Schulterschluss der Kölner Karnevalisten gegen geplanten AfD-Parteitag im Maritim-Hotel – Karneval-Stars und Gesellschaften wollen einer menschenverachtenden Gesinnung kein Gehör verschaffen – Die AfD soll im Schatten des Doms nicht an der Spaltung unserer schützenswerten Gesellschaft arbeiten können – (WehrWolter – ww 229 – Hans Wolter)

Köln war durch die Silvesternacht 2015 weltweit als Stadt der Übergriffe in den Medien. Hier wurden Fehler der Stadtverwaltung und Polizei begangen. Köln ist eigentlich schon immer als tolerante Stadt bekannt. Besonders die Kölner Kulturszene setzt sich seit Jahrzehnten wirkungsvoll und wehrhaft gegen Rechtsradikalismus ein. Daher hatten auch Ableger der Pegida hier nie ernstzunehmende Chancen.

Köln ist und war immer eine bunte Stadt, in der die Vielfalt des Lebens, der Menschen, der Kulturen gefördert wurde und wird. Der Karneval ist seit Generationen Aushängeschild der Stadt Köln und lebendige Umsetzung der Lebensfreunde und Buntheit. Die Auftritte im großen Saal des Maritim-Hotels am Heumarkt gehören während der knapp dreimonatigen Session für die Musiker der Kölner Karnevalsbands genauso zum beinahe täglichen Programm wie Auftritte im Gürzenich, im Sartory oder im Kristallsaal der Messe.

Allerdings soll im Maritim, wo die Karnevalisten derzeit „den Menschen im Saal das bunte Köln so präsentieren, wie wir es lieben,“ im April der Bundesparteitag der AfD stattfinden. Das geht den Künstlern gehörig gegen den Strich: „Der Moment ist gekommen, an dem alle der Stadt Köln verbundenen Menschen fest geschlossen und Arm in Arm dagegen protestieren,“ verkünden sie in einem Brief und fordern vom Hotel, den Vertrag mit der rechtspopulistischen Partei aufzulösen.

Der offen Brief der Karnevalstars im Wortlaut:

afd-karneval

„… Nachdem eines der prominentesten Gesichter dieser Partei, Björn Höcke, in infamer und unerträglicher Weise das Erinnern an einen der grausigsten Völkermorde beschmutzt und herabgewürdigt hat, war die AfD trotz vieler Worte und Pseudoempörung nicht bereit, die logische Konsequenz zu ziehen und dieses Mitglied aus der Partei auszuschließen.

… Alle Unterzeichner dieses Aufrufs, die in den vergangenen und kommenden Wochen auf der Bühne des Maritim Hotels als Musiker, Redner, Karnevalsvereine, Tanzgruppen oder auch Techniker ihr Bestes geben, um den Menschen im Saal das bunte Köln so zu präsentieren, wie wir es lieben, wollen und werden nicht hinnehmen, dass in Kürze der AfD und Björn Höcke auf eben diesen Brettern der Maritim-Bühne Gelegenheit gegeben werden soll, einer menschenverachtenden Gesinnung Gehör zu verschaffen. Diese Vorstellung bereitet uns tiefes Unbehagen!

Köln stand, steht und soll immer stehen für Weltoffenheit, Toleranz und nicht zuletzt Nächstenliebe. Wir sind uns sicher, dass wir gemeinsam ein Zeichen setzen können, um zu verhindern, dass eine Partei wie die AfD im Schatten des Doms an der Spaltung unserer schützenswerten Gesellschaft arbeiten kann.“

birlikte1

Zahlreiche professionelle Karnevals-Künstler hatten sich am 07.02.2016 im „Kölner Stadt-Anzeiger“ in einem offenen Brief gegen den geplanten Parteitag einzusetzen. Die führenden Bands, darunter Bläck Fööss, Höhner, Brings, Paveier, Kasalla oder Cat Ballou sowie Redner wie Bernd Stelter und Marc Metzger setzen sich dafür ein, diesen Parteitag zu verhindern, damit AfD und Björn Höcke keine Gelegenheit hätten, „einer menschenverachtenden Gesinnung Gehör zu verschaffen“ – auf derselben Bühne, auf der sie ein buntes Köln präsentieren, das steht „für Weltoffenheit, Toleranz und nicht zuletzt Nächstenliebe.“

Auch das Festkomitee Kölner Karneval unterstützte seine Künstler: „Wir ziehen an einem Strang,“ sagte FK-Sprecherin Sigrid Krebs am Dienstag. „Wir wollen Flagge zeigen und gemeinsam ein Zeichen für Toleranz und Vielfalt setzen.“

Die Kölner Traditionskorps beziehen ebenfalls Stellung. „Ich bin fassungslos über die Aussagen von Björn Höcke zum Holocaust-Mahnmal und über die Art und Weise, wie er in der AfD überlebt hat,“ sagte Heinz-Günther Hunold, Präsident der Roten Funken dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Partei habe einen deutlichen Ruck nach rechts gemacht: „Da muss man mit aller Entschiedenheit aufschreien und sich wehren.“ Natürlich müsse ein Demokrat andere Denkweisen zulassen. Vor allem aber gelte es herauszufinden, wo die Politikverdrossenheit vieler Menschen herkomme. „Rattenfänger nutzen das aus. Weltweit. Wir müssen gucken, wie wir das verändern können.“

„Statt Parteitag machen wir ein Fest der Kulturen.“

Mit Blick auf den Bundesparteitag in Köln sagte Hunold: „Mit der Entgleisung Höckes hat sich die Situation verändert. Da muss man auch von Seiten des Maritim eine Reaktion erwarten.“ Konkret schlug Hunold vor, der Karneval könne den Termin im April übernehmen und den Saal im Maritim selbst bespielen: „Statt Parteitag machen wir ein Fest der Kulturen.“ Darüber sei man mit den anderen Korps im Gespräch.

Jochen Ott wünscht sich, „dass das Maritim seine Entscheidung für den Parteitag überdenkt“

Ehrengarde-Präsident Hans-Georg Haumann sagte: „Auch die Ehrengarde ist auf demokratischen und liberalen Werten aufgebaut. Wir sind ist erschüttert über den Inhalts des Höcke-Zitats und dessen Dimensionen. Vor diesem Hintergrund sollte man wirklich ernsthaft überlegen, ob eine AfD dort, wo wenige Wochen vorher die Grundwerte der Freiheit und Menschlichkeit gefeiert wurden, ihren Parteitag abhalten sollte.“

Jochen Ott, Chef der Kölner SPD und Landtagsabgeordneter, wünschte sich, „dass das Maritim seine Entscheidung für den Parteitag überdenkt“. Er begrüßte überdies den Aufruf der Künstler gegen die AfD-Veranstaltung, „auch, weil sie als Staatsbürger dagegen protestieren“. Köln sei eine bunte Stadt, in der Ausgrenzung keinen Platz habe. Der Parteitag selbst und die damit verbundenen Gegendemonstrationen seien zudem erneut Großereignisse, von denen es in der jüngeren Vergangenheit übermäßig viele gegeben habe. „Es wird von allen Seiten versucht, Köln als Symbol zu vereinnahmen. Das schadet der Stadt“, sagt Ott. Für den AfD-Bundesparteitag wünsche er sich vor allem friedlichen Protest im Sinne eines Familienfests.

Eine gezielte Provokation

Es wird kein Zufall sein, dass der Parteitag ausgerechnet in Köln, der Stadt der Silvester-Übergriffe 2015, stattfindet. Es habe zwar sicherlich auch mit der bevorstehenden Landtagswahl zu tun, doch die Künstler sehen eine gezielte Provokation darin. Sie wollen für das Thema sensibilisieren.

afd-karneval1

Maritim Hotel bleibt hart

Das Maritim hält indes an dem Parteitag fest. „An der vertraglichen Situation hat sich nichts geändert“, sagt Hartmut Korthäuer, Direktor des Maritim-Hotels Köln.  Die AfD gehöre zur demokratisch legitimierten Parteienlandschaft. „Auch wenn wir nicht zu den AfD-Wählern gehören“, ergänzt Korthäuer. Die Äußerungen Höckes seien zudem nach Abschluss des Vertrags mit der AfD zum Parteitag gefallen. Der Kontrakt sei im vergangenen Sommer unterzeichnet worden. „Wir erläutern den Künstlern gern unseren Standpunkt“, sagt der Direktor. Daran ändern werde sich jedoch nichts.

Die AfD selbst war auch am Dienstag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Quelle: Kölner Stadtanzeiger

afd-karneval-dom

1 Kommentar

  1. Die aktuell intern zerstrittene AfD ist schon seit mehreren Tagen offenbar „nicht erreichbar“. Das bestätigt, das Widerstand wirkt.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s