Gewalt als Abwehr von Angst & Benachteiligung – Opfer-Täter-Verkehrung als Nachwirkungen der totalitären DDR – Studie zu „Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland“ (Iris Gleicke) – Versuch einer psychologischen Einordnung – (WehrWolter – ww 251 – Hans Wolter)

Auch wenn die Mauer sichtbar schon vor fast 30 Jahren gefallen ist, in der Seele, vor allen Dingen in der Seele des Ostens, wirkt sie noch deutlicher nach, als wir es wahrhaben wollen, stärker als es uns lieb ist. So wie die Menschen dort früher Opfer autoritärer Gewalt und Benachteiligung waren, so gibt es heute offensichtlich eine verstärkte Neigung zur Rollen-Verkehrung in die Position der Täter.

In Ostdeutschland gibt es überproportional viel rechtsextreme Gewalt. So registrierten die Behörden 2014 etwa 130 rassistisch motivierte Gewalttaten bundesweit, davon knapp die Hälfte in Ostdeutschland. Und dies, obwohl dort nur ein Viertel der deutschen Bevölkerung lebt. Auch in den Jahren 2015 und 2016 stachen die neuen Bundesländer bei der regionalen Verteilung der Straftaten heraus.

Zu den Hintergründen steigender Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit habe ich schon aus verschiedenen Perspektiven geforscht und geschrieben. Mein Augenmerk liegt dabei weniger auf Politik und Geschichte. Ich schaue mir eher die tieferliegende psychologische Dynamik an. Hier kann zum einen Gewalt die Abwehr von Ängsten darstellen. Zum anderen ein Bearbeitungsversuch der selbst erlebten Gewalt in Form einer Rollenverkehrung.

Natürlich spielen hier politische und historische Entwicklungen eine deutliche Rolle. Die Menschen in Ostdeutschland waren seit Hitler, über die DDR-Diktatur, bis zum Mauerfall einem absolut autoritären und freiheitsbeschränkenden Regime ausgeliefert. Dieser Entwicklungshintergrund hat noch seine erheblichen Nachwirkungen in den sogenannten neuen Bundesländern.

Zunächst werde ich die Ergebnisse der aktuellen wissenschaftlichen Studie zu „Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland“ skizzieren. Im Anschluss formuliere ich einige eigene Überlegungen zum psychologischen Hintergrund dieser Problematik.

Die auffallende Häufung der Delikte auf dem Gebiet der ehemaligen DDR war Anlass für die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer Iris Gleicke (SPD), dem Phänomen in einer neuerlichen wissenschaftliche Studie auf den Grund zu gehen.

Die Ergebnisse, die Gleicke am Mittwoch in Berlin präsentierte, bringen ein altes Problem neu auf den Punkt: So betont die Studie, dass die spezifischen politische Erfahrungen der ehemaligen DDR-Bürger einen gewichtigen Anteil daran haben, rechtes Gedankengut überhaupt erst entstehen zu lassen.

Die Studie betont aber auch, dass eine Sozialisation in der ehemaligen DDR allein als Erklärung für Rechtsextremismus nicht ausreicht. Denn Gewalt käme nur in Orten zum Ausbruch, in denen eine spezifische politische und gesellschaftliche Kultur das zulässt.

Zur Darstellung der Studie der Wissenschaftler des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, zitiere ich einen Text von Catharina Felke, der am 18. Mai 2017 bei ZEIT ONLINE veröffentlicht wurde.

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Rechtsextremismus:

Wo sich Fremdenfeindlichkeit breitmacht

Ostdeutsche Besonderheiten begünstigen die Entstehung rechtsextremer Einstellungen, so eine Studie. Ob sie sich ausbreiten, hänge aber vom Umgang der Politik ab.

Von Catharina Felke

Brennende Flüchtlingsunterkünfte, Pegida-Demonstrationen und Spitzen-Wahlergebnisse für die AfD: Was Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus angeht, haben der Osten und insbesondere Sachsen einen schlechten Ruf. Ortsnamen wie Bautzen, Clausnitz, Freital und Heidenau sind zum Synonym für das geworden, was der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck einst als „Dunkeldeutschland“ bezeichnete.

Eine Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung, die an diesem Donnerstag vorgestellt wird und ZEIT ONLINE vorliegt, zeichnet allerdings ein differenzierteres Bild. Acht Monate lang haben sich die Forscher 2016 im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Länder, Iris Gleicke (SPD), in Freital, Heidenau und Erfurt umgesehen. Dazu haben sie mit Akteuren aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, aber auch mit Bewohnern der Orte gesprochen. Ihr Ergebnis: Zwar werde Rechtsextremismus durch Faktoren befördert, die im Osten stärker ausgeprägt sind. Ostdeutschland unter Generalverdacht zu stellen, mache aber keinen Sinn. Die Verbreitung fremdenfeindlicher Ideen hänge vielmehr stark von der jeweiligen Region, den sozialen Strukturen und der lokalen Politik ab. Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit als primär ostdeutsches oder gar vor allem sächsisches Problem zu bewerten, sei dagegen falsch.

