Der Schritt zur Seite – Ideen für 2017(+) – Weniger Besitz, mehr Beziehungen – Marc Hieronimus stellt in seinem neuen Buch die französischen Wachstumskritiker vor – (WehrWolter – ww 219 – Hans Wolter)

MehrWert im Weniger. Schon wieder ein Paradox. Wir sprechen viel über das Weniger. Seit über drei Jahren stehe ich – mal mehr, mal weniger – im fruchtbar-freundschaftlichen Austausch mit Marc Hieronimus. Philosophierender Historiker der tagsüber Ausländern beim sprachlichen Schritt zum Inländer hilft. Abends widmet er sich gerne dem „Lichtwolf“. Die Aufgabe dieser seit 2002 erscheinenden philosophischen Zeitschrift sei es: „Die subversive Kraft des Denkens gegen die akademischen und literarischen Blabla-Betriebe zu rehabilitieren.

Ich bin froh, dass ich schon einige Gastartikel von ihm auf meinem Blog veröffentlichen konnte. Mittlerweile läuft die Zusammenarbeit bei mir unter dem Schlagwort: WehrWolter meets Lichtwolf“.

Hierbei sehe ich meine Stärke im polymorph-psychologisch//angeschrägten Blick auf die Dinge des Alltags. Er ist exakter. Ein sprachlich meisterlicher Kopf, der leidenschaftlich für die Beschränkung auf das Einfache und Ursprüngliche eintritt. Hierbei kommen wir lang nicht immer auf einen Nenner. Wäre auch schade. Aber wir kommen weiter. Mal in großen, mal in kleinen Schritten. Oft natürlich: zur Seite.

Marc Hieronimus arbeitet seit Jahren eng mit französischen Intellektuellen zusammen, hat viele Jahre in Frankreich gelebt und universitär gearbeitet. Erst vor kurzem nahm er noch an einem Symposium an der Pariser Sorbonne teil. Als Comicforscher ist er besonders in Fragen zum Deutschen Nationalsozialismus gefragt. Heute lebt er mit seiner Familie am Waldrand von Köln.

In seinem aktuellen Buch stellt er die französische Décroissance-Bewegung vor. Schriften die bisher leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden und daher bei uns noch weitgehend unbekannt sind. Der Begriff Décroissance ist seiner Ansicht nach mit „Negativ- oder Postwachstum“ bisher noch nicht glücklich übersetzt. Hieronimus schlägt hierfür den deutschen Begriff „Rückgang“ vor.

Rückgang:

eine eigene Philosophie und Lebenshaltung auf dem Weg zu einem Gesellschaftsmodell.

Im Rückgang stecken Wenigerwerden und Rückbesinnung auf verpasste Ausfahrten.

„Lassen wir uns nicht einreden, die Welt sei, wie sie ist, weil alles, was kam, so habe kommen müssen. Es gab und gibt immer Alternativen.“ (Marc Hieronimus im Vorwort)

Wir denken heute viel in einer Ideologie von Unausweichlichkeit. Wobei Fortschritt eigentlich ja nur Fortschreiten meint.

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„Der Schritt zur Seite“

ist ein spannend geschriebenes, intelligent fundiert und unterhaltsames Buch, das ich jedem empfehlen möchte. Vor allen Dingen natürlich denjenigen, die ein wenig quer zu den Autobahnen des Massenbetriebes vagabundieren möchten.

Das Buch ist die erste deutschsprachige Gesamtdarstellung der Décroissance-Bewegung und ihrer Ursprünge im Pariser Mai 1968 und in Zeitschriften wie Charlie Hebdo. Es stellt leidenschaftlich und fundiert die Motive, Denker und falschen Freunde der französischen Wachstumskritiker vor.

Gerne würde ich jetzt noch sehr viel mehr dazu aufführen. Aber ich beherzige einfach mal das alte Wort „Weniger ist mehr“, nehme mich zurück und übergebe das Wort nun dem Autor.

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« Moins de biens, plus de biens »

(Weniger Besitz, mehr Beziehungen)

(Marc Hieronimus)

„Alles anhalten. Nachdenken. Und das ist nicht trist.“ So lautete schon in den Siebziger Jahren das Motto der französischen Comic-Kolumne „L’An 01“ (Das Jahr 01) des genialen Charlie-Hebdo-Zeichners Gébé, als weltweit die letzten positiven Utopien geschrieben wurden. Längst vergessene Wachstumskritiker prangerten damals schon die Folgen des sogenannten „Fortschritts“ an.

Heute, vierzig Jahre später, haben sich Krempel und Rummel vervielfacht, und die Welt steht am Abgrund: Klimawandel, Verseuchung der Böden, der Meere, der Luft, und das größte Artensterben seit 65 Millionen Jahren. Die Kriege ums letzte Öl sind noch nicht beendet, die um Wasser, Rohstoffe und fruchtbares Land haben längst begonnen. Die meisten stecken den Kopf in den Sand. Andere sagen: „Weiter so und mehr davon, wir brauchen Wachstum!“ Eine dritte Gruppe schwört, Wissenschaft und Technik seien die Lösung, dabei sind sie Teil des Problems.

Décroissance, Degrowth, Postwachstum sind die Schlagworte der noch recht jungen Rückgangs-Bewegung, die Kritik und Utopie von damals wieder aufgreift. Es geht ihr nicht bloß um Verzicht. Weniger Arbeit, Besitz, Konsum bedeuten ein Mehr an Freundschaft, Freizeit und Genuss. Und das ist keine traurige Angelegenheit.

