Rainer Maria Rilke starb vor 90 Jahren – Das Paradox: vom Defizit zur Kreativität – Vom Sohn der die Tochter ersetzen sollte, über den bindungsängstlichen jungen Mann zum frauenumschwärmten Dichter mit gewaltigem Tiefgang – (WehrWolter ww 218 – Hans Wolter)

Verdichtet: Von frühem Mobbing über  Identifikation mit Christus und der Unfähigkeit, mit Aggressionen umzugehen – Nähe-Distanz-Regulierung übers Schreiben. Heute wäre RMR ein Freund von Social-Media-Kommunikation. – Die Untiefen seiner Seele –Ein Ikarus im Gefängnis der Mutter – Enorme Selbstheilungskräfte – Rilkes Sehnsucht nach und Angst vor den Frauen – In der Militärschule gemobbt – Verwandlung von Schwäche in kreative Stärke – Ideen zur Produktivität des Künstlers …

Und nun wollen wir glauben an ein langes Jahr,
das uns gegeben ist, neu, unberührt, voll nie gewesener Dinge,
voll nie getaner Arbeit, voll Aufgabe, Anspruch und Zumutung;
und wollen sehen, dass wirs nehmen lernen,
ohne allzuviel fallen zu lassen von dem, was es zu vergeben hat,
an die, die Notwendiges, Ernstes und Großes von ihm verlangen.
. . . Guten Neujahrsmorgen . . .
(Rainer Maria Rilke)

Rilke fasziniert mich. Also habe ich mich heute an seinem 90sten Todestag noch einmal auf Spurensuche begeben. Dabei sind mir viele spannende Dinge begegnet. Besonders aufschlussreich und ergiebig war für mich eine lange Abhandlung meines Kollegen Wolfgang Schmidbauer. Aus all dem was mich angesprochen hat wollte ich eine kleine Zusammenfassung machen. Allerdings konnte ich dem Vorsatz der Kürze nicht so ganz gerecht werden.

Nähe-Distanz-Regulierung übers Schreiben. Heute wäre RMR ein Freund von Social-Media-Kommunikation.

Rilke war ein faszinierender Mensch. Er führte ein radikales Leben als Dichter.  Er lebte einerseits in Vereinzelung, andererseits stellte er sich wie ein Priester in den Dienst des Allgemeinen, der Menschen. Wie so viele Menschen, die besondere Dinge erschaffen, schöpfte Rilke paradoxerweise seinen Reichtum aus einem Defizit. Er wuchs nahezu vaterlos und elternenttäuscht auf. Seine Mutter brauchte ihn mehr, als dass sie ihm Halt geben konnte.

RMR musste sich seine Gläubigen selbst erschaffen. Er warb um sie, arbeitete an Werken, die alle schön finden sollten. Sein eigenes Ich konnte an keinem Erfolg dauerhaften Halt finden. Seine Ängste in seiner Seele ließen sich nicht längerfristig beruhigen, seine Abgründe nicht schließen.

Die Untiefen seiner Seele

Persönlichkeiten wie Rilke nähert sich auch der Psychologe nur sehr vorsichtig. Früher brachten ihn die Kollegen häufiger mit Diagnosen wie Hysterie, Depression oder narzisstischer Störung zusammen. Zur damaligen Zeit war die Diagnose Hysterie noch häufig vertreten. Sigmund Freud stieg bei diesem Störungsbild in den Entwurf seiner Psychoanalyse ein. Heute sagt man Konversionsstörung, da der Begriff des Hysterischen zu negativ konnotiert ist.

rilke-mutter1

Seine Mutter Phia Rilke und er litten an:  Stimmungsschwankungen, erhöhter Reizbarkeit, abruptem Wechsel von Kontaktsuche und Kontaktabbruch, vor allem aber körperliche Leidenszustände ohne organisch fassbare Ursache. Gerade letzteres würde auch heutzutage auf eine Konversionsstörung hinweisen; also eine seelische Dynamik, die sich körpersprachlich ausdrückt.