Ein Stadtteil in der Hand von Rechtsextremen

Selbst innerhalb einer Stadt haben die Forscher deutliche Unterschiede festgestellt. In der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt etwa gebe es ein ausgeprägtes Bewusstsein für rechte Tendenzen, sowohl innerhalb der Stadtverwaltung als auch bei der Bevölkerung. Vertreter aller Parteien, ausgenommen die der AfD, der NPD und einige CDU-Mitglieder, würden an Aktionstagen und Demonstrationen gegen Rechtsextremismus teilnehmen.

Auch im Vergleich zu Sachsen schneidet Erfurt deutlich besser ab, so würden rechtsextreme Taten und politische Einstellungen hier kaum relativiert. Eine Ausnahme stellt allerdings der Erfurter Stadtteil Herrenberg dar. Dort habe sich über Jahre eine rechtsextreme Szene „fest in das Stadtviertel integriert“, schreiben die Autoren der Studie. Sie sprechen gar von einer „rechtsextremen Vereinsstruktur“ mitsamt einem Vereinshaus und „rechtsextremer Erlebniswelt“, die sich vor allem an sozial benachteiligte Jugendliche richtet. Diesen wird beispielsweise auch schulische „Nachhilfe“ angeboten.

Herrenberg ist eine Plattenbausiedlung, wie es sie in vielen ostdeutschen Städten gibt. Nach 1989 wurde das bis dahin diverse Viertel zu einem Wohnort für jene, die aus finanziellen Gründen dort bleiben mussten. Integrationsfiguren oder soziale Vorbilder seien rar, weswegen Rechtsextreme besonders frei agieren konnten.

Ein zu enger Begriff von „rechtsextrem“

Im Gegensatz zu Herrenberg gebe es in den sächsischen Kommunen Freital oder Heidenau keine derart etablierte rechte Jugendkultur, sondern vielmehr „lose Netzwerke ohne organisatorisches Zentrum“. Dazu zähle auch die Bürgerwehr Freital.

Aus dieser war die Gruppe Freital entstanden, eine Gruppierung rechtsextremer Terroristen, deren Gesinnung die sächsische Justiz jedoch nicht erkannte. Die Bundesanwaltschaft übernahm später das Verfahren.

In Freital fanden sich die Forscher auch in zwei Punkten bestätigt: Erstens arbeiteten Behörden mit einer sehr engen Definition des Begriffs rechtsextrem. Und zweitens schüchtere die rechte Szene jene Bürger gezielt ein, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren.

Als „ostdeutsche Erfolgsgeschichten“ führten sie hingegen Jena, Leipzig und Hoyerswerda an, die sich gegen den Rechtsextremismus wehren, indem sie ihre Erinnerungskultur – auch auf lokaler Ebene – neu bewerten und lokale Politiker klar gegen rechte Tendenzen auftreten.

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Verklärende Erinnerungen

Auch wenn die Forscher eine pauschale Verurteilung des Ostens ablehnen, so sehen sie doch einen Zusammenhang zwischen dem verklärenden Blick auf die DDR-Vergangenheit und rechtsextremem Denken. So werde die Migrationspolitik der DDR, die Migranten zwar begrüßte, aber stets als Gäste behandelte, deren Aufenthalt klar begrenzt war, von vielen Älteren noch heute positiv bewertet. Die DDR-Politik habe insofern ethnozentrische Weltbilder wie sie von modernen Rechten vertreten werden, begünstigt.

Darüber hinaus könne die „Sozialisation in einer buchstäblich geschlossenen Gesellschaft wie der DDR als ein Faktor“ für die Entstehung rechtsextremer Einstellungen „nicht stark genug betont werden“.

Heute herrsche neben einer ausgeprägten „deutschen“ Identität im Osten ein Gefühl der Benachteiligung vor: gegenüber den Westdeutschen, den Städten und Migranten. Weil im Osten der Migrantenanteil nach wie vor niedrig ist, verhindere auch der fehlende Kontakt zu Menschen mit ausländischen Wurzeln, dass Vorurteile abgebaut werden können.