In meinem Buch beziehe ich mich v.a. auf den französischen Teil der Bewegung, der mir besonders lebensfroh, aktiv, theoretisch fundiert, aber auch radikal erscheint. In Frankreich gibt es z.B. eine hervorragende Zeitschrift mit Namen La Décroissance, die aus einem Kollektiv von Werbegegnern hervorgegangen ist; Werbung ist die Propaganda der bestehenden Verhältnisse. Außerdem kommen viele große Rückgangsdenker aus Frankreich. Leider ist hierzulande kaum einer von ihnen bekannt: Jean-Claude Michéas Bücher sind zum Teil auch in Deutschland erschienen, aber die „alten Weisen“ Jacques Ellul und Bernard Charbonneau, Paul Ariès, Bertrand Méheust und viele andere sind bis heute gänzlich unübersetzt und daher nur französischsprachigen Lesern zugänglich. Die wichtigsten deutschsprachigen Denker der Bewegung sind zweifellos Günther Anders und Ivan Illich, die heute auch nicht gerade in aller Munde sind.

Was aber denken und wollen nun diese Leute? Ihre Kritik ist radikal, das heißt, sie geht an die Wurzeln unseres ökologischen, sozialen und individuellen Elends und richtet sich gegen den Konsens buchstäblich aller etablierten Parteien und Medien.

  1. Alles muss weniger werden. Unbegrenztes Wachstum, auch das sogenannte „grüne“ oder „nachhaltige“, ist auf einem begrenzten Planeten nicht möglich. Jedem Grundschulkind leuchtet das ein.
  1. Technologie und ihre Errungenschaften sind nicht neutral. Autos, Plastik, Atomkraftwerke, auch die neuen Medien und all unsere Elektrospielzeuge haben Folgen, und zwar unter dem Strich durchweg negative. Die ökologischen liegen auf der Hand. Weit weniger bewusst sind uns die sozialen und psychischen Folgen. Nehmen wir das Auto: Wir erziehen unsere Kinder zur Vorsicht, schränken ihren Bewegungsdrang ein, akzeptieren das Gehverbot in unseren Städten und ihre Verschandelung, atmen Gift, wofür? Ab einem gewissen, vor Jahrzehnten schon erreichten Punkt macht das Auto den Menschen langsamer und abhängig er statt schneller und flexibler. Schön, dass man heute, wenn nicht wieder Stau ist, in einer halben Stunde zum Baumarkt oder in zwei von Köln nach Frankfurt kommt. Aber früher konnte man seine nötigsten Dinge in Laufweite kaufen, und kein Arbeitgeber konnte verlangen, dass ich 200 km für einen Kundenbesuch zurücklege! Es gibt Dutzende ähnlich verrückte Beispiele, wobei die Verrücktheit immer auf unserer Seite ist, nicht auf der der Gegner.
  1. Politischer und Medien-Konsens ist: Die Wirtschaft braucht Wachstum, wir müssen konsumieren, und zwar immer mehr. Der Kabarettist Volker Pispers spricht davon in seinen Programmen: in zwanzig Jahren müssen wir uns zweimal im Jahr ein neues Auto kaufen, die Jugend ist mit ihren Smartphones längst so weit. Aber wofür? Wir leben in einer Verirrung, einem kollektiven Wahnsinn. Allerdings gibt es Nutznießer, und das sind – neben den gottgleich verehrten IT-Milliardären Bezos, Zuckerberg usw. – die Großkonzerne, Banken und Aktionäre. Radikale Wachstumskritik ist antikapitalistisch. Ein weiterer Punkt, der in (fast) keiner Zeitung mehr erwähnt wird, obwohl doch alle über Trump und AfD und Syrien und Terror schreiben: Kapitalismus bedeutet Krieg und Faschismus, in der einen oder anderen Form.

Zwischen Weihnachten und Neujahr sind die meisten Menschen empfänglich für Veränderung. Die häufigsten Vorsätze fürs neue Jahr lauten: Mehr Freizeit, mehr Familie, weniger Stress, weniger Konsum. Außerdem müsste man irgendwas tun, vielleicht nicht gerade die Welt retten, aber… irgendetwas. Nun, jede Veränderung beginnt im Denken und Fühlen. Nie bei den anderen, immer bei mir selbst, niemals gestern oder morgen, immer nur heute. „Alles anhalten“ ist utopisch, vieles anhalten nicht. Und „utopisch“ ist ein Kompliment. Der deutsche Philosoph Ernst Bloch hat sein Lebenswerk der Überzeugung gewidmet, dass nur Utopien positiven Fortschritt ermöglichen. Was haben wir dagegen heute? Weiterwurschteln im Angesicht des Abgrunds, auf den wir zusteuern.

Tun wir den ersten Schritt zu einem neuen Denken, einem anderen Handeln. Nutzen wir die „Arbeitslosigkeit“ der Urlaubstage für einen anderen, vernünftigeren Blick auf den Irrsinn unserer Gesellschaft. Tun wir den Schritt zur Seite.

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Rainer Maria Rilke starb vor 90 Jahren – Das Paradox: vom Defizit zur Kreativität – Vom Sohn der die Tochter ersetzen sollte, über den bindungsängstlichen jungen Mann zum frauenumschwärmten Dichter mit gewaltigem Tiefgang – (WehrWolter ww 218 – Hans Wolter)

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Mut zum NEUEN. JA! 2017 – Mancher Mensch hat ein großes Feuer in der Seele, und niemand kommt, um sich daran zu wärmen. (Vincent van Gogh) – Ja zum stärkenden Mut für Vielfalt – Nein zur schwächenden Angst der Rechtspopulisten – (WehrWolter – ww 220 – Hans Wolter)

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1 Kommentar

  1. Anette Poetzschner

    Großartig lieber Hans Wolter…..
    Tolle Aufmachung und deine schwungvollen Texte…Schaue gerne wieder rein……

    Gefällt 1 Person

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