Aufstieg vom Totgewünschten zum Fußballgott: Cristiano Ronaldo, ein Ikarus auf idealer Flughöhe: Wenig Liebe, aber viel erarbeitete Wertschätzung – Licht & Schatten des Narzissmus – Vom Segen gelungener Selbstliebe – (WehrWolter – ww 224 – Hans Wolter)

Im Brennpunkt: Cristiano Ronaldo – Auch fehlende Liebe kann ein Motor sein – Die Sage vom schönen Narzissos, der sein wahres Selbst nicht kennt –Vom Drama des begabten Kindes und der Suche nach dem wahren Selbst – wie geht es eigentlich meinem inneren Kind? – Grandiosität und Depression haben ihre Wurzeln häufig in der Verleugnung von Traumata in der Kindheit. -Mangelnde Selbstliebe ermöglicht es auch nicht den Anderen zu lieben – Narzisstischer Missbrauch ist häufiger als sexueller – Respekt und Teilen wird hauptsächlich am Leben & Vorbild gelernt – Gesunder Narzissmus ist wichtig.

Zum vierten Mal bekommt Cristiano Ronaldo die Welt-Fußball-Krone. Der Portugiese setzte sich bei der Gala des Weltverbands gegen den Argentinier Lionel Messi und dem Franzosen Antoine Griezmann durch. Ronaldo hatte neben dem Sieg bei der EM, 2016 als Kapitän von Real Madrid auch die Champions League und die Club-WM gewonnen. Silvia Neid, die langjährige Trainerin der deutschen Nationalmannschaft, wurde als Welttrainerin ausgezeichnet.

Eine Frage der Ehre

Solche Auszeichnungen sind Zeichen der Wertschätzung. Die tun uns alle gut. Silvia Neid kenne ich zu wenig, als das ich sagen könnte, dass diese weltweite Anerkennung besonders gut ist. Da ich mich mit der Persönlichkeit Cristiano Ronaldo bereits intensiver auseinandergesetzt habe, sehe ich das bei ihm anders. Finanziell hat er eine solche Auszeichnung nicht nötig, obwohl es seinem Marktwert sicher auch gut tut. Finanziell wird ja auch ein Donald Trump es nicht nötig haben, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Da spielen tieferliegende Motive eine Rolle. Dabei geht es allerdings um Dinge, die wir uns letztlich nicht kaufen können. Einem frischverliebten Menschen kann es deutlich besser gehen. Wobei die Befriedigung die mit Macht einhergeht natürlich nicht zu unterschätzen ist. Darum strampeln sich ja die Winterkorns, Putins, Erdogans und Merkels dieser Welt ja bis ins hohe Alter weiter.

Märchen sind gegenwärtig

Von Ronaldo wissen wir, dass er zunächst einmal nicht geplant und auch nicht geliebt wurde. Als fünftes Kind war er zunächst lästig. In der von ihm autorisierten Filmbiographie sagt seine Mutter lachend, dass sie ihn damals eigentlich abreiben wollten. Auch Ronaldo selbst greift das noch mehrfach mit einem „Siehste Mama“ auf. Das hört sich an wie im Märchen von Hänsel und Gretel. Die Kinder werden im Wald ausgesetzt, weil die Familie nicht mehr genug zu essen hat. Cristiano Ronaldos Biographie wäre auch Stoff für ein Märchen. Vielleicht auch für so etwas wie den amerikanischen Traum. Der Weg vom ungewollten schmächtigen Jungen zum vierfachen Weltfußballer.

Bei Menschen die in unserer Kultur besonderes erreicht haben, finden wir häufig frühe Defiziterfahrungen. 

