Wenn Menschen uns gewaltsam in ihren Albtraum ziehen – Druck und Möglichkeiten zur Selbstinszenierung wachsen auch auf der dunklen Seite – Amokflug 4U9525 – Germanwings/ Lufthansa – ein trauriger Jahrestag – (WehrWolter – ww 237 – Hans Wolter)

Kurzzusammenfassung: Wir leben in einem Zeitalter der zunehmenden Selbstinszenierungen. Der Druck, in der Öffentlichkeit etwas darzustellen und die Möglichkeiten hierzu, sind enorm gestiegen. Vor zwei Jahren ließ ein Co-Pilot ein Flugzeug mit 150 Insassen absichtlich abstürzen. Das hat etwas von Judas: Verrat aus den eigenen Reihen. Wie lassen sich Suizide und Amokläufe psychologisch verstehen? Von der Psycho-Logik der Opfer-Täter-Verkehrung. Wie können wir uns gegen die zunehmende Verunsicherung wehren? Abwehrmechanismen: das Immunsystem der Psyche. Transparentmachen der Bedrohung ist effektiver als Verdrängung und blinde Abwehr. Die Eltern des Amokpiloten setzen durch ihren Medienauftritt in einer gruselige Art und Weise das Anliegen ihres Sohnes fort. Anstelle einer glaubhaften Entschuldigung, geht der Narzissmus seinen grausamen Weg weiter.

Sich selbst in den Mittelpunkt stellen, das war und ist schon immer ein Anliegen der Menschen. Als Neugeborene haben wir einen natürlichen Anspruch darauf. Dennoch ist es nicht selbstverständlich, dass wir von unseren Eltern, von unserem Umfeld als etwas Besonderes wahrgenommen werden. Egal unter welchen Bedingungen wir aufwachsen, Anerkennung, Spiegelung und das Gefühl einer Selbstwirksamkeit brauchen wir ein Leben lang. Mit dem technischen Fortschritt, besonders dem Internet, sind die Möglichkeiten der Selbstinszenierung enorm gewachsen. Heute kann jeder auf die Bühne gehen. Diese Möglichkeit kann natürlich auch Druck ausüben. Ich poste, also bin ich. Leider kann der Druck zur Selbstinszenierung auch fatale Folgen haben.

Erlebt sich ein Mensch sich vielleicht eher auf der Verliererseite des Lebens, kann er auf Dauer psychisch und in Folge auch körperlich erkranken. Depressionen werden in den meisten Fällen durch Verlusterfahrungen ausgelöst. Das kann der Verlust bedeutsamer Personen, der Verlust des Arbeitsplatzes, der Verlust der Schönheit oder auch der Verlust des eigenen Idealbildes von sich selbst sein. Verlieren wir etwas, dann erleben wir uns in einer passiven Situation. Uns geht etwas verloren, vielleicht nimmt uns ein anderer sogar etwas aktiv weg. Damit können wir uns als Opfer erleben. Diese Gefühle sind schwer aushaltbar.

Ein gesunder Umgang mit Verlusten wäre eine Aktivierung unserer Kräfte, um das Verlorene zu ersetzen oder uns umzuorientieren.

Abwehrmechanismen: das Immunsystem der Psyche

Unsere Psyche neigt dazu, unser Selbstgefühl zu schützen. Sogenannte Abwehrmechanismen versuchen den Schmerz abzuwehren. Dies können wir uns wie bei unserem Immunsystem vorstellen, das einen grippalen Infekt abwehrt. Die Abwehr aus der Psyche passiert häufig jenseits unseres Bewusstseins, also unbewusst.

