Unsere Augen sind weder trocken, noch nass, sondern ein wenig feucht – und das lateinische Wort für Feuchtigkeit ist: Humor. Heinrich Böll wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Er hatte sehr gute Augen und Humor. – Wird der Literaturnobelpreisträger weniger gewürdigt, auch in Köln, weil er Dinge sah, die viele so nicht sehen wollten? – (WehrWolter – ww 238 – Hans Wolter)

Anfang des Jahres lernte ich René Böll, den Sohn des Schriftstellers Heinrich Böll persönlich kennen. Der zurückhaltende Mann lächelte, als ich ihm sagte, dass ich seinen Vater vor fast 40 Jahren für einen kleinen privaten Film einmal interviewt hatte. Durch sein aufflackerndes mildes Lächeln, stand sein Vater wieder vor mir. Nach diesem kurzen Gespräch ging er auf die Bühne. Dort fragte er sich, mich und das Publikum zum Auftakt des Böll-Jahres, bei einem Vortrag im Bonner LVR-Museum, warum sein Vater von der Stadt Köln nicht mehr Beachtung und Würdigung findet. Vielleicht durch ein Museum oder ähnliches. Diese Frage wurde nicht beantwortet und war auch eher rhetorisch gestellt. Da ich auch schon mehrfach darüber nachgedacht hatte, möchte ich hier meine Ideen dazu kurz kundtun.

 

Böll Rene Rhein

Die Macht der Verdrängung

Nach dem zweiten Weltkrieg setzte eine große kollektive Verdrängung ein. Die meisten Menschen wollten nicht mehr zurück, sondern nach vorne schauen. Der Schriftsteller Heinrich Böll stellte aber in seinen Werken und auf Lesungen unangenehme Fragen. Zum Beispiel fragte er sich, wieso derjenige, der Blockwart unter den Nationalsozialisten war, auch heute wieder eine führende Rolle im Stadtviertel einnimmt. Er machte darauf aufmerksam, dass bei weitem nicht alle Deutschen, alle Kölner, Opfer Adolf Hitlers waren. Es ist verständlich, dass viele Menschen sich nicht gerne einen Spiegel vorhalten ließen. Darin hätte man vielleicht die glänzenden Augen gesehen, wenn der „Führer“ sprach oder gar leibhaftig erschienen ist.

Böll LVR

Die Werke Bölls zu dieser Zeit wurden als sogenannte „Trümmerliteratur“ abgewertet. Doch der – auch politische – Schriftsteller wendete diese Abwertung in eine trotzige Aufwertung. Er verfasste daher 1952 den Essay: „Bekenntnis zur Trümmerliteratur“ Diesen Text finde ich so großartig, dass ich ihn vollständig zitieren werde.

 

Eigentlich liebt der Kölner sich und alles was seine Stadt groß macht

Der Kölner an sich ist schon auffallend selbstverliebt in seine Stadt. Ich persönliche finde das als Kölner ganz in Ordnung. Das eher lockere rheinische Wesen hat mit den Jahren immer mehr an Anziehungskraft bekommen. Die Stadt wächst beständig, der Kölner Dom ist der meistbesuchte Ort in Deutschland und der Karneval zieht jährlich Millionen Menschen in die Stadt. Heinrich Böll sah allerdings auch viele Dinge, die nicht so gut in der alt ehrwürdigen Rheinmetropole liefen und hielt immer wieder mal den Finger in die Wunde.

Heinrich Böll Friedensbewegung

 

Heinrich Böll hatte ein recht ambivalentes Verhältnis zu Köln

Er hat sich sehr an der Stadt und die Stadt an ihm abgearbeitet. „Diese Zerrissenheit im Bezug auf Köln, aber auch auf die katholischen Kirche“, sagt Erich Kock, der sieben Jahre als Bölls Privatsekretär diente, „hat seine Kraft als Poet ausgemacht“. Kock sagt das, obwohl er den Kirchenaustritt seines Freundes nie verstanden hat. Kock glaubt, dass weniger die Romane als Essays über die Heimat und Kurzgeschichten wie „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“, eine Satire auf den WDR, Bölls Genie ausmachen. Romane wie „Ansichten eines Clowns“ oder „Billard um halb zehn“ waren lange weiter Schullektüre.