Spüren wir in der Kindheit, dass wir durch Leistung mehr und anders wahrgenommen werden, kann das entscheidende Weichen für unser Leben stellen. Anerkennung und Liebe sind oft der Motor dafür, dass wir Besonderes zu leisten versuchen. Dafür nehmen viele Sportler, Musiker, Wissenschaftler etc. nicht selten viele Anstrengungen und Verzicht in Kauf. Nicht selten schon in der frühen Kindheit. Eine Steffi Graf oder ein David Garrett wären uns wahrscheinlich nie aufgefallen, hätten sie nicht schon ganz früh in ihrem Leben viel trainiert. Unbeschwertes Kindsein blieb dabei teilweise auf der Strecke. Aber der wahre Luxus scheint ja zu sein: Geliebt zu werden, einfach dafür, dass man da ist. Gelassen und gefördert zu werden, weil unsere Eltern sich selbst und damit auch ihre Kinder lieben. Und das tröstet auch den kleinen Mann und die kleine Frau.

Wenden wir uns dem Phänomen am Beispiel Ronaldo noch einmal etwas genauer zu. Hierzu greife ich noch einmal meinen Beitrag vom Sommer letzten Jahres auf.

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Ich leiste, also liebt mich! – Was können wir von Cristiano Ronaldo lernen? – Europas Fußballer des Jahres 2016 – Vom gesundem und ungesundem Narzissmus und dem „Drama des begabten Kindes“ (Miller) – Auch der Fußball Bundesligastart inszeniert wieder Dramen vom Stirb und Werde unserer ewigen Helden-Sehnsucht – (WehrWolter – ww 183 – Hans Wolter)

(26.08.2016)

Spüren wir in der Kindheit, dass wir durch Leistung mehr und anders wahrgenommen werden, kann das entscheidende Weichen für unser Leben stellen. Anerkennung und Liebe sind oft der Motor dafür, dass wir Besonderes zu leisten versuchen. Dafür nehmen viele Sportler, Musiker, Wissenschaftler etc. nicht selten viele Anstrengungen und Verzicht in Kauf. Nicht selten schon in der frühen Kindheit. Eine Steffi Graf oder ein David Garrett wären uns wahrscheinlich nie aufgefallen, hätten sie nicht schon ganz früh in ihrem Leben viel trainiert. Unbeschwertes Kindsein blieb dabei teilweise auf der Strecke. Aber der wahre Luxus scheint ja zu sein: Geliebt zu werden, einfach dafür, dass man da ist. Gelassen und gefördert zu werden, weil unsere Eltern sich selbst und damit auch ihre Kinder lieben.

Kurzzusammenfassung:

  • Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst
  • Wie geht es dem inneren Kind des Erwachsenen?
  • Grandiosität und Depression haben ihre Wurzeln häufig in der Verleugnung von Traumata in der Kindheit.
  • Die Sage vom schönen Narzissos, der sein wahres Selbst nicht kennt
  • Mangelnde Selbstliebe ermöglicht es auch nicht den Anderen zu lieben
  • Narzisstischer Mißbrauch ist häufiger als sexueller Mißbrauch
  • Respekt und Teilen wird hauptsächlich am Leben & Vorbild gelernt
  • Gesunder Narzissmus ist wichtig
  • Cristiano Ronaldo – Auch fehlende Liebe kann ein Motor sein

Über herausragende Persönlichkeiten des Fußballs, wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo habe ich schon einiges geschrieben und auf meinem Blog veröffentlicht. Aktuell wurde Ronaldo erneut zum europäischen Fußballer Europas gewählt. Das nehme ich zum Anlass, an seiner, doch recht auffälligen Persönlichkeit, grundlegende Dinge zu Themen wie Leistung, Liebe, Narzissmus und Kindererziehung zu erörtern. Mir geht es weniger um eine Analyse der Persönlichkeit Ronaldo. Es ist eher der Versuch hieran einiges tiefenpsychologisch und psychoanalytisch zu beleuchten. Ronaldo polarisiert. Viele begegnen ihm aufgrund seiner Selbstinszenierung mit Verachtung. Viele schätzen seine konstante professionelle Leistung auf höchstem Niveau. Ich sehe ihn auch als eine tragische Figur. Tragisch insofern, dass er heute noch etwas ausagiert, was eigentlich aus seiner Kindheit kommt. Er wollte von seinen Eltern geliebt, von seinem Vater geachtet und gewertschätzt werden. Wenn ich heute seinen häufig beleidigten Gesichtsausdruck sehe, wenn er sich unfair behandelt erlebt, was häufiger tatsächlich auch der Fall ist, dann sehe ich darin die Wut und Enttäuschung des kleinen Jungens der eigentlich abgetrieben werden sollte. Darauf gehe ich später noch einmal deutlicher ein. Jetzt komme ich erst einmal zu dem, was ich daran auch aufzeigen möchte, da es nach meiner Einschätzung wichtig und allgemein relevant ist.  