Verdrängung

Der bekannteste Abwehrmechanismus ist die Verdrängung. Meinen Klienten und Patienten erkläre ich das immer so: Nehmen wir an, wir hören ein tickendes Geräusch aus unserer Handtasche oder unserem Rucksack. Dies könnte von einem Wecker kommen. Da es allerdings auch auf eine Bombe hinweisen könnte, bekommen wir Angst. Um diese Angst zu verringern, könnten wir die Tasche in einen Nachbarraum stellen und die Tür verschließen. Das wäre Verdrängung. Nach einiger Zeit vergessen wir die vermutete Gefahr, weil wir ja das Ticken nicht mehr höre. Unterschwellig bleibt allerdings die Angst nicht nur vorhanden. Sie wächst sogar. Sigmund Freud sah in der Angst vor der „Rückkehr des Verdrängten“ die größte Angst.

Besser wäre es, die Tasche vorsichtig zu öffnen und zu untersuchen. Kommt es uns merkwürdig vor, weil es vielleicht blinkt, könnten wir einen Experten einschalten. Das wäre z.B. eine Psychotherapie. Erst wenn wir dem Inhalt der Tasche auf den Grund gegangen sind, können wir das Ticken erklären und damit letztlich diese Angst grundsätzlich überwinden.

Die Umwandlung des Namens von Germanwings in Eurowings, soll auch die Verdrängung unterstützen.

Verkehrung ins Gegenteil

Ein anderer Abwehrmechanismus, mit dem unsere Psyche Verletzungen unseres Selbstwertgefühls abzuwehren versucht, wäre die „Verkehrung ins Gegenteil“. Erlebe ich mich als vermeintliches Opfer, weil ich beispielsweise eine Kündigung meines Jobs befürchte, kann ich einen Ausweg aus der Befürchteten Schmach finden, indem ich in die Täterposition gehe. Ich kündige selbst und gehe vielleicht erhobenen Hauptes aus der Situation hinaus.

Suizide und Amokläufe

Jetzt will ich mal die Verbindung zu tragischen Entwicklungen wie Suiziden und Amokläufen knüpfen. Viele Selbsttötungen haben ihren Ursprung in narzisstischen Kränkungen. Kränkungen die vielleicht weit zurückreichen, aber auch in der Zukunft befürchtete Verletzungen. In einem verletzten Menschen kann die Befürchtung wachsen, dass sich eigene Versagensgefühle steigern können, indem eine Öffentlichkeit Kenntnis davon bekommt und man verlacht und damit weiter entwertet werden könnte.

So können wir z.B. den Suizid des Torwarts Robert Enke verstehen. Der Mann hat gemerkt, dass seine Leistung nachließ. Vielleicht zunächst wegen einer körperlichen Erkrankung, dann aber auch aus Angst und möglicher Verkrampfung. Fakten kamen hinzu. Er wurde z.B. vom Bundestrainer nicht mehr als die Nummer 1 gehandelt. Er hat gemerkt, dass er Angst vorm Ball bekam. Das kann ihm die Bestätigung seiner Versagensgefühle gegeben haben. Solch ein Mensch war es gewohnt, viel Kraft aus der Anerkennung seines Umfeldes zu ziehen. Nicht selten füllen diese Menschen damit auch frühe Defizite. Häufig hatten sie in Kindheit und Jugend wenig echtes Geliebtwerden spüren können. Diese Leerstelle ließ sie allerdings nicht verzweifeln, sondern spornte sie zu besonderen Leistungen an. Eine solche Entwicklung habe ich schon einmal am Beispiel des Weltfußballers Cristiano Ronaldo beschrieben.