Neuere Rilke-Biographien verbuchen die Symptome in der Diagnose Depression. Wobei Kollegen heutzutage auch hier ein Fragezeichen setzen, da nicht bekannt ist, dass Rilke länger an einer klinisch bedeutsamen Depression gelitten hätte. Damit wären einhergegangen:  Verlust der Fähigkeit zu Freude oder Trauer, der affektiven Resonanz, durch eine Denkhemmung, Hoffnungslosigkeit und Suizidgedanken.

Als junger Mann spricht Rilke zwar von Suizidgedanken in Liebesaffären. Das waren allerdings keine ernsthaften Selbstmordpläne. Eher verbale Inszenierungen, die bestimmte Wirkungen auf die Frauen erzielen sollten. Man sagte, dass Rilke am Leben hing und lieber eine Reise als seinen Tod planen würde. Selbst in Lebensphasen, in denen Rilke depressiv erschien, erledigte er meist seine Korrespondenz und kümmerte er sich um seine Frauen und Freunde. Tief depressive Menschen können ihr Leiden ihrem Umfeld verbal eigentlich nicht veranschaulichen. Er konnte es.

rilke4

Ein Ikarus

Da hatten seine manischen Stimmungen schon eher eine klinische Bedeutsamkeit. Vielleicht reichen diese auch nicht für eine sichere Diagnose aus, aber diese Störung wird verantwortlich für viele seiner körperlichen Zusammenbrüche sein.

Rilke hatte etwas von einem Ikarus. Er  überschätzte sich selbst. Immer wieder schätzte er seine seelische und körperliche Belastbarkeit ebenso wie die seiner Freundinnen und Freunde falsch ein. Auch überschätzte er seine finanziellen Möglichkeiten immer wieder deutlich. Stürzte er deshalb ab, ging das für ihn mit einem heftigen Leiden einher. Auch wenn er kurzfristig Besserung probierte, beanspruchte er wenig später immer wieder die Freiheiten eines Künstlerlebens für sich. Trotzig.

In meiner fachlichen Einschätzung würde ich mich am ehesten meinem Kollegen Werner Schmidtbauer anschließen, der da sagt:

„Wenn ich mit aller gebotenen Vorsicht Rilkes nervöse Symptome auf einen diagnostischen Nenner bringen darf: Ängste, depressive und hypomanische Episoden im Zusammenhang mit Phantasieen, mit einem idealisierten Liebesobjekt zu verschmelzen oder es zu verlieren, auf der Grundlage von Störungen des Selbstgefühls und der Aggressionsverarbeitung, verbunden mit ausgeprägten Fähigkeiten, sich durch Einsamkeit, Naturbegegnung und poetische Produktivität selbst zu heilen.“

Enorme Selbstheilungskräfte

Rilke muss über beträchtliche Potenziale der Selbstheilung verfügt haben. Sonst hätte er nicht die Quellen menschlicher Angst und Depression so beeindruckend versprachlichen können.

Wer das Leben nicht kennt und die professionellen Möglichkeiten von Psychologie und Psychiatrie naiv überschätzt, wird die heftigen Schwankungen zwischen brillanter  Gefühlsversprachlichung auf der einen Seite und den Abstürzen und verzweifelten Tagen auf der anderen Seite verkürzt pathologisch deuten.

Rilkes Sehnsucht nach und Angst vor den Frauen

Rainer Maria Rilke lebte in zwei Welten. Es gab den Alltag und seine geschriebene Welt. Im Alltag hielt er es bei den Frauen nicht lange aus. Er musste sich von ihnen trennen,  sobald er sich durch eine Beziehung eingeengt fühlte. Es wurde ihm seelisch und körperlich zu eng. Enge weist emotional auf Angst hin. Das lateinische Wort angustia stellt die Wurzel des deutschen Wortes Angst dar. Enge kann Angst machen und Angst erzeugt das Gefühl von Enge. Mit dieser Logik habe ich täglich in meinem beruflichen Alltag zu tun.

Mit Hilfe seiner Schreibkunst kann Rilke seine Näheängste kontrollieren und regulieren. In seinen Briefen und Texten kann er Beziehungen so gestalten, wie er es für sein Sicherheitsgefühl braucht. Heutzutage beobachte ich das auch bei Menschen, die ihre Realkontakte auch über längere Passagen in der Social-Media-Kommunikation in Nähe und Distanz regulieren.