 

„Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“

… titelte die Psychologin Alice Miller ihr Buch, das rasch zum Bestseller wurde. Miller kritisierte hier bereits in den 80er Jahren eine Erziehungskultur, die Kinder darauf trimmt, sich gegen elterliche Strafen und Einschränkungen nicht nur nicht zu wehren, sondern das erfahrene Leid zu verdrängen. Worin liegt das Drama? Begabte, also sensible, wache Kinder können schon früh Bedürfnisse ihrer Eltern spüren und sich ihnen anpassen. Dramatisch ist es deshalb, weil diese Kinder schon früh lernen, ihre intensivsten, aber unerwünschten Gefühle nicht zu fühlen. Auch wenn diese „verpönten“ Gefühle später nicht immer vermieden werden können, bleiben sie häufig denoch abgespalten, das heißt: Der vitalste Teil des wahren Selbst wird nicht gelebt, wird nicht in die Persönlichkeit integriert.

Alice Miller (1923 – 2010) studierte in Basel Philosophie und Soziologie. In Zürich beendete sie ihre Ausbildung zur Psychoanalyse. Sie arbeitete 20 Jahre in ihrem Beruf, widmete sich dann ganz dem Schreiben und veröffentlichte 13 Bücher. Heute wird sie in einigen Dingen durchaus kritisch gesehen, zählt aber nach wie vor noch zum Kreis der bekanntesten Psychoanalytikerinnen. Kritisch, um das kurz anzusprechen, wird heute gesehen, dass sie zum einen aus der Zeit der antiautoritären Erziehungsideale kommt, zum anderen, durch eine Veröffentlichung ihres Sohnes Martin Miller. Wie schon bei dem großen Pädagogen der Aufklärung, Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778), wurde deutlich, dass die Großen ihres Faches bei den eigenen Kindern auch eklatante Fehler machen können. Dennoch finde ich die Ansätze und Ausführungen von Alice Miller in ihren Grundzügen heute immer noch wichtig und aktuell relevant. Letztlich fasst sie natürlich auch Dinge zusammen, die bereits andere Kollegen aus Psychoanalyse und Pädagogik schon beschrieben haben.

 

Miller stellt ergreift Partei für das „innere Kind“ im Erwachsenen

Miller stellte sich in ihrer Beschäftigung mit erwachsenen PatienInnen auf die Seite des Kindes im Erwachsenen. Sie versuchte vor allem zu verstehen, was ihm in seiner Kindheit angetan worden ist. Sie beschreibt, dass sich ihre Patienten als Kinder oft als böse, sündhaft, minderwertig und schuldig gefühlt haben. Diese Kinder haben die Verantwortung für die Erziehungspraktiken ihrer Eltern übernommen. Noch als Erwachsenen verleugnen und verdrängen sie alle erlittenen Verletzungen, schonen die Eltern und ringen immer noch um deren Liebe und Aufmerksamkeit. Das „Drama des begabten Kindes“ besteht darin, schon in der Kindheit von seinen Gefühlen abgeschnitten zu sein, sich selbst Schuld zuzuweisen und die Meinungen und die Moral seiner Eltern – was richtig und falsch sei – zu übernehmen. Miller sah sich als Anwalt des verletzen Kindes. Sie nahm ernst was ihre Patienten als Kinder erlebt haben.

