Wer zieht den autoritären Traum einem liberalen vor? – Jürgen Becker:“Der autoritäre Traum mag ja attraktiv sein, für Menschen, denen Freiheit zu kompliziert ist“ – Von Trump, über die AfD zu Erdogan – Politische Bilder von Thomas Baumgärtel – (WehrWolter – ww 230 Hans Wolter)

Vom autoritären versus dem liberalen Traum

Der Kabarettist Jürgen Becker hielt Ende September letzten Jahres eine lustige, aber auch tiefgründig scharfe Einführungsrede auf der Vernissage zu den politischen Bildern des Künstlers Thomas Baumgärtel in Langenfeld. Die Ausstellung benötigte schon nach kurzer Zeit Polizeischutz und wurde dann vorzeitig beendet. Grund war eine Erdogan-Karikatur. Die Autoritäten dieser Welt dulden keinen Humor. Das unterscheidet sie letztlich von echten Autoritäten.

Auszüge aus Einführungsrede: „Die neuen Autoritären, propagieren die Reinheit der Völker und sehen Frauen in traditionellen Rollen und beurteilen immer die Homosexualität. Das ist der Lakmustest. Daran können sie es festmachen. Der autoritäre Traum mag ja attraktiv sein, für Menschen, denen Freiheit zu kompliziert ist: ‚Der Putin sorgt dafür, dass wir nicht alle schwul werden!‘ – Dafür sorgt in Köln keiner.

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Aber jetzt, wo die marktradikale FDP keine Rolle mehr spielt, darf man das Wort liberal ja wieder lustvoll in den Mund nehmen. Um sich abzugrenzen vom autoritären Traum. Denn der wird’s in Zukunft schwer haben. Der autoritäre Traum achtet Fremde, solange sie in der Fremde bleiben. Der möchte die Fortpflanzung in der eigenen Kultur. Vor 80 Jahren sprach man noch von Rasse. Das ist Schnee von gestern. Also durch die Klimakatastrophe sind nach Berechnungen der Uno, bis zum Jahre 2050, nochmals 390 Millionen Menschen gezwungen, sich auf den Weg zu machen, weil sie nicht mehr da leben können, wo sie jetzt noch leben, weil sie dort entweder ertrinken oder verdursten. Das heißt, die werden sich auf den Weg machen müssen, woanders zu leben.

Und der liberale Traum hat eben auch, die Klimakatastrophe verursacht. Da haben alle mitgemacht. Da kann sich keiner von freimachen. Auch Du mit Deinen Spraydosen, Thomas.

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Und dann kommt nicht nur der Afrikaner. Dann kommt auch der Holländer. Der kann das Wasser nicht mehr halten. Der Holländer wird zu uns kommen und hier Asyl suchen. ‚Was? Die Holländer? – Da müssen wir noch mal über eine Obergrenze nachdenken!‘ Nein, daher heißt es nicht nur: ‚jede Jeck is anders‘ – nein es heisst:

Jede Jeck is von woanders

Was wir jetzt im Moment erleben, das ist keine Flüchtlingskrise, das ist ein Praktikum. Damit wir Integrationsprofis sind, wenn die Klimaflüchtlinge kommen und damit wir uns nicht so blamieren, wie einst der Kölner Busfahrer, der einen Afrikaner an der Haltestelle sah und sagte: ‚Oh, Bimbo will Busfahren. Wo will Bimbo denn hin? Zum Krankenhaus. Oh, Bimbo krank? Ne, Chefarzt. … „

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Was ist Kunst?

Jürgen Becker: „Kunst ist immer asozial, Design kann nur sozial sein. Design transportiert sich selbst und Kunst ist alles, was von Hasenkamp transportiert wird“

Thomas Baumgärtel: „Ich hab in meinem Psychologiestudium bei den Morphologen mehr über Kunst gelernt, als bei der Malerei am Ubierring. Ein Schlüsselerlebnis war: ich hab mich mal zwei Stunden vor ein Bild setzen müssen … da hab ich gemerkt, das ist Kunst, dieser Austausch zwischen meinem Seelischen und dem Bild. Die Banane alleine ist noch keine Kunst. Das Bild allein ist noch keine Kunst, sondern dieser Austauschprozess … das sollte jeder mal machen …“

Jürgen Becker: „Was? Sich zwei Stunden vor eine Banane setzen? Du hast es auf jeden Fall toll hinbekommen und kannst davon leben. Das können nur vier Prozent der Künstler. Dein Konzept ist super. Wenn es mal nicht mehr reichen sollte, haste immer noch die Bananen.“

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Bananenpolitik – Ausstellung zu politischen Bildern von Thomas Baumgärtel. – Aufruhr um Erdogan’s Po-Banane

Mein ehemaliger Kommilitone Thomas Baumgärtel hatte mich zu seiner Vernissage „Politische Bilder“ in die Räume des Kunstvereins Langenfeld eingeladen. Immer noch dieselben Bananen? … dachte ich bei mir. Dann sollte aber auch noch der Kabarettist Jürgen Becker kommen und einen einführenden Beitrag auf die Bühne bringen. Mit ihm verbindet mich auch eine gemeinsame Vergangenheit. Wir liegen nur ein Jahr auseinander und sind damals beide in Köln-Widdersdorf aufgewachsen. Auf seinen lustigen aber auch scharfsinnig pointierten politischen Vortrag gehe ich später auch noch einmal ein.

Natürlich weiß ich noch wie Thomas damals im Verborgenen als „Bananensprayer“ angefangen hatte. Das war für uns Psychologiestudenten früher keine Kunst, eher der Geschmack von Anarchie & Abenteuer. Mit den Jahren hat er sich mit seiner Banane allerdings beachtlich ausgebreitet. Ich hab auch den ärgerlichen Wolff Vostell mitbekommen, dessen Denkmal vom „ruhenden Verkehr“ er vollkommen mit seinen Bananen übersäht hatte. Hierzu hat er auf der Vernissage die lustige Geschichte erzählt, dass die Polizei für ihn damals extra den Verkehr ein wenig umgeleitet hatte. Nur damals war es weniger lustig, weil der Künstler Vostell ihn anzeigen wollte. Wilhelm Salber, unserer Professor damals, hatte eine große Affinität zu Kunst und Künstlern. Da er mit Vostell befreundet war, konnte er die Wogen wieder glätten.

 

Die Idee Kunstorte mit einer Banane zu kennzeichnen ist heute ja schon um die halbe Welt gewandert. Hatte es zu Beginn etwas Schelmisches, so hat er sich doch stetig weiterentwickelt. Auch wenn die Banane immer gleich geblieben ist.

 

Mit seinen politischen Bilder provoziert er. Auf einem Werk hat er dem türkischen Machthaber Erdogan provokativ eine Banane in den Allerwertesten gesteckt. „Das Bild ist entstanden, nachdem Jan Böhmermann sein Schmähgedicht geschrieben hat“, erklärt Baumgärtel.

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„Dass Künstler Angst haben müssen, ihre Kunst zu zeigen, macht mir Angst“

 

„Eigentlich wollte er es als Unterstützung dieser kunstvollen Aktion, „die niemand verstanden hat“, posten. Doch alle rieten ihm ab aus Angst vor Repressalien. Sogar die Galeristen wollten dieses Bild nicht zeigen. Im Langenfelder Kunstverein ist es nun erstmals öffentlich ausgestellt.

„Dass Künstler Angst haben müssen, ihre Kunst zu zeigen, macht mir Angst“, sagt Beate Domdey-Fehlau, Kuratorin des Kunstvereins. Ihrer Ansicht nach geht die Freiheit der Kunst „über alles“. Für die ist es etwas Besonderes, nicht nur den „Bananensprayer“ auszustellen. „Ich fand es interessant, den politisch interessierten Baumgärtel zu zeigen“, sagt sie.

Natürlich geht es trotzdem nicht ohne Bananen-Bilder, denn auch das Markenzeichen Baumgärtels lässt sich hervorragend als politisches Statement benutzen. Er scheut auch das Thema Nationalsozialismus nicht, wie er mit seinen vier Hakenkreuz-Bananen beweist. Ein anderes Bild: Zwei zusammengewachsene Bananen – eine ist mit BRD, eine mit DDR überschrieben – zeigen den Prozess der Wiedervereinigung, ein Thema, mit dem sich Thomas Baumgärtel seit 15 Jahren künstlerisch auseinandersetzt.

Das beweisen auch die beiden großformatigen Leinwände, die völlig bananenfrei sind. Unter den vielen Wortphrasen, die im Kontext untergehen, sticht ein rotes „Deutsche Einheit“ hervor. Aber auch aktuelle Themen verarbeitet der 1960 in Rheinberg geborene Künstler, der inzwischen in Köln lebt und arbeitet. So greift er nicht nur in seinem Werk „Heavy New Year“ die Geschehnisse am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht auf, er thematisiert mit seinem „Korruption ist Banane“ auch den Fußballskandal, indem er die Banane als Fußball gestaltet und auf einem Fifa-Hintergrund platziert.

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Die Ausstellung „Politische Bilder“ ist bis 6. November im Kunstverein Langenfeld, Kulturzentrum, Hauptstraße 135, zu sehen. Geöffnet dienstags, freitags und samstags 10 bis 13 Uhr, donnerstags 15 bis 20 Uhr und sonntags 15 bis 18 Uhr.“

(Quelle: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/langenfeld/langenfeld-kunstverein-zeigt-erdogan-mit-banane-im-hintern-von-thomas-baumgaertel-aid-1.6254545)

 

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Kommentar zu Baumgärtel: Alles Banane?!

Lange nichts von Thomas Baumgärtel, dem Bananen-Sprayer gehört. Und auch nicht vom Langenfelder Kunstverein. Das ist jetzt anders. Das Bild „Unter der Gürtellinie“ mit dem türkischen Premier Erdogan sorgt für Wirbel. Unser Kommentator Michael Köhler findet das ziemlich „Banane“.

WDR 3 Autor Michael Köhler

Autor Michael Köhler

Nicht nur die Dichter lügen, sondern auch die Maler. Sie zeigen in zwei Dimensionen, was im Leben so nicht existiert. Damit wären wir fein raus. Die Kunstfreiheit deckt das sowieso. Ein Fall für den Staatsanwalt ist das nicht. Ein Fall für den guten Geschmack ist es allemal. Das war aber auch die bepinkelte Soutane von Papst Benedikt XVI. auf dem Titelblatt der Titanic, oder die deutsche Kanzlerin in NS-Uniform auf Titelblättern polnischer Politmagazine, die auf Erika Steinbach reitet , womit auf Sado-Maso-Posen im NS-Wichs angespielt wurde. Alles geschmacklos, ja, aber zulässig.

Solidarität mit Böhmermann

Bananensprayer Baumgärtel wollte sich mit TV-Moderator Jan Böhmermann solidarisieren, der wegen seines Schmähgedichts auf Erdogan zu politischen Verstimmungen zwischen Deutschland und der Türkei beigetragen hatte. Das tatsächliche und lyrische Bild vom Ziegenficker und Bananenreiter ist für Anhänger Erdogans eine Zumutung. Die Kölner Demonstration am Rheinufer kürzlich zeigte, es waren keine Anhänger der Demokratie, die den Putsch verurteilten, es waren Anhänger des türkischen Demokratieabbaus.

Ein Mann steht in einem Museum vor zwei Bildern, die Bananen zeigen

Thomas Baumgärtel, bekannt als der „Bananen-Sprayer“

Zu einer Demokratie zählen aber auch Minderheitenrechte, Oppositionsrechte und Presse-, Kunst- und Meinungsfreiheit. Das ist zuweilen recht anstößig. So auch jetzt wieder. Dass Baumgärtel bedroht wird, ist nicht hinnehmbar. Er muss sich der Kritik stellen. Er weiß, was er tut. Er zahlt den Preis dafür. Aber ihm gebührt der Schutz des Rechtsstaates.

Freilich sind der Bananensprayer und der Kunstverein auch Trittbrettfahrer eines sensationslüsternen Kulturbetriebs. Sein Bild spielt auf Popart und ein anderes berühmtes Bild der Kunstgeschichte an.

Fotograf Robert Mapplethorpe als Vorbild?

Es war der berühmte Fotograf Robert Mapplethorpe, der sich auf einem Selbstporträt den Griff einer Lederpeitsche in den Anus steckte. Der Mann, der sonst hinter der Kamera steht, wurde selber zum Sujet. Mapplethorpe stellte Praktiken und Themen der homosexuellen Subkultur New Yorks mit den ästhetischen Mitteln der Renaissance dar. Die Bullenpeitsche sah aus wie ein Luziferschweif. Tod und Teufel spielten da allegorisch mit. Perfekt modellierte Körper, perfekt ausgeleuchtet wie Marmorstatuen bei S/M-Praktiken. Das war neu und wichtig für die Foto- und Kunstgeschichte Anfang der Achtziger Jahre.

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Die gelbe Banane im fleischfarbenen Hintern eines türkischen Politikers im Jahr 2016 ist ein billiger Abklatsch dagegen. Es sei dem Künstler ebenso unbenommen, wie es einer kritischen Öffentlichkeit unbenommen ist, es „Banane“ zu finden.

Ein Beitrag aus der Sendung WDR 5 Scala.

(Quelle: http://www1.wdr.de/kultur/baumgaertel-erdogan-100.html)

 

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