Der Schreibende ist gleichzeitig alleine und bei dem Empfänger. Er ist, wie es die paradoxe Bitte von Rilkes Geliebter aus dem Jahr 1915 andeutet, gleichzeitig da und nicht da.

Beschreibungen über Rilkes Kindheit und Jugend zeigen, dass die Lebensgeschichte des Dichters nicht unbelastet verlaufen ist. Der kleine René wurde nach einer früh verstorbenen Schwester in eine unglückliche Ehe hineingeboren. Er hieß übrigens eigentlich René und benannte sich erst auf Anraten seiner mütterlichen Freundin, der Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé, in Rainer um, da diese meinte, dass er einen eindeutig männlichen Vornamen bräuchte. Durch Lou Andreas-Salomé kam Rilke ja auch in den Austausch mit Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud.

Aber zunächst noch einmal zu den Anfängen. Rilkes Vater hatte seine Träume von einer Laufbahn als Offizier aufgeben müssen und war als Inspektor bei einer Privatbahn Beamter im gehobenen Dienst. Die Mutter, Sophia Rilke, entstammte einer Familie der oberen Mittelschicht und war bald von ihrem Mann chronisch enttäuscht. Es kam zu keiner weiteren Schwangerschaft, die Eltern trennten sich, als Rilke neun Jahre alt war. Rilke blieb bei seiner Mutter; er kam ein Jahr später in ein Internat.

Seine Mutter verzärtelte ihn und band ihn in eine übertriebene Frömmigkeit mit ein. Im Vorschulalter kleidete sie ihn wie ein Mädchen. Vermutlich suchte sie in ihm den Ersatz für die verlorene Tochter. Das lässt auf ein hohes Maß an Energie schließen, den Sohn nach ihren eigenen Vorstellungen zu formen. Hier sehen wir schon die Entstehung der Näheangst. Es ist die berechtigte Angst um die eigene Autonomie.

Der Vater scheint damit zwar nicht einverstanden gewesen zu sein, aber er kam offensichtlich gegen die stark engagierte Mutter nicht an. Hinzu kommt, dass der kleine René ohne Kampf zum ödipalen Sieger wurde. Die Mutter zog ihn dem Vater vor. Damit parentifizierte sie ihn. Damit lastete eine wahrhaft drückende Last auf seinen kindlichen Schultern, die der Dichter wohl bis an sein Lebensende tragen musste.

Rilke gelang es über die Identifizierung mit einem als genügend gut erlebten Vater, ein einigermaßen stabiles männliches Selbstgefühl auszubilden. Eine weitere schwere Last, die Rilke von seiner Mutter aufgebürdet wurde, war ihre frühe Idealisierung. Der Sohn wurde Retter der Mutter in ihren depressiven Phasen. Gleichzeitig wurde er immer wieder fallen gelassen, wenn er nicht in der Lage war, die Mutter zu trösten und ihr über ihre Kränkungen hinweg zu helfen. Das hatte zur Folge, dass Rilke nie einen angemessenen Umgang mit aggressiven Impulsen erwerben konnte. Er reagierte an den Stellen wo ein Wehren gefordert gewesen wäre, mit heftigen Ängsten, stoischer Verleugnung, Erkrankungen und anderen Formen des Rückzugs.

rilke-4

Rilke wurde gemobbt. – Die Turnstunde (RMR, 1899)

Rilkes Mangel an Aggressionskompetenz beschrieb er selbst in seinem Text „Die Turnstunde“. Es ging um traumatische Erlebnisse in der Militärschule. Rilke ließ sich von seinen Mitschülern schlagen, ohne sich zu wehren. Das führte bei denen nicht zu Reue, sondern vielmehr zu weiterer Spottlust. Heute würden wir von Mobbing sprechen.

Da die Eltern sich häufig uneinig waren, befand sich Rilke häufig in Spaltungssituationen. Der Junge bat seine Mutter, seine schlechten Leistungen in Turnen und Sport gegenüber seinem Vater zu verheimlichen. Der Vater kritisierte seine Frau und drängte sie, den Jungen vom „Dichten“ abzubringen, während die Mutter ihn in dieser Neigung zugleich unterstützte.

Der Konflikt spitzte sich in der Militäroberrealschule zu. Das fand seinen Ausdruck in einem Wechsel zwischen Sanatoriumsaufenthalten, Rückkehr in die Schule und erneuter Erkrankung.