Schwierige Lösung

Ein Problem sei auch, dass es an praktischen Angeboten der politischen Bildung fehle. Positiv sei zwar, dass der Geschichtsunterricht an der gymnasialen Oberstufe in Sachsen mittlerweile wieder verpflichtend sei. In vielen Kommunen im ländlichen Bereich seien es aber nur die Kirchen, die sich mit ihren wenigen Anhängern gegen die rechte Szene stellen.

Stadtverwaltungen wie zum Beispiel in Freital würden die politische Auseinandersetzung über den Umgang mit Rechtsextremismus scheuen oder explizit unterdrücken, möglicherweise aus Angst, das Image ihrer Gemeinden zu beschädigen.

Um dem Rechtsextremismus in Ostdeutschland entgegenzuwirken, sei ein ganzes Bündel von Maßnahmen notwendig, die nur langfristig erfolgreich sein könnten, schreiben die Autoren. So müssten das historische Bewusstsein gestärkt und politische Konflikte offen angesprochen werden – vor allem vonseiten der lokalen Politik. Weil die DDR sich als antifaschistischer Staat begriff, habe man sich auch nicht in gleicher Weise mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandergesetzt wie im Westen. Positive Beispiele gebe es, auch auf sie solle man sich stärker fokussieren. (Quelle: ZEIT-ONLINE)

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Ängste nehmen zu: daher auch Gewalt und die Sehnsucht nach starken radikalen Lösungen – Kleine Werbung für mehr BINDUNG – Gegen das Geschäft mit der Angst: Radikaler Islamismus, Flüchtlingsnot und Rechtspopulismus liegen in ihren Unsicherheiten nahe beieinander – Psycho-Logik und Bindungstheorie – (WehrWolter – ww 231 – Hans Wolter)

(19.02.2017)

Kurz zusammengefasst: Meine These lautet: Die Abnahme von Bindungsqualität führt zu mehr Ängsten. Daraus resultieren: eine Abnahme der Einfühlungsfähigkeit, die Zunahme von Gewalt und die Sehnsucht nach einfachen radikalen Lösungen.

Meine Forderung: Wir müssen mehr in gute Bindungen, in qualitativ gute Zeit für unsere Kinder investieren

Zunahme von Ängsten – Sehnsucht nach dem starken Mann – Die Unberechenbarkeit eines Billy the Kid – Bindungsunsicherheiten nehmen zu, nicht nur bei traumatisierten Flüchtlingen, auch bei Menschen, die in ihrer frühen Kindheit weniger mitfühlende Bindung erfahren haben – Menschen, die mit sicheren Bindungen aufwachsen, sind bei Belastungen stabiler, das weiß man dank langjähriger Forschung – gibt es Zusammenhänge zwischen den Krippen der ehemaligen DDR und den größeren Fremdenängsten in Sachsen? – ausführliche Darstellung der psychologischen Bindungstheorie

Angst essen Seele auf. Oft ist es die Angst vorm Fremden, auch vorm Fremdgemachten in uns selbst. 2016 war ein Jahr, in dem Terroranschläge weltweit, Kriege, Völkerwanderungen, Gewalt in unserem Alltag, Aggression im Internet, im Straßenverkehr, nahezu überall weiter zugenommen haben. Das führt zu wachsenden Sehnsucht nach starken radikalen Lösungen. Für die einen ist ein Mann wie Trump der starke Papa, für andere eine Gefahr, wie einst Billy the Kid.

Seit Anfang 2017 hält uns der neue Präsident nahezu täglich auf einem bisher nicht dagewesen Angstpegel. Trumps Entscheidungen wirken vorschnell, wenig ausgewogen, unerfahren. Da es zugleich Entscheidungen mit großer Tragweite sind, werden weitere Ängste geschürt. Dachten wir bisher uns auf vernünftige Argumente und Fakten stützen zu können, tauchen jetzt Menschen in öffentlichen Ämtern auf, die den Konstruktivismus von Wirklichkeit, so zuspitzen, dass es schon ironisch erscheint. Wenn ein Donald Trump sagt, dass bei seiner Vereidigung mehr Menschen als auf jeder anderen Vereidigung waren, dann wirkt das schon merkwürdig. Seine Vehemenz, mit der er seine Fakten schaffen und durchsetzen will, die Entwertung von Richtern und Medien, die ihm nicht zustimmen, ist nicht nur peinlich. Dies ist beängstigend. Dieser Stil wirkt wie ein Katalysator auf Rechtspopulisten und andere Angsttreiber.

Das Geschäft mit der Angst gab es immer schon. Nur diesmal werden tatsächlich Wahlen damit gewonnen.