(Aufstieg vom Totgewünschten zum Fußballgott: Cristiano Ronaldo, ein Ikarus auf idealer Flughöhe: Wenig Liebe, aber viel erarbeitete Wertschätzung – Licht & Schatten des Narzissmus – Vom Segen gelungener Selbstliebe – ( ww 224 )

Gelingt es allerdings nicht mehr, seinen Kopf mit einem Mehr an Leistung aus der Schlinge zu ziehen, kann man in zunehmende Angst und Rückzug rutschen. Das hat zur Folge, dass die ersehnte Anerkennung durch die Mitmenschen zurückgeht. Die Depression nimmt an Fahrt auf. Hier steckt die Gefahr, dass Selbstzweifel wachsen und sich vielleicht in Selbstvorwürfe steigern. Auf jeden Fall wird es enger. Damit steigt der Druck, sich aus der Enge befreien zu wollen. An diesem Punkt können Menschen lebensmüde werden und Suizidphantasien bzw. – wünsche bekommen. Wenn sie ihrem Leben ein Ende setzen, erhoffen sie sich einerseits eine Befreiung aus dem verspürten Druck. Andererseits könnten sie auch noch das Gefühl bekommen, die passiv erlebte Opferposition zu verlassen und damit zum aktiven Täter zu werden. Wenn sie diesen Schritt noch, wie z.B. der Politiker Jürgen Möllemann, mit einem spektakulären ungeöffneten Fallschirmsprung in der Öffentlichkeit vollziehen, setzten sie noch einmal einen großen Auftritt in Szene.

Psycho-Logik der Opfer-Täter-Verkehrung

Amokläufe sind häufig erweiterte Suizide. Auch hier wirkt die Psycho-Logik der Opfer-Täter-Verkehrung. Nicht selten sind es z.B. Menschen, die sich gemobbt oder deutlich benachteiligt erleben. Diese fühlen sich als Täter noch ein letztes Mal mächtig. Sie können sich rächen und stehen für eine Zeitlang im Scheinwerferlicht der Medien. Auch wenn sie als Böse in die Geschichte eingehen. Sie gehen ein. Natürlich haben diese Menschen einen großen Leidensdruck. Aber das Tragische ist, dass sie teils viele unschuldige Menschen in ihren Albtraum gewalttätig reinziehen.

Der Amokflug hat etwas von der Judasgeschichte: Verrat aus den eigenen Reihen

So verstehe ich auch den Amokflug des Germanwings-Copiloten Andreas Lubitz. Hierzu habe ich schon vor zwei Jahren einige Beiträge veröffentlicht. Hierbei habe ich viel Gegenwind erfahren müssen. Ich vermute, dass hier viele Angstreaktionen verantwortlich waren. Dieser absichtlich herbeigeführte Absturz ist ja für jeden absolut beängstigend. So etwas erschüttert unser grundlegendes Vertrauen, ohne das wir eigentlich kein Flugzeug besteigen können. Unfälle sind schon beängstigend. Aber gegen einen Amokpiloten können wir uns letztlich nicht richtig schützen. Nach Nine/eleven konnten wir die Fahndung nach Terroristen und die Sicherheitsmaßnahmen verstärken. Aber wenn ein Pilot, also einer aus den eigenen Reihen zuschlägt, dann hat das etwas vom Judasverrat. Jesus hatte es zwar vorausgesehen. Konnte es aber nicht verhindern.

Wie können wir uns besser schützen?

Was wir tun können, ist Piloten regelmäßig zu untersuchen. Sie nicht nur jährlichen körperlichen Untersuchungen zu unterziehen, sondern auch durch Gespräche mit erfahren Psychologen regelmäßig in den Blick zu nehmen. Bei den Bewerbungsgesprächen, jährlichen Kontrollgesprächen und Menschen die ihren Kollegen auffallen. Die Sprüche: „Wir können keinem hinter die Stirn gucken“ erscheinen mir in diesem Zusammenhang zu resignativ. Durch regelmäßige Untersuchungen können wir schon die Wahrscheinlichkeiten solcher Taten durchaus verringern.

Medienauftritt der Eltern des Amokpiloten

Die Eltern des Amokpiloten sind am heutigen Jahrestag des tragischen Absturzes an die Öffentlichkeit getreten. Sie vertreten die Auffassung, dass ihr Sohn kein Täter gewesen sei. Dazu haben sie einen Experten gefunden, der dies zu widerlegen sucht. So sehr ich nachvollziehen kann, dass Eltern vielleicht ihr verstorbenes Kind in Schutz nehmen wollen, mich macht dieser Schritt wütend.

