonders gut in der Lage, sich in andere Personen einzufühlen und sich mit Mitmenschen zu identifizieren. „Diese Hörer können besonders gut Emotionen aufspüren, anhand von akustischen Zeichen in der Musik“, erklärt die Musikpsychologin Jonna Vuoskoski von der Universität Oxford. Probanden mit niedrigen Empathie-Werten genossen die traurigen Töne so gut wie nie.

 

Das Phänomen Coldplay vermag dieses Experiment allerdings nicht restlos aufzuklären

 

Allerdings sei für den Genuss entscheidend, einen emotionalen Abstand zu wahren, sagt Vuoskoski. „Die Genießer sind häufig in der Lage, ihre Gefühle sehr gut zu regulieren.“ Demnach ist es ein Balanceakt, traurige Musik zu hören: Deren Genießer können sich einerseits in die übermittelten negativen Botschaften einfühlen, lassen sich davon aber nicht so sehr überwältigen. Frauen gelingt dieser Spagat offenbar häufiger als Männern: Weibliche Hörer waren überdurchschnittlich oft in der Genießergruppe.

Das Phänomen Coldplay vermag dieses Experiment allerdings nicht restlos aufzuklären. Denn die Psychologen wählten möglichst unbekannte Musikstücke, um zu vermeiden, dass bekannte Songs Erinnerungen aufwühlen und so die emotionale Essenz der Musik überlagern. Wenn man sich also wundert, warum die eigene Partnerin für Coldplay schwärmt, kann das auch mit Sänger Chris Martin zu tun haben.

http://www.sueddeutsche.de/wissen/musikpsychologie-warum-traurige-musik-gluecklich-machen-kann-1.3169121

 

Klicks zum Weiterlesen:

Winner burnen out. Loser sind dann mal depressiv. – Von Gewinner- und VerliererKrankheiten. (WehrWolter – ww 37 – Hans Wolter)

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Rainer Maria Rilke starb vor 90 Jahren – Das Paradox: vom Defizit zur Kreativität – Vom Sohn der die Tochter ersetzen sollte, über den bindungsängstlichen jungen Mann zum frauenumschwärmten Dichter mit gewaltigem Tiefgang – (WehrWolter ww 218 – Hans Wolter)

Ikarus & Prince: Helden sterben meist früher – Beide kamen hoch hinaus. Beide starben an einem Zuviel von Talent und Möglichkeiten. – Kompensierte Prince eine ArbeitsSucht mit Schmerzmitteln? – Workaholics spüren nicht, wenn sie zu hoch fliegen und verbrennen – Überlegungen zu ungesunder SehnSucht – (WehrWolter – ww 162 – Hans Wolter)

„How many roads … “ Bob Dylan, der singende Poet, erhält den Nobelpreis für Literatur – „Das ist Bob Dylan, und ich bin nur Präsident der Vereinigten Staaten.“ (Barack Obama) – Ein moderner Dichter, „Homer der Gegenwart“ (Sara Danius, Komitee, Stockholm) … must a man walk down, before you call him a man?– (WehrWolter – ww 194 – Hans Wolter)

Träume sind Kunstwerke. Mit Material aus dem Gestern entwerfen sie im Heute ein mögliches, ein anderes Morgen – Träume regulieren unsere Bio-Psycho-Soziale Passung – (WehrWolter – ww 202 – Hans Wolter)

Ich leiste, also liebt mich! – Was können wir von Cristiano Ronaldo lernen? – Europas Fußballer des Jahres 2016 – Vom gesundem und ungesundem Narzissmus und dem „Drama des begabten Kindes“ (Miller) – Auch der Fußball Bundesligastart inszeniert wieder Dramen vom Stirb und Werde unserer ewigen Helden-Sehnsucht – (WehrWolter – ww 183 – Hans Wolter)

“Vergesst das Lachen nicht” Guido Westerwelle – Der frühe Tod ist immer eine Mahnung an uns: Leben wir so, dass wir morgen gehen könnten? Große Helden sterben früher: “Ich habe viel erlebt, viel gesehen und habe nichts versäumt” sagt er in seinem Buch: “Zwischen zwei Leben” – (WehrWolter – WW137 – Hans Wolter)

“Life is what happens when you have made other plans.” – Imagine John Lennon 75th Birthday – Bilder & Gedichte von der Prager John-Lennon-Mauer – und Neues von JL

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2 Kommentare

  1. Danke für die Rückmeldung, liebe Klara Pohlkötter. Ja, da ist etwas dran. Schon Fühlen bedeutet mehr Glück und Beziehung – zu sich, zum Leben, zum Gegenüber – als oberflächliche Gleichgültigkeit.

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  2. Klara Pohlkötter

    Gut geschrieben und beschrieben, und wie so oft wusste ich einiges nicht.
    Warum traurige Musik glücklich machen kann? Dazu fiel mir ein: ..Traurige Musik zeigt mir auf eigentümliche Weise, dass ich zu tiefen und intensiven Gefühlen fähig bin und in ihnen ‚baden‘ kann, das ist beglückend.

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