Bindungsforscher stellen fest: Sichere Bindungen nehmen weiter ab

In Deutschland fühlt sich nur noch jeder zweite Mensch sicher gebunden. Vor fünfzehn Jahren fühlten sich in unserem Land noch ca. 70 Prozent sicher gebunden. Das hat weniger mit der Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen zu tun. Das hat mehr mit der Abnahme von Bindungsqualität innerhalb der Familien zu tun. Eltern haben nicht nur weniger Zeit für ihre Kinder, sie sind auch weniger einfühlend geworden. Die Qualität von Bindungen ist weiter zurückgegangen. Hier wird auch das Internet seinen Anteil dran haben. Darauf kann und möchte ich aber in diesem Beitrag nicht eingehen.

Meine These lautet: Die Abnahme von Bindungsqualität führt zu mehr Ängsten.

Daraus resultieren: eine Abnahme der Einfühlungsfähigkeit, die Zunahme von Gewalt und die Sehnsucht nach einfachen radikalen Lösungen.

Meine Forderung lautet: Wir müssen mehr in gute Bindungen, in qualitativ gute Zeit für unsere Kinder investieren

Menschen, die mit sicheren Bindungen aufwachsen, sind bei Belastungen stabiler, das weiß man dank langjähriger Forschung. Feinfühlige Eltern, die Signale ihres Kleinkindes ernst nehmen und verlässlich reagieren, tun ihrem Kind damit auch für sein späteres Leben einen wichtigen Dienst.

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Die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und die persönlichen und sozial vermittelten Ressourcen für Entwicklungen zu nutzen, das alles sind wichtige Faktoren, um sich sicher und stark zu fühlen. Die psychische Widerstandsfähigkeit, die sogenannte Resilienz trägt dazu bei, dass Menschen gesünder und zuversichtlicher leben.

Traumatisierte Migranten

Viele Kinder aus Migrantenfamilien wachsen in einem kulturellen und emotionalen Spannungsfeld auf. In den neuen Gesellschaften und Kulturen erleben sie Stress, Anpassungsdruck, Entbehrungen und manchmal aggressive Anfeindungen. Dadurch wird ihr Bindungssystem erschüttert und das Gefühl von Urvertrauen in Schutz durch liebevolle Menschen kann verloren gehen. Diese Erfahrungen können potentiell traumatisch verarbeitet werden und zu tiefgreifenden Bindungsunsicherheiten führen mit einem Gefühl von extremer Angst.

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Unsichere Bindungen in der Krippenlandschaft der Ex-DDR

Meine Vermutung ist, dass auch die Krippenbetreuung in der ehemaligen DDR ihre Spuren hinterlassen hat. In meiner Praxis hatte ich bereits mehrere Patienten aus den ostdeutschen Bundesländern, die unter stark ausgeprägten generalisierten Angststörungen litten. In der Biographien fehlten sichere Bindungen in der frühen Kindheit. Ich frage mich, ob wir damit auch die verstärkten Fremdenängste in Sachsen erklären können. In dem Pegida-Kreis vermute ich viele ängstliche Menschen. Zumal es im Großraum Dresden ja deutlich weniger Ausländer gibt, als in Städten des Ruhrgebietes.

Natürlich kommt im Osten Deutschlands auch noch die jahrzehntelange Abschottung hinzu. Vieles war verboten, zugleich lebte man in einem Schonraum. Vielfalt war geringer. Der Mauerfall war zwar auf der bewussten Ebene ein Befreiungsakt. Unterschwellig werden aber auch Ängste vor der neuen Welt, den neuen Bedingungen mitgeschwungen haben. Bis das integriert ist, wird es vermutlich noch mehrere Generationen brauchen.

Frühe Bindungsstörungen führen im Erwachsenenleben zu mehr Ängstlichkeit

Haben Menschen verstärkt Ängste, handelt es sich häufig um Menschen, die in ihrer Kindheit keine sichere Bindung erfahren haben. Die Bindungsforschung beschreibt unterschiedliche Bindungstypen.

Da ich diese Ansätze für unsere gegenwärtige Diskussion in Deutschland als sehr wichtig ansehe, stelle ich sie nachfolgend etwas ausführlicher dar. Hierbei orientiere ich mich auszugsweise an einer Darstellung in Wikipedia.

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Was ist und was sagt uns die Bindungstheorie?

