Über Verführbarkeit zum Extremismus und die psychologische Wirkung von Worten: Der gemeinsame Nenner zwischen Rechtspopulisten und radikalen Islamisten – Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ birgt eine gewaltige Sprengkraft – Paradoxe Intervention – (WehrWolter – ww 233 – Hans Wolter)

In Unterwerfungen gibt es nicht selten einen geheimen Pakt zwischen Tätern und Opfern. Wenn Herrschende ein Volk unterwerfen, ist das Volk nicht unschuldig. Wenn Rechtspopulisten vor der Gefahr fremder Machtübernahme oder „denen da oben“ warnen, wollen sie sich eigentlich an die gleiche Stelle setzen und eine tendenziell radikale Macht ausüben.

Dieses Phänomen greife ich am Roman „Unterwerfung“ des französischen Autors Michel Houellebecq auf. Ort des Geschehens: Frankreich im Jahre 2022. Französischer Präsident ist ein Muslimbruder. Humanistisch gesinnte Islamisten regieren das Land. Der Autor Michel Houellebecq entlarvt in seinem Roman die völkische Gesinnung, die vorgibt das Abendland vor dem Islam retten zu wollen. Dieses Buch steigerte nicht nur die Bekanntheit des Autors, löste nicht nur Diskussion, sondern auch reale Gewalt aus. Mit etwas Abstand könnte man es heute auch als Aufrüttelungsversuch verstehen. Im Sinne einer paradoxen Intervention.

Worte und Bücher können auch heute noch über eine enorme Sprengkraft verfügen. Besonders dann, wenn Autoren an unterschwelligen Strömungen ansetzen. Hier greift eine Psycho-Logik, über dessen Ausmaß und Wirkung sich die Autoren häufig nicht bewusst sind. So ging es auch dem jungen Autor Goethe, als er 1774 den Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ veröffentlichte. Damit wurde er über Nacht berühmt in Deutschland und Europa. Einer der erfolgreichsten Romane der Literaturgeschichte hatte aber auch heftige gefährliche Begleiterscheinungen. Diese waren allerdings eher individueller als politischer Natur. Viele junge Männer wollten nach Lesen des Buches den Werther-Tod sterben. Daher spricht man im Zusammenhang mit Suiziden oder Amokläufen auch heute noch vom „Werther-Effekt“. Dies meint so etwas, wie eine „psychologische Ansteckung“ von Gewalttaten. Vor zwei Jahren kam es aufgrund der Veröffentlichung des Romans „Unterwerfung“ auch zu einer ungeahnten Welle der Gewalt.

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Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo am Erscheinungstag des Romans

Anfang 2015 erschien Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“. Dieses Buch enthält erschreckenden politischen Sprengstoff. Es erschien am Tag des Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris. Es war zugleich der Tag, an dem die Zeitschrift mit einer Houellebecq-Karikatur auf der Titelseite aufmachte, die den Star-Autor als derangierte Knusperhexe zeigt. Weiter hinten im Blatt gab es eine hymnische Rezension des Romans von Bernard Maris. Maris wurde ebenfalls bei dem Terrorakt ermordet. Houellebecq trauere um seinen Freund, hieß es, als er zwei Tage später abtauchte.

Michel Houellebecq hält in seinem Roman der westlichen Welt einen Zerrspiegel vor. Doch das was im Roman noch ein frivoles Spiel war, liest sich nach den Anschlägen von Paris anders.

Um die Machtübernahme der Rechtspopulisten zu verhindern, verbünden sich die Sozialisten mit einer islamischen Partei

Bereits vor Erscheinen hatte „Soumission“ – der französische Titel – in Frankreich heftige Debatten ausgelöst. Houellebecq spiele mit den Ängsten vor Einwanderung, Islamisierung und dem Gespenst der Selbstaufgabe, war zu hören. Er habe einen „Antizipationsroman“ geschrieben habe. Die Heftigkeit der Reaktionen hängt nicht nur mit der Skandal-Prominenz des Autors zusammen und den Abstiegsfantasien, an die er rührt, sondern hat auch damit zu tun, dass er reale Persönlichkeiten mit Klarnamen auftreten lässt.

Der Autor hält in „Unterwerfung“ der französischen Politik und der westlichen Gesellschaft, die an ihrem „atheistischen Humanismus“ zugrunde gehe, einen Zerrspiegel vor. In seiner Zukunftsvision ist der Front National unter Marine Le Pen die stärkste politische Kraft. Um die Machtübernahme der Rechtspopulisten zu verhindern, verbünden sich die Sozialisten mit einer islamischen Partei.

„Unterwerfung“ wird heute anders gelesen, als man es in den Zeiten vor den Terroranschlägen, inklusive dem 11. September, gelesen hätte. Im Buch heißt die dämonische Schlüsselfigur Robert Rediger und ist der neue Präsident der muslimischen Universität Sorbonne. Vorlage hierfür ist der Philosoph Robert Redeker, der wegen islamkritischer Äußerungen 2006 Morddrohungen erhalten hatte. Houellebecq macht den Kunstgriff, als Vorbild für den Chefideologen einer muslimischen Regierung ausgerechnet einen der schärfsten Gegner des Islams zu wählen. Auch Redekers Alter Ego im Buch ist ein ehemaliger Rechter und glühender Nietzscheaner, der zum Islam konvertiert ist, weil er sich von ihm die Erfüllung seiner sozialdarwinistischen Ideen erhofft. „Transzendenz ist ein selektiver Fortpflanzungsvorteil“, heißt es an einer Stelle.

Sexuelle Verführung des Islamismus

François, soll zum Islam übertreten. Dafür wird dem entlassenen Mittelbau-Professor ein Ruf an die Sorbonne angeboten. Damit ist nicht nur ein dreifaches Gehalt verbunden, sondern auch die Möglichkeit, mehrere Ehefrauen zu haben.

Im Bewerbungsgespräch finden wir die Zusammenfassung des Romans. Hier treffen sich Übermensch und Unterhose. Während Rediger seine biologistischen Thesen ausbreitet, interessiert sich François allein für das Kapitel Polygamie aus dem Leitfaden zum Islam, den Rediger verfasst hat.Der Protagonist François ist die anfechtbarste Figur im Roman. Er, der keine feste Bindung eingehen will, weil er die Idee der romantischen Liebe als Komplementärideologie zum herrschenden Konsumismus ablehnt, findet im Islam einfach ein anderes Konsumangebot. Das ist für ihn so etwas wie eine neue Stimulierung.

Islamische Machthaber (im Roman) kommen nicht gewaltsam an die Macht. Sie verführen die Demokratie

Auf der individuellen Ebene ist François‘ durch seine Schwäche verführbar. Auf der politischen Ebene des Romans passiert dies in der gleichen Logik.  Der Islam kommt nicht gewaltsam durch einen Putsch an die Macht, sondern nach demokratischen Prinzipien. Hitler kam ja auch auf demokratischem Weg an die Macht. Erdogan scheint ja auch Schritt für Schritt die Demokratie in der Türkei abzubauen.

Michel Houellebecq stellt in seinem Roman hauptsächlich die Verführbarkeit zum Extremismus dar. Sein labiler Held François trägt den Namen eines französischen Jedermanns.

Die Unterwerfung, Titel und Modell des Romans, orientiert sich an einem literarischen Vorbild, was der Autor explizit benennt. Es ist die „Geschichte der O“, ein Klassiker der erotischen Literatur. Hier geht es um die Lust an sadomasochistischen Unterwerfungen. Diese Geschicht wurde ursprünglich von Dominique Aury unter dem Pseudonym Pauline Réage geschrieben. Ausgangspunkt war Jean Paulhan, ihr Geliebter und Arbeitgeber.

Dieser Paulhan war die zentrale Figur des Verlags Gallimard, Treffpunkt der Résistance-Autoren während der deutschen Besetzung. Im Roman residiert in Paulhans Pariser Stadtpalais nun der Scharfmacher Rediger. Dieser war ein Kollaborateur neuen Zuschnitts, der die einstige Versammlungsstätte der widerständigen Intelligenz des Landes für sich vereinnahmte.

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Paradoxe Wirkung: Ein Idealist wird bestätigt

Der Autor legt ein fein geknüpftes Netz an Verweisen aus. Folgt man diesen Fährten, versteht man die Stoßrichtung. Im Titel „Unterwerfung“, spielt er nicht nur auf Theo van Goghs Film über die Unterdrückung der Frauen im Islam an. Er verknüpft das Thema mit der Geschichte der O, die sich zur devoten Gespielin ausbilden lässt. François landet bei seiner Unterwerfung weich, lässt sich der Islam doch bruchlos mit seinen erotischen Vorlieben vereinbaren.

Die Tatsache, dass Houellebecq sein Leitmotiv so stark sexualisiert, also ästhetisch auflädt, zeigt ihn letztlich als verhinderten Idealisten. Gewissermaßen ein Idealist, der als Provokateur auftritt. Dieser Idealist in ihm müsste eigentlich nahezu paradox bestätigt worden sein. Die bürgerliche Mitte rückte nach den Bluttaten enger zusammen. Damit wurde und wird sein entworfenes Schreckensszenario widerlegt. Es ist zu hoffen, dass es so bleibt.

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