R.I.P. Wilhelm Salber – mit dem Kölner Psychologie Professor geht einer der originellsten Köpfe der Zunft – Morphologie: Wanderer zwischen Kunst & Wissenschaft – Ciao Käpt’n, mein Käpt’n – (WehrWolter – ww 213 – Hans Wolter)

Wilhelm Salber steht für: Polymorph interessiert – Ganzheitliche Zusammenhänge versus elementarhafter Zerteilung – Dekonstruktion oberflächlicher Gewissheiten – „Morphologie des Seelischen Geschehen“ – für Muggel unverständlich – Der etwas andere Sigmund Freud -„Sechseck“ mit  magischem Charakter – Feste Größe in Marktpsychologie – Vom Faust zum van Gogh des Seelischen

Gerade erreicht mich in meinem Urlaub die traurige Nachricht, dass mein alter Professor Wilhelm Salber (1928 – 2016) gestorben ist. Ich habe es schon befürchtet, da ich seine Frau Linde in letzter Zeit mehrfach alleine gesehen habe, wenn ich mit dem Fahrrad am Egelspfad vorbeigefahren bin. Wir haben uns immer noch gegrüßt. Er liegt altersmäßig genau ein Jahr zwischen meinen Eltern. Werde versuchen zur Beerdigung zu gehen, falls wir dann schon zurück sind. Mit weitest möglichem Abstand: Karibik – Köln, versuche ich mich jetzt in einem kurzen Nachruf. Persönlich und zutiefst subjektiv.

Professor Salber war ein genialer Kopf. Ihm verdanke ich mein radikal psychologisches Denken. Er stand dafür ein, dass die Psychologie sich wissenschaftlich nicht anlehnen sollte an andere Wissenschaften. Sie ist keine Hilfswissenschaft, sondern bildet ihren eigenen Gegenstand. Leidenschaftlich trat er ein, für eine „Psychologische Psychologie“. Er leitete 30 Jahre das Psychologische Institut II der Universität zu Köln. 300 Meter Luftlinie hinter meiner heutigen Praxis auf der Dürener Straße in Köln-Lindenthal.

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Darüber hinaus entwarf er auch eine eigene Schule: Die „Psychologische Morphologie“. Ein weiterentwickelter Ansatz aus der deutschen Gestaltpsychologie, Goethes Naturwissenschaft (Morphologie & Farbenlehre) und der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Er selbst hatte noch bei Anna Freud in London auf der Couch gelegen. Hunderte Aufsätze und weit mehr als 30 Bücher hat er veröffentlicht. In den achtziger Jahren war er auch in der Fernsehshow „Hilferufe“ des WDR eine Zeit lang wöchentlich als Fachmann für die Irrungen und Wirrungen des Seelischen zu sehen.

Er war gewiss kein einfacher Mensch. Auch ich bin mehrfach mit ihm persönlich aneinandergeraten. Er war so etwas wie eine Vaterfigur, für die ich brennen konnte. Nicht nur ich. – Mit allen Hoffnungen & Gefahren eines Ikarus. – Aber er war DER Mensch, der mich beruflich am entschiedensten geprägt hat. Dafür bin ich ihm dankbar.

Wilhelm Salber war polymorph interessiert

Als Mensch und Psychologe beschäftigte er sich in vielfältigen Felder, wie: Literatur, Film, Kunst, Philosophie und natürlich auch der klinischen Psychologie. Als Universitätsprofessor des Wiederaufbaus in Deutschland nutzte er die Freiheiten und seinen gut besetzten Lehrstuhl für die Entwicklung eines eigenen wissenschaftlichen Projektes, welches er „Morphologische Psychologie“ nannte.  

Salber arbeitete mit einer gewissen radikalen Grundhaltung von Entschiedenheit und Beharrungsvermögen an einem eigenständigen Theoriegebäude. Mit dem Begriff Morphologie, also der Logik von Gestalten, knüpfte er an Goethes naturwissenschaftliche Studien von Pflanzen und Farbenlehre an. So wie Goethe Entwicklungsverläufe als gestaltmäßig organisiertes Fortschreiten ansah, so wendet Salber diese Seherfahrung (eines seiner zahlreichen Wortschöpfungen) auf die Psychologie an. Hierbei führte er die Schule der deutschen Ganzheits- und Gestaltpsychologie (Lewin, Wertheimer, Köhler etc.) auf seine eigene Art weiter fort. Hierbei nahm er auch Erkenntnisse der Phänomenologie (Husserl, Dilthey etc.) auf. Diese Stränge verband er kreativ mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds.   