Die Bindungstheorie ist eine psychologische Theorie, die auf der Annahme beruht, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Sie wurde von dem britischen Kinderpsychiater John Bowlby, dem schottischen Psychoanalytiker James Robertson und der US-amerikanisch-kanadischen Psychologin Mary Ainsworth entwickelt. Ihr Gegenstand ist der Aufbau und die Veränderung enger Beziehungen im Laufe des Lebens. Die Bindungstheorie basiert auf einer emotionalen Sichtweise der frühen Mutter-Kind-Beziehung. Sie verbindet ethologisches, entwicklungspsychologisches, psychoanalytisches und systemisches Denken. Eines der ursprünglichen Anliegen Bowlbys war es, eine wissenschaftliche Basis für den psychoanalytischen Ansatz der Objektbeziehungstheorien herzustellen und psychoanalytische Annahmen empirisch überprüfbar zu machen.

Die Bindungstheorie gehört heute zu den etablierten Theorien innerhalb der Psychologie und wird seit den 1990er Jahren stetig weiterentwickelt. Im deutschsprachigen Raum sind hierzu die Eheleute Hanus und Mechthild Papoušek an der Universität München, Karin und Klaus E. Grossmann an der Universität Regensburg zu nennen. Viele Forscher untersuchen Bindung und Interaktion von Eltern und Kindern und ziehen daraus Rückschlüsse auf normale sowie pathologische Entwicklungen.[15] Bindungstheoretische Grundlagen werden auch vermehrt in die Psychotherapie von Erwachsenen und Kindern einbezogen.

Bindung (engl.: attachment)

ist die Bezeichnung für eine enge emotionale Beziehung zwischen Menschen. Das Neugeborene entwickelt eine spezielle Beziehung zu seinen Eltern oder anderen relevanten Bezugspersonen. Die Bindung veranlasst das Kleinkind, im Falle objektiv vorhandener oder subjektiv erlebter Gefahr (Bedrohung, Angst, Schmerz) Schutz und Beruhigung bei seinen Bezugspersonen zu suchen und zu erhalten. Bezugspersonen bzw. Bindungspersonen sind die Erwachsenen oder älteren Personen, mit welchen das Kind den intensivsten Kontakt in seinen ersten Lebensmonaten hatte.

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Das Bindungsverhalten

besteht aus verschiedenen beobachtbaren Verhaltensweisen wie Lächeln, Schreien, Festklammern, Zur-Mutter-Krabbeln, Suchen der Bezugsperson usw. Diese Verhaltensweisen werden als ein Verhaltenssystem beschrieben. Es ist genetisch vorgeprägt und bei allen Primatenkindern zu finden, besonders beim Menschen.

Konkretes Bindungsverhalten wird bei Wunsch nach Nähe oder in „Alarmsituationen“ aktiviert. Letztere werden von emotionalem Stress begleitet, beispielsweise bei zu großer Distanz zur Bezugsperson, bei Unwohlsein, Schmerz und Angst. Abgewiesene Bindungswünsche verstärken bindungssuchendes Verhalten, welches ebenfalls bei Wiederkehr einer Bezugsperson beobachtet werden kann.

Nähe zur Bindungsperson mit Blick- und/oder körperlichem Kontakt über eine kurze Zeit beenden i. d. R. bindungssuchendes Verhalten. Das Kind fühlt sich sicher und kann neugieriges Explorationsverhalten (Erkundungsverhalten) zeigen. Hierbei zeigt die häufige Rückversicherung durch Blickkontakt zur Bindungsperson bei jungen Kindern, wie wesentlich sichere Bindung für die Erforschung der Welt und die spätere Aussteuerung beider Pole im Sinne gesunder Autonomie ist.

Bindungsverhalten verändert sich im Laufe des Lebens.

Bei älteren Kindern und Erwachsenen ist das „ursprüngliche“, direkt beobachtbare Bindungs- und Explorationsverhalten im Sinne von Annäherung und Entfernung von Bindungspersonen nicht mehr so offensichtlich. Dennoch hat die Forschung auf Basis der Bindungstheorie Zusammenhänge zwischen frühem Bindungsverhalten und dem Verhalten älterer Kinder, Jugendlicher und Erwachsener gefunden. Durch die individuellen Unterschiede in der Eltern-Kind-Interaktion in den ersten Lebensjahren werden nach Bowlby die inner working models (engl. für „innere Wirkungs-/Arbeitsmodelle“) gebildet. Diese werden im Verlauf der Entwicklung in der Psyche eines Menschen relativ stabil repräsentiert (also abgebildet).

Das inner working model beinhaltet die individuellen frühen Bindungserfahrungen sowie die daraus abgeleiteten Erwartungen, die ein Kind gegenüber menschlichen Beziehungen hegt. Sie dienen dazu, das Verhalten der Bindungsperson zu interpretieren und ihr Verhalten vorherzusagen. Nach der Entwicklung im ersten Lebensjahr werden die inner working models zunehmend stabiler. Sie bilden sich zu Bindungsrepräsentationen aus. Während der Begriff der Bindungsrepräsentanz eher auf die psychoanalytische Tradition zurückgeführt werden kann, würden Kognitionspsychologen hier eher von Schemata, also Bindungsschemata sprechen.

