ANDERS Sehen. Begreifen. – Vernetzung zwischen Kunst Technik Literatur Psychologie – Kleines Plädoyer für die Intuition: Einfälle zum Welt-Braille-Tag – Zwischen Abstraktion und Einfühlung – Von Louis Braille zu Worringer über Wilhelm Salber zu Steve Jobs – (WehrWolter – ww 221 – Hans Wolter)

Unter der Lupe: Punkt, Punkt, Komma, Strich … Begreifbare Blindenschrift – Intuitive Bildschirmnutzung – Da wo Einfühlung in die Natur Angst macht, setzt der Mensch die Abstraktion der Kunst entgegen – Kunst-Können als eine Funktion des Wollens – Steve Jobs ließ Computer so programmieren, dass sie sich analog zu unseren Gewohnheiten, unserer Psyche setzten und nicht umgekehrt – Design als Funktion der Anwendung – Melodie entsteht nicht durch einzelne Töne an sich. Die Anordnung zueinander ist entscheidend –  Elemente leben nicht: Erst Ver-Bindung schafft Leben!

Gibt es mehr Blinde als Blinde? Wer öfter in meinem Blog liest, hat schon mitbekommen, dass ich gerne verbinde. Nicht willkürlich, aber teils quer & ungewohnt für unsere alltägliche Seherfahrung. Heute zum Welt-Braille-Tag möchte ich kurz eine Verbindung zwischen Louis Braille, dem Pionier der Blindenschrift über Steve Jobs, dem Pionier des Smartphones, über die Brücke des Psychologen Wilhelm Salber zu Wilhelm Worringer, dem deutschen Literaturwissenschaftler und Kunsthistoriker knüpfen.

Louis Braille hat sich um die Schrift für Blinde sehr verdient gemacht. Er hat 1825 eine Schrift entwickelt, die wir blind ertasten können. Begreifen im wörtlichen Sinne. Am heutigen 04. Januar 2017 feiert die Weltblindenunion diese Erfindung. Steve Jobs hat wie kein anderer die Intuition in die Computerwelt integriert. Weniger denkend, mehr intuitiv die Bildschirme bedienen. Der Literaturwissenschaftler und spätere Kunsthistoriker Wilhelm Worringer entwickelte seine Kunstgeschichte an dem spannenden Gegensatzpaar: Abstraktion vs. Einfühlung. Bei allen drei geht es um Fühlen. Auch wenn die hier von mir gezogene Verbindung etwas gewollt erscheint, es waren halt meine spontanen Einfälle, als ich heute Morgen einen kurzen Beitrag zum Welt-Braille-Tag im Radio hörte. (Sender: WDR5, Format: Neugier genügt.)

blindenschrift

Wahrnehmung und Psyche

Wir nehmen nicht neutral – im Sinne einer Maschinenlogik – wahr. Unsere Wahrnehmung funktioniert eher psycho-logisch. Darauf haben schon Viele aufmerksam gemacht. Wie z.B. auch die Gestaltpsychologie. Der Philosoph Christian von Ehrenfels machte schon 1890 in seiner Schrift darauf aufmerksam, dass die Wahrnehmung Qualitäten enthält, die sich nicht aus der Anordnung einfacher Sinnesqualitäten ergeben. So sei beispielsweise die Melodie eine Gestaltqualität. Hier können die Töne als Elemente einer Melodie durch gänzlich andere Töne ersetzt werden. Die Melodie kann dann immer noch erkannt werden. Wichtig ist, dass die Anordnungsbeziehung zwischen den Tönen erhalten bleibt.

Abstraktion und Einfühlung

Meinem verstorbenen Professor Wilhelm Salber (09.03.1928 – 02.12.2016) verdanke ich unter anderem auch meinen Zugang zur Kunst. Mein ehemaliger Kommilitone Thomas Baumgärtel, der sich als „Bananensprayer“ einen Namen ersprühte, sagt auch, dass er bei Salber mehr über Kunst gelernt hätte als in seinem Kunststudium.

