Mut & Geschick zur Führung: Konrad Adenauer – Macht im Dienste des Gestaltungswillen: Köln vor der NS-Diktatur, Deutschland zurück zur Demokratie, hin zu Europa – Versuch einer persönlichen Einschätzung – (WehrWolter – ww 242 – Hans Wolter)

Man muss Dinge auch so tief sehen, dass sie einfach werden (K.A.)

Denk mal an Konrad Adenauer (05.01.1876 – 19.04.1967) – Anlass: Doppeljubiläum: 50. Todestag & vor 100 Jahren (18.09.1917) Wahl zum Kölner Oberbürgermeister

Meine Favoriten der jungen Bundesrepublik waren eher Heinrich Böll und Willy Brandt. Also erklärte Gegenspieler des „Alten“. Dies schicke ich vorsorglich vorweg, damit der Leser nicht in einer nahezu reflexartig auftretenden Gegenposition verharrt. Vielleicht hat es etwas mit der Emanzipation gegenüber den Vätern und Müttern zu tun, dass dieser Reflex häufig auftritt. So zumindest meine Beobachtung. Immer dann wenn man Stellung zu herausragende Persönlichkeiten bezieht. Zweifellos:  wer im hellen Bühnenlicht steht, wirft naturgemäß auch große Schatten.

Sicher war er keine einfache, aber meines Erachtens eine sehr verdienstvolle Persönlichkeit. Konrad Adenauer hat in seiner 16 jährigen Amtszeit als Oberbürgermeister (1917-1933) für die Stadt Köln bemerkenswert viel geleistet, wovon wir Kölner teils heute noch zehren. Historisch ist er vor allem deshalb bedeutsam, weil er die Bundesrepublik durch ihre ersten Jahre führte und die junge Republik nach den verheerenden Weltkriegen wieder selbstbewusst in der westlichen Wertegemeinschaft verankerte.

Adenauer Haus 3

Heute denke ich einmal persönlich über Konrad Adenauer nach, weil mich ein Besuch in seinem Röhndorfer Wohnhaus und eine Führung vor zwei Jahren nachhaltig beeindrucken konnte. Zugegeben, die Atmosphäre hat schon etwas Miefiges und Altbackenes. Dies spüre ich aber auch in Goethes Wohnhaus. Gut, Adenauer war einerseits irgendwie kleiner, als der Dichter. Allerdings war er auch ein Großdenkender. Anders als Goethe, war er kein Künstler. Dafür aber ein politischer Führer. Zur Führung gehören naturgemäß auch Fokussierung und eine gewisse Starre. In der Kunst ist dies meist hinderlich. Politische Führer müssen dagegen schon mal entschlossen die Gelegenheit beim Schopfe packen. Dabei gehen sie ab und zu auch schon mal Wege, die wir heute nicht mehr als „politisch korrekt“ einstufen würden. Vereint sind solche Menschen in ihrer Leidenschaft, mit der sie ihr Werk betreiben. Verbindendes Gefühl in den Häusern dieser beiden großen Deutschen, ist für mich das spürbar Väterliche.

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In den nahezu unverändert gebliebenen Räumen Adenauers ist heute noch die Bedeutsamkeit dieses Menschen zu spüren. Diese Bilder entstehen in mir, durch das was ich dort sehe, mein historisches Wissen und die persönlichen Anekdoten, die die Besucherführerin zu berichten weiß.  Zum Beispiel hängen da zwei selbstgemalte Bilder, die Staatsmänner ihm als nahezu intimes Geschenk dagelassen hatten. Das Bild des Engländers Churchill gefiel „dem Alten“, dass des amerikanischen Präsidenten Roosevelt fand er furchtbar.

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Als allerdings im Bonner Palais Schaumburg einmal eine amerikanische Delegation den spontanen Wunsch äußerte, unter dem Rooseveltbild fotografiert zu werden, hielt er seine Gäste so lange hin, bis seine Bediensteten das Bild vom Keller in sein Arbeitszimmer an einen exponierten Platz wechseln ließen. Jetzt wirkte es wie sein Lieblingsbild. Man nannte Adenauer nicht umsonst einen Fuchs.