Bindungstypen resultieren aus der Eltern-Kind-Beziehung

Wesentlich ist, dass die sich entwickelnden Bindungstypen aus der Eltern-Kind-Beziehung hervorgehen und somit eine zwischenmenschliche Qualität spiegeln, in die das Verhalten beider Seiten einfließt. Dabei ist für die spätere Bindungsqualität die Feinfühligkeit der Bezugspersonen entscheidend. Unter Feinfühligkeit wird situationsangemessenes und promptes Reagieren erwachsener Bezugspersonen auf die Äußerungen und Bedürfnisse des Säuglings verstanden. Insofern ist das spätere Bindungsverhalten des Kindes weniger Spiegelbild seines Temperaments oder Charakters, sondern primär Ausdruck der erlebten Interaktion mit der Bezugsperson.

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Bindungsverhalten entwickelt sich im ersten Lebensjahr.

Bis zur sechsten Lebenswoche kann hierbei die Bindungsperson beinahe beliebig wechseln. Dann entsteht – etwa gleichzeitig mit dem ersten personenbezogenen Lächeln – eine zunehmend festere Bindung zu einer oder mehreren Personen (bspw. Mutter, Vater, Geschwister oder Pflegemutter). Sobald das Kind sich fortbewegen kann (Lokomotion), ist es ab dem siebten bis achten Monat fähig, sich entweder aktiv in die Nähe der Bezugsperson zu bewegen oder von dieser weg die Umgebung selbstständig zu erkunden (Individuationsphase). Dies wird möglich auf Grund der jetzt wachsenden Objektpermanenz, welche dem Kind die innere Vorstellung eines Objekts ermöglicht, ohne dass ein solches direkt anwesend ist. Ab etwa dem dritten Lebensjahr versucht das Kind das Verhalten des anderen je nach Situation zu beeinflussen.

Das individuelle Bindungsverhalten/der Bindungstyp eines Neugeborenen entsteht durch die Anpassung an das Verhalten der zur Verfügung stehenden Bindungspersonen. Hierbei bilden die ersten sechs Lebensmonate die Phase stärkster Prägung. Es kann jedoch von gewisser Plastizität ausgegangen werden: Bindungsverhalten ändert sich gegebenenfalls bei entsprechenden Erfahrungen im Verlauf der Kindheit und Jugend. Hierbei haben sich bestimmte, die Bindung betreffende Schutz- und Risikofaktoren (wie z. B. eine im späteren Leben auftauchende, sichere Bindung oder aber Psychotraumata) als wichtige Einflüsse erwiesen. Im Erwachsenenalter gilt es als relativ konstant und bestimmt spätere enge Beziehungen. Die frühe Mutter-Kind-Interaktion zeigt somit die Tendenz zur Generalisierung.

Bindungsmuster wirken auch über die Generationen

Darüber hinaus belegen Forschungen, dass das Bindungsmuster einen transgenerativen Aspekt aufweist: Unsicher gebundene Kinder haben, wenn sie Eltern werden, überdurchschnittlich häufig wieder unsicher gebundene Kinder. Mittels spezifischer Testverfahren kann mit hoher Wahrscheinlichkeit von Aussagen werdender Mütter über ihr Ungeborenes die spätere Entwicklung eines bestimmten Bindungstypus des Kindes vorhergesagt werden.

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Im Verlauf ontogenetischer Entwicklung wurden signifikante Zusammenhänge zwischen der Bindungsqualität im Alter von einem Jahr und einer Psychopathologie im Alter von sechs Jahren gefunden. Neuere Forschungen in dem Bereich weisen zudem auf signifikante Zusammenhänge zwischen sicherer Bindung und psychischer Stabilität bzw. unsicherer Bindung und psychopathologischen Störungen (emotionale Störungen des Jugendalters, Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen, Impulskontrollstörungen und Abhängigkeitserkrankungen) hin.

„Fremde Situation“

Mary Ainsworth und ihre Kollegen entwickelten 1969 mit der sogenannten Fremden Situation ein Setting zur Erforschung kindlicher Bindungsmuster. Es gelang individuelles kindliches Bindungsverhalten im Sinne von Bowlbys Theorie in einer qualitativen Testsituation beobachtbar zu machen. Hierbei finden 11 bis 18 Monate alte Kinder die typischen Gegebenheiten in einer annähernd natürlichen Situation vor, die nach Bowlbys Theorie sowohl Bindungs- als auch exploratives Verhalten aktivieren.