Salber machte mich auf die Dissertation „Abstraktion und Einfühlung“ von Wilhelm Worringer (1881 – 1965) aufmerksam, der u.a. bei dem bekannten Schweizer Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin studiert hatte.

salber-titel

Worringer sah anders

Worringer war zwar zunächst einmal Literaturwissenschaftler. Vielleicht ist ja seine Verbindung mit der Künstlerin Marta Worringer mit dafür verantwortlich, dass er sich zum Kunsthistoriker entwickelte?

Wilhelm Worringer stellt in seiner damals Aufsehen erregenden Schrift von 1907 einen Zusammenhang zwischen der Entstehung von Kunst, der Religion und von kulturellen Prozessen überhaupt her. Er macht das, indem er psychische Gegebenheiten als grundlegend für die spezifischen Entwicklungsformen von Kulturprodukten ansieht. Worringer wendet sich dabei deutlich gegen die – in der Kunstgeschichte teilweise bis heute wirksame – traditionelle Bewertungspraxis von Kunst, die sich ihre Abhängigkeit von geschichtlich gewordenen Schablonen nicht klar mache, die sie mittlerweile für naturgegeben und selbstverständlich halte.

Worringer geht anders vor, indem er nicht von einem autarken, isoliert zu sehenden Gebiet der „Kunst“ ausgeht, das sich nach so etwas wie reinen „Kunstgesetzen“ entwickelt. Sein Ansatz ist es, die Kunst in Abhängigkeit von der psychischen Situation eines Volkes zu einer bestimmten historischen Zeit zu sehen. Hierbei kommt er zu einem Antagonismus der beiden entgegenlaufenden und sich ergänzenden Prozesse „Abstraktion“ und „Einfühlung“.

Natürliche Einfühlung kann Angst machen.

Künstliche Abstraktion als Umgang mit der Angst.

Mit Einfühlung meint Worringer die historisch spätere Form den „ästhetischen Genuss als objektivierten Selbstgenuss“.  Abstraktion sieht er als historisch frühere Herangehensweise: „ästhetischen Genuss als Abwehr von Angst“. Worringer vertritt dabei die These, dass Kunst, als Produktionsform auf der untersten Entwicklungsstufe der Menschheit, also in der Ur- und Frühgeschichte, keine lustvolle sich stetig verbessernde Naturnachahmung sei. Nein, er sieht Kunst als eine geometrisch abstrakte Zeichensprache gegen die Naturnachahmung.

Im Verständnis Worringers sei Naturnachahmung als Kunstform erst nach langer historischer Vertrautheit mit und allmählicher Einfühlung in die umgebende Natur möglich.

Die Kunst der Abstraktion stehe am Anfang. Dies sei nach regionalen oder rassebedingten Faktoren in der gesamten Kunstentwicklung bis heute wirksam. Dies sei eine Kunst, die mit geometrischen Mustern, lebensverneinender Anorganik und kristallinen Mustern arbeitet. Als klassisches Beispiel verweist Worringer hier auf die ägyptische Pyramide. Der Sinn einer solchen Kunst und der Grund ihrer Produktion und ihres „Genusses“ liege darin, dass sie dem „Urmenschen“ eine Möglichkeit biete, der bedrohenden, undurchschaubaren und gefahrvollen Natur-Umgebung eine Welt abstrakter, kontrollierbarer Gesetzmäßigkeit entgegenzusetzen, sich selbst in der Linearität einer Pyramide zu „entäußern“ und in dieser Entäußerung Ruhe und Glück zu finden.