Der dauerhafte Streit der Eltern brachte Rilke in ein dauerhaftes Hin und Her. Nach vielen Krankheiten und Kränkungen verließ er die Schule, die für ihn ein Gräuel gewesen sein muss.

Identifikation mit Christus

Rilkes Unfähigkeit, mit Aggressionen umzugehen, wurde in der Militärschule noch verstärkt. Berichten über sein Verhalten in der Militärschule ist zu entnehmen, dass er sich, wenn er sich schlagen ließ und sich nicht wehrte, mit Christus identifizierte. Dieses Selbstbild passt zu Rilkes Bestrebungen, die Mutter von ihrem Schmerz über den Verlust der Tochter und ihre unglückliche Ehe zu erlösen. Die Verbindung mit der Mutter war so eng, dass nichts Trennendes in Form von Wut und Ärger gegen die von ihr inszenierten Beschneidungen seiner Männlichkeit aufkommen durfte.

Von Freud wissen wir, dass abgewehrte Aggressivität nicht aus der Persönlichkeit verschwindet, sondern sich gegen diese wendet, wenn ihr der Weg in die Außenwelt versperrt wird. Das hat nach einiger Zeit auch körperliche Folgen. Je mehr die inneren psychischen Spannungen wachsen, desto stärker prägt sich die Gefahr aus, dass sie den Organismus überlasten und dessen Immunabwehr schwächen. Infekte, die ein unbelasteter Jugendlicher in wenigen Tagen überwindet, brauchen Wochen und Monate, um auszuheilen. Aus einer solchen Dynamik wird die Verbindung von seelischer Qual und den häufigen körperlichen Erkrankungen Rilkes in der Militärschulzeit verständlich.

Ein kleines Kind wird von seinen Affekten vollständig erschüttert. Angst und Wut wühlen können es so sehr aufwühlen, dass eine angemessene Affektkontrolle nur dann erworben werden kann, wenn es in solchen Extremsituationen eine erwachsene Bezugsperson vorfindet, die sich in ihre Überlastung einfühlt und diese mit trägt.

rilke

Verwandlung der Schwäche in kreative Stärke

Mit diesem biographischen Hintergrund hat Rilke seine Affektsteuerung nicht angemessen entwickeln können. Die impulsiven Ausbrüche des jungen Mannes haben seine Freundinnen heftig erschüttert. Später hat Rilke gelernt, sich rechtzeitig zurückzuziehen und in seiner literarischen Produktivität eine Möglichkeit zu finden, diese Schwäche in Stärke zu verwandeln.

Auf einmal bekam er Bewunderung, als er als Dichter herzzerreißende Leidenschaften symbolisch zu bewältigen wusste.

Es ist durchaus möglich, dass beide Eltern ihren Sohn geliebt haben. Vermutlich haben sie ihm durchaus ein Grundgefühl der Geborgenheit und des Vertrauens in seine Fähigkeiten vermittelt. Allerdings durch die Spannung zwischen ihnen und durch die Belastung der Mutter durch den Tod des vorausgehenden Kindes wurde René in seinen archaischen Affekten nicht genügend gut wahrgenommen und unterstützt. Das kann dazu führen, dass ein Prozess der Desomatisierung blockiert wird, welcher sonst dazu führt, dass sich seelische Erregungen und körperliche Vorgänge in der Entwicklung voneinander trennen.

Mut aufbauen angesichts der Vergänglichkeit

Freud und Rilke

Sigmund Freund schrieb im ersten Weltkrieg als prominenter jüdischer Autor aus Wien einen Beitrag im vaterländischen Gedenkbuch „Das Land Goethes 1914-1916“, welches 1916 in Berlin erschien. Freud titelte seinen Aufsatz in der Zeit der abflauenden Kriegsbegeisterung, angesichts der inzwischen verbreiteten Ängste und Depressionen vielversprechend:

„Mut aufbauen angesichts der Vergänglichkeit“

Das war Freuds These und Forderung. Der „junge Dichter“ den er einleitend erwähnte war Rainer Maria Rilke.