Die Trennung zwischen dichtendem und politischem Autor sah Böll als „tief verwurzeltes Bildungsmissverständnis“

Böll sei immer stärker auf Distanz zu Köln gegangen, sagt Erich Kock. „In einem späten Rundfunkinterview sagte er, dass er mit Köln abgeschlossen habe. Aufs Land ist er auch gezogen, weil er sich dort besser bewegen konnte. Aber es hat gewiss auch seinen Grund, warum er sich dort begraben ließ.“ Vielleicht waren es zu viele der aus seiner Sicht bornierten Kämpfe, die Böll Frieden im beschaulichen Bornheim-Merten suchen ließen. Als man übereinkam, ihm die Ehrenbürgerwürde zu verleihen, hatten sich Teile der CDU geweigert, ihn auch als „kritischen und engagierten Beobachter gesellschaftlicher Fehlentwicklung“ zu ehren. Es sollte genügen, ihn als „meisterhaften Erzähler und Schriftsteller von internationalem Rang“ zu würdigen. Die Trennung vom dichtenden und politischen Autor bezeichnete Böll in seiner Dankesrede zur Ehrenbürgerschaft als „tief verwurzeltes Bildungsmissverständnis“.

Der Kölner Böll Platz ist ein Platz, der kein Platz sein darf

Nach Bölls Tod ging das Gezerre weiter, so bei der Benennung eines Platzes nach dem berühmtesten Schriftstellersohn der Stadt. Als der Appellhofplatz nicht nach Böll benannt werden sollte, einigte man sich auf die Fläche vor dem Museum Ludwig. Dies ist allerdings ein Platz, der bis heute bei Proben und Konzerten in der Philharmonie nicht betreten werden darf. Ironischer Weise war für Böll die sinnlose Verbauung Kölns ein Lebensthema. Der Kölner Böll Platz ist ein Platz, der kein Platz sein darf.

Heinrich Böll: Köln gibt's schon, aber es ist ein Traum - Buch

„Köln gibt’s schon, aber es ist ein Traum“

Köln ist Böll nach dem zweiten Weltkrieg fremd geworden. Vor allem durch den Bau von viertelzerschneidenden Straßen. „Man kann nicht mehr auf der Straße spielen, nicht mehr spazieren gehen in der Stadt“, klagte er. Köln gebe es zwar noch, „aber es ist ein Traum“. Bölls Köln war die Stadt vor dem Krieg. Hier fand er die meisten Gesichter und Plätze für seine Geschichten. Auf der Straße verdiente der Schriftsteller sein erstes Brot. Vor dem Krieg, im Reichsarbeitsdienst, lernte der 20-Jährige Böll Zuhälter kennen, für die er Liebesbriefe an Prostituierte schreiben musste.

„Es gibt eben sehr viele Köln, in meiner Erinnerung drei, vier, fünf Köln“, sagte Böll. Die Stadt vor dem Krieg, jene der Kirchen und jene der Autos. Traum und Albtraum wechselten sich darin ab: Das Köln seiner Jugend mit den Bürgern, die Hitler 1933 nicht mehrheitlich wählten – und die Nazi-Herrschaft, die auch hier brutal durchschlug. Die eigene Frömmigkeit – und die aus seiner Sicht untertänige Amtskirche. Die freiheitsliebenden Menschen – die zusahen, wie ihre Stadt versperrt wurde. Nur zusehen mochte Heinrich Böll nie. „Er wollte etwas ausrichten. Den politischen Autoren und den Poeten konnte man nicht trennen“, sagt Erich Kock. Wenn man es versuchte, wurde die liebe Stadt ihm, mal wieder, zum Albtraum.

Der Kölner Dom gefiel Böll nie so richtig

Er hielt auch mehr von den alten romanischen Kirchen, als vom gotisch emporgeschossenen Kölner Dom. All das und vor allen Dingen, die Macht der Verdrängung, haben aus meiner Sicht dazu beigetragen, das Köln seinen großen literarischen Sohn nicht angemessen würdigt.

 Köln steht Kopf

Von Charles Dickens über Adolf Hitler zu Heinrich Böll

Abschließend möchte ich ihn noch einmal zu Wort kommen lassen. Daher gebe ich sein Statement zur Trümmerliteratur wörtlich noch einmal wieder. Einmal, weil es zu meinen Lieblingstexten von Böll gehört, aber eher noch, weil er das im letzten Jahr wieder veröffentlichte Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler angemessen einordnet.

Heinrich Böll (1917‑1985) hatte nach dem Abitur eine Buchhandelslehre abgeschlossen, war dann aber viele Jahre Soldat. Bereits 1936 begann er zu schreiben, wurde nach dem Krieg durch seine Kurzgeschichten und Satiren sowie seine Romane bekannt. In seinen frühen Werken schildert er realistisch das Grauen des Krieges und die Not der Nachkriegs­jahre. Später übte er Kritik an Auswüchsen der Wohlstandsgesellschaft und den sozial­moralischen Ansprüchen kirchlicher und staatlicher Institutionen. Seine Liebe gehörte einfachen Menschen und Außenseitern. Seine letzten Werke galten den großen Problemen der Zeit. Wiederholt hat er sich in die öffentliche Diskussion eingeschaltet. Das „Bekenntnis“ dieses Aufsatzes von 1952 zur Trümmerliteratur hat Böll nie verraten.

 Böll Profil

Bekenntnis zur Trümmerliteratur

Heinrich Böll

„Die ersten schriftstellerischen Versuche unserer Generation nach 1945 hat man als Trümmerliteratur bezeichnet, man hat sie damit abzutun versucht. Wir haben uns gegen diese Bezeichnung nicht gewehrt, weil sie zu Recht bestand: tatsächlich, die Menschen, von denen wir schrieben, lebten in Trümmern, sie kamen aus dem Kriege, Männer und Frauen in gleichem Maße verletzt, auch Kinder. Und sie waren scharfäugig: sie sahen. Sie lebten keineswegs in völligem Frieden, ihre Umgebung, ihr Befinden, nichts an ihnen und um sie herum war idyllisch, und wir als Schreibende fühlten uns ihnen so nahe, dass wir uns mit ihnen identifizierten. Mit Schwarzhändlern und den Opfern der Schwarzhändler, mit Flüchtlingen und allen denen, die auf andere Weise heimatlos geworden waren, vor allem natürlich mit der Generation, der wir angehörten und die sich zu einem großen Teil in einer merk‑ und denkwürdigen Situation befand: sie kehrte heim. Es war die Heimkehr aus einem Krieg, an dessen Ende kaum noch jemand hatte glauben können.

Wir schrieben also vom Krieg, von der Heimkehr und dem, was wir im Krieg gesehen hatten und bei der Heimkehr vorfanden: von Trümmern; das ergab drei Schlagwörter, die der jungen Literatur angehängt wurden: Kriegs‑, Heimkehrer‑ und Trümmerliteratur.

Die Bezeichnungen als solche sind berechtigt: es war Krieg gewesen, sechs Jahre lang, wir kehrten heim aus diesem Krieg, wir fanden Trümmer und schrieben darüber. Merkwürdig, fast verdächtig war nur der vorwurfsvolle, fast gekränkte Ton, mit dem man sich dieser Bezeichnung bediente: man schien uns zwar nicht verantwortlich zu machen dafür, dass Krieg gewesen, dass alles in Trümmern lag, nur nahm man uns offenbar übel, dass wir es gesehen hatten und sahen, aber wir hatten keine Binde vor den Augen und sahen es: ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers.