Das Können in der Kunst ist eine Funktion des Wollens

Dies hat nach Worringer nichts damit zu tun, dass der Urmensch zu anderem nicht in der Lage gewesen sei. Das „Kunstwollen“ (Alois Riegel) war auf Abstraktion gerichtet und das „Können“ in der Kunst ist hier eine Funktion des Wollens. Der Wunsch, das Einzelding der Naturumgebung an das absolut Abstrakte anzunähern, habe nur kompromisshaft erreicht werden können. Die annähernde Erfüllung dieses Wunsches bestimme die Entwicklung der Kunstgeschichte bis zur Renaissance als dem Höhepunkt der „Einfühlung“. Hier könnte ich jetzt nahezu nahtlos auf den Entwurf der Psychologischen Morphologie von Wilhelm Salber weiterleiten. Das würde aber an dieser Stelle zu weit führen. Interessenten können ja später in meine kurze Skizze im Rahmen meines Nachrufes schauen.

Punkt, Punkt, Komma, Strich …

Blinder Übergang zum Welt-Braille-Tag

Die Brailleschrift ist natürlich eine außerordentlich hilfreiche Abstraktionsleistung. Diese Blindenschrift soll den Sinn des Sehens ersetzen. Genutzt wird diese Kommunikationsform von stark Sehbehinderten und Blinden. Benutzt. Entwickelt wurde sie 1825 vom Franzosen Louis Braille. Die Schrift arbeitet mit Punktmustern, die von hinten in das Papier gepresst sind, so dass sie als Erhöhung mit den Fingerspitzen abgegriffen werden können. So können geübte Braille-Leser etwa 100 Wörter pro Minute lesen. Zum Vergleich: sehende Leser schaffen etwa 250-300 Wörter pro Minute. Das inhaltliche Angebot in Brailleschrift umfasst ein weites Spektrum unterschiedlichster Werke. Es reicht von klassischer und moderner Literatur, über Fachbücher bis hinzu unterschiedlichster Pornografie. Es existieren auch Zeitschriften zu unterschiedlichsten Themenbereichen. So veröffentlichte z.B. der Playboy in den Jahren von 1970 bis 1985 sein Magazin auch in Brailleschrift.

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Punktschrift wird die Brailleschrift häufig auch genannt, da sie sechs Punkte verwendet. Dies ist zwar mit Abstand die verbreiteteste und bekannteste Punktschrift, daneben gibt es aber noch Schriften mit einer anderen Anzahl von Punkten. Zum Beispiel das sogenannte Computer-Braille, das ein 8-Punkte-System verwendet, um leichter Großbuchstaben und Sonderzeichen darstellen zu können, oder die 7-Punkt- und 8-Punkt-Blindenstenographie.

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Steve Jobs integriert die Intuition in die Computerwelt

Hätte Steve Jobs nicht den intuitiven Umgang mit dem Computerbildschirm entschieden vorangetrieben, wären unsere heutigen Telefone vielleicht nicht so smart. Jobs war nicht nur überzeugt davon, er hat sie auch im Hause Apple entschieden und leidenschaftlich durchgesetzt: die intuitive Bedienbarkeit von Computern. Früher musste man immer aufwendig in hölzern verfassten Bedienungsanleitungen nachblättern. Wir wissen alle wie widerstandsbehaftet das ist. Jobs entwickelte den Touchscreen.

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Steve Jobs ließ Computer so programmieren, dass sie sich analog zu unseren Gewohnheiten, unserer Psyche setzten und nicht umgekehrt – Design als Funktion der Anwendung.

Ich mach hier mal nen Punkt. Alles Weitere ist m.E. bekannt.

Fazit: Es kommt nicht auf Einzelheiten an sich an. Es kommt auf die Anordnung der Dinge zueinander und die sich daraus ergebende Melodie an.

 

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R.I.P. Wilhelm Salber – mit dem Kölner Psychologie Professor geht einer der originellsten Köpfe der Zunft – Morphologie: Wanderer zwischen Kunst & Wissenschaft – Ciao Käpt’n, mein Käpt’n – (WehrWolter – ww 213 – Hans Wolter)

 

Zusammen ist man weniger. Allein. Anders. Eigen-Art-(Cologne) des Wilhelm Salber. Gedanken zum Abschied des großen Seelen-Designers der Firma Morphologie.- (WehrWolter – ww 214 – Hans Wolter)

 

 

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