Mir stellt es sich so dar, dass das Motiv der Eltern ein Reinwaschen von Schuld ist. Sie versuchen dies erneut über einen Medienauftritt. Damit setzen sie auf eine gruselige Art und Weise das Anliegen ihres Sohnes fort. Erschreckend finde ich, dass auch sie dabei das Leiden unschuldiger Menschen in Kauf nehmen. Viele Angehörige der Todesopfer sind entsetzt. Zunächst über die damalige Todesanzeige, dann über den Grabstein und nun über den medienwirksamen Auftritt der Eltern am zweiten Jahrestag. Anstelle einer glaubhaften Entschuldigung, geht der Narzissmus seinen grausamen Weg weiter.

Um noch einige Fakten darzustellen zitiere ich jetzt einen Beitrag aus dem heutigen Kölner Stadtanzeiger. Im Anschluss greife ich noch einmal einen früheren Artikel von mir hierzu auf.

Germanwings-Absturz Lubitz‘ Eltern wollen weitere Ermittlungen erzwingen

(Petra Pluwatsch, Kölner Stadtanzeiger, 24.03.2017)

„Ich hoffe.“ Das sind die letzten Worte des Germanwings-Piloten Andreas Lubitz, ehe der 27-Jährige am 24. März 2015 den Sinkflug von Flug 4U9525 einleitet. Elf Minuten später, um 9.41 Uhr, zerschellt der mit 150 Menschen besetzte Airbus an einem abgelegenen Felsmassiv in den südfranzösischen Alpen. Weder die 144 Passagiere noch die sechs Besatzungsmitglieder überleben das bislang größte Unglück in der Geschichte der zivilen Luftfahrt in Deutschland.

Auch zwei Jahre später bleiben viele Fragen zu den genauen Umständen der Katastrophe sowie zu der moralischen und juristischen Verantwortung für den Absturz offen. Fragen, die sich nicht nur Hunderte Hinterbliebene der 149 Absturzopfer stellen. Fragen, die auch Günter und Ulrike Lubitz umtreiben, die Eltern eben jenes Mannes, der nach bisherigen Erkenntnissen am 24. März 2015 für ein paar Minuten allein im Cockpit des Maschine saß und eine tödliche Entscheidung traf.

Experte hält Vorsatz-These für nicht haltbar

Sie laden an diesem Freitag, dem zweiten Jahrestag des Absturzes, zu einer Pressekonferenz nach Berlin ein. Sie seien der festen Überzeugung, heißt es in der Einladung, dass ihr Sohn eben nicht der „dauerdepressive Copilot“ sei, als der er seit zwei Jahren dargestellt werde. Es gebe vielmehr „bis heute viele bei der Aufklärung der Ursachen vernachlässigte Aspekte“.

Im Juli 2016 beauftragte die Familie daher den Luftfahrtexperten Tim van Beveren mit weiteren Untersuchungen, um Belege für eine möglicherweise andere Absturzursache zu finden. Van Beverens Fazit nach acht Monaten Recherche: „Die These eines vorsätzlichen Massenmordes ist nicht haltbar.“ Es gebe „viele Dinge, die „absichtlich oder aber fahrlässig aus Inkompetenz heraus passend gemacht wurden“, sagt er in einem Gespräch mit der „Zeit“.

Der Vorstoß der Familie Lubitz befremdet nicht nur die Angehörigen der Opfer. Auch die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft zeigt sich überrascht. „An dem Umstand, dass wir von der alleinigen Verantwortung des Piloten für den Absturz ausgehen, hat sich nichts geändert“, erklärte Staatsanwalt Christoph Kumpa auf Anfrage.

Angehöriger: „Opulenter Grabstein war Schlag ins Gesicht“

Der Düsseldorfer Unternehmer Klaus Radner findet noch ganz andere Worte für das Vorgehen der Familie Lubitz. Der 62-Jährige verlor bei der Katastrophe seine Tochter Maria, eine bekannte Opernsängerin, und seinen 18 Monate alten Enkel. Auch der Lebensgefährte der Tochter starb bei dem Unglück. „Diese Menschen verleugnen die Wirklichkeit und wollen nicht wahrhaben, dass ihr Sohn ein Massenmörder ist.“

Schon die Traueranzeige der Eltern und der opulente Grabstein für Andreas Lubitz seien ein Schlag ins Gesicht der Opferangehörigen gewesen. „Die erste Katastrophe für mich war der Tod meiner Kinder“, sagt Radner. „Die zweite, zu erfahren, dass ein Mensch daran schuld war. Die dritte Katastrophe war die Todesanzeige für Lubitz.“ Und jetzt also das. „Wie viel erträgt ein Mensch noch?“, frage er sich manchmal. Und: „Wie lange muss ich diese Provokationen noch aushalten?“

Auch zwei Jahre nach dem Absturz ist Radner in psychiatrischer Behandlung. Auf seinem Schreibtisch türmen sich Aktenordner und Untersuchungsberichte aus Frankreich und Deutschland. 14 Beweisanträge und rund 20 Strafanzeigen hat der Unternehmer bei der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft gestellt: gegen die Flugärzte der Lufthansa, gegen die behandelnden Ärzte des Piloten, gegen dessen Eltern und die Lebensgefährtin. „Sie alle haben gewusst, in welchem Zustand Lubitz war. Wieso hat keiner die Reißleine gezogen und gesagt: Flieg nicht?“

Co-Pilot gilt als einziger Schuldiger

Lubitz, seit 2014 im Einsatz für Germanwings und im Besitz eines bis August 2015 gültigen Tauglichkeitszeugnisses der Klasse 1, gilt nach jetzigem Erkenntnisstand als einziger Schuldiger an dieser beispiellosen Flugkatastrophe. Das Todesermittlungsverfahren ist inzwischen abgeschlossen, sämtliche Beweisanträge und Strafanzeigen der Opferfamilien wurden zurückgewiesen. Es gebe keine Anhaltspunkte für ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten einer noch lebenden Person, ließ Staatsanwalt Christoph Kumpa im Januar 2017 verlauten.

Lubitz steht schon früh in Verdacht, den Absturz der Maschine bewusst verursacht zu haben. Bereits am 25. März meldet die „New York Times“ unter Berufung auf französische Quellen, der Copilot habe den Kapitän aus dem Cockpit ausgesperrt und die Maschine absichtlich gegen einen Berg gesteuert. Einen Tag später lässt die Staatsanwaltschaft Düsseldorf Lubitz’ Elternhaus in Montabaur und seine Wohnung in Düsseldorf durchsuchen. Sie findet unter anderem eine Krankschreibung seiner Düsseldorfer Hausärztin Birgit R. bis einschließlich 30. März 2015 sowie Verpackungen von Psychopharmaka und Schlafmitteln.

Eine Mappe enthält Unterlagen von Besuchen bei mehreren Augenärzten und einem Psychiater. Daraus geht hervor, dass Lubitz seit Dezember 2014 unter massiven Seh- und Schlafstörungen leidet. Eine körperliche Ursache für seine Beschwerden lässt sich nicht finden. Die Ärzte vermuten daher eine psychosomatische Erkrankung.

Lubitz litt an schwerer Depression

Doch wie krank war der Pilot an diesem 24. März 2015 wirklich?

Unstrittig ist, dass Lubitz zwischen 2008 und 2009 an einer schweren Depression litt. Er musste deswegen seine Flugausbildung in den USA für mehrere Monate unterbrechen. Inzwischen gilt er zwar als geheilt, doch sein Tauglichkeitszeugnis der Klasse 1 trägt seitdem einen Sondervermerk: Es wird nur dann um ein weiteres Jahr verlängert, wenn der Berufsanfänger psychisch gesund ist.

Es steht zu vermuten, dass Lubitz diese Bedingung Anfang 2015 nicht erfüllt: Allein zwischen dem 17. Februar und dem 18. März besucht er sechs verschiedene Ärzte, die ihm unter anderem Antidepressiva und angstlösende Medikamente wie Mirtazapin, Lorazepam und Escitalopram verschreiben.

„Drohende Psychose“ diagnostiziert Birgit R. am 10. März 2015 – und empfiehlt ihrem Patienten „dringend“ eine Psychotherapie. Noch am selben Tag stellt sie ihm eine Überweisung an eine Tagesklinik aus. Zwei Tage später schreibt sie ihn bis Ende des Monats krank. „Psychosomatischer Beschwerdekomplex: Somatoforme Störungen nicht näher bezeichnet“, steht auf der Krankschreibung, die Lubitz’ Arbeitgeber, die Lufthansa, nie erreichen wird: Die Ermittler finden sie zerrissen in seiner Wohnung. Elf Tage nach dem Arztbesuch ist Lubitz tot. Und mit ihm weitere 149 Menschen.

Vater will weitere Ermittlungen erzwingen

Nicht nur die französische Flugsicherheitsbehörde kommt in ihrem Abschlussbericht zu dem Schluss, dass Lubitz psychisch krank war. „Am Tag des Unfalls litt der Pilot an einer psychiatrischen Störung, die wahrscheinlich eine psychotisch depressive Episode war“, heißt es in dem mehr als 100 Seiten starken Untersuchungsbericht vom März 2016. Zu einer ähnlichen Einschätzung ist zuvor bereits die „Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung“ in Braunschweig gekommen, obwohl auch sie keine genaue Diagnose wagt. „Der Copilot litt zum Zeitpunkt des Unfalls an einer schweren psychischen Erkrankung.“

Günter Lubitz will jetzt weitere Ermittlungen erzwingen. Er ist nicht der Einzige, der auf neue Erkenntnisse hofft.“

(Quelle:http://www.ksta.de/panorama/germanwings-absturz-lubitz–eltern-wollen-weitere-ermittlungen-erzwingen-26248880)

AmokFlug 4U9525

„Vertrauen ist gut, Kontrolle sei besser? Aber der muss man auch erst mal vertrauen“ (E. Blanck, deutscher Heilpraktiker, Schriftsteller und Maler) – (WehrWolter – ww 8 – Hans Wolter)

(30. März 2015)

4U9525 –

Warum sind „Technisches Versagen“ und „Verschwörungstheorien“ leichter hinzunehmen?

Immer wieder erreichen mich Kommentare und Rückmeldungen auf meine Artikel, die mich darauf hinzuweisen versuchen, dass wir der sogenannten „Lügenpresse“ (u.a. Kampfbegriff der Nationalsozialisten) nicht trauen dürfen. Dass es sich beim AmokFlug 4U9525 in „Wirklichkeit“ um Technisches Versagen oder eine Naturkatastrophe gehandelt habe.

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Mir reichte die Information der „New York Times“, bereits am 26.02.2015. Insbesondere die Auswertung des Stimmenrekorders. Klar werden wir im Detail nicht alles genau rekonstruieren können. 1. War keiner dabei. 2. Wird Vieles auch nicht gesagt, um die Bevölkerung, insbesondere die Kunden, nicht weiter zu verängstigen. Dazu kommt, dass es eine Vereinbarung gibt, über Suizide und Amokläufe in der Presse möglichst wenig zu berichten. Damit versucht man Nachahmer zu vermeiden. Die Fachleute sprechen da vom „Werther-Effekt“. Das geht darauf zurück, dass sich viele Männer 1774 umbrachten, als sie Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ gelesen hatten. Das ist kein BlaBla. Wenn wir das googeln, können wir lesen, dass dies in den USA im letzten Jahr zugenommen hat. Ich habe in meinen Texten zu erklären versucht, was im Co-Piloten Andreas Lüpitz vor sich gegangen sein konnte. Nicht als Hellseher, sondern als Psychologe, der sich mit dem Krankheitsbild „Narzisstische Persönlichkeitsstörung“ auskennt. Vereinfacht kann man sagen, dass hier das Gefühl der Kleinheit in Grandiosität verkehrt wird. Wie bei Hitler, der zunächst von der Kunstakademie abgelehnt wurde und sich dann als größter Massenmörder aller Zeiten einen Namen gemacht hat. Eiskalt.