Die Zeitgenossen in die Idylle zu entführen würde uns allzu grausam erscheinen, das Erwachen daraus wäre schrecklich, oder sollen wir wirklich Blindekuh miteinander spielen?

Als die Französische Revolution ausbrach, brach sie für dengrößten Teil des französischen Adels mit der Plötzlichkeit eines Gewitters aus; die Überraschung war ebenso groß wie das Entsetzen: man hatte nichts geahnt. Ein ganzes Jahrhundert fast hatte man in idyllischer Abgeschiedenheit verbracht; die Damen als Schäferinnen, die Herren als Schäfer verkleidet, war man in einer künstlichen Ländlichkeit einhergegangen, hatte gesungen, gespielt, sich Schäferstündchen gegeben – innerlich verfault von Verderbnis wie von einer fressenden Krankheit – mimte man nach außen die ländliche Frische und Unschuld und – man spielte Blindekuh miteinander. Diese Mode, deren süßliche Verderbtheit uns heute Erbrechen verursacht, war durch eine Literatur ins Leben gerufen und am Leben erhalten worden: durch Schäferromane, Schäferspiele. Die Schriftsteller, die sich schuldig daran machten, hatten tapfer Blindekuh gespielt. Aber das französische Volk beantwortete dieses idyllische Spiel mit einer Revolution, deren Wirkungen, obwohl sie mehr als einhundertfünfzig Jahre zurückliegt, wir heute noch spüren, deren Freiheiten wir heute noch genießen, ohne uns ständig der Ursache bewusst zu sein.

Aber zu Anfang des 19. Jahrhunderts lebte in London ein junger Mann, der kein erfreuliches Leben hinter sich hatte: sein Vater hatte Bankrott gemacht, war ins Schuldgefängnis geraten, und der junge Mann selbst hatte in einer Fabrik für Schuhwichse gearbeitet, ehe er seine vernachlässigte Schulbildung aufholen und Reporter werden konnte. Bald schrieb er Romane, und in diesen Romanen schrieb er über das, was seine Augen gesehen hatten: seine Augen hatten in die Gefängnisse, in die Armenhäuser, in die englischen Schulen hineingesehen, und was der junge Mann gesehen hatte, war wenig erfreulich, aber er schrieb darüber und das Merkwürdige war: seine Bücher wurden gelesen, sie wurden von sehr vielen Menschen gelesen und der junge Mann hatte einen Erfolg, wie er selten einem Schriftsteller beschieden ist: die Gefängnisse wurden reformiert, die Armenhäuser und Schulen einer gründlichen Betrachtung gewürdigt und: sie änderten sich.

Allerdings: dieser junge Mann hieß Charles Dickens, und er hatte sehr gute Augen, die Augen eines Menschen, die normalerweise nicht ganz trocken, aber auch nicht nass sind, sondern ein wenig feucht – und das lateinische Wort für Feuchtigkeit ist: Humor.

Charles Dickens hatte sehr gute Augen und Humor. Und seine Augen hatten so gut gesehen,dass er es sich leisten konnte, Dinge zu beschreiben, die sein Auge nicht gesehen hatte – er nahm keine Lupe,wandte auch nicht den Trick an, ein umgekehrtes Fernglaszu nehmen, wodurch er die Dinge sehr präzise, aber sehr entfernt sah, er hatte auch keine Binde vor den Augen,und wenn er auch Humor genug hatte, hin und wieder mit seinen Kindern Blindekuh zu spielen – er lebte nicht imBlindekuhzustand. Das letztere scheint das zu sein, wasman vom modernen Autor verlangt, Blindekuh nicht als Spiel, sondern als Zustand. Aber ich wiederhole: ein gutesAuge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers, ein Auge, gut genug, ihn auch Dinge sehen zu lassen, die in einem optischen Bereich noch nicht aufgetaucht sind.

Nehmen wir an, das Auge des Schriftstellers sieht in einen Keller hinein: dort steht ein Mann an einem Tisch, der Teig knetet, ein Mann mit mehlbestaubtem Gesicht: der Bäcker. Er sieht ihn dort stehen, wie Homer ihn gesehen hat, wie er Balzacs und Dicken’s Augen nicht entgangen ist ‑ den Mann, der unser Brot backt, so alt wie die Welt, und seine Zukunft reicht bis ans Ende der Welt. Aber dieser Mann dort unten im Keller raucht Zigaretten, er geht ins Kino, sein Sohn ist in Russland gefallen, dreitausend Kilometer weit liegt er begraben am Rande eines Dorfes; aber das Grab ist eingeebnet, kein Kreuz steht darauf, Traktoren ersetzen den Pflug, der diese Erde sonst gepflügt hat. Das alles gehört zu dem bleichen und sehr stillen Mann dort unten im Keller, der unser Brot backt ‑ dieser Schmerz gehört zu ihm, wie auch manche Freude dazu gehört.

Heinrich Böll 6

Und hinter den verstaubten Scheiben einer kleinen Fabrik sieht das Auge des Schriftstellers eine kleine Arbeiterin, die an einer Maschine steht und Knöpfe ausstanzt, Knöpfe, ohne die unsere Kleider keine Kleider mehr wären, sondern lose an uns herunterhängende Stoff-Fetzen, die uns weder schmücken noch wärmen würden: diese kleine Arbeiterin schminkt sich die Lippen, wenn sie Feierabend hat, auch sie geht ins Kino, raucht Zigaretten; sie geht mit einem jungen Mann spazieren, der Autos repariert oder die Straßenbahn fährt. Und es gehört zu diesem jungen Mädchen, dass ihre Mutter irgendwo unter einem Trümmerhaufen begraben liegt: unter einem Berg schmutziger Steinbrocken, die mit Mörtel gemengt sind, unten tief irgendwo liegt die Mutter des Mädchens, und ihr Grab ist ebensowenig mit einem Kreuz geschmückt wie das Grab des Bäckersohnes. Nur hin und wieder – einmal im Jahr – geht das junge Mädchen hin und legt Blumen auf diesen schmutzigen Trümmerhaufen, unter dem seine Mutter begraben liegt. Diese beiden, der Bäcker und das Mädchen, gehören unserer Zeit an, sie hängen in der Zeit, Jahreszahlen sind um sie geschlungen wie ein Netz; sie aus dem Netz zu lösen hieße, ihnen ihr Leben zu nehmen, aber der Schriftsteller braucht Leben und wer anders könnte diesen beiden ihr Leben erhalten als die Trümmerliteratur?

Der Blindekuh‑Schriftsteller sieht nach innen, er baut sich eine Welt zurecht. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts lebte in einem süddeutschen Gefängnis ein junger Mann, der ein sehr dickes Buch schrieb; der junge Mann war kein Schriftsteller, er wurde auch nie einer, aber er schrieb ein sehr dickes Buch, das den Schutz der Unlesbarkeit genoss, aber in vielen Millionen Exemplaren verkauft wurde: es konkurrierte mit der Bibel! Es war das Buch eines Mannes, dessen Augen nichts gesehen hatten, der in seinem Inneren nichts anderes hatte als Hass und Qual, Ekel und manch Widerwärtiges noch ‑ er schrieb ein Buch, und wir brauchen nur die Augen aufzuschlagen: wohin wir blicken, sehen wir die Zerstörungen, die auf das Konto dieses Menschen gehen, der sich Adolf Hitler nannte und keine Augen gehabt hatte, um zu sehen: seine Bilder waren schief, sein Stil war unerträglich ‑ er hatte die Welt nicht mit dem Auge eines Menschen gesehen, sondern in der Verzerrung, die sein Inneres sich davon gebildet hatte.