Abwesenheit und Rückkehr der Mutter

Wesentlich für die Analyse des Bindungsmusters ist das Verhalten des Kindes bei An- bzw. Abwesenheit der Mutter sowie bei deren Rückkehr. Dieses wird mittels Videokamera aufgezeichnet und hinsichtlich der Verhaltens- bzw. Bewältigungsstrategien des Kindes bei Trennungsstress analysiert. Heute ist es möglich, die Bindung bis zu einem Alter von 5 Jahren durch das Testverfahren zu bestimmen.

Zunächst wurden lediglich drei Ausprägungen von Bindungstypen festgestellt, welche sich innerhalb der Interaktion mit der Bindungsperson entwickeln können:

Sicherer Typ

Unsicher vermeidender Typ

Unsicher-ambivalenter Typ

Später kam im Zuge der Untersuchung schwer vernachlässigter Kinder die Kategorie desorganisiert hinzu; das kindliche desorganisierte Verhalten konnte mit der Unmöglichkeit, Bindungsverhalten aufzubauen, in Verbindung gebracht werden.

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Sichere Bindung

Sicher gebundene Kinder entwickeln aufgrund von elterlicher Feinfühligkeit eine große Zuversicht in die Verfügbarkeit der Bindungsperson. Diese Feinfühligkeit in der Eltern-Kind-Interaktion ist gekennzeichnet durch die prompte Wahrnehmung der kindlichen Signale, der richtigen Interpretation dieser und einer angemessenen sowie prompten Reaktion auf diese Signale, welche keine starke Frustration beim Kind hervorruft.

Diese Kinder weinen durchaus innerhalb der „fremden Situation“. Sie zeigen die Gefühle deutlich, akzeptieren den Trost einer fremden Frau (einer zum Test gehörenden Helferin) im Raum sogar zum Teil. Obwohl die Trennung auch bei sicher gebundenen Kindern mit negativen Gefühlen verbunden ist, vertrauen sie darauf, dass die Bindungsperson sie nicht im Stich lassen oder in irgendeiner Weise falsch reagieren wird. Die Bindungsperson erfüllt in einer derartigen Bindung die Rolle eines „sicheren Hafens“, der immer Schutz bieten wird, wenn das Kind dessen bedarf. Die Kinder sind traurig, dass die Bindungsperson nicht bei ihnen ist – und gehen davon aus: „Sie kommt zurück.“ Erscheint die Bindungsperson im Raum, freuen sich die Kinder. Sie suchen Nähe und Kontakt, wenden sich kurz danach wieder der Exploration des Raumes zu.

Unsicher-vermeidende Bindung

Diese Kinder reagieren scheinbar unbeeindruckt, wenn ihre Bindungsperson hinausgeht. Sie spielen, erkunden den Raum und sind auf den ersten Blick weder ängstlich noch ärgerlich über das Fortgehen der Bindungsperson. Durch zusätzliche Untersuchung der physiologischen Reaktionen der Kinder während der Situation wurde jedoch festgestellt, dass ihr Cortisolspiegel im Speichel beim Fortgehen der Bindungsperson höher ansteigt als der sicher gebundener Kinder, welche ihrem Kummer Ausdruck verleihen – was auf Stress schließen lässt. Auch ihr Herzschlag beschleunigt sich. Kommt die Bindungsperson zurück, wird sie ignoriert. Die Kinder suchen eher die Nähe der fremden Person und meiden ihre eigentliche Bindungsperson.

Unsicher-vermeidenden Kindern fehlt die Zuversicht bezüglich der Verfügbarkeit ihrer Bindungsperson. Sie entwickeln die Erwartungshaltung, dass ihre Wünsche grundsätzlich auf Ablehnung stoßen und ihnen kein Anspruch auf Liebe und Unterstützung zusteht. Ein solches Bindungsmuster ist bei Kindern zu beobachten, die häufig Zurückweisung erfahren haben. Die Kinder finden einen Ausweg aus der belastenden bedrohlichen Situation des immer wieder Zurückgewiesen-Seins nur durch Beziehungsvermeidung.

