Seifenblasenträume auf Reisen: Circus Roncalli: Vor 41 Jahren starteten Bernhard Paul & André Heller: „Die größte Poesie des Universums“ – Clown Zippo feiert seinen 70sten – (WehrWolter – ww 250 – Hans Wolter)

Als der Grafikdesigner Bernhard Paul gemeinsam mit André Heller, dem Wiener Chansonnier und Aktionskünstler am 18. Mai 1976 ihre erste Circus-Roncalli-Vorstellung gaben, wurde rasch klar, dass sie die bisherige Welt des Zirkus ver//rückten. Sie dachten groß und legten Wert auf das Kleine. Das nicht bescheidene Motto ihrer ersten Vorstellung als Auftakt des „Bonner Sommers“ lautete: „Die größte Poesie des Universums“

Direktor Bernhard Paul feiert aktuell am 20. Mai seinen siebzigsten Geburtstag. Er legt auch heute noch Wert auf die Feststellung, dass er der Gründer des Zirkus ist. In ihm sehe ich das bodenständige solide Standbein. André Heller war, nach meiner Einschätzung, das visionäre Spielbein dieser neu entworfenen Zirkuswelt. Seine künstlerisch kreativen Impulse und inneren Bilder scheinen mir die ursprüngliche Initialzündung für die poetische Traumhaftigkeit zu sein, die Roncalli so einzigartig anders machte.

Der Zuschauer tritt ein, in ein theatralisches Gesamtkunstwerk

Seifenblasen schweben von der Kuppel, der Conférencier befiehlt: „Es werde Zirkus!“, Turner aus Marokko bauen Pyramiden, Feuerschlucker befeuern sich um die Wette, und Hsing Tap, ein Zauberer aus China, in Wirklichkeit ein Wiener, holt Enten, Hasen, Blumen und zwei Mädchen im Bikini aus einer Wundervase. Die Akrobaten tragen ungewöhnlich geschmackvolle, aber auch groteske Kostüme und werden wie Märchenfiguren angekündigt: „Der Flammenadjutant des Maharadschas“ oder „der Präraffaelitische Wolkenschieber“. Alle Kunststücke bilden ein theatralisches Gesamtkunstwerk, bei dem Baudelaire ebenso zitiert wird wie die Bibel. Auch sitzen die Zuschauer bequem wie nie, auf Holzbänken mit teurem Samtbezug und hören endlich wieder richtige Zirkusmusik von einem Live-Orchester.

Bernhard Paul war schon ein frühes Zirkuskind

In Wilhelmsburg in Niederösterreich besuchte er zum ersten Mal in seinem Leben eine Zirkusvorstellung. Er war so überwältigt, dass er das Ankündigungsplakat von der Wand riss und über sein Bett hängte. Man schrieb das Jahr 1953 und der Sechsjährige wusste: Ich werde Clown! Doch die Eltern, Handwerker mit Bodenhaftung, verlangten von ihm mehr Realitätssinn. So studierte der Sohn erst Hoch- und Tiefbau, dann Grafikdesign und machte auch noch eine Karriere als Artdirector. Mitte 20 schmiss er alles hin und verschrieb sich mit Haut und Haaren dem Zirkusleben.

Andre Heller

Der Tausendsassa André Heller bringt traumhaft poetische Momente in die Manege

Mit den Chansons und Versen des Wieners André Heller habe ich mich schon früh, intensiv und leidenschaftlich auseinandergesetzt. Im letzten Jahr konnte ich mich auch noch einmal in Wien mit ihm austauschen.

Andre Heller Profil Roncalli

Da hat er mir von seinem neuen Projekt in Marokko erzählt. Nach dieser Begegnung habe ich eine Facebookgruppe mit dem Titel „Club der lebenden Poeten“ gegründet, die sich erfreulich lebendig entwickelt.

Poeten Club Hintergrund Andre Heller

André Heller wird in dem Gespann eher der Visionär und Bernhard Paul der Realist gewesen sein. Im Circus Roncalli habe ich immer deutlich Hellers Handschrift wahrnehmen können. André Heller liebt den intensiven Event, Bernhard Paul steht eher für solide Kontinuität.

Die beiden Österreicher waren zunächst ein leidenschaftliches Team. Beide waren sie überzeugt, ihren Traum Realität werden zu lassen. Sie leerten ihre Konten, erbettelten Spenden und Kredite, kauften Zirkuswagen, Trecker und ein Zelt für 1.500 Menschen. Erst dann rekrutierten sie Artisten. Auf der ersten Pressekonferenz, im Oktober 1975 beim „Steirischen Herbst“, klopften sie große Sprüche: Ihr Zirkuszelt sei „eine Hülle für das Ungewöhnliche“, die „eine Intensivstation der Fantasie“ berge. Großspurig ist auch der Name für den Zirkus:“Roncallli“. So lautet nämlich der Familienname von Papst Johannes XXIII. Und der „sei immer so clownesk gewesen“.