Wer Augen hat zu sehen, der sehe! Und in unserer schönen Muttersprache hat Sehen eine Bedeutung, die nicht mit optischen Kategorien allein zu erschöpfen ist: wer Augen hat, zu sehen, für den werden die Dinge durchsichtig ‑ und es müsste ihm möglich werden, sie zu durchschauen, und man kann versuchen, sie mittels der Sprache zu durchschauen, in sie hineinzusehen. Das Auge des Schriftstellers sollte menschlich und unbestechlich sein: man braucht nicht gerade Blindekuh zu spielen, es gibt rosarote, blaue, schwarze Brillen ‑ sie färben die Wirklichkeit jeweils so. wie man sie gerade braucht. Rosarot wird gut bezahlt, es ist meistens sehr beliebt und der Möglichkeiten zur Bestechung gibt es viele ‑, aber auch Schwarz ist hin und wieder beliebt, und wenn es gerade beliebt ist, wird auch Schwarz gut bezahlt.

Aber wir wollen es so sehen, wie es ist, mit einem menschlichen Auge, das normalerweise nicht ganz trocken und nicht ganz nass ist, sondern feucht – und wir wollen daran erinnern, dass das lateinische Wort für Feuchtigkeit Humor ist –, ohne zu vergessen, dass unsere Augen auch trocken werden können oder nass; dass es Dinge gibt, bei denen kein Anlass für Humor besteht. Unsere Augen sehen täglich viel: sie sehen den Bäcker, der unser Brot backt, sehen das Mädchen in der Fabrik – und unsere Augen erinnern sich der Friedhöfe; und unsere Augen sehen Trümmer: die Städte sind zerstört, die Städte sind Friedhöfe, und um sie herum sehen unsere Augen Gebäude entstehen, die uns an Kulissen erinnern, Gebäude, in denen keine Menschen wohnen, sondern Menschen verwaltet werden, verwaltet als Versicherte, als Staatsbürger, Bürger einer Stadt, als solche, die Geld einzahlen oder Geld entleihen – es gibt unzählige Gründe, um derentwillen ein Mensch verwaltet werden kann.


Es ist unsere Aufgabe, daran zu erinnern, dass der Mensch nicht nur existiert, um verwaltet zu werden – und dass die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur äußerer Art sind und nicht so geringfügiger Natur, dass man sich anmaßen kann, sie in wenigen Jahren zu heilen. Der Name Homer ist der gesamten abendländischen Bildungswelt unverdächtig: Homer ist der Stammvater europäischer Epik, aber Homer erzählt vom Trojanischen Krieg, von der Zerstörung Trojas und von der Heimkehr des Odysseus – Kriegs-, Trümmer- und Heimkehrerliteratur –, wir haben keinen Grund, uns dieser Bezeichnung zu schämen.

Diesen Essay von Heinrich Böll aus dem Jahr 1952 fand ich in: Hierzulande. Aufsätze zur Zeit. Sonderreihe dtv, 1. Auflage Januar 1963. Quellenhinweis: aus: „Werke. Kölner Ausgabe Band 6“ von Heinrich Böll. Herausgegeben von Àrpad Bernáth in Zusammenarbeit mit Annamária Gyurács. © 2007, Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co.KG, Köln

Weiterlesen?

„Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“ – Zum 30sten Todestag des Kölner Schriftstellers Heinrich Böll – Passend zu Frank Witzel. Preis Frankfurter Buchmesse – Verdamp lang her – im Gespräch mit dem Kölner Sänger & Künstler Wolfgang Niedecken – (WehrWolter – ww 72 – Hans Wolter)

Tschö Poldi: Einer der großen Kölner Söhne hätte Dir ins Poesiealbum geschrieben: „Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“ 100 Jahre Heinrich Böll – 130 Länderspiele Lukas Podolski – Lebensfreude trifft Melancholie – (WehrWolter – ww 236 – Hans Wolter)

Böll 100 Jahre

1 Kommentar

  1. Ja, Du bringst es genau auf den Punkt. Und genau deshalb hadere ich zuweilen mit der Stadt, in der ich geboren bin.

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