„Romane schreibt man von innen nach außen“ Paul Auster auf der 17. lit.Cologne – Erfolgreiches Literaturfestival – Von der Freiheit des Wortes in der Türkei, den unveröffentlichten Tagebüchern von Heinrich Böll, Matthias Brandts Vatersehnsucht und Liedermacher Axel Bosse – (WehrWolter – ww 235 – Hans Wolter)

Auf der 17. lit.Cologne las Paul Auster aus seinem 17. Roman „4321“. Der US-Autor legte sein 1260-Seiten-Monument vor, während sein neuer Präsident am liebsten 140 Zeichen kurze Twitter-Botschaften in die Welt hinauspustet. Mit einem Rekord von 110 000 Besuchern ging am Samstag das Literaturfestival lit.Cologne erfolgreich zu Ende. Die Auslastung der 200 Veranstaltungen lag bei 95 Prozent. Das Kölner Literaturfestival setzte sich in diesem Jahr für verfolgte Schriftsteller in der Türkei ein.

Auf der Abschlussgala in der Kölner Philharmonie gehörte der Autor Matthias Brandt zu den Höhepunkten. Er las kurze Kindheitsgeschichten aus seinem autobiografischen Werk „Raumpatrouille“. Seine drei ausgewählten Texte handelten vom Bestreben des Kindes, die Eltern mit Zaubertricks zu beeindrucken, was in einem unehrenhaftem Wohnzimmerbrand endet, von der Brutalität unter Schülern, die freilich eine gleichzeitige Freundschaft nicht ausschloss und von der bangen Sehnsucht des Jungen nach der Sehnsucht des distanzierten Vaters. Alles beeindruckende Geschichten, die aber nochmals an Besonderheit gewinnen, wenn man weiß, dass sein Vater, der große, in alle wichtigen Dingen vertiefte Bundeskanzler Willy Brandt war.

Meinen Einblick in die 17. Lit.Cologne beschränke ich exemplarisch auf Schnappschüsse von folgenden vier Veranstaltungen:

Die Freiheit des Wortes in der Türkei

US-Autor Paul Auster über sein neustes Werk „4321“

Lesung aus unveröffentlichten Böll-Tagebüchern der Kriegsjahre

Axel Bosse über Seekrankheit, Fenchelhonig und die Angst vor Kritik

Lit Cologne

Die Freiheit des Wortes in der Türkei

160 Journalisten und Autoren sind in der Türkei inhaftiert, andere sind vor der Verfolgung geflüchtet. Zum Auftakt der lit.Cologne sprachen Can Dündar, Dogan Akhanli und Asli Erdoğan über die Situation in ihrer Heimat. Es war ein bewegender Moment der Eröffnungsveranstaltung der 17. lit.Cologne, als Asli Erdoğan auf dem Großbildschirm erschien. 132 Tage hatte die türkische Schriftstellerin im Gefängnis gesessen, ehe sie kurz vor Neujahr aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. Überraschend konnte sie per Skype zugeschaltet werden und so aus der Ferne an der Gesprächsrunde teilnehmen. Das Bild ist körnig, der Ton undeutlich, Asli Erdoğan wirkt schmal, ihre Stimme klingt weich. Doch was sie sagt, lässt an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Wie schon in ihrer Grußbotschaft zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr, die sie damals aus dem Gefängnis schickte, setzt sich die Autorin auch jetzt vehement für die Freiheit des Wortes ein. „Es ist sehr wichtig, zu verstehen, welch wertvolles Gut die Meinungsfreiheit ist. Sie ist das wichtigste Menschenrecht.“ (Quelle: http://www.dw.com/de/litcologne-die-freiheit-des-wortes-in-der-t%C3%BCrkei/a-37871585)

Lit Cologne Auster

US-Autor Paul Auster über sein neustes Werk „4321“

Paul Auster hatte schon anderthalb Jahre an seinem 17. Roman geschrieben, als er plötzlich einen neuen Titel brauchte. „Ferguson“ sollte er ursprünglich heißen, nach dem Familiennamen des Protagonisten, dessen Leben  der US-Autor in vier verschiedenen Variationen erzählt.

Der Titel „Ferguson“ wurde zum Tabu

Doch dann wurde im August 2014 in der gleichnamigen Kleinstadt im Bundesstaat Missouri ein junger Farbiger von einem weißen Polizisten erschossen. Tagelang kam Ferguson, die Stadt, nicht aus den Schlagzeilen. „Da hat sich die reale Welt in meine Fiktion hineingeschlichen“, sagt Auster dazu am  Freitagabend im Theater am Tanzbrunnen. Sein bislang umfangreichstes Werk trägt daher nun den Titel „4321“.