„Vor einiger Zeit machte ich in Gesellschaft eines schweigsamen Freundes und eines jungen, bereits rühmlich bekannten Dichters einen Spaziergang durch eine blühende Sommerlandschaft. Der Dichter bewunderte die Schönheit der Natur um uns, aber ohne sich ihrer zu erfreuen. Ihn störte der Gedanke, dass all diese Schönheit dem Vergehen geweiht war, dass sie im Winter dahingeschwunden sein werde, aber ebenso jede menschliche Schönheit und alles Schöne und Edle, was Menschen geschaffen haben und schaffen könnten. Alles, was er sonst geliebt und bewundert hätte, schien ihm entwertet durch das Schicksal der Vergänglichkeit, zu dem es bestimmt war.“

jung-freud1

Der Spaziergang mit Rilke und dem „schweigsamen Freund“ (vermutlich C.G.Jung, dessen Beziehung zu Freud damals in die Brüche ging) fand 1913 anlässlich einer Tagung der Psychoanalytiker in München statt, an der Lou Andreas-Salomé und Rilke teilnahmen. Damals stellte Lou Andreas-Salomé den jungen Dichter Freud vor. Freud war von Rilke sehr angetan und warb um ihn. Vielleicht dachte er, er könne den hoch begabten jungen Mann ähnlich für die Sache der Psychoanalyse gewinnen, wie andere Nichtärzte auch, etwa Otto Rank, Hanns Sachs, Theodor Reik und Lou Andreas Salomé selbst. Gerade Lou war eine große Werberin für die Psychoanalyse; sie brachte auch Viktor Emil von Gebsattel von einer literarischen Laufbahn ab und überzeugte ihn, Medizin zu studieren und als Psychoanalytiker zu praktizieren. Rilke hielt Abstand.

Freuds Gespräch mit Rilke fand im Sommer vor Ausbruch des Krieges statt. Die beiden Männer trafen sich während des Krieges noch einmal in Wien. Es gab eine Einladung zum Essen, weitere Treffen schlug Rilke allerdings aus. Freud schrieb über die Begegnung im Juli 1916 an Lou, Rilke habe„in Wien deutlich genug zu erkennen gegeben, dass ‚kein ewiger Bund mit ihm zu flechten‘ ist. So herzlicher bei einem ersten Besuch war, es ist nicht gelungen, ihn zu einem zweiten zu bewegen.“

RMR kündigte es Freud schon brieflich vor ihrer Zusammenkunft an: „Öfters war ich daran, mir durch eine Aussprache mit Ihnen aus der Verschüttung zu helfen. Aber schließlich überwog der Entschluss, die Sache allein durchzumachen.“

Von Freud lesen wir zehn Jahre später:  „Er hat mich telefonisch angerufen, eine Einladung zum Mittagessen angenommen und uns alle durch seine Konversation und seine Erzählungen entzückt. Seither habe ich ihn aber nicht wiedergesehen. Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass er sich besonders für die Psychoanalyse interessiert oder ihr sympathisch gegenübersteht.“

rilke-lou-1

Lou Andreas-Salomé stand Rilke nicht nach,

in dem Thema der Näheangst

Warst mir die mütterlichste der Frauen,
ein Freund warst Du, wie Männer sind,
ein Weib, so warst Du anzuschauen,
und öfter noch warst Du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet
das Härteste warst Du, damit ich rang.
Du warst das Hohe, das mich gesegnet –
und wurdest der Abgrund, der mich verschlang
(RMR)


Rilke konnte Widersprüche auf den Begriff zu bringen und eine komplexe Beziehung zusammen zu fassen.  Er sah die kindlichen Geltungsbedürfnisse, die so viel im Leben von Lou Andreas-Salomé bestimmt haben  genau so, wie ihren radikalen Mut, Beziehungen zu riskieren und lieber zu opfern, als ihre Freiheit aufzugeben. Lou hat sich Rilke gegenüber gerne zur mütterlichen Freundin stilisiert. Aber „öfter noch warst du ein Kind“ – Rilke wusste sehr viel über ihre kindliche Geltungs- und Sicherheitsbedürfnisse, die dazu führten, dass sie nicht nur keine therapeutische Wirkung auf ihn ausüben konnte, sondern ihm von einer Therapie abriet. Sie selbst konnte ihn nicht behandeln – aber ein anderer Analytiker durfte ihn nicht behandeln.