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Ganzheitliche Zusammenhänge versus elementarhafter Zerteilung

Goethes Anliegen war es, die Wissenschaft der Farben aus der Ganzheit der sinnlich wahrnehmbaren Phänomene zu verstehen. Gestalthafte Sinnzusammenhänge sind menschlich nachvollziehbar. Letztlich ohne Apparatur und Zerteilung. Newtons Ansatz setzte auf die Aufspaltung der Phänomene in kleine Teilstrukturen und späteres Wiederzusammensetzen. Dieser Ansatz zog im neunzehnten Jahrhundert den „Siegeszug“ in den Naturwissenschaften an. Dies heißt natürlich nicht, dass die ganzheitlichen Verstehensweisen verkehrt sind. Künstler, Schriftsteller, Filmemacher und Werbetreibende können mit dem Aufbau von Gestalten deutlich mehr anfangen. Auch wenn sie es vielleicht nicht so benennen würden.

Salber nahm schon in den sechziger Jahren mit seinem Blick auf gestaltlogische Sinnentwicklungen eine radikale Gegenposition zum Mainstream der damaligen akademischen Psychologie ein. Zu der Zeit orientierte man sich am amerikanischen Behaviorismus. Die Lehre vom Unbewussten verschwand gegenüber einer Dominanz von Kognition und Experimentalgläubigkeit. Das ist ja heute nicht sehr viel anders. Wobei die aktuelle Hirnforschung Freuds Erkenntnisse, wie z.B. die Verdrängung etc. eindrucksvoll bestätigt. Heute beginnen selbst die Mediziner so Dinge wie ein Schmerzbewusstsein anzunehmen. In dem heutigen verschulten Studiengang ist es allerdings wohl schwerer denn je, ein guter Psycho-Logiker zu werden. Dazu braucht es Zeit. Bei uns hieß es früher immer: „Umwege verbessern die Ortskenntnis.“ Wir hatten noch Zeit fürs Studium. Auch ich musste damals nebenbei Geld verdienen.

 

Dekonstruktion oberflächlicher Gewissheiten

Salber habilitierte sich 1958 mit einer Forschungsarbeit, die er später unter dem Titel „Der psychische Gegenstand“ veröffentlichte. Wenn ich es auf den Punkt bringen wollte, sagt er: jeder Gegenstand wird gebildet. Nichts ist einfach so da. Der Kommunikationsforscher Paul Watzlawik beschrieb das später in Büchern wie: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ oder „Anleitung zum Unglücklichsein“. Was später unter dem Schlagwort „Konstuktivismus“ bekannt wurde.

Wir sollten uns in der Psychologie nicht mit Allgemeinplätzen zufriedengeben. Auch keine Anleihen bei anderen Wissenschaften machen. Seien wir doch mal ehrlich: die meisten Mediziner haben doch keinerlei tiefergehende Ahnung von den Gesetzen und dem Funktionieren der Psyche. Auch wenn sie es in ihrem Größenselbst oder der Idealisierung des kleinen Mannes zu glauben scheinen. Immer noch können viele nicht zwischen Psychiatern und Psychologen unterscheiden. Ich glaube das hat mit Angst zu tun, die zu Über- und Unterschätzung der Psyche führt. Das ist allerdings ein eigenes Kapitel wert.

Bei den „Morphologen“, so nannten wir uns früher an der Kölner Uni, wurde man in der Methode der Beschreibung geschult. So setzten wir uns z.B. eine Stunde im Museum Ludwig vor ein Kunstwerk und beschrieben alles, was uns dabei durch den Kopf ging. Freud nannte das: freies Assoziieren oder „freischwebende Aufmerksamkeit“. Natürlich ist das subjektiv. Durch die genaue Beschreibung, spätere Systematisierung von vielen Einzelbeschreibungen kommt man allerdings zu allgemeingültigen Aussagen. Die geben oft tiefere Einblicke in ein Kunstwerk, als wenn wir Biografien oder Aussagen des Künstlers zu Rate ziehen.salber-buch-8

Mit der Methode des Tiefeninterviews und der späteren Systematisierung und Typisierung lässt sich nahezu alles psychologisch untersuchen. So sahen dann auch unsere Diplomarbeiten aus. Ich wollte damals die Wirkung von Witzen in der Werbung untersuchen. Am Beispiel der damaligen Camelwerbung wollte ich aufzeigen, wieso man ein Markenbild mit x-beliebigen Witzen nicht erhalten bzw. weiterführen kann. Die Zigarettenmarke wechselte damals ihre Bildaussage vom Camelmann zu einem lachenden Kamel. Das ging schief. Ich glaubte zu wissen weshalb. Außerdem wollte ich eine recht kleine, bzw. kurze seelische Einheit untersuchen. Schon Freud hatte zur Untersuchung des Witzes brillante Arbeit geleistet.

In Salbers Morphologie ging es auch um kleinere Einheiten. So fasste er Tätigkeiten im Alltag, sagen wir mal: ein Frühstück, in sogenannte „Handlungseinheiten“. Nicht die beteiligten Menschen, sondern das Frühstück war dann das Untersuchungsobjekt. Salber sah das als eine, in Entwicklung begriffene, Gestalt. Gestalten entwickeln sich nach eigenen Logiken. Handlungseinheiten umfassten einen Zeitraum von vielleicht einer Stunde. Untersucht man größere Gegenstände, wie vielleicht das Studieren, hieß das bei den Morphologen „Wirkungseinheit“. Das meint: eine Tätigkeit wie das Studieren unterliegt gewissen Wirkungen. Hier ist ein Gefüge wirksam, welches sich in seinem Entwicklungsverlauf herausarbeiten lässt. Natürlich gibt es immer mehrere Verlaufsmöglichkeiten der sogenannten „Gestaltbildung“. Aber das sind nicht unbegrenzt viele. Die Verläufe lassen sich typisieren. Hier können wir auch an die Archetypen des Züricher Psychoanalytikers C.G. Jung denken.

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Mir ist durchaus klar, dass der unbedarfte Leser nicht mehr so richtig folgen kann. So ging es uns Studenten damals auch. Aber wenn ich heute die Wirkung eines Kinofilms beurteilen soll, finde ich nach wie vor noch Salbers Konzept der „Komplexentwicklung“ am furchtbarsten. So könnte ich eine lange Abhandlung dazu schreiben, wie man z.B. die Wirkung der amerikanischen Serie „Breaking Bad“ verstehen kann. Für mich entwickelt sich hier der seelische Grundkonflikt von Autonomie und Bindung in allen Schattierungen. Indem sich dieser Komplex über 86 Folgen systematisch entfaltet, wird eine Spannung hergestellt und aufrechterhalten, die uns fesseln kann. Filme ohne seelische Komplexentwicklung lassen uns dagegen häufiger einschlafen.

Wahrscheinlich oder auch eher vielleicht, lässt es sich nachvollziehen, dass sich das Konzept der Psychologischen Morphologie sehr gut in Marktforschung und Werbung einsetzen lässt. Wenn ich über Tiefeninterviews erforsche, welche, teils unbewussten Motive sich bei einer Handlungseinheit, wie, sagen wir mal dem Händewaschen, mitbewegen, dann kann ich für Firmen wie Nivea etc. interessante Aussagen herausarbeiten. Geht es einem Teil der Anwender z.B. um so etwas wie „Geschmeidiger-Werden“, kann ich prüfen, mit welchen Bildern, Formen, Wörtern, ich diese Hoffnung im Kunden wecke. Wie passt ein Jogi Löw in dieses Bild? Das ist nicht nur anspruchsvoller als reines „Nasenzählen“ (so dekonstruierten wir früher die Statistikknechte), es lässt sich auch finanziell effektiver umsetzen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Viele die Morphologie heute nur noch von der Marktforschung her kennen. Führend ist hier das Kölner Rheingold-Institut. Selbst der Kölner Stadtanzeiger nennt den Chef Stefan Grünewald als einen der bekanntesten Salber-Schüler. Ja, er hat sich und die Morphologie gut vermarktet. Bücher wie „Deutschland auf der Couch“ haben tatsächlich eine gewisse Mission in Verbreitung der Psychologischen Morphologie erfüllt. Allerdings eingeengt auf die Welt der Marktforschung.

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Bevor ich gleich noch einmal auf die, leider zu geringe Außenwahrnehmung der über 30 Bücher von Wilhelm Salber eingehe, möchte ich gerade noch den begonnen Faden meiner damaligen Diplomarbeit zu Ende spinnen. Der „Alte“ ließ mich den Witz damals nicht untersuchen. Mein Vorhaben sei zu komplex und umfangreich für eine Diplomarbeit. Was tun? Ich fasste die Einheit ein wenig größer, indem ich sie auf ca. fünf Minuten ausdehnte. Also schlug ich ihm vor, die Gestaltentwicklung eines Musikvideoclips zu untersuchen. Da diese Clips damals hipp waren und gleich in zwei Fernsehsender (MTV, Viva) nahezu rund um die Uhr gesendet wurden, sprang Salber auf das Thema an. Letztlich untersuchte ich den Clip „Losing my religion“ der Gruppe R.E.M. Dieser Clip gewann damals den weltweiten MTV-Award. Also suchte ich mir 20 Versuchspersonen, die ich jeweils zweistündig dazu tiefgehend befragte. Bei der Gelegenheit kam ich auch auf etwas, was ich allgemein den Musikvideoclips glaubte zuschreiben zu können. Sie bringen uns in „Schwebeverfassungen“. Damit machen sie uns durchlässig für den Austausch unserer Innenwelt mit den Anforderungen unserer alltäglichen Realität. Sie forcieren letztlich unsere Tagträume. Damit stellen sie auch so etwas wie einen Kurzurlaub für unser Überich dar. Dies könnte ich noch länger ausführen, worauf ich aber hier verzichte. Da suche ich lieber den Rückweg zum Hauptweg: Wilhelm Salber.

 

„Morphologie des Seelischen Geschehen“

– für Muggel unverständlich

Salbers Bücher sind einerseits in deutscher Sprache, andererseits aber auch irgendwie wie Zeugnisse aus einer anderen Welt. Die Bibel der damaligen Salberschüler war das Buch „Morphologie des seelischen Geschehens“. Hier entwickelte der Meister in einem großen Wurf seine Gedankengänge zu dem „was die Welt (des Seelischen) im Innersten zusammenhält“. Ich brauchte damals einige Semester, um zu verstehen, was dieser ordentliche Professor uns eigentlich sagen wollte. Aber, ich hatte vom ersten Tag an eine vage Idee davon, dass hier für mich und meine Entwicklung zum Psychologen eine ganze Menge zu holen sei. Schaute man eher abwertend auf das Geschehen, kam es einem vor, wie eine Sekte. Ein leidenschaftlicher Guru dozierte zu allem Möglichen zwischen Himmel, Welt und Hölle. In einer Sprache, die mir kunstvoll abgehoben erschien. Seine Vorlesungen waren ein Magnet, die immer montags die Kapazität des Philosophikums sprengte. Nicht nur Psychologen saßen da auf den Treppen und Fußböden. Die Vorlesungen wechselten zwischen hohem Unterhaltungswert zu kryptischen Konstruktionen, die auf mich wirkten, als kämen sie aus der vulkanischen Gedankenwelt eines Mr. Spok. Natürlich gebe ich hier nur mein persönliches damaliges Erleben wieder. Später lernte ich in meiner psychoanalytischen Weiterbildung die zentral wichtige Erkenntnis für Psychotherapie: Es gibt kein falsches Erleben!

Erstaunlich, dass sich dies alles im wissenschaftlichen Betrieb der angesehenen Universität zu Köln abspielte. Einerseits hatte es etwas vom Zauberinternat Hogwarts, andererseits konnte man hier normale Scheine in Allgemeiner Psychologie I + II, in Klinischer Psychologie, aber auch in Kunst- und Filmpsychologie machen. Bewegte man sich in dieser Welt, konnte man sie verstehen. Nach und nach. Ein Buch wie „Morphologie des seelischen Geschehens“ blieb allerdings außerhalb Kölns unverständlich. Auch das trägt dazu bei, dass sich Salbers Schule nicht allzu weit ausbreiten konnte.

 

Auch die Werke Sigmund Freuds wurden morphologisch einverleibt

Salber schrieb drei Bücher zur Psychoanalyse Freuds, in denen er die Gestaltentwicklung der Theorietransformationen des großen Meisters nachzeichnete und einordnete. Auch hier gibt es viele spannende Einsichten, Ideen und Gedankengänge. Er selbst nahm sogar noch Supervisionsstunden bei Anna Freud in London. Auch äußerlich wurde Salber dem großen Magier immer ähnlicher. Natürlich arbeitet hier auch eigene Legendenbildung mit. Seit ich mich mit Goethes Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ beschäftige, drücke ich hier mehr als ein Auge zu.

Leider war Wilhelm Salber zu eigen, als dass er in der gegenwärtigen Bewegung der Psychoanalyse Anklang und Aufmerksamkeit gefunden hätte. Zumindest nicht längerfristig. Punktuell wurde er immer schon mal zu Vorträgen eingeladen. Salber war auch – so meine persönliche Einschätzung – so von seiner eigenen Lehre überzeugt, dass er die neueren Entwicklungen der Psychoanalyse weder aufgenommen, noch rezipiert hatte. Diese Dinge musste ich mir dann in meiner späteren psychoanalytischen Weiterbildung mühsam erarbeiten. Und dennoch half mir meine radikal psychologische Sichtweise letztlich. Teilweise bewegte ich mich allerdings auch am Rande eines „Losing my religion“

Dekonstruktiv war auch hier seine Auseinandersetzung. Er demontierte Darstellungen wie Triebe oder Energien und fasste sie eher in Bilder. Damit entwickelte er eine andere Sicht des unbewussten Seelenbetriebes. Wie schon erwähnt, ging Salber nicht vom Individuum, sondern von der Gestaltenwicklung von Handlungs-, Wirkungs- und Alltagseinheiten aus. Er beschrieb überindividuelle Grundgestalten die jeweils eigenen Wirkungsgesetzen folgen.

 

Salbers „Sechseck“ hatte streckenweise magischen Charakter  

In den sechziger Jahren begann Salber die Wirkungszusammenhänge des Seelischen in Sechsecken zu beschreiben. Wie kam er auf die Idee, Wirkungstendenzen in einem Hexagramm darzustellen? Erst später wurde mir klar, dass er sich hier wohl am Farbenkreis Goethes orientierte. Meines Wissens hat er diesen Zusammenhang allerdings nie benannt. Die in der psychologischen Marktforschung tätigen Kollegen, nutzen heute teilweise immer noch das Sechseck, um einem Kunden die Wirkung seiner Marke oder einer bestimmten Kampagne zu erklären. Damals war das Denken um sechs Ecken am Lehrstuhl so verbreitet, dass sich der sicher verdiente Dozent Dr. Seifert zu der Fehlleistung „Sechsdreck“ hinreißen ließ. Salber selbst verlies dieses Modell auch wieder zugunsten neuer Konstruktionen, wie z.B. die „vier Versionen“ oder einem Denken in „Haupt- und Nebenbild“, „Haupt- und Nebenkonfigurationen“ oder Märchenbildern. Auf Grundlagen der Märchenkonfigurationen entwickelte er eine eigene Therapieform. Die „Analytische Intensivberatung“ ist heute als tiefenpsychologisch fundierte Therapieform offiziell anerkannt.

Salbers Sichtweise der Psyche entwickelte sich immer mehr in die Welt der Kunst. Seine späteren Bücher illustrierte er auch mit eigenen Zeichnungen.

 

Ein Segen für die Marktpsychologen

Wie bereits erwähnt, nutzt die qualitative Markforschung auch heute immer noch erfolgreich die Ideen Professor Salbers. Nachfolgend ein Zitat aus dem Nachruf meines Kollegen Dirk Ziems.

„Wilhelm Salber kann als der zentrale Wegbereiter der tiefenpsychologischen Marktforschung gelten – einer Strömung der qualitativen Marktforschung, die mit den morphologischen Instituten in Deutschland und zunehmend weltweit Bedeutung erlangt hat.

Professor Salber hat eine besondere Stellung in der internationalen akademischen Landschaft der Psychologie. Er hat mit der Morphologie die jüngste und bislang letzte komplett eigenständige Psychologie-Theorie initiiert. 

Die Morphologie ermöglicht es, auf ganz andere Weise, eben aus der entschieden psychologischen Perspektive, auf die Phänomene des Alltags und Konsumalltags zu schauen. In den scheinbaren Selbstverständlichkeiten des alltäglichen Lebens, der Produktnutzung und der Kaufrituale stecken verborgene Sinnstrukturen, die die morphologische Methode systematisch und zuverlässig entschlüsselt. Auf Basis der morphologischen Alltagspsychologie gelingt es somit, die geheime Logik der Märkte zu dechiffrieren. 

Auch die Morphologischen Marktforscher können auf dem Vorteil der Morphologischen Psychologie aufbauen, scheinbar unzusammenhängende Felder im Zusammenhang zu sehen. Weil sie die Wirkungszusammenhänge der Kunst, der Kultur und der Medien als Lehrmeister der Psychologie begreifen, erweitert sich auch ihr psychologisches Verständnis von den Märkten, Marken und Produkten.

Insbesondere die morphologische Kulturpsychologie ist eine Säule für morphologische Marktanalysen. Nach Wilhelm Salber sind Gesellschafts- und Markt-Trends nicht einfach nur Zeitgeist-Phänomene. Vielmehr sind die Trend-Gestalten, die der Marktforschung jeden Tag begegnen, wie beispielsweise der Hipster in der Werbung, der Smart-Watch-Nutzer mit Optimierungsstress, der Protestwähler in seinem Medientunnel oder der Manga-Stil als Ventil in den asiatischen Gesellschaften, als Symbol und Ausdruck übergreifender Kulturverwandlungen zu verstehen.

Die ungebrochene Neugier und die Lust, den tieferen Sinn der Forschungsgegenstände zu erschließen, sind immer der Antrieb der morphologischen Psychologie von Wilhelm Salber gewesen. Dieses Erbe bleibt für die morphologischen Marktforscher Anspruch und Verpflichtung.“ (Quelle: http://www.marktforschung.de/nachrichten/marktforschung/wegbereiter-der-tiefenpsychologischen-marktforschung/)

 

Salber entwickelte sich vom Faust zum van Gogh des Seelischen

Später habe ich mich viel mit Goethe beschäftig. Bis heute. Hier konnte ich auch mit Hilfe des Faust, indem Goethe sein über fünfzigjähriges Wissen zusammenfasste, Salbers Gedankengänge besser nachvollziehen. Ja, er hatte schon etwas von dem Doktor Faustus, der, nachdem er alles studiert hatte, sich letztlich der Magie ergeben hatte. „Damit ich verstehe, was die Welt, im Innersten zusammenhält“. Schon im Studium beschäftigte ich mich parallel mit Goethes Naturwissenschaften. Hierzu konnte ich in einem Oberseminar, anhand eines Goethegedichtes, die Gesetzmäßigkeiten von Polarität und Steigerung aufzeigen. Diese Stunde fand in der Kölner Flora statt. Salber zeigte sich letztlich sehr zufrieden, wie ich Gedicht und Pflanze mit seinen Gedanken zusammenbringen konnte. Gottseidank. Ich kam nämlich ca. 20 Minuten zu spät am Tatort an, weil das Kopieren der Gedichte dann doch länger gedauert hatte. Das gleiche passierte mir auch bei meiner Diplomarbeit, die ich erst drei Tage nach seiner gesetzten Frist abgab. Vielleicht hat er es damals ödipal interpretiert. Zumindest hat er es mich mit längerer Ignoration spüren lassen. Damals fühlte ich mich nicht verstanden. Ich brauchte mit meiner Arbeit einfach ein wenig länger, weil ich es besonders gut machen wollte. Letztlich deshalb, weil er für mich so etwas war, wie Robin Willams als Lehrer im Club der toten Dichter: „Käpt’n mein Käpt’n!“

Später fand ich in Salbers morphologischen Konstrukionen auch die Parallelen in Goethes Farbenlehre. Stichwort Farbe. Salber zog im weiteren Verlauf seiner Entwicklung, immer mehr Erkenntnisse aus der Kunst. Auch hiervon konnte ich, konnten wir damals sehr profitieren. Sein damaliger Kronprinz Prof. Dr. Friedrich Heubach konnte leider seinen Lehrstuhl damals nicht übernehmen. Er nahm dann folgerichtig eine Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie an. Das ist allerdings wieder ein eigenes Kapitel.

Heute sehe ich Salber in gewisser Weise als einen Vincent van Gogh der Psychologie. So wie dieser Künstler, entwickelte er sein Werk auch in einer gewissen „Splendid Isolation“. Vielleicht kommt es bei ihm ja auch zu einer posthumen Wirkung und weitergefasster Anerkennung seines umfangreichen Pionierarbeit. Er und sein Werk hätten es verdient!