Mit heiserer, belegter Stimme unterhält sich der heftig erkältete Auster mit Moderator Bernhard Robben, immer wieder zieht er zwischendurch ein großes Stofftaschentuch aus der Hosentasche. Doch abgesehen davon, dass er nicht fotografiert werden möchte, wirkt der 70-Jährige ausgesprochen freundlich und seinen Fans zugewandt. Mit ansteckender Begeisterung berichtet er von dem Enthusiasmus, der ihn packte, als er die Idee für „4321“ entwickelte. Während er sonst dazu neige, diesen ersten Gedanken monate- oder  jahrelang hin und her zu wälzen, begann er diesmal nach einer Woche mit dem Schreiben.

Schreiben ohne Fahrplan als Entdeckungsreise

Und zwar in dieser Reihenfolge: „Ich habe den ersten Satz zuerst geschrieben, dann den zweiten und so weiter.“ Klingt logisch, aber dabei ist Robbens Frage gar nicht so abwegig: Ob Auster die vier Lebensgeschichten des Archibald F. nicht zunächst jeweils am Stück geschrieben und erst später zerstückelt und neu zusammengesetzt habe. „Nein, nein“, beteuert Auster, so könne er nicht arbeiten. Schreiben sei für ihn eine Entdeckungsreise mit viel Improvisation und ungewissem Ende. Er habe, wenn er einen Roman beginne, jedenfalls keinen Fahrplan, wie es weitergeht („I don’t really know where I’m going“).

Auch die Frage, welcher Ferguson ihm besonders an Herz gewachsen sei, kann Paul Auster nicht beantworten. Er liebe seine Figuren grundsätzlich. „Ohne diese Zuneigung könnte ich nicht über sie schreiben und mich in sie hineinversetzen.“ Der Einblick in Austers Werkstatt gipfelt in dem Lehrsatz: „Romane schreibt man von innen nach außen.“

Dass Paul Auster Anfang 2017 ein 1260-Seiten-Monument vorlegt, während der neue US-Präsident am liebsten 140 Zeichen  kurze  Twitter-Botschaften in die Welt hinauspustet, wäre  schon ein Anlass gewesen,  mit dem Autor über Trump zu sprechen. Doch   Bernhard Robben widersteht der Versuchung, Auster in die Niederungen der Tagespolitik hinabzuziehen. Wie organisch amerikanische Geschichte und Privates in  „4321“ zusammenfließen, zeigt  ein von Auster und  Sylvester Groth abwechselnd gelesenes Schlüsselkapitel: Die elektrisierende Begegnung des 16-jährigen Ferguson mit seiner Herzdame  Amy Schneiderman. Am Tag,  als sie endlich die New Yorker Wohnung der Schneidermans für sich haben, stirbt John F. Kennedy. Die Schüsse von Dallas überlagern den ersten Sex.

(Quelle: http://www.ksta.de/kultur/lit-cologne/lit-cologne-us-autor-paul-auster-ueber-sein-neustes-werk–4321–26213776)

Lit Cologne Böll

Lesung aus unveröffentlichten Böll-Tagebüchern der Kriegsjahre

Am Anfang bezaubern ihn noch „die bunten Kleider der Frauen und die hohen herbstlichen Bäume“. Im Spätsommer 1938 ist der 20-Jährige unterwegs in den Krieg. Er sitzt im Zug, die Städte scheinen am Fenster vorbeizufliegen wie Bilder auf einer Leinwand. Damals weiß Heinrich Böll, eins von acht Kindern eines Schreiners aus der Südstadt, noch nicht, dass es fast sieben Jahre dauern wird, bis er wieder zurück nach Hause darf. Und welches Grauen er dazwischen erleben muss.

Im Rahmen der 17. Lit.Cologne wartete der Verlag Kiepenheuer & Witsch im ausverkauften WDR-Funkhaus mit einer Sensation auf. Michael Lentz, Florian Lukas und Anja Lais lasen Texte aus noch unveröffentlichten Böll-Tagebüchern der Kriegsjahre 1943-45. Im Herbst soll – zum 100. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers – bei KiWi eine Faksimiliausgabe erscheinen.