Seelenverwandt in der Näheangst

Für beide gab es keine Liebesbeziehungen, die durch Integration der Erotik und der Aggression charakterisiert wären und ohne komplizierte Regelungen von Nähe und Distanz auskommen würden. Lou hat, angefangen von ihrem Religionslehrer, der -zwanzig Jahre älter als sie – Frau und Kinder für die 16jährige verlassen wollte, Männern den Kopf verdreht und ihnen dann die Erfüllung verweigert. Paul Rée, Friedrich Nietzsche, Friederich Pineles machten ihr Heiratsanträge, die sie alle ausschlug. Am 28. Oktober 1901 verunglückte Rée bei einer Bergwanderung, vermutlich ein Suizid.

In gelebte erotische Beziehungen fand Lou erst, als sie Friedrich Carl Andreas nach stürmischem Werben und einer suizidalen Geste (er verletzte sich mit einem Dolch die Brust) heiratete. Sie hatte aber den Verzicht auf sexuelle Erfüllung zur Bedingung ihrer Ehe erklärt. Erst seit sie an Andreas gebunden war, fühlte sie sich frei, mit anderen Männern erotische Kontakte aufzunehmen. Lou Andreas-Salome war nicht, wie gerne behauptet wurde, durchsetzungsstark und autonom gewesen. Im Gegenteil: sie fürchtete Abhängigkeit so sehr, dass sie zeitlebens ihre eigene Erotik ebenso wie die ihrer männlichen und weiblichen Geliebten manipulierte und auch nie die Geburt eines Kindes riskierte. Es gab immer den Ehemann, der einer allzu engen Bindung ebenso im Weg stand, wie ihr der Mangel an Bindung an ihn ihre Freiheiten ermöglichte.

Dagegen war Rilke ein Waisenknabe. Das Manöver der Ehe mit Andreas und der freien Liebe daneben nimmt die frühere „Doppelbeziehung“ vorweg, welche Lou mit Rée und Nietzsche gesucht hat, und in der sie sich ebenfalls auf keinen der beiden Männer festlegen wollte, deren Freundschaft in dieser Dreiecksbeziehung letztlich zerbrach.

Lou machte aus René einen Rainer

Lou Andreas Solomé war damals knapp elf Jahre verheiratet, als sie im Frühjahr 1897 Rainer Maria Rilke in München begegnete. Der vierzehn Jahre jüngere Student warb leidenschaftlich um sie; die beiden wurden ein Liebespaar und waren zunächst fast unzertrennlich. Rilke muss ihr viele Szenen gemacht haben und versuchte sie auf vielfältige Weise zu beeindrucken. Die Geliebte formte seinen Namen; aus dem der Mutter vertrauten René wurde Rainer. Sie wollte ihn männlicher. Er folgte ihr.

rilke-lou

Rilke zog im Herbst mit dem Ehepaar Andreas nach Berlin und mietete in der Nähe ihrer engenWohnung ein Zimmer. Er verbrachte die meiste Zeit mit Lou in der Küche und nahm bei ihr Russischunterricht, während Friedrich Carl Andreas im Wohnzimmer arbeitete. Angeblich aus Sorge über die zunehmende Abhängigkeit des Dichters von ihr, wohl aber auch aus Sorge um ihre eigene Fähigkeit, ihren Abstand von ihm einzuhalten und ihre aufkommende Eifersucht zu kontrollieren, drängte Lou Andreas-Salomé Rilke, im Frühjahr 1898 allein nach Italien zu fahren. Sie ließ ihn aber nicht ganz los und begleitete ihn auf zwei Russlandreisen. Im Februar 1901 trennte sie sich von ihm.