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Natürlich kommen bei dem Amok-Flug auch noch andere Dinge hinzu. Beispielsweise juristische Fragestellungen. Als Angehöriger würde ich z.B. darüber nachdenken, ob ich Lufthansa/Germanwings verklage. Weil ich auf dem Standpunkt stehe, dass die Firma ja wusste, dass ihr Mitarbeiter Andreas Lübitz schon mehrfach durch Depressionen arbeitsunfähig war. Hier hat die Airline eine regelmäßige Überprüfung unterlassen. Dies könnte man durchaus als Tatbestand der „groben Fahrlässigkeit“ auslegen. All diejenigen, die jetzt auf technisches Versagen setzen, könnten die Airline von diesem Vorwurf entlasten. Das wäre z.B. ein Punkt, an dem die Airline Interesse an „Verschwörungstheorien“ haben könnte.

AmokFlug2Psychologisch klarer ist die Erklärung, das technische Fehler der Mehrzahl der Menschen weniger Angst machen. Weniger Angst, als die „Bombe im Kopf“ des Piloten. Am wenigsten Angst machen die Argumente „höhere Gewalt“ oder „Naturkatastrophe“. Da kann keiner dafür. Darauf kann sich keiner richtig einstellen. Das kann ich als Angehöriger deutlich besser verkraften und betrauern. Das ist – nebenbei gesagt – auch der Hintergrund, dass in Kriegszeiten psychische Störungen stark rückläufig sind. Dann entsteht so etwas wie eine Solidargemeinschaft der Betroffenen. Sehr, sehr hinderlich für den psychisch immens wichtigen Trauerprozess der Angehörigen, ist die furchtbare Tatsache, dass es ein kaltblütiger Massenmord, eines wohlerzogenen und gut aussehenden jungen Mannes war. Das kann man jetzt auch schwer mit islamistischem Hintergrund oder Wahnsinn wegargumentieren.Wolf2

Auf dem Hintergrund würde auch verständlich, wenn so mancher Angehörige sich von Verschwörungs- oder Katatstrophenkonstruktionen angezogen fühlt. Es darf einfach nicht sein, was nicht sein darf, was nicht sein kann, was nicht sein …

Der Film „Departed – Unter Feinden“ führt uns vor, dass wir keinem Menschen vertrauen können. Letzten Endes, müssen wir aber an bestimmten Punkten vertrauen können. Wir haben nämlich keine Zeit uns wochenlang mit dem Leben eines Lufthansapiloten zu beschäftigen. Wir haben nur die Wahl zwischen Einsteigen oder Draußen bleiben. Wir müssen gewissermaßen Vor-Urteile treffen. Damit geben wir einen Vor-Schuss an Vertrauen. Wenn wir uns am Flughafen, beim operierenden Arzt oder beim KFZ-Mechaniker nicht mehr darauf verlassen können, dass diese Menschen keine Tötungsabsichten haben, dann funktioniert unsere Kultur unser Sozialwesen nicht mehr.

Noch einmal kurz zum Tvertrauen4hema Trauer

und Trauer-Arbeit.

Am Wochenende lass ich einen Artikel, indem Margot Käßmann zu mehr Stille und Ruhe aufforderte. Sie würden im Gottesdienst längere Zeit gemeinsam schweigen, um den Angehörigen auch emotional nahe zu sein, um mit ihnen zu fühlen. Ist das immer richtig? Es werden so viele Klischees ab- und ausgerufen, die auch von sogenannten „Fachleuten“ unhinterfragt verbreitet werden. Zur geforderten Stille kann ich nur sagen, dass ich viele Menschen kenne, die das nicht gut aushalten. Die dafür aber weder oberflächlich noch schlecht sind. Mir wird es auch mulmig bei der Vorstellung. Was heißt das denn genau, dass ich versuchen soll, mich in die Seele der Angehörigen ein-zu-fühlen? Das fällt mir, als Vater zweier Kinder … unsagbar schwer. Unsagbar schwer, wenn ich es aufrichtig versuche. So würde ich mich als Vater vielleicht schuldig fühlen, dass ich mein Kind habe mitfliegen lassen. Dazu brauche ich jetzt Worte, Sprache, Zuspruch: „Du bist nicht schuldig!“ „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. LEBEN muss man vorwärts!“ Diesen tröstenden und zugleich absolut realistischen Satz – des Philosophen Sören Kierkegaard – sage ich meinen Patienten, wenn sie mit dem Verlauf ihrer Entscheidungen hadern. Wenn ich solche Bilder entwerfe, dann kann auch eine kürzere Schweigezeit hilfreich sein. Dann.

Vielleicht lenke ich mich von den Ohnmachtsgefühlen ab, indem ich Wut auf die vielen hohlen Phrasen bekomme. Der Kinofilm „Ziemlich beste Freunde“Ziemlich beste Freunde3ist deshalb so erfolgreich, weil er diese Phrasen und Klischees durchbricht. Darüber wird er ehrlich und lebendig. Hier ist wieder ein Paradox: durch die Sichtbarmachung der schmerzlichen Wahrheit, lebt es sich besser, als mit der zudeckenden Verschleierung des Grausamen.

Dipl.-Psych. Hans Wolter, Dürener Str. 87, 50931 Köln

Amok Titel

3 Kommentare

  1. Ja, genau. die hier gewählte Bühne hat mich irritiert. Bei allem Verständnis für seine persönliche Situation.

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  2. Lieber Hans, wieder ein toller Beitrag. Ich habe aus zwei Sichtweisen reflektiert. Einmal aus Sicht eines Menschen in einer tiefen Depression. Danach als Vater. Zunächst zu mir. Vielleicht wa meine depressive Phase nicht tief genug. Aber ich konnte mir in meiner Wut alles vorstellen. Nur nicht, unbeteiligte Menschen damit zu behelligen, geschweige denn sie in den Tod zu reißen. Ich habe erst einmal mich selbstkritisch hinterfragt, mit Freunden gesprochen und verbündete gesucht. Hätte ich sie nicht gefunden, hätte ich niemanden umgebracht. Auch mich nicht. Das war schon eine erste wertvolle Erkenntnis. Ich habe mich aber auch gefragt, wie ich agieren würde, wenn einer meiner Söhne so agiert hätte. Ich bin Ihnen sehr verbunden und sie werden, da sie mich kennen, verstehen, dass ich, hier mit Blick auf die Betroffenen eine klare Grenze ziehe. Mein .eigenes Leid an einem für andere so besonderen Jahrestag auszubreiten ist für mich ein absolutes No Go.

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    1. Vielen Dank für Deine ausführliche Rückmeldung. In diesem vorliegenden Fall kommt zur Depression noch entscheidend eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zu. Ein „normal Depressiver“ würde sich im Stillen suizidieren. Da der Vater sicher auch narzisstische Störungsanteile hat, muss er für seinen Entlastungsversuch auch noch einmal eine große Bühne wählen. Das Leid der Angehörigen ist ihm dabei nicht so wichtig.

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