Was rückt Bob Dylan mit seinen Mysterienspielen bei der Abholung des Literaturnobelpreises ins Bild? – Der Meister des „I’m Not There“ spielt mit den Identitäten, dem Ineinanderfließen der Zustände, der Zeiten und Personen, mit der Auflösung des Ichs – (WehrWolter – ww 239 – Hans Wolter)

Bob Dylan ist doch noch leibhaftig erschienen. Kurz, wortkarg, ohne Öffentlichkeit. Mit mehr als drei Monaten Verspätung hat er sich seinen Literaturnobelpreis in Stockholm abgeholt. Die Inszenierung blieb mysteriös. Der Termin fand an einem geheimen Ort statt, bei seinem Konzert in der schwedischen Hauptstadt schweigt der Sänger zum Thema. Für das stattliche Preisgeld (840.000 €) muss er bis zum 10. Juni noch eine Vorlesung halten. Allerdings hat er bei der Gestaltung seines Auftritts viel Spielraum: Er kann eine kurze Rede halten, ein Lied singen oder sich per Video-Schaltung zu Wort melden.

 

Was will uns Bob Dylan mit seinem Fernbleiben wortlos sagen?

Bob Dylan war am 13. Oktober als erstem Musiker überhaupt der Nobelpreis für Literatur zugesprochen worden. Tagelang reagierte der 75-Jährige nicht öffentlich, was für Befremden gesorgt hatte. Ihm selbst scheint seine Absage, den Preis zur gesetzten Zeit an der Akademie abzuholen, als stimmig zu seinem künstlerischen Schaffen anzusehen. Der Sänger & Texter erhält den Nobelpreis, weil er eine „neue poetische Ausdrucksweise innerhalb der großen amerikanischen Songtradition“ geschaffen hat. Dieser neue dichterische Ausdruck gründet bei Dylan im Fluss der Identitäten, im Spiel mit den Masken. Im Zentrum steht das Verschwinden und Verklären.

Der Song, der Dylans Schaffensweise offenbart, wurde 1967 in einem New Yorker eingespielt – als eines von mehr als hundert Stücken. Während eine Handvoll dieser Keller-Songs fast zehn Jahre später unter dem Namen „The Basement Tapes“ veröffentlicht wurden, dauert es noch einmal dreißig Jahre, bevor dieser Song auf dem Soundtrack eines Films – mit dem Titel: „I’m Not There“ – zum ersten Mal offiziell erscheint.

Dylan 2

I’m Not There

Things are crashing down
She’s all too tight
In my neighborhood
She cried both day and night
I know it because it was there

It’s a milestone
But she’s down on her luck
And the day makes her lonely
But to make it hard to buck, now and then

I believe that she’d stop him
If she would start to care
I believe that she’d look upon
His side that used to care
And I’d go by the Lord
Anywhere she’s on my way
But I don’t belong there

No I don’t belong to her
I don’t belong to any body
She’s my Christ-forsaken angel
But she don’t hear me cry
She’s a lone-hearted mystic
And she can’t carry on
When I’m there, she’s all right
But she’s not when I’m gone

Heaven knows that the answer
She don’t calling no one
She’s the way, forsaken beauty
For she’s mine, for the one
And I lost her, hesitation
By temptation as it runs
But she don’t holler me
But I’m not there, I’m gone

Now I’ll cry tonight
Like I cried the night before
And I’m knees on the hassle
But I’ll dream about the door
It’s so long, she’s forsaken
By her faith, worse to tell
It don’t have contonation

She smiles, fare thee well

Now when I treat to leave ‚er
I was born to love her
But she knows that the kingdom awaits
So high above her
And I run a better race
But it’s not too fast still
But I don’t perceive her
I’m not there, I’m gone

Well it’s all about diffusion
And I cry for her veil
I don’t need anybody now
Beside me to tell
And it’s all affirmation
I receive but it’s not
She’s a lone-hearted beauty
But she don’t like a spot
And she calls

Yeah, she’s gone like the rain
Below the shining yesterday
But now she’s home beside me
And I’d like her here to stay
She’s a lone, forsaken beauty
And it don’t trust anyone
And I wish I was beside her
But I’m not there, I’m gone

Well, it’s too hard to stay here
And I don’t want to leave
It’s so bad, for so few
See, but she’s a heart too hard to need
It’s alone, it’s a crime
The way she mauls me around
But she don’t fall to hate me
But tears are gone, a painted clown

Yes, I believe that it’s rightful
Oh, I believe it in my mind
I’ve been told like I said one night before
Carry on the cryin‘
And the sole gypsy told her
Like I said, carry on
I wish I was there to help her
But I’m not there, I’m gone

(Bob Dylan)

Um einen tieferen Zugang zu Bob Dylan zu bekommen, kann man den Schlüssel in diesem Song finden. Hierbei handelt es sich um sein mysteriösestes, aber vielleicht auch sein schönstes Stück. „I’m Not There“ ist ein geisterhafter Folk-Song. Es ist das Fragment einer Beziehungsgeschichte. Hierbei windet sich Dylan durch eine Erzählung von erlösender Liebe, Abhängigkeit und Verlust. Zum Ende jeder Strophe ringt er sich mal resigniert, mal verzweifelt zum Refrain durch: „I’m not there, I’m gone“. Ich bin nicht da, ich bin schon lange weg.