Unsicher-ambivalente Bindung

Diese Bindungsform wird auch ängstlich-widerstrebende, resistente oder ambivalente Bindung genannt. Kinder, die hier beschrieben werden, zeigen sich ängstlich und abhängig von ihrer Bindungsperson. Geht die Bindungsperson, reagieren die Kinder extrem belastet. Eine fremde Frau wird ebenso gefürchtet wie der Raum selbst. Schon bevor die Bindungsperson hinausgeht, zeigen die Kinder Stress. Da sie die ungewohnte Situation fürchten, wird ihr Bindungsverhalten schon von Beginn an aktiviert. Die Kinder reagieren so auf das korrelierende Bindungsverhalten der Bezugsperson: Die Bindungsperson reagiert für das Kind nicht zuverlässig, nachvollziehbar und vorhersagbar. Der ständige Wechsel von einmal feinfühligem, dann wieder abweisendem Verhalten führt dazu, dass das Bindungssystem des Kindes ständig aktiviert sein muss. Es kann schwer einschätzen, wie die Bindungsperson in einer bestimmten Situation handeln oder reagieren wird. Das Kind ist somit permanent damit beschäftigt, herauszufinden, in welcher Stimmung sich die Bindungsperson gerade befindet, was sie will und was sie braucht, damit es sich entsprechend anpassen kann. Dies führt zu einer Einschränkung des Neugier- und Erkundungsverhaltens des Kindes, welches sich nicht auf die Exploration des Raumes konzentrieren kann. Die Kinder können keine positive Erwartungshaltung aufbauen, weil die Bindungsperson häufig nicht verfügbar ist – meist auch dann nicht, wenn sie in der Nähe ist. Dementsprechend erwarten sie keinen positiven Ausgang der Situation und reagieren extrem gestresst und ängstlich innerhalb der „fremden Situation“.

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Desorganisiert/desorientierte Bindung

Der desorganisierte Bindungstyp wurde erst wesentlich später festgestellt. Es gab immer auch Kinder, deren Verhalten sich nicht eindeutig in eine der drei Hauptreaktionsschemata einordnen ließen. Einen großen Anteil dieser Kinder klassifizierte man, nach Einführung des 4. Bindungstyps, schließlich als desorganisiert/desorientierten Bindungstyp. Kinder, deren Verhalten diesem Bindungstyp zugeordnet wird, zeigen äußerst unerwartete, nicht zuzuordnende Verhaltensweisen. Dazu gehören Stereotypien und unvollendete oder unvollständige Bewegungsmuster.

Desorganisiert gebundene Kinder erschrecken oft, wenn ihre Eltern den Raum nach kurzer Trennung wieder betreten, und zeigen eine Mischung von Strategien, wie unsicher-vermeidendes und unsicher-widersetzendes Verhalten. Einige der desorganisiert eingestuften Kinder schreien nach ihren Bindungspersonen nach der Trennung, entfernen sich aber bei der Wiedervereinigung von ihnen. Andere reagieren wie gelähmt mit einem benommenen Gesichtsausdruck für 30 Sekunden, oder drehen sich im Kreis oder lassen sich auf den Boden fallen, wenn sie sich an den jeweiligen Elternteil wenden. Wieder andere desorganisierte Kleinkinder erscheinen ängstlich in der Fremden Situation mit geängstigtem Gesichtsausdruck, hochgezogenen Schultern oder einem Einfrieren aller Bewegungen.

Die Bindungstheorie geht davon aus, dass ein Kind auf jeden Fall eine Bindung zu seiner Bindungsperson aufbauen muss. Die Bindungsverhaltensweisen werden aktiviert, sobald es Schutz und Unterstützung bedarf oder die Bindungsperson nicht in der Nähe ist. Allerdings konnte das Kind keine einheitliche Bindungsstrategie entwickeln, um Schutz und Trost zu bekommen: Wenn die Bindungsperson – der Mensch, der Schutz bieten soll – zugleich der Auslöser für das Bindungsverhalten ist, somit selbst die Bedrohung darstellt, gerät das Kind in eine sogenannte Double Bind-Situation, aus der es für das Kind keinen Ausweg gibt.

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Traumatisierung der Eltern beeinflußen das Bindungsverhalten

Eine andere Ursache für dieses Bindungsverhalten zeigt sich bei Kindern, deren Bindungspersonen unter den Folgen eigener Psychotraumata leiden. Die traumatischen Erfahrungen zeigen sich den Kindern im verängstigten Verhalten ihrer Bindungspersonen.

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Die Angst, die sich im Gesicht einer Bindungsperson spiegelt, welche unter Intrusionen (hartnäckiges Eindringen von den traumatischen Bildern und Gefühlen in die Gedanken/Vorstellungen) leidet, ist für ein Kind erschreckend und aktiviert sein Bindungssystem. Die Quelle der Angst ist für das Kind nicht nachvollziehbar. Die Bindungsperson kann in einer solchen Situation zumeist nicht adäquat auf die Versorgungsbedürfnisse ihres Kindes eingehen.

So zeigten manