Wir sind Berlin. Wir sind verwundbar. – Anschlag auf unser Lebensmodell – Das Geschäft mit der Angst – Terror / Achtsamkeit – Trauer & Vertrauen – (WehrWolter – ww 215 – Hans Wolter)

Erschütterung – Ohnmacht – Schützen vor Angriffen und Trittbrettfahrern – Plädoyer für Differenzierung – bitte keine einfachen Pauschalantworten – die Welt ist unberechenbarer geworden – Vermeidung ist oft ein zu einfaches Modell – Mit dem Risiko leben lernen – „Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie“ (Erich Kästner)

Erschüttert bin ich, sind wir. Brutal, unvermittelt und unaufhaltsam fuhr gestern ein tonnenschwerer Lastwagen in den Weihnachtsmarkt neben der Berliner Gedächtniskirche. Die Gedächtniskirche ist ein Mahnmal der Zerstörung. 12 Menschen sind bisher gestorben, 48 schwer verletzt. Besonders betroffen macht mich das Unverhoffte. Im Nachhinein können wir einiges sagen, was man in Zukunft besser machen könnte. Sicher können wir uns besser zu schützen versuchen. Sicher müssen wir es anstreben. Dennoch bleibt die Bedrohung. Die Angst davor kann auch zu groß werden.

 

Plädoyer für Differenzierung

Das Leid welches der Terror im letzten Jahr verursacht hat ist einfach zu groß, als das wir einfache Lösungen von politischen Trittbrettfahrern brauchen. Die Toten seien „Merkel-Tote“ hört man aus Kreisen der AfD. Bisher gab es auch noch keine Korrektur von der Führungsebene. Aber die amerikanischen Wahlen haben uns ja aktuell vorgeführt, das das Wort „postfaktisch“ wohl zurecht das Wort des Jahres geworden ist.

Der Terror ist mittlerweile leider ein weltweites Phänomen und Problem. Besonders bedrohlich erlebe ich das Phänomen der Selbstmordattentäter. Kontrolle lässt sich ja nicht so weit betreiben, als könnte man Menschen, die für ihre Tat bereit sind in den Tod zu gehen, dauerhaft an der Umsetzung ihrer Pläne hindern.

 

Das Geschäft mit der Angst

Natürlich müssen wir, muss der Staat natürlich alles tun, um uns zu schützen. Die Möglichkeiten unterscheiden zu können, wer kann uns gefährlich werden und wer weniger, können bestimmt noch weiter verbessert werden. Immer wenn Bedrohungen und Ängste bestehen, muss natürlich abgewogen werden, wo wir etwas verändern können, aber auch womit wir leben können und wollen. Absolute Kontrolle ist nicht nur unmöglich, es wäre auch die Aufgabe unseres freiheitlichen Lebensmodels.

Als Psychologe und Psychotherapeut bin ich mit vielfältigen Ängsten der Menschen vertraut. Ich nehme jeden Einzelnen in seiner Angst ernst. In meinem Job ist es aber genauso wichtig immer wieder aufs Neue zu differenzieren. Erst einmal geht es um das Verstehen der Angst. Dann geht es im weiteren Verlauf aber auch um die Einordnung. Kommen die Ängste aus der gegenwärtigen Situation oder mischen sich da alte, also frühe Ängste ein. Hatte ein Mensch z.B. mal einen schweren Autounfall, wird er in Zukunft auf jede Erschütterung zunächst einmal sehr viel stärker reagieren, als vor dem Unfall. An diesen Differenzierungen arbeite ich mit meinen Patienten.

 

Vermeidung ist oft ein zu einfaches Modell

Entscheidet sich derjenige, der diesen Autounfall dafür, Autofahren in Zukunft zu vermeiden, dann geht er in eine Schonhaltung. Diese Schonung hat die Nebenwirkung, dass er seinen Möglichkeitsradius an Mobilität deutlich einschränkt. Fataler ist noch, dass diese Schonung allerdings auch keinen wirklichen Schutz darstellt. Dieser Mensch traut sich ja dann das Autofahren nicht mehr zu. Dieses mangelnde Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten kann als nächstes dazu führen, dass er auch nicht mehr mit Bus, Bahn oder Aufzug fährt. Alles kann letztlich gefährlich werden und die alten Ängste triggern.

 

Mit dem Risiko leben lernen

Leben ist, wenn wir es genau nehmen, immer lebensgefährlich. Es kann immer etwas Schlimmes passieren. Auf der anderen Seite geht es auch erstaunlich oft gut. Wenn ich aufgrund er Tragödie in Berlin jetzt auf keinen Weihnachtsmarkt mehr gehe und damit versuche diese Gefährdung aus meinem Leben auszuschließen, geht das auch mit einer großen Einbuße meiner Lebensqualität einher. Dann könnte ich auch eigentlich nicht mehr in ein Kaufhaus, zum Fußball oder Karneval gehen. Pauschale Lösungen sind selten gute Lösungen. Wir sollten eher sehen, wo wir noch etwas an Schutz verbessern können und mit dem Restrisiko leben lernen.

 

Gemeinsam kommen wir weiter

Das lehrt uns schon die Natur. Nicht die kurzfristig Stärkeren kommen weiter. Weiter kommen diejenigen, die sich an ständige Veränderungen am besten anpassen können. Weiter kommen die, die sich in die Gemeinschaft des Lebens integrieren können. Nicht als dummes Schaf. Durchaus mit eigenem Kopf und zugleich einem Gespür für Gemeinschaft.

Angst ist einerseits unser wichtigster Überlebensaffekt. Andererseits kann Angst auch ein schlechter Ratgeber sein. Über Ängste sind wir manipulierbar. Terroristen, wie z.B. der sogenannte IS, wollen uns manipulieren. Aber auch Rechtspopulisten wie eine AfD wollen uns manipulieren. Beide machen ihr Geschäft mit der Angst. Wir sollten uns und die Vorfälle reflektieren und differenzieren. Nicht zu vorschnellen und zu allzu einfachen Antworten kommen.

Der Elefant in dem Bild kann für Vieles stehen: für unsere Stärke, für die Stärke des Austauschs zwischen Unterschiedlichen, für die Stärke der Mitte unserer Gesellschaft. Wer mit diesen Dingen natürlich zu konkretistisch umgeht, verpasst die Botschaft des Bildes. So wie die Bibel in Bilder spricht, spricht auch der Koran in Bildern. Natürlich ist Jesus nicht konkret übers Wasser gegangen. Natürlich hat Moses nicht konkret das Meer geteilt.

Wenn wir zu einfach denken, erliegen wir Vorurteilen. Wenn ich z.B. im Park eine (deutsche) Frau sehe, die ihr Kind misshandelt. Könnte ich spontan sagen, alle (deutschen) Mütter sind gewalttätig. In uns gibt es Impulse, die es sich zunächst so einfach machen. – Lassen wir uns etwas Zeit Innezuhalten und reflektieren die Szene und unsere Gefühle dazu, kommen wir wahrscheinlich mit der Zeit zu einem differenzierteren und realistischerem Urteil.

Menschen können immer gefährlich sein,

unabhängig von der Herkunft

Auch wenn bei vielen Vorfällen Menschen aus anderen Ländern zu den Tätern gehörten, ist der Ausschluss dieser Menschen keine Garantie für Frieden. Außerdem, wie sollten wir unterscheiden, wer gefährlich werden kann und wer nicht. Sicher können wir versuchen Kontrollmöglichkeiten weiter auszubauen. Aber der Absturz der Germanwingsmaschine, das schwere Zugunglück und zahlreiche Amokläufe wurden auch von Deutschen verübt. Menschen an sich können gefährlich sein. Wir sollten versuchen, uns ein Leben zu erhalten, indem die Spannungen durch Ungleichheit nicht immer größer werden.

Ich trauere mit den Angehörigen der Opfer in Berlin.

Wir sollten versuchen uns unser freiheitliches Lebensmodell nicht zerstören zu lassen.

 

Angst gehört zum Leben

Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie

(Erich Kästner)

 

Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird, zu leben.

(Marcus Aurelius)

 

Mut ist, wenn man Todesangst hat, aber sich trotzdem in den Sattel schwingt.

(John Wayne)

berlin-gedachtniskirche-titel

1 Kommentar

  1. Oliver

    Vielen Dank für diesen interessanten Artikel

    Gefällt 1 Person

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