Bob Dylan löst die Kunstfigur Dylan auf

Der Künstler Bob Dylan will sich nicht fassen lassen. Auch nicht von einer Nobelpreisakademie. Immer wieder löst er die Kunstfigur Bob Dylan auf, um sie an einem anderen Ort, in einer anderen Gestalt wieder erscheinen zu lassen. Denn immer, wenn Dylan fassbar wurde, hat er sich weiterbewegt. Er ist verschwunden, um in einer neuen Inkarnation zurückzukehren. Als der junge Folk-Sänger zur Stimme seiner Generation auserkoren wurde, verschleierte Dylan die einst klaren Aussagen seiner Songs und wurde zum Verräter mit der E-Gitarre. Als er mit seinem neuen kalt-schimmernden Quecksilber-Sound die moderne Rockmusik erfunden hatte, zog sich Dylan aufs Land zurück, um die Mythen und die Musik der amerikanischen Geschichte zu erkunden. Als dann zwei Jahre später die Hippies in Woodstock einfielen, um das große Fest der Gegenkultur zu feiern, hatte Dylan gerade eine Country-Platte mit Johnny Cash aufgenommen – in Nashville, dem kommerziellen Herzen des musikalischen Amerikas.

Bob Dylan Wahrhol

Bob Dylan rückt das ewige Stirb-und-Werde ins Bild

Bob Dylan ist der Mann, der niemals da war. Er war immer einen Schritt weiter als seine Anhänger es von ihm erwarteten. Und so war und ist Dylan nie Dylan, sondern immer ein anderer. Nun wird der Musiker als Autor gefeiert, dabei ging es ihm in vielen seiner Songs gerade um das Spiel mit dem Konzept der Autorschaft. 1970 veröffentlichte Dylan ein Album mit dem Titel „Self Portrait“, auf dem Cover ein Selbstporträt des Künstlers. Auf dem ersten Song dieses Albums fehlte Dylan selbst. Er war zum ersten und einzigen Mal in seiner Karriere auf einem eigenen Song nicht zu hören. Als Dylan Jahrzehnte später den ersten Teil seiner Autobiografie „Chronicles“ schreibt, bedient er sich bei Marcel Proust, Ernest Hemingway, Jack London und H.G. Wells. Er erzählt seine Lebensgeschichte mit den Worten anderer Schriftsteller – ohne diese als solche klar zu kennzeichnen.

„Mysterienspiele“

… seien seine Lieder. Und so muss man sie verstehen. Es sind Maskenbälle, hier trifft Hochkultur auf Pop, feines Zitat auf plumpes Plagiat. Da tauchen Ovid und Vergil auf, die Ilias und die Bibel, Rimbaud und Shakespeare. Letzterer schrieb: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.“ Nach diesem Vorbild inszeniert Dylan seine Songs und nach diesem Vorbild inszeniert er auch sich selbst. So ergibt dann auch die Begründung der Akademie für den völlig verdienten Literaturnobelpreis einen Sinn: Die neue poetische Ausdrucksweise, die Dylan geschaffen hat, ist das Spiel mit den Identitäten, das Ineinanderfließen der Zustände, Zeiten und Personen, die Auflösung des Ichs. Man sollte sich deshalb nicht wundern, dass er auch von der Nobelpreis-Bühne schon wieder verschwunden ist. Er hat es ja in seinen Songs schon immer angekündigt.

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Bob Dylan Nobel

 

„How many roads … “ Bob Dylan, der singende Poet, erhält den Nobelpreis für Literatur – „Das ist Bob Dylan, und ich bin nur Präsident der Vereinigten Staaten.“ (Barack Obama) – Ein moderner Dichter, „Homer der Gegenwart“ (Sara Danius, Komitee, Stockholm) … must a man walk down, before you call him a man?– (WehrWolter – ww 194 – Hans Wolter)

Bob Dylan0

Bob Dylan: der Poet wird 75. – Auch BAP gratuliert Bob – Die Folklegende entzieht sich jeder Kategorisierung, indem er immer wieder mit dem Erreichten bricht. Hier zeigt sich ein radikal gelebter Individualismus, der sich niemandem unterwirft. – (WehrWolter – ww 158 – Hans Wolter)

Cohen0

Weh-Mut – Leonard Cohen – Versuch einer kunstanalogen Annäherung – Über Melancholie, Trauer & Depression in seinem Werk – Zwischen Brüchiger Heilung & Geheilten Brüchen erklingt ein leiden-schaftliches: Halleluja! – (WehrWolter – ww 208 – Hans Wolter)

Böll 100 Jahre

Unsere Augen sind weder trocken, noch nass, sondern ein wenig feucht – und das lateinische Wort für Feuchtigkeit ist: Humor. Heinrich Böll wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Er hatte sehr gute Augen und Humor. – Wird der Literaturnobelpreisträger weniger gewürdigt, auch in Köln, weil er Dinge sah, die viele so nicht sehen wollten? – (WehrWolter – ww 238 – Hans Wolter)

Bob Dylan Titel

 

1 Kommentar

  1. Es gibt drei Aspekte über den ich mit Bob Dylan einmal sprechen möchte. Das sind Respekt, Wertschätzung und Bescheidenheit. Ich mag mental bereits weiter sein, als diejenigen, die mich gerade loben oder sogar auszeichnen. Und doch wäre ich bescheidener und würde meine Mitmenschen lieber wertschätzend abholen. Einfach aus Respekt vor so einer Auszeichnung. Denn hier geht es nicht nur um mich. Ich denke, das hat Bob Dylan noch nicht begriffen. Würde er es verstehen, könnte er weit mehr bewirken. Und das ist tragisch.

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