(Quelle: http://www.rundschau-online.de/kultur/litcologne/lit-cologne-lesung-aus-unveroeffentlichten-boell-tagebuechern-der-kriegsjahre-26198818)

Lit Cologne Bosse

Axel Bosse über Seekrankheit, Fenchelhonig und die Angst vor Kritik

Allein schon der Beginn liefert Grund zur Erheiterung. Kaum hat das Literaturschiff der lit.Cologne am Montagabend abgelegt, legt Axel Bosse („Engtanz“) seine Tendenz zur Seekrankheit offen. „Auf Schiffen werde ich absolut weich“, erklärt der Braunschweiger Sänger im Rahmen der Literaturfest-Veranstaltung auf dem Rhein.

Damit bietet sich eine angemessene Grundlage, um mit Moderatorin Bianca Hauda im selbst bezeichneten „Deep-Talk“ über seine Texte, seine Inspiration, seine Karriere und seinen Erfolg zu sprechen. Dafür hat er sechs seiner Lieder ausgewählt, die thematisiert werden, und die er gemeinsam mit Stefan Lenkheit am Keyboard und Niklas Hardt am Cello in wohlklingendem Sound präsentiert.

„Wir haben immer an unseren Erfolg geglaubt“

Während der Veranstaltung ist von Seekrankheit nichts zu spüren: Gut aufgelegt, mit viel Humor und voller Energie zeigt er sich den rund 700 Gästen. Energiegeladen sei er schon immer gewesen, verrät der 37-Jährige. Allerdings sei ihm lange Zeit nicht bewusst gewesen, wie er diese Energie effizient nutzen sollte. Auch heute habe er oft das Gefühl, einen Umweg zu laufen.

Dazu passt, dass ihm der große Durchbruch erst 2013 mit seinem fünften Studio-Album „Kraniche“ gelang – obwohl er bereits zehn Jahre zuvor unter dem Namen „Bosse“ seine Solokarriere gestartet hatte. „Wir haben als Band aber immer an unseren Erfolg geglaubt. Wir wussten alle, dass irgendwann mehr als 20 Leute zu unseren Konzerten kommen würden.“

Dass sich der Erfolg einstellte, sei auch stark mit Selbstreflektionen und Veränderungen seiner persönlichen Denkweise verbunden, sagt Axel Bosse. Ein Resultat dieses Prozesses sei unter anderem „Steine“ – eines der an diesem Abend gespielten Lieder, das beispielsweise vom Verdrängen von Problemen und das Aufräumen des eigenen Ichs handelt. „Musik muss empathisch sein“, erklärte Axel Bosse. Deswegen müsse er auch keine politischen Texte schreiben. Auch bei der Inspiration zu den Geschichten in seinen Liedern sei er deshalb lieber „gesellschaftlich“, sagt der Wahl-Hamburger, der mit der türkischen Schauspielerin Ayşe Bosse verheiratet ist und mit ihr eine Tochter hat.

Fenchelhonig für den Wohlfühleffekt

Trotz der phasenweise ernsten Anlässe oder Gedanken, aus denen seine Lieder entstanden sind, überzeugt Axel Bosse während des kurzweiligen Austausches auf dem Literaturschiff mit einer großen Portion Humor und Selbstironie. Um den Wohlfühleffekt zu wahren, hat er sich selbst Fenchelhonig mitgebracht. Schließlich sei er gerade auf Tour und eine Erkältung der Feind. Auch seine Lieblingshose, „bequem wie eine Jogginghose“, darf nicht fehlen.

Mit Unsicherheit hat er es nicht so. Das drücke sich auch beim Liederschreiben aus. „Beim Texten bin ich schon irgendwie der Asozialste. Ich zeige die Lieder wirklich keinem, bis der Songtext nicht fertig ist. Ich habe viel zu große Angst davor, dafür zerrissen zu werden – vor allem von meiner Frau.“ Deswegen könne es passieren, dass die Arbeit an einem Liedtext auch schon mal mehrere Monate andauere. „Ich neige dazu, meine Texte ständig zu verschlimmbessern. Deswegen muss ich mir für ein Album auch ganz bewusst eine Deadline setzen“, sagt Bosse. Dass er auch anders kann, offenbart er bei der Geschichte zur Entstehung des Liedes „Schönste Zeit“. „Das war in sechszehneinhalb Minuten fertig.“

Es spricht für den Typen Axel Bosse, dass er sich am Ende bei Moderatorin Bianca Hauda für das „wunderbare Gespräch“ bedankt.

(Quelle: http://www.ksta.de/kultur/lit-cologne/lit-cologne-2017-axel-bosse-ueber-seekrankheit–fenchelhonig-und-die-angst-vor-kritik-26194952)

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Lit Cologne Titel

 

 

2 Kommentare

  1. Vielen lieben Dank, lieber Hans, für Deine spannend beschriebenen Eindrücke.

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