Love out loud – Carolin Emcke wirbt auf der re:publica in Berlin gewohnt wortmächtig für Empathie im Internet – (WehrWolter – ww 248 – Hans Wolter)

„Wir wollen die Welt nicht den Arschlöchern überlassen“, lautet der deutliche Appell zu der Eröffnung der 11. re:publica. „Wir müssen Solidarität zeigen, nicht nur weiterscrollen und wegklicken.“ Die Kommunikationsfreiheit sei bedroht.

„Eine Gesellschaft, in der jeder nur sich selbst rettet, ist keine Gesellschaft“. Wer gedemütigt und verletzt wird, solle nicht sich selbst wehren müssen. „Es braucht andere, die widersprechen, die nicht gemeint sind, aber sich gemeint fühlen“ betonte Carolin Emke in Berlin zur Eröffnung größten Digitalkonferenz auf unserem Kontinent.

Die Friedenspreisträgerin machte sich wortmächtig Gedanken über das diesjährige Motto „Love out Loud“. Emke warnte das Publikum, nur sich selbst zu sehen, sonst bliebe nichts als ein „neolibertäres Spektakel“. Sie bekam am Ende ihres Vortrags Standing Ovations.

Das Internet wieder liebhaben. Das ist eine Zielsetzung der 11. re:publica. Ja, das Internet hat es schwer in diesen Tagen. Falschnachrichten, Hass und Hetze, Social Bots, mysteriöse Zwischenwelten des Dark Net, Online-Imperien, die unsere Daten sammeln und missbrauchen können, kryptische Algorithmen, die keiner durchschaut, Hackerangriffe., Cypermobbing, Überwachung.

Ist das Internet ein Medium der Demokratie oder spaltet es unsere Gesellschaft?

„Das Internet ist kaputt“ stellte der Journalist Sascha Lobo schon vor drei Jahren fest. Er habe es früher gesehen als ein „Medium der Demokratie, der Emanzipation, der Selbstbefreiung“.

Wie sieht es heute aus? Wissenschaftler befürchten gar eine Spaltung der Gesellschaft: zwischen technikaffinen und gut gebildeten Menschen und denen, die der Digitalisierung hinterherhecheln oder schon längst abgehängt sind.

„Love out Loud!“

lautet das Motto der diesjährigen  Digitalkonferenz re:publica, die zum elften Mal in Berlin stattfindet. Dieses Wortspiel ist aus dem digitalen Gruß „LOL“  abgeleitet. Im Netzjargon steht es für „Laughing out loud“ und wird im Internet als Reaktion für etwas Lustiges oder Außergewöhnliches verwendet. „Wir wollen mit diesem Motto die positiven Seiten des Internets in den Vordergrund stellen und das Internet wieder als Ort der Emanzipation darstellen. Wenn nicht jetzt, wann dann?“, erklärt Geschäftsführer Andreas Gebhard, der die re:publica zusammen mit Netzpolitik.org-Chefredakteur Markus Beckedahl, Tanja Haeusler und Johnny Haeusler gegründet hat.

Republika Sascha Lobo

In diesem Jahr gibt es über 400 Vorträge, Panels und Workshops, die auf 19 Bühnen im ehemaligen Postbahnhof Station-Berlin in Kreuzberg stattfinden.

Republika Emke 2

Caroline Emcke trägt beeindruckende Reflektionen zu Eröffnung vor

Carolin Emcke reflektierte auf der re:publica über den Zustand eines Netzes, dem behutsames Denken und geduldiges Zuhören oft fremd sind. Auf ihre Eröffnungsrede folgten Beiträge von Kirchenvertretern.

Wenn Sascha Lobo der Leithammel der Netzgemeinde ist, dann ist Carolin Emke ihre Hohepriesterin. Zur Eröffnung der re:publica am Montag in Berlin hat sich die Friedenspreisträgerin wortmächtig Gedanken über das Motto „Love out Loud“ gemacht. Sie warnte das Publikum, nur sich selbst zu sehen, sonst bliebe nichts als ein „neolibertäres Spektakel“.

Liebe ist wie Luft

„Liebe“ sei wie die Luft viel zu fragil, um Forderungen einer gebotenen politischen Dringlichkeit zu entsprechen, erklärte Emcke in ihrer langen, vom Blatt abgelesenen Rede ohne jede Powerpoint-Hirnkrücke. Liebe lasse sich nicht beschließen, wie es der Imperativ im Motto „Love out Loud!“ anscheinend ausdrückt. Emcke sprach von den Verletzungen, die queere Communities mit eigenen Konzepten der Liebe in der Gesellschaft erdulden müssten, auch nach der Aufhebung aller Verbote und Strafen. Schlimm wiederum sei es, wenn auch dort Stereotypen und Verklumpungen angesagt sind: „Ich bin nicht queer, um damit in einer nur anderen Schablone zu stecken.“

Emcke schloss mit der Ermutigung, nicht klein beizugeben, nur weil andere lauter sind und Hass verbreiten, zu dem es kein Gegenhass geben dürfe. Dabei gelte es, die eigenen Maßstäbe nicht zu verlieren. „Das Abfackeln von Autos oder Büros ist nicht politisch, nur weil die Autos und Büros von menschenverachtenden Leuten genutzt werden“. Auch der Versuch, etwa über Änderungen der Geschäftsordnung eine Alterspräsidentschaft eines AfD-Abgeordneten zu verhindern, sei als Umbiegung demokratischer Prinzipien abzulehnen. So lasse sich Redefreiheit nicht durch Redeverbote schützen. Den Zuhörern machte Emcke schließlich mit Antonio Gramsci Mut: „Hegemoniale Positionen kann man sich erarbeiten, indem man sich vernetzt und verbindet.“

Zehn Gebote für die Netzwelt

Mit Glaubensfragen haben sich auch andere Vortragende an diesem ersten re:publica-Tag beschäftigt: Wie können die 10 Gebote für die digitale Welt aussehen? Für die evangelische Kirche verglich Digital-Theologin Johanna Haberer den digitalen Wandel mit der Reformation durch Martin Luther vor 500 Jahren. Was damals Buchdruck und Flugblätter waren, seien heute Netz und die sozialen Medien. Was damals die katholische Kirche über die Beichte von den Menschen wusste, weiß heute Facebook von seinen Nutzern.

Nötig sei es, den autonomen Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung in den Mittelpunkt des modernen Glaubens zu stellen und sich gegen eine „kontaminierte Kommunikation“ im Netz auszusprechen, sagte Haberer. Sonst werde es im Netz nur den „Nationalen-Sicherheits-Überwachungs-Gott“ geben, zitierte Haberer den Wikileaks-Chef Julian Assange, der mit diesem Ausdruck die US-amerikanische NSA belegte.

Andreas Büsch stellte das von ihm mitverfasste Internet-Papier der katholischen Deutschen Bischofskonferenz vor. Als Abbild Gottes dürfe der Mensch niemals Objekt eines Systems sein, sonder müsse als Subjekt behandelt werden, heißt es in dem „Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit“ überschriebenen Papier. Teilhabegerechtigkeit definierte Büsch als ein Mehr an Partizipation mit barrierefreien öffentlichen Zugängen, neuen Beteiligungsformen und erweiterten Bildungschancen.

Seelsorge und Datenschutz

Büsch, der Professor an der katholischen Hochschule Mainz ist, wies auf die zentrale und sensible Rolle des Datenschutzes für die seelsorgerische Arbeit in der Kirche hin. Das erste Bestimmungspapier zum Internet sei erst der Anfang, betonte Büsch. Weitere Themen, zu denen sich die katholische Kirche äußern müsse, seien Open Education, Open Government, Breitbandausbau, Geheimdienste im Netz und Abkommen wie TTIP.

(Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/re-publica-Gegen-identitaere-Verklumpungen-und-kollektive-Rituale-3706279.html)

Weiterlesen?

„Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.“ Carolin Emcke findet eine klare Versprachlichung gegen ein Klima von Fanatismus und Gewalt. Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreis, im Anschluss an die Frankfurter Buchmesse 2016 – (WehrWolter – ww 200 – Hans Wolter)

Orwell Animal farm 1

Wenn die Klügeren nachgeben, kommen die Dummen an die Macht. – Von Orwells Animal Farm & 1984 über die deutsche Wiedervereinigung, den Rechtspopulismus zu TTIP – (WehrWolter – ww 192 – Hans Wolter)

Star Wars 1

Möge die Macht mit UNS sein! – Nicht mit den Konzernen, den Maschinen oder dem Staat. – Star Wars als Fiktion zunehmender Entmündigung freier und selbstwirksamer Bürger? – (WehrWolter – ww 102 – Hans Wolter)

WW-Blog-Netzpolitik3

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