Sie schrieb am 26. Februar 1901 in ihrem „Letzten Zuruf“: Das was Du und ich den „Andern“ in Dir nannten, – diesen bald deprimirten, bald excitirten, einst Allzufurchtsamen, dann Allzuhingerissenen, – das war ein ihm [Friedrich Pineles] wohlbekannter und unheimlicher Gesell, der das Seelisch krankhafte fortführen kann zur Rückenmarkserkrankung oder in’s Geisteskranke. Dies braucht jedoch nicht zu sein! … Begreifst Du meine Angst und meine Heftigkeit, wenn Du wieder abglittest und ich das alte Krankheitsbild wiedersah? wieder den zugleich lahmen Willen neben jähen, nervösen Willenseruptionen, die Deinen organischen Zusammenhang durchrissen, haltlos Suggestionen gehorchten …!“ (Andreas-Salomé an Rilke, 26.2.1901; LAS, S. 54f)

Wie eine schwarze Pädagogin kündigte sie RMR die bösen Folgen der Selbstbefriedigung – Rückenmarkserkrankung und Geisteskrankheit – an, wenn er nicht den von ihr erwählten Arzt aufsucht. Aber diese Äußerungen Lous liegen vor ihrer Laufbahn als praktizierende Psychotherapeutin.

Friedrich Carl Andreas hatte 1903 eine Professur in Göttingen erhalten. Durch die mit ihr befreundete Reformpädagogin und Schriftstellerin („Das Jahrhundert des Kindes“) Ellen Key, lernte Lou Andreas-Salomé im Sommer 1911 in Schweden den Nervenarzt Poul Bjerre (1876 – 1964) kennen, der einer ihrer Geliebten wurde. Er nahm sie im September mit zum Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Weimar.

weimar-freud

Von Freud ermutigt, hat Lou Andreas-Salomé 1915 in ihrem Wohnhaus in Göttingen die erste psychoanalytische Praxis in dieser Stadt eröffnet, fast ohne klinische Ausbildung.Im Zusammenhang mit Rilke interessiert Lous Bestreben, nach der Trennung ihre Bedeutung für ihn zurück zu gewinnen, indem sie versucht, ihn mit Freud in Kontakt zu bringen und ihn auch an ihrer Entwicklung zur Psychoanalytikerin teilhaben zu lassen.

Lou sucht immer auch nach Rechtfertigungen für sich selbst, für ihre unantastbare Rolle als Muse großer Männer. Lou, von Gebsattel und – sehr viel vorsichtiger – Freud selbst versuchten, Rilke für die Sache der Psychoanalyse zu gewinnen. Dazu gehörte auch, sich selbst analysieren zu lassen, was damals freilich ein -gemessen an heute – sehr kursorisches und abenteuerliches Unternehmen sein konnte. Die Aufbruchsstimmung, welche die psychoanalytische Bewegung beherrschte, führte dazu, dass alle Psychoanalytiker einander ihre Träume deuteten und ihre „Symptomhandlungen“ analysierten. Die in solchen Unternehmungen versteckten Machtausübungen lösten letztlich das Zerwürfnis zwischen Freud und C.G.Jung aus.

Rilke war ein scharfsinniger Beobachter. Er hatte es schwer mit sich, litt an Ängsten und Verstimmungen,erlebte aber ebenso manische Selbstüberschätzung, Reiselust und rasche, neue Verliebtheit. Er suchte schwärmerisch nach Personen, die ihm Halt geben würden und hatte weit überdurchschnittliche Fähigkeiten, solche Menschen zu finden und sie an sich zu binden.

Lou Andreas-Salome wird in einigen Texten als heimliche Analytikerin Rilkes beschrieben.   Lou wäre einer solchen Aufgabe nicht gewachsen gewesen, sie war selbst sehr abhängig von Rilke, wollte daraus aber eher ein Geheimnis machen und wollte sich das viel weniger eingestehen als dieser. An der Fähigkeit, eigene Gefühle auszudrücken, steht sie Rilke deutlich nach; ihre Briefe wirken, wo sie von sich spricht und nicht zu ihm, eher hölzern und konventionell. Lou hatte sich selbst keiner Lehranalyse unterzogen, konnte aber dank ihrer Prominenz und der persönlichen Fürsprache Freuds in Göttingen als Therapeutin arbeiten.

Lous Geschichte zeigt, wie sie in ihrem Ungenügen an der konventionellen Frauenrolle Halt an bewunderten Männern suchte, mit denen sie gleichzeitig rivalisierte.

rilke-lou-nietzsche

Das Foto, das Nietzsche und Rée vor einen Wagen gespannt zeigt, von dem aus Lou ein Peitschchen schwingt, drückt durchaus diese Stimmung aus: Muse zu sein, an einem überlegenen Geiste teilzuhaben und gleichzeitig aufkommende Gefühle von Unterlegenheit und Abhängigkeit durch eine erotisch fundierte Dominanz zu kompensieren.