Adenauer genoss zwar seine Familie, war aber in meinen Augen kein eigentlicher Familienmensch

So wie man sagt, dass ein Musiker mit der Musik verheiratet sei, schien mir Adenauer ein solch leidenschaftlicher Politiker und Machtmensch gewesen zu sein, dass enger persönliche Beziehungen nicht so wirklich Platz hatten in seinem übervollen Leben. Ich weiß auch nicht, ob seine beiden Eheschließungen hauptsächlich auf Liebe basierten.

Adenauer Frau 1

Am 28. Januar 1904 heiratete Adenauer Emma Weyer (1880–1916), die Tochter eines angesehenen Kölner Galeristen und Nichte des späteren Reichstagspräsidenten Max Wallraf. Aus dieser Ehe erwuchsen die Kinder Konrad (1906–1993), Max (1910–2004) und Maria (Ria, 1912–1998). Am 6. Oktober 1916 starb seine erste Frau Emma.

Am 26. September 1919 heiratete Adenauer Auguste Zinsser (genannt Gussie, 1895–1948), mit der er weitere fünf Kinder hatte: Ferdinand (* 1920, bald nach der Geburt verstorben), Paul (1923–2007), Charlotte (Lotte, * 1925), Elisabeth ( Libet, * 1928) und Georg (* 1931). Auguste Adenauer starb 1948. In der Forschung ist umstritten, ob die Todesursache Leukämie war oder ein Selbstmordversuch, den sie 1944 in Gestapo-Haft (Abtei Brauweiler) unternommen hatte, aus Reue, weil sie dem Vernehmungsbeamten unter der Drohung, die Töchter im Appellhofkeller in Haft zu nehmen, Adenauers Aufenthaltsort verraten hatte.

Adenauer Frau

Gussies Tod muss Adenauer sehr mitgenommen haben. Er schloss sich tagelang in seinem Rhöndorfer Haus ein. Außer seinen Haushälterinnen gab es keine weitere feste Frau mehr an seiner Seite. Ab da hat er sich wohl ganz der Politik zugewandt. Als ich von seinem Tagesablauf hörte kam es mir zunächst wie eine Flucht in die Arbeit vor. Dann sah ich aber auch etwas von der Leidenschaft eines großen Menschen. Wir kennen das auch von Wissenschaftlern oder Künstlern, also Menschen, die nahezu ganz in ihrem Werk aufgehen. Das scheint ja auch u.a. einmal Hintergrund des katholischen Zölibats gewesen zu sein. Damit wären wir bei Adenauers Katholizismus. Das kann im Rheinland durchaus gemütlich ausgelegt werden. Wobei mir sein Schlafzimmer wenig lustvolle Anmutungen zeigte.

Adenauer Haus c

Adenauer war die väterliche Führungsfigur, die Deutschland nach dem Krieg brauchte

Nach meiner Einschätzung wurde Adenauer nicht nur durch sein geschicktes Taktieren erster Bundeskanzler in Deutschland. Er war ja immerhin schon 73 Jahre alt. Ich glaube, Deutschland hat auch eine Figur wie ihn in dieser Zeit gebraucht. Große Teile der Bevölkerung haben sich gewiss von den Gräueltaten der Nationalsozialisten abgewandt. Aber der Wegfall der starken Führungspräsenz, verkörpert durch einen ständig anwesenden Adolf Hitler, hat sicher zunächst einmal auch ein großes Vakuum im Lebensgefühl des deutschen Volkes hinterlassen. Jahrelang gab es eine Person, die einem sagte, wo es lang ging. Das schüttelt man nicht so einfach ab.

Adenauer: ein demokratischer Patriarch

Konrad Adenauer war zwar schon alt, aber immer noch ein starker Mann. Er trat auch den Besatzern gegenüber selbstbewusst fordernd und zugleich klug und besonnen auf. Nach meiner Einschätzung brauchte Deutschland solch eine Führungsfigur. Ein Patriarch, der klare Kante zeigte, Halt bot und zugleich in die wieder wachsende Demokratie passte.

Adenauer gestaltete den Übergang bis in die Emanzipation der 6oer Jahre

Er wäre am Ende nicht nur am Alter gescheitert. In den 6oer Jahren emanzipierte sich die Jugend von den Vätern. Nicht nur in Deutschland. Aber auch. Schon die sogenannte Spiegelaffäre, in der – wie man erst deutlich später erfuhr – auch Adenauer maßgeblich mitgewirkt hatte, zeigte, dass seine Zeit vorbei war.

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Leider fehlte ihm am Ende seiner politischen Laufbahn die Weisheit frühzeitig genug abzutreten. Gut, er hat sein Lebenswerk am Ende noch mit einem „Champions-League-Sieg“ krönen können. Am 22. Januar 1963 unterzeichnen Adenauer und Charles de Gaulle in Paris den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. Daran erinnert noch ein Denkmal im Garten seines Wohnhauses.

Adenauer Haus e

Mein persönliches Fazit

Adenauer gehört für mich, wie einleitend schon festgestellt nicht zu meinen persönlichen Freunden. Okay, er hat bewirkt, dass mein Großvater in den 50er Jahren doch noch aus russischer Gefangenschaft heimkehren konnte. Ein Zusammenleben mit ihm – als Sohn vielleicht – hätte ich sicher nicht allzu lange ausgehalten. Dazu wäre er mir zu autoritär, spießig und zu wenig kunstinteressiert gewesen. Mit Menschen wie Gorbatschow oder Obama hätte ich mir schon eher einen gemeinsamen Urlaub vorstellen können. Politisch habe ich auch Brandt und Schmidt als bedeutsamer erlebt.  Von Kohl habe ich weniger gehalten, obwohl er natürlich auch maßgeblich an der Wiedervereinigung beteiligt war. Angela Merkel schätze ich für ihre Besonnenheit und ihre mutige Haltung gegenüber dem Ausstieg aus der Atomenergie sowie für ihre humanitären Haltung in der Flüchtlingsfrage. Allen Besserwissern zum Trotz. Die gibt es ja nicht nur im Fußball.

Zurück zu Konrad Adenauer. Ihn schätze ich als eine der herausragendsten politischen Führungspersönlichkeiten meines miterlebten Zeitalters. Bei allem Narzissmus und aller Machtgetriebenheit, bei allen Fehlern die er gewiss gemacht hat, hat er doch auch viel Gutes und Überdauerndes für das Gemeinwesen erreicht. Das kann man leider nur von wenigen Mächtigen sagen.

Adenauer Haus f

Abschließend möchte ihn noch mit einer historischen Einordnung würdigen.

Adenauers langes Leben und Wirken

… lässt sich schwer in wenigen Worten wiedergeben. Da ich es allerdings als interessantes Zeitzeugnis erlebe, greife ich hier auf ausgewählte Ausschnitte aus Wikipedia zurück.

Herkunft

Konrad Adenauer war das dritte von fünf Kindern des Sekretärs am Appellationsgericht (heute Oberlandesgericht Köln) und späteren Kanzleirats Johann Konrad Adenauer (1833–1906) und seiner Ehefrau Helene, geborene Scharfenberg (1849–1919). Seine Familie war römisch-katholisch geprägt. Seine Geschwister waren August (1872–1952), Johannes (1873–1937), Lilli (1879–1950) und Elisabeth (1882, dreieinhalb Monate nach der Geburt gestorben).

Adenauer jung

Ausbildung

Adenauer legte am 5. März 1894 das Abitur am Apostelgymnasium in Köln ab. Von 1894 bis 1897 studierte er an den Universitäten von Freiburg, München und Bonn Rechts- und Staatswissenschaft. Sein erstes juristisches Staatsexamen legte er 1897 mit dem Prädikat „gut“ ab, sein zweites 1901 mit „ausreichend“. Anschließend wurde er 1902 Assessor in Köln. Von 1903 bis 1905 war er stellvertretender Justizrat, Rechtsanwalt beim Oberlandesgericht Köln.

Politiker in Köln

1906 trat Adenauer der katholischen Zentrumspartei bei, war bis 1933 Mitglied von deren Reichsvorstand und wurde am 7. März 1906 zum Beigeordneten der Stadt Köln gewählt. Am 22. Juli 1909 wurde er Erster Beigeordneter und damit erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters Max Wallraf, der der Onkel seiner ersten Frau war. Der Aufgeschlossenheit und Initiative Adenauers ist es zu verdanken, dass in Köln-Deutz 1914 die Kölner Werkbundausstellung eröffnet wurde. Während des Ersten Weltkriegs war Adenauer für die Versorgung der Stadtbevölkerung mit Lebensmitteln zuständig, die auch aufgrund der britischen Seeblockade zunehmend schwieriger wurde. Erfolgreich führte er verschiedene Ersatzprodukte ein, so ein von ihm selbst erfundenes „Kölner Brot“ aus Reis- und Maismehl, Topinambur statt der Kartoffeln, die nach einer Kartoffelfäule-Epidemie 1916 Mangelware waren, und nicht zuletzt Graupen. Für sein „Rheinisches Schwarzbrot“ erhielt er am 2. Mai 1915 sogar ein Patent.

Adenauer Köln 1

Am 18. September 1917 wählte ihn die Kölner Stadtverordnetenversammlung zum damals jüngsten Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt; das Amt wurde offiziell am 21. Oktober durch Erlass des Königs von Preußen übertragen. Von 1917 bis 1933 und für einige Monate des Jahres 1945 war er Oberbürgermeister der Stadt Köln.

In der Weimarer Republik war er mehrfach (1921, 1926, 1928) als Kandidat für das Amt des Reichkanzlers im Gespräch. Am aussichtsreichsten war dies für den Kanzler des Westens und König des Rheinlands 1926, er konnte aber seine politischen Forderungen nicht durchsetzen. Ein Tausch des sicheren und persönlich befriedigenden Amtes in Köln mit der unsicheren Reichskanzlerschaft erschien ihm auch nicht als Gewinn.

Im Ersten Weltkrieg zeigte Adenauer Weitblick dadurch, dass er – vor vielen anderen – den Krieg frühzeitig als verloren ansah und damit begann, Nahrungsmittel zu horten. Nach dem Krieg setzte er durch, dass aus dem alten preußischen Festungsring ein Grüngürtel wurde – eine für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Neuerung. Während seiner Amtszeit wurden 1919 die Universität zu Köln, 1924 die Messe, 1925 die Musikhochschule und 1926 die Kölner Werkschulen (nachdem er die Kunsthochschule „Das Bauhaus“ nicht nach Köln holen konnte) neu- beziehungsweise wieder eröffnet. Fritz Schumacher, von 1920 bis 1923 Stadtplaner unter Adenauer, sagte zu dessen Engagement in Zeiten der Inflation: „Je mehr zusammenzubrechen schien, mit desto größerer Energie trieb Adenauer die Arbeiten voran.“ Adenauer bemühte sich intensiv, ausländische Investoren nach Köln zu holen. 1927 hatte er bereits eine Zusage von Citroën für eine Automobilfabrik, das Projekt verlief dann aber doch im Sande. Nach intensiven Verhandlungen mit dem US-amerikanischen Autohersteller Ford gelang es ihm, das Unternehmen davon zu überzeugen, ein komplett neues Werk in Köln zu errichten, anstatt die schon bestehenden kleineren Anlagen in Berlin auszubauen. Allerdings konnte auch dieses Werk die wirtschaftlichen Probleme, in die Köln wie das gesamte Reich in der Spätphase der Weimarer Republik kam, nur kurzfristig aufhalten. Beim Bau der damals technisch einmaligen Mülheimer Brücke verhandelte er taktisch geschickt mit der KPD; anders war dieses Projekt im Rat nicht durchzubringen.

Nationalsozialismus

1931 kam es zur ersten größeren Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten, als diese in einer nächtlichen Aktion die Rheinbrücken mit Hakenkreuzfahnen beflaggten. Adenauer ließ – nach seiner späteren eigenen Darstellung – die Fahnen mit Verweis darauf, dass die Brücken öffentliche Bauwerke seien, unverzüglich wieder entfernen. Durch seine Standhaftigkeit in dieser nur scheinbaren Bagatelle geriet Adenauer in das Visier der SA, die sogar öffentlich Geld für die Kugel Adenauers sammeln ließ. In Wirklichkeit hatte jedoch Adenauer mit der örtlichen NSDAP-Kreisleitung eine Absprache getroffen, deren Fahne von der stadteigenen Brücke – weil politisch neutrales Terrain – abzunehmen und vor der – gleichfalls der Stadt gehörenden – Messehalle wieder aufzuziehen. Dort sollte Hitler sprechen. Adenauer musste seine aufgebrachten Parteifreunde deshalb beruhigen.

Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten unterlag die Zentrumspartei in Köln bei den Kommunalwahlen vom 12. März 1933. Die NSDAP enthob Adenauer, der unter anderem einem nationalsozialistischen Führer bei dessen Besuch in Köln den Handschlag verweigerte, seines Amtes als Oberbürgermeister und wenig später auch des Amtes als Präsident des preußischen Staatsrats. Ohne die Berliner Dienstwohnung und in Köln bedroht von seinen nationalsozialistischen Gegnern, die auf Wahlkampfplakaten „Adenauer, an die Mauer!“ gefordert hatten und ihm Dienstvergehen vorwarfen, bat Adenauer einen ehemaligen Schulfreund um Hilfe: Der Abt von Maria Laach, Ildefons Herwegen, nahm Adenauer am 26. April 1933 vorübergehend in der Abtei auf.

Nach dem gescheiterten Aufstand gegen Hitler am 20. Juli 1944 wurde Adenauer im Rahmen der Aktion Gitter am 23. August verhaftet und nach einer Zwischenstation bei der Bonner Gestapo ins Messelager Köln gebracht. Im Arbeitserziehungslager in den Messehallen in Köln-Deutz nahm ihn der Kölner Kommunist Eugen Zander, der als Kapo für die neuen Häftlinge zuständig war, unter seine Fittiche. Als dieser Adenauers Namen in der Gefangenenkartei mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“ entdeckte, empfahl er Adenauer, sich krank zu stellen. Adenauer erreichte mittels einer ärztlich bescheinigten „perniziösen Anämie“ eine Überweisung ins Krankenhaus Köln-Hohenlind, von wo er floh. Er wurde später wieder gefasst, am 26. November 1944 aber aus dem Gefängnis Brauweiler vorzeitig entlassen.

Nach Kriegsende

Am 4. Mai 1945 ernannte ihn die US-Besatzungsmacht zum Oberbürgermeister von Köln. Kurz darauf, am 6. Oktober 1945, wurde er wegen angeblich unterlassener Pflichterfüllung von dem zuständigen britischen Militärgouverneur aus diesem Amt wieder entlassen: Adenauer habe sich nicht energisch genug um die Ernährungsversorgung gekümmert. Binnen acht Tagen habe er Köln zu verlassen. Für die Zeit vom 6. Oktober bis 4. Dezember 1945 verhängte die britische Besatzungsmacht außerdem ein Verbot parteipolitischer Betätigung.

In einem Brief im Februar 1946 schrieb Adenauer an einen katholischen Geistlichen in Bonn:

„Nach meiner Meinung trägt das deutsche Volk und tragen auch die Bischöfe und der Klerus eine große Schuld an den Vorgängen in den Konzentrationslagern. Richtig ist, dass nachher vielleicht nicht viel mehr zu machen war. Die Schuld liegt früher. Das deutsche Volk, auch Bischöfe und Klerus zum großen Teil, sind auf die nationalsozialistische Agitation eingegangen. Es hat sich fast widerstandslos, ja zum Teil mit Begeisterung gleichschalten lassen. Darin liegt seine Schuld.“

Adenauer CDU

Bundespolitische Karriere und Kanzlerschaft

Nun konzentrierte sich Adenauer auf die Parteiarbeit: Am 31. August 1945 trat er der Christlich Demokratischen Partei (CDP) bei. Die CDP war eine der vier Vorgänger-Regionalparteien der CDU in den einzelnen Besatzungszonen. Auf der ersten Zonenausschusstagung am 22./23. Januar 1946 in Herford übernahm er als Ältester die Führung der CDU in der britischen Zone, die als Union erst seit dem 16. Dezember 1945 bestand. Am 5. Februar 1946 folgte die Wahl zum ersten Vorsitzenden der CDU Rheinland. Mit dieser politischen Rückenstärkung setzte er sich auf der zweiten Tagung des CDU-Zonenausschusses am 1. März 1946 endgültig zum Vorsitzenden durch. Adenauer formulierte ein erstes Parteiprogramm für die Zone maßgeblich mit. Im Oktober 1946 wurde er Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag Nordrhein-Westfalen. Er nutzte die folgenden Jahre, um seine Hausmacht innerhalb der Partei auszubauen, sodass er 1948 Präsident des Parlamentarischen Rates wurde, der über die Verfassung für einen deutschen Weststaat beriet. Adenauer, der außerhalb der britischen Zone nicht annähernd so bekannt war wie seine Konkurrenten Kurt Schumacher (SPD) oder Ludwig Erhard (parteilos), nutzte das eigentlich machtlose Amt als Podium; die SPD hatte für ihren Mann, Carlo Schmid, den als viel wichtiger erachteten Hauptausschuss-Vorsitz gesichert. Dieser arbeitete aber eher im Verborgenen, während Adenauer in der Öffentlichkeit als eine Art Vertreter der Deutschen (auch gegenüber den Alliierten) auftrat. Er wurde somit laut Carlo Schmid „erster Mann des zu schaffenden Staates, noch ehe es ihn gab.“

Bevor Konrad Adenauer erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland wurde, war er ab dem 1. September 1949 Vorsitzender der gemeinsamen Bundestagsfraktion von CDU und CSU. Innerhalb der CDU setzte er eine bürgerliche Koalition durch, obwohl CDU/CSU, FDP und Deutsche Partei nur über eine knappe Mehrheit verfügten und große Teile der CDU angesichts des staatlichen Neuanfangs eine Große Koalition vorzogen. Auf der Rhöndorfer Konferenz vom 21. August 1949 konnte Adenauer seinen Standpunkt durchsetzen und endgültig sicherstellen, dass er der Kanzlerkandidat der Unionsparteien wurde. Um die Ausrichtung einer bürgerlichen Koalition zu bestärken, wählte die CDU/CSU am 12. September den damaligen FDP-Vorsitzenden Theodor Heuss in der Bundesversammlung mit zum Bundespräsidenten. Als 1950 die CDU auf Bundesebene gegründet wurde, wurde Adenauer Vorsitzender. Er blieb es bis 1966.

Adenauer Haus

Als Einwohner von Rhöndorf in Sichtweite von Bonn war Adenauer maßgeblich daran beteiligt, dass 1949 Bonn statt Frankfurt am Main Bundeshauptstadt wurde – Frankfurt war nicht nur SPD-regiert und stark zerstört, sondern vor allem Sitz des US-amerikanischen Militärgouverneurs. Auch hier war er ziemlich unnachgiebig. Er bedrängte beispielsweise den Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, Geld bereitzustellen, obwohl es keinen Haushaltsbeschluss gab. Für dessen rechtliche Bedenken hatte er kein Verständnis.

Wahl zum Bundeskanzler

Bei der ersten Bundestagswahl am 14. August 1949 wurde Konrad Adenauer als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises 10 Bonn Stadt und Land mit 54,9 Prozent der Stimmen in den Deutschen Bundestag gewählt. Er vertrat den Wahlkreis Bonn bis zu seinem Tod 1967 und wurde bei den fünf Bundestagswahlen 1949 bis 1965 mit Mehrheiten von bis zu 68,8 Prozent jeweils direkt gewählt.

Der Bundestag wählte ihn am 15. September 1949 mit einer Stimme Mehrheit (einschließlich seiner eigenen) zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, in ein Amt, das er bis zu seinem Rücktritt am 15. Oktober 1963 innehatte. Erster Oppositionsführer der jungen Republik wurde sein Gegenspieler Kurt Schumacher (SPD). Bundespräsident Theodor Heuss übergab Adenauer die Ernennungsurkunde am 16. September 1949. Adenauers erste Regierungserklärung folgte am 20. September und sein erster Besuch bei den Hohen Kommissaren der Alliierten am 21. September – demselben Tag, an dem das Besatzungsstatut in Kraft trat.

Adenauer wurde dreimal (1953, 1957 und 1961) wiedergewählt. Das Wahlergebnis von 1957 war einmalig in der bundesdeutschen Geschichte: die CDU/CSU erzielte als bisher einzige Fraktion die absolute Mehrheit der Stimmen und der Sitze des Bundestages und hätte ohne Koalitionspartner regieren können. Dennoch bildete Adenauer eine Koalitionsregierung mit der DP (bis Juli 1960), um mit deren Hilfe die CSU und widerspenstigen CDU-Mitglieder in Schach halten zu können.

Politik der Westbindung

Die Bundesrepublik wurde mit dem Inkrafttreten der Pariser Verträge am 5. Mai 1955 und der Aufhebung des Besatzungsstatus ein innenpolitisch weitgehend souveräner Staat, unterlag jedoch weiterhin der Viermächte-Verantwortung. Für Adenauer war deshalb die Außenpolitik der bestimmende Faktor seiner politischen Strategie. Von 1951 bis 1955 besetzte er, einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik (abgesehen vom zweiwöchigen Intermezzo Helmut Schmidts nach dem Ausscheiden der FDP aus der Bundesregierung 1982), sowohl das Amt des Bundeskanzlers als auch das des Außenministers. (Die volle Souveränität erlangte Deutschland erst 1990 durch die Deutsche Wiedervereinigung und den Zwei-plus-Vier-Vertrag.)

Adenauer Kennedy

Seine Strategie war eine enge Anbindung an die westeuropäischen Staaten (Magnet-Theorie), eine wirtschaftliche Verflechtung mit Frankreich und Belgien und insbesondere eine gute politische Beziehung zu den USA. Adenauer setzte sich ein für das „Vereinigte Europa“, da aus seiner Sicht nur dieses einen langfristigen Frieden garantieren konnte. Er griff dabei sowohl auf seine politischen Vorstellungen aus der Weimarer Republik zurück als auch auf die Erfahrungen, die er mit dem Nationalsozialismus gemacht hatte. Hitler hatte die europäischen Länder nacheinander erobert; Stalin sollte nicht das gleiche gelingen.

Adenauer Europa

In der Öffentlichkeit weniger bekannt war, dass Adenauer schon 1949 auf die deutsche Wiederbewaffnung drängte. Nach außen stellte er dies als Forderung der westlichen Alliierten dar; die Alliierten selbst waren wenig begeistert davon. Bereits 1950 trat sein Innenminister, Gustav Heinemann zurück, vor allem, da diese Politik auch vor Heinemann geheim gehalten worden war. Im April 1950 forderte Adenauer, nach dem Aufbau einer kasernierten Volkspolizei in der DDR, den Aufbau einer mobilen Polizeitruppe auf Bundesebene in der Bundesrepublik, was auch 1951 mit der Gründung des Bundesgrenzschutzes erfolgte. Die Öffentlichkeit erfuhr erst Jahre später, dass er schon 1957 ein Projekt genehmigte, mit Frankreich und Italien gemeinsam eine Atombombe zu entwickeln. Durch den Machtantritt Charles de Gaulles wurde das Projekt hinfällig, Frankreich steuerte auf ein eigenes Projekt hin, die Force de frappe.

Adenauer Brandt

Späte Zeit als Bundeskanzler

Adenauer hatte bereits auf der Rhöndorfer Konferenz seinen Arzt zitiert, der meinte, er könne gesundheitlich problemlos noch ein oder zwei Jahre Kanzler bleiben. Tatsächlich blieb er, der erst mit 73 Jahren Kanzler wurde (jeder seiner Nachfolger war mit diesem Alter bereits nicht mehr im Amt), 14 Jahre im Amt und hatte damit nach Helmut Kohl die zweitlängste Amtszeit aller deutschen Bundeskanzler. 1959 brachte sich Adenauer als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten ins Gespräch. Nach einigen Wochen zog er seine Kandidatur wieder zurück – vermutlich zum einen, weil er erkannt hatte, dass die Macht des Bundespräsidenten geringerer Natur war, zum anderen, weil er die Wahl Erhards zum Bundeskanzler verhindern wollte.

Nach der darauf folgenden Wahl im September 1961, als die Unionsparteien die absolute Mehrheit verloren, gelang es ihm, gegen den Willen der FDP sowie Teilen der CDU/CSU nochmals zum Kanzler gewählt zu werden. Dafür versprach er, rechtzeitig vor der nächsten Wahl zurückzutreten, um einem Nachfolger Platz zu machen – einen verbindlichen Termin zu nennen weigerte er sich. Die Spiegel-Affäre brachte ihn schließlich dazu, sich auf den Herbst 1963 festzulegen. Adenauers Verabschiedung durch die Bundeswehr fand am 12. Oktober 1963 auf dem Fliegerhorst Wunstorf statt.

Adenauer Erhard

Seine letzten Jahre als Kanzler wurden durch seinen hartnäckigen Kampf, so lange wie möglich im Amt zu bleiben, und durch den – vergeblichen – Versuch, die Wahl Ludwig Erhards als Nachfolger zu verhindern, überschattet. Häufig wurde er in dieser Zeit als „der Alte“ bezeichnet. In dieser Zeit passierten Fehlschläge, die beim größten Teil der Deutschen auf Unverständnis und Kritik stießen. Sein Versuch, ein vom Bund kontrolliertes Deutschland-Fernsehen als Konkurrenz zu der von den Ländern kontrollierten ARD aufzubauen, scheiterte am 1. Rundfunk-Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Das ZDF hatte nur wenig mit Adenauers ursprünglichen Plänen zu tun. Als er nach dem Bau der Berliner Mauer zwei Wochen abwartete, bevor er nach Berlin reiste, erntete er Unverständnis, ebenso mit seiner deutlichen Kritik am damaligen Berliner Bürgermeister Willy Brandt. Die Spiegel-Affäre am Ende seiner Kanzlerschaft erregte öffentliches Aufsehen. Dass Adenauer Franz Josef Strauß zu dessen Handlungsweisen ermächtigt hatte, wurde erst später bekannt.

Adenauer Strauss

Bis zu seinem Tode war er Mitglied des Bundestages und dadurch mit 91 Jahren und 3 ½ Monaten der bisher älteste Bundestagsabgeordnete. Noch vom Sterbebett aus unterstützte er Kiesinger mit Ratschlägen.

Adenauer Beerdigung

Seine letzten Worte: „Da jitt et nix zo kriesche!“

Adenauer starb am 19. April 1967 nach kurzer Grippe und drei Herzinfarkten im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Rhöndorf. Den ersten Herzinfarkt hatte er bereits Ende 1962 erlitten, den zweiten am 29. März 1967 und den dritten wenige Tage später. In Familie und Freundeskreis verbürgt sind seine letzten Worte: „Da jitt et nix zo kriesche!“ („Da gibt es nichts zu weinen!“, gerichtet an seine Tochter Libet, die in Tränen ausgebrochen war).

Adenauer Beerdigung Rhein

Adenauer wurde mit einem im Kölner Dom von dem Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings als Pontifikalamt zelebrierten Requiem verabschiedet. Am Sarg hielten hochrangige Offiziere der Bundeswehr, allesamt Ritterkreuzträger, abwechselnd die Ehrenwache. Danach überführte die Bundesmarine den Sarg mit dem Schnellboot Kondor in einem Schiffskonvoi auf dem Rhein nach Bad Honnef/Rhöndorf, auf dessen Waldfriedhof Adenauer am 25. April 1967 beigesetzt wurde. An seiner Beerdigung, einem Staatsbegräbnis, nahmen zahlreiche Staatsoberhäupter und Außenminister teil. Ebenfalls am 25. April 1967 fand im Plenarsaal des Deutschen Bundestags ein Staatsakt statt.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Adenauer)

Weiterlesen?

Eine andere Perspektive der Adenauer-Zeit

 

Unsere Augen sind weder trocken, noch nass, sondern ein wenig feucht – und das lateinische Wort für Feuchtigkeit ist: Humor. Heinrich Böll wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Er hatte sehr gute Augen und Humor. – Wird der Literaturnobelpreisträger weniger gewürdigt, auch in Köln, weil er Dinge sah, die viele so nicht sehen wollten? – (WehrWolter – ww 238 – Hans Wolter)

 

Adenauer Titel 1

2 Kommentare

    1. Danke für Deine Rückmeldung, Michael!

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