 

„Du sollst nicht merken, dass wir unsere Konflikte auf deine Kosten, auf deinem Rücken austragen!“

In der Therapie wird versucht, die Möglichkeit wieder herzustellen, sich darüber bewusst zu werden, dass das Gebot aus der Kindheit war: „Du sollst nicht merken, dass wir unsere Konflikte auf deine Kosten, auf deinem Rücken austragen!“ Hierüber kann es gelingen mit diesen Verwundungen besser umzugehen und näher an sein „wahres Selbst“ heranzukommen.

Misshandlung, Missbrauch, Gefühllosigkeit und andere zahlreiche Kinderschicksale verursachen Erlebens- und Verhaltensweisen, die meist eine große Einschränkung der Lebensqualität im Erwachsenenalter darstellen. Darüber hinaus kann die Verdrängung der einst in der Kindheit erfahrenen Misshandlungen viele Menschen dazu treiben, das Leben anderer und das eigene zu zerstören. Aber Therapie kann allein die verlorene Kindheit nicht zurückgeben, Tatsachen nicht verändern und schon gar nicht Erlebtes rückgängig machen.

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Grandiosität und Depression haben ihre Wurzeln häufig in der Verleugnung von Traumata in der Kindheit.

 

Depression und das Gefühl von Grandiosität sind gewissermaßen die Spiegelbilder von den Schicksalen kindlicher Bedürfnisse.

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Die Sage vom schönen Narzissos, der sein wahres Selbst nicht kennt

 

Die Sage von Narzissos beschreibt die Tragik der narzisstischen Störung. Die Mutter von Narzissos ist sehr stolz auf ihren Sohn. Auch die Nymphe Echo hat sich in seine Schönheit verliebt. Die Nymphe wurde von den Göttern in der Weise bestraft, dass sie keine eigenen Worte sprechen, sondern nur wiederholen konnte, was die anderen sagten. Unser heutiger Begriff Echo weist noch darauf hin.

Die Rufe der Nymphe täuschten den jungen Narzissos. Als dieser auf einmal sein Spiegelbild im Fluss sieht, unterliegt er der gleichen Täuschung. Er sieht nur die Oberfläche, den vollkommenen, großartigen Teil von ihm, nicht aber seine innere Seite. Der Schatten, also seine Rückenseite, bleibt ihm verborgen. Das liegt daran, dass Narzissos sein wahres Selbst nicht kennt. Dies bleibt ausgeklammert. Der schöne Jüngling verleugnet sein wahres Selbst und wollte sich mit seinem Spiegelbild vereinigen. Dabei fällt er ins Wasser und ertrinkt. Später wachsen an der Stelle schöne Blumen aus dem Wasser. Wir nennen sie seitdem Narzissen.

Der Tod des Narzissos ist auf das falsche Selbst zurückzuführen. Es sind ja nicht nur die schönen und gefälligen Gefühle die uns am Leben erhalten und uns zur eigenen Persönlichkeit verhelfen. Die Tragik besteht also darin, dass Narzissos sich nicht wirklich lieben kann.

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Mangelnde Selbstliebe ermöglicht es auch nicht den Anderen zu lieben

Das Wort Narzissmus oder narzisstisch begegnet uns heute häufig. Der Begriff Narzissmus ist vielseitig. Er kann einen Zustand, ein Entwicklungsstadium, einen Charakterzug als auch eine Krankheit beschreiben. Im Alltag wird er häufig abwertend verwendet. Es wird dann davon gesprochen, dass einer „in sich verliebt“, „ständig mit sich beschäftigt“, „egozentrisch“, „zur Liebe nicht fähig“ und „egoistisch“ sei.

 

Narzisstischer Missbrauch

In der Therapie haben wir häufiger mit narzisstischem Missbrauch als mit sexuellem Mißbrauch zu tun.