Rilke hatte zu lange die Übermacht einer ebenso ehrgeizigen wie einfühlungslosen Mutter erduldet, um diese Merkmale an seiner früheren Geliebten nicht kritisch zu sehen. Dass das aus seinen Briefen nicht deutlich wird, verwundert uns nicht mehr, wenn wir die enormen Anstrengungen des Dichters würdigen, in seinen Briefen an die Mutter jedes kritische Wort zu vermeiden.Er versucht, Lou zu idealisieren, auch wenn er ungehorsam bleibt. Das Hin und Her in Rilkes Briefwechsel mit Lou und von Gebsattel zeigt, dass er immer wieder heftig an (somatisierten) Ängsten und Stimmungsschwankungen litt.

rilke-mutter

Rilke suchte eine versorgende Beziehung und bot eine narzisstische.

RMR  reinszenierte und kontrollierte die traumatische Begegnung des Kindes mit einer Mutter, die sich nicht der Realität dieses Kindes zuwenden kann, sondern in ihm eine Puppe sieht, die sie nach ihren Vorstellungen kostümiert.

Er selbst stabilisierte seine Mutter durch Einfühlung. Damit konnte er es ihr ermöglichen, besser zu funktionieren, mütterlicher zu sein, als sie es ohne diese narzisstische Bestätigung jemals hätte sein können.

Später tritt der Text an die Stelle der Puppe: Rilke befreit sich von seiner Mutter, nicht durch eine klare Trennung und kritische Worte, sondern durch Ausdünnung des realen Kontakts und virtuose Handhabung einer Brief-Beziehung.

rilke-3

Künstlerisches Schaffen

Ein spätere These der Psychoanalyse für die Produktivität des Künstlers ist, dass es sich um die Aufnahme einer Beziehung handelt, wie sie sonst nicht möglich ist, einer Beziehung, die für Einschränkungen und traumatische Ängste entschädigt, indem sie dem Objekt nicht mehr unterworfen ist, sondern dieses erschafft und sich so etwas unterwirft, das vom schöpferischen Ich gestaltet wird. Das künstlerische Objekt ermöglicht eine angstfreie Beziehung, einen Trost in gefährlicher Umwelt.

Viele Künstler beschreiben, dass sie ihre Arbeit heilt. Dabei geht es in erster Linie um die Heilung von inneren Spannungen, von Ängsten.

Sie alle waren einst vereint in der Gestalt des Schamanen, der doch auch der Dichter seines Stammes war und dessen Gesänge die Konflikte in seiner Gruppe ebenso darzustellen wussten wie ihre Verankerungen in der Geisterwelt. Rilke, der im adriatischen Sturm nach den Engeln ruft, zeigt die Zeitlosigkeit solcher Gestalten und zugleich die Last auf dem modernen Dichter, sich – anders als der schamanische Sänger – seine Leser-Gemeinde erst einmal zu erschaffen.

rilke-ww

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

(Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris)

Klick zu neuen Beiträgen (auf die Überschriften)

Der Schritt zur Seite – Ideen für 2017(+) – Weniger Besitz, mehr Beziehungen – Marc Hieronimus stellt in seinem neuen Buch die französischen Wachstumskritiker vor – (WehrWolter – ww 219 – Hans Wolter)

weg-spiel-schritt-zur-seite

Mut zum NEUEN. JA! 2017 – Mancher Mensch hat ein großes Feuer in der Seele, und niemand kommt, um sich daran zu wärmen. (Vincent van Gogh) – Ja zum stärkenden Mut für Vielfalt – Nein zur schwächenden Angst der Rechtspopulisten – (WehrWolter – ww 220 – Hans Wolter)

kreuz-ja-mut-vincent-ww

R.I.P. Wilhelm Salber – mit dem Kölner Psychologie Professor geht einer der originellsten Köpfe der Zunft – Morphologie: Wanderer zwischen Kunst & Wissenschaft – Ciao Käpt’n, mein Käpt’n – (WehrWolter – ww 213 – Hans Wolter)

salber-titel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s