Roncalli 2

Es kann nur einen geben:

Zwei starke Egos schienen zu viel für den poetischen Zirkus

Die ersten zwei Vorstellungen pro Tag waren ausverkauft. Aber die Zuschauer wurden immer weniger auf der anschließenden Deutschlandtournee. Als man in Wiesbaden vor fast leeren Bänken spielt, droht der Konkurs. André Heller stieg noch im Gründungsjahr wieder aus dem Gemeinschaftsprojekt aus, seiner Darstellung nach, weil er „den Erfolg nicht teilen wolle“. Laut Paul hatte Heller „den Zirkus fast in den Ruin getrieben“. Bernhard Paul, machte alleine weiter, tourte noch einige Wochen durch Österreich, bis er dann den Zirkus auflöste.

Roncalli 1

„Reise zum Regenbogen“ 

Der Neustart in Köln gelingt

Bernhard Paul gab sich nicht geschlagen. In Köln bastelt er zwei Jahre weiter an seinem Traum und erweckt Circus Roncallli am 4. Juni 1980 auf dem Kölner Neumarkt mit der „Reise zum Regenbogen“ erneut zum Leben. Diesmal hält der Erfolg an. Roncalli wird zum Inbegriff für eine Erneuerung der Zirkuskunst mit immer neuen Publikumslieblingen, wie dem legendären Clown Pic, der riesengroße Seifenblasen durchs Zelt schweben lässt. Außer einer Pferdedressur zeigt man keine Tiernummern.

Zirkusdirektor Bernhard Paul, der als Clown Zippo auch selbst auf der Bühne steht, misstraut dem Zeitgeist:

„Der Zeitgeist ist eigentlich eine Pest. Zeitgeist ist zum Beispiel künstlicher Busen und aufgespritzte Lippen. Zeitgeist ist schlechte Comedy. Man sollte überhaupt dem nicht hinterherhecheln, was angeblich Zeitgeist ist.“

Circus Roncalli ist inzwischen weltberühmt

Der Erfolg hat dem hartnäckigen Zirkusdirektor Recht gegeben. Ronvalli wird nicht nur in Deutschland, sondern auch in Moskau, Sevilla oder Wien gefeiert. Gelobt wird die zeitgemäße Mischung aus traditionellen Zirkuselementen und poetischen Einfällen. Der Weg zum Erfolg war, wie so oft im Leben, kein leichter.

Roncalli

Herzlichen Glückwunsch Bernhard Paul

Er ist nach wie vor leidenschaftlicher Zirkusdirektor. Jetzt mit 70 könnte er eigentlich seinen Job an den Nagel hängen. Seine drei Kinder stehen schon zur Nachfolge bereit. Doch noch macht er weiter. Das Zepter hält er fest in der Hand. „Ich sehe mich als Feinkostladen, der mit auserwählten Artisten herumzieht, alles Spitzenleute“, sagt er. Und wonach werden diese Spitzenleute ausgesucht? „Ich sag es mal etwas egoistisch: Mir müssen sie gefallen.“

Mit Roncalli hat der Mann mit der markanten Mähne, dem Schnäuzer und der getönten Brille, Zirkusgeschichte geschrieben. Er gilt auch international als einer der Größten seines Fachs. An Spielorten in der ganzen Welt hat er gastiert – so zum Beispiel schon Mitte der 1980er Jahre als erster westdeutscher Zirkus in Moskau. Bei der Ankunft sei der Platz dort völlig verschlammt gewesen, erinnert er sich. „Da kam die Rote Armee und hat innerhalb von zwei Stunden den Platz für uns asphaltiert“, erzählt Paul und wirkt beim Gedanken daran noch heute begeistert.

Wenn die Rolling Stones noch touren muss Paul doch auch noch nicht von der Bühne gehen

„Die Leute erwarten sich ja Roncalli, und da ist ein Drahtseilakt jedes Mal dabei. Also, ich muss Roncalli bleiben und trotzdem etwas Neues machen. Aber nur besser sein wie beim letzten Mal. Also ein schwieriges Ding, und das jedes Jahr wird’s schwerer.“

Roncalli Paul 1

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Rilke WW

Rainer Maria Rilke starb vor 90 Jahren – Das Paradox: vom Defizit zur Kreativität – Vom Sohn der die Tochter ersetzen sollte, über den bindungsängstlichen jungen Mann zum frauenumschwärmten Dichter mit gewaltigem Tiefgang – (WehrWolter ww 218 – Hans Wolter)

Roncalli Titel

2 Kommentare

  1. Schön, dass Du und Deine Firma diese Zirkusprojekte für Kinder unterstützt. Meine Kinder haben vor vielen Jahren auch einmal mit viel Freude eine Zirkusschule besucht.

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  2. Ja, ich erinnere mich auch noch an die holprigen Anfänge und dann an die tolle Reise über den Regenbogen. Ich war dabei. Und das Schöne ist die nachhaltige Wirkung. In vielen Grundschulen starten gerade Circus-Projekte mit Kindern, bei denen die Kleinen Ihre persönlichen Potentiale erfahren und austesten können. Viele dieser Projekte unterstütze ich gerade. 😉

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