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Zum Weiterlesen auf die Überschriften klicken:

Rückblick auf Trauerfeier und Beerdigung (15. Dezember 2016)

Zusammen ist man weniger. Allein. Anders. Eigen-Art-(Cologne) des Wilhelm Salber. Gedanken zum Abschied des großen Seelen-Designers der Firma Morphologie.- (WehrWolter – ww 214 – Hans Wolter)

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Mut zum NEUEN. JA! 2017 – Mancher Mensch hat ein großes Feuer in der Seele, und niemand kommt, um sich daran zu wärmen. (Vincent van Gogh) – Ja zum stärkenden Mut für Vielfalt – Nein zur schwächenden Angst der Rechtspopulisten – (WehrWolter – ww 220 – Hans Wolter)

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„Vergesst das Lachen nicht“ Guido Westerwelle – Der frühe Tod ist immer eine Mahnung an uns: Leben wir so, dass wir morgen gehen könnten? Große Helden sterben früher: „Ich habe viel erlebt, viel gesehen und habe nichts versäumt“ sagt er in seinem Buch: „Zwischen zwei Leben“ – (WehrWolter – WW137 – Hans Wolter)

Rainer Maria Rilke starb vor 90 Jahren – Das Paradox: vom Defizit zur Kreativität – Vom Sohn der die Tochter ersetzen sollte, über den bindungsängstlichen jungen Mann zum frauenumschwärmten Dichter mit gewaltigem Tiefgang – (WehrWolter ww 218 – Hans Wolter)

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VerDichte Dein Leben. Weimar lädt Dich dazu ein – Rendezvous mit Goethe & Schiller – angereichert mit Ideen zu: Freud, Traumdeutung, Kunst, Poesie, Psychologie & Morphologie – (WehrWolter – ww 172 – Hans Wolter)

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Weh-Mut – Leonard Cohen – Versuch einer kunstanalogen Annäherung – Über Melancholie, Trauer & Depression in seinem Werk – Zwischen Brüchiger Heilung & Geheilten Brüchen erklingt ein leiden-schaftliches: Halleluja! – (WehrWolter – ww 208 – Hans Wolter)

„The Unforgettable“ – Jürgen G. (†) – Plädoyer für mehr DenkMal & Helden – Pflege (WehrWolter – WW35 – Hans Wolter)

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Kleine Werbung für das teuflischGute Paradox Denken in 2D: – Entweder Heilig oder Teuflisch? Denken in 3D: – Aufsteigen durch Fallen! Vom Himmel durch die Welt zur Hölle. (WehrWolter – ww 06 – Hans Wolter)

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Wir leben & manipulieren in Bildern. Ein Selfie mit Angela Merkel – Prof. W. Salber: Psycho Logik funktioniert in Bildern, nicht nach Zahlen-Logik. – (WehrWolter – ww 124 – Hans Wolter)

Weiteres zu Wilhelm Salber: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Wilhelm-Salber.jpghttps://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Wilhelm-Salber.jpg

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5 Kommentare

  1. Herzlichen Dank Werner Mikus für die einfühlsame Rückmeldung. Ich freue mich sehr darüber, da wir beide Wilhelm Salber über viele Jahre erlebt und damit auch gekannt haben. Das gibt mir ein Gefühl von Richtigliegen.

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  2. Die Stimmung auf der Beerdigung haben Sie auch sehr gut beschrieben, bzw. den Mangel. Mir selbst ist es erst zwei Stunden später wirklich aufgefallen. Egal welche Kausalitäten dafür ins Feld geführt werden könnten, es war die (magische) Wirkung „unseres (irgendwie gemeinsamen) Meisters“.

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  3. Super schön geschrieben – meint einer der frühen Mitarbeiter Salbers. Besser kann man es nicht machen (meine Bewunderung!). Ich haben ihren Beitrag auf meinen Seiten in facebook weiter verlinkt.

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    1. Herzlichen Dank für die positive Rückmeldung, Daniel Salber. Dies war mir so wichtig, dass ich es aus meinem Urlaub rasch geschrieben habe. Wir fliegen jetzt aus der Karibik zurück nach Köln, so dass ich zur Beerdigung kommen kann. Herzliche Grüße, Hans Wolter

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