Nach Miller kann ein Kind eine narzisstische Störung bekommen, wenn es die bewussten als die auch die unbewussten Wünsche der Eltern erfüllt und dabei immer wieder erlebt, dass es dann ein gutes Kind ist. Wenn dieses Kind sich allerdings weigert die fremden Wünsche zu erfüllen, weil es andere und zwar eigeneWünsche verfolgt, bezeichnen diese Eltern es rasch als egoistisch und rücksichtslos. Die Tragik besteht auch darin, dass diese Eltern fest daran glauben, das Richtige zu tun. Sie glauben, dass sie ihre Kinder erziehen müssen, weil sie verpflichtet seien ihnen bei der Sozialisation zu helfen. Was die Erwachsenen dabei nicht merken, ist, dass sie das Kind brauchen, damit es ihre egoistischen Wünsche erfüllt.

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Ein solches Kind wird sehr früh verzichten lernen, lange bevor ein echtes Teilen und ein wahrer Verzicht überhaupt möglich geworden sind. Diese Kinder müssen so handeln, denn sie können sich nicht leisten die Liebe der Eltern zu verlieren. Sie erleben sich abhängig von ihnen. Dürfen die Kinder allerdings lange genug egoistisch sein, so entwickeln sie in der Regel von selbst die Fähigkeit und Freude am Teilen und Geben. Dazu müssen sie von den Eltern nicht explizit erzogen werden.

 

Respekt und Teilen wird hauptsächlich am Leben & Vorbild gelernt

Die für die Bedürfnisse der Eltern erzogenen Kinder erleben die Freude am Teilen vielleicht nie. So sieht es auch mit dem Respekt aus. Hier muss nicht explizit erzogen werden. Es reicht, die Kinder selbst zu respektieren. Darauf werden die Kinder i.d.R. ebenfalls mit Respekt antworten. Wurde allerdings eine Mutter oder ein Vater seinerzeit von den eigenen Eltern früher nicht als das, was sie waren, ernstgenommen, werden diese bei ihren Kinder versuchen, sich mit Hilfe von Erziehung Respekt zu verschaffen.

Alice Miller schrieb ihr Buch „ Das Drama des begabten Kindes“ 1983, also in der Zeit der antiautoritären Erziehung. Erziehung hatte für sie sehr viel mit Manipulation zu tun. Das Kind sollte stattdessen möglichst frei sein und die Möglichkeit haben sich im Sinne Rousseaus entwickeln zu können. In der heutigen Gegenwart sieht man diese Thesen nicht mehr als uneingeschränkt gültig an. Wo ich Miller, aber auch vielen anderen Psychologen der psychoanalytischen Selbstpsychologie zustimme, ist die Wichtigkeit, dass wir Kinder unbedingt erst nehmen. Kinder müssen ihre Gefühle erleben dürfen. Hier gilt für mich der Satz: Beziehung ist wichtiger als Erziehung.

Kindertag

 

Gesunder Narzissmus ist wichtig

Von gesundem Narzissmus sprechen wir, wenn der Mensch den wahren Zugang zu seinen Gefühlen lebt. Im Gegensatz dazu steht die narzisstische Störung, d.h. das wahre Selbst lebt isoliert und die echten Gefühle werden verdrängt und nicht gelebt.

Titelbild: Sebastian Bieniek’s „Doublefaced No. 73“, 11.06.2015

Jetzt greife ich noch einmal das Beispiel Christiano Ronaldo auf. Hierzu zitiere ich meinen Beitrag, den ich während der Fußball-EM 2016 geschrieben hatte.

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Cristiano Ronaldo – Auch fehlende Liebe kann ein Motor sein – Für einen reichen Armen eine Lanze brechen – Kleines Plädoyer für gute Selbstliebe – (– ww 167 –)

(30. Juni 2016)

„Heute bin ich glücklich, dass wir Dich nicht abgetrieben haben …“ sagte Ronaldos Mutter ihrem Cristiano vor laufender Kamera. Vor einigen Wochen sah ich den Film „RONALDO“. Regisseur Anthony Wonke begleitete den Fußballer ein Jahr lang und erhielt seltene Einblicke. Ich war gerührt, streckenweise erschüttert und im Umgang mit seinem fünfjährigen Sohn auch befremdet. 

Zugleich hielt sich meine seelische Mitbewegung in Grenzen. Wahrscheinlich weil das Ausmaß des dargestellten Leidens nur als nebensächlich rüber kommt und beim Hauptdarsteller – so meine Einschätzung – gefühlsmäßig noch nicht wirklich bewusst angekommen ist. Vielleicht ist es besser, weil unklar ist, ob er aus dem damit möglichen Absturz wieder auftauchen könnte. Zugleich ist diese Abwehrmauer auch dafür verantwortlich, dass er sich wahrscheinlich selbst nicht richtig lieben kann und von vielen Menschen auch nicht geliebt wird.

 

„Es gibt Leute, die mich lieben. Es gibt Leute, die mich hassen. Aber das ist Teil des Erfolgs. Ich wurde dazu erschaffen, der Beste zu sein.“ (CR7)

 

Der portugiesische Weltstar stellt sich in seinem Film als einen recht isolierten Menschen dar. Er selbst sieht dies dies offensichtlich als unproblematisch an. „Ich komme nach Hause und trenne mich komplett von der Welt. Ich weiß ja, dass ich am nächsten Tag wieder in diese Welt hineingedrängt werde.“

 

CR7 versus Floh

Bei Ronaldo ist wenig Wärme zu spüren. Das steckt ja schon in seinem selbstgewählten Kürzel CR7. Das klingt mehr wie ein Typ der Automarke Audi, weniger wie ein Mensch. Ganz anders bei seinem großen Gegenspieler in der spanischen Liga. Lionel Messi wird intern „Floh“ (spanisch: La Pulga) genannt, weil er schon immer klein und wendig war.

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Das Verbindende zwischen den beiden großen Männern der Fußballwelt ist eine schwierige Kindheit.

Messi, zu dem ich hier ja schon viele Beiträge geschrieben habe*, litt unter einer Wachstumsstörung. Durch eine vom FC Barcelona finanzierte Behandlung wuchs der damals 13 jährige 140 cm kleine Junge dann doch noch bis zur Marke 1.69. Von Messi geht etwas Sympathisches aus. Ihn können wir lieben. „Ich habe Messi nicht als Rivalen gesehen, sondern als Person, die mich zu einem besseren Spieler macht. Und umgekehrt“ – sagt Ronaldo. Er behauptet, dass sie hin und wieder miteinander sprechen würden.

 

Ronaldo hat gleich zwei gewaltig große Defizite in seiner Kindheit und Jugend.

Zunächst einmal sollte er als fünfter Sohn seiner portugiesischen Eltern Maria Dolores dos Santos Aveiro (* 1954) und José Dinis Aveiro (* 1954; † 2005) gar nicht zur Welt kommen. Seine Mutter sagt im Film, wie glücklich sie doch im Nachhinein sei, dass sie ihn damals doch nicht abgetrieben habe. Ronaldo selbst ruft seine Mutter nach großen Siegen auch an – zumindest wird dies im Film so gezeigt – und sagt ihr: „na Mutter, es ist doch gut, dass ich da bin!“ Dabei kommt im Film vielleicht so etwas wie ein leichtes Triumphgefühl rüber, aber nichts von Ärger, Wut oder Trauer. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass diese massive Wunde weder von ihm noch der Mutter adäquat gefühlt wird.

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Ronaldo Reagan: in der Namensgebung steckt schon das, wie wir ihn heute wahrnehmen

Das zweite große Defizit ist der faktische Wegfall seines alkoholkranken Vaters der nach langjährigen Alkoholexzessen im Alter von 51 Jahren starb. Ronaldo heißt Ronaldo, weil der damalige US-Präsident Ronald Reagan der Lieblingsschauspieler seines Vaters gewesen war. In dieser Namensgebung stecken für mich Anspruch und Distanz. Eigentlich steckt hier schon der Kern, wie wir CR7 heute wahrnehmen.

 

„Ich habe meinen Vater nicht wirklich kennengelernt. Ich wollte einen anderen Vater, der meine Erfolge anerkennt“,

 erklärt er in einer Filmszene. Das Porträt des Vaters hat einen herausragenden Platz in Ronaldos schickem Esszimmer. Es weist für mich auf seine Vatersehnsucht und seine Trauer hin. Zugleich wirkt es, wie der Versuch, sich als Familienmenschen darzustellen. Besonders deutlich und in Ansätzen auch tragisch wird dies im Film an seinem kleinen Sohn deutlich.

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Ronaldo fordert immer wieder ein Küsschen von seinem Sohn

Der Fünfjährige ist der eigentliche Hauptdarsteller. Am 4. Juli 2010 gab Ronaldo via Facebook und Twitter bekannt, Vater eines Sohnes geworden zu sein und für diesen das alleinige Sorgerecht übernommen zu haben. Über die Identität der Mutter wahrte er Stillschweigen. Im Film wird deutlich, dass die Großmutter, also Ronaldos Mutter sich mit ihm das Kind teilt. Mir tun das Kind und auch Ronaldo leid. Bedrückend erlebe ich, dass sich Ronaldo von seiner Mutter nicht richtig lösen kann und die Mutter ihre gescheiterte Ehe nachzuleben versucht.

 

Hat Ronaldo sich selbst denn schon richtig kennengelernt?

Der Film ist in seiner gespielten Familien-Harmonie langweilig, weil er die eigentliche Tragik nicht aufgreift. Damit bleibt er genau so unnahbar, wie Ronaldo selbst.

Ronaldo wird als Familienmensch dargestellt, der zwar von der Mutter nicht gewollt war, aber nun als gefeiertes Oberhaupt fungiert: Den alkoholkranken Bruder unterstützt er beim Kampf gegen die Sucht, der Mutter fehlt es sowieso an fast gar nichts – nur der Ehemann verließ sie zu früh.

Der Film schafft es nicht einen zu packen. Er hat mir aber geholfen, Christiano besser zu verstehen.

 

Er scheint immer noch der Liebe nachzulaufen, die ihm in der Kindheit fehlte. Nach meiner Einschätzung hat er die Liebe noch nicht gefunden. Wahrscheinlich kann er sich selbst auch noch nicht tiefergehend lieben, da er Leistung zur Bedingung macht. Auch die Zuschauer lieben ihn ja eigentlich nicht. Sie zollen ihm Anerkennung aufgrund seiner Leistung. Es ist ja vielmehr so, dass er die Welt immer wieder versucht darauf hinzuweisen, dass er – verdammt noch mal – liebenswert ist. Wenn sein Sohn bald eigene Wege geht, wird er von ihm auch nicht mehr die bedingungslose Liebe bekommen, die er so sehr braucht.

Tragödien laufen auf ein Scheitern hinaus

Derzeit scheint Ronaldo seine Eigenliebe auf seinen Körper und seine Torquote verlagert zu haben. Jeder Narziss ist ja deshalb selbstverliebt, weil er nie den Glanz im Auge seiner Mutter, seines Vaters gespürt hat. Narziss in der griechischen Oviderzählung ertrinkt ja letztlich im eigenen Spiegelbild. Das steckt bei Ronaldo in der Feststellung:

 

„Ich werde nicht lügen: Wenn wir zwei oder drei Cristiano Ronaldos im Team hätten, würde ich mich besser fühlen. Haben wir aber nicht.“

 

Für mich stellt sich die große Frage, ob er nach seiner Karriere als Weltfußballstar einen Weg finden wird, auf dem er genügend Bestätigung und Zufriedenheit findet. Gut, er könnte Trainer werden. Aber hier vermute ich auf Dauer zu wenig soziale Kompetenz. Nimmt die weitere Entwicklung einen tragischen Verlauf nach antikem Vorbild oder findet Christiano Ronaldo den Ausstieg? – Ich würde es ihm gönnen.

Ronaldo Text

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 Titelbild: Sebastian Bieniek’s „Doublefaced No. 73“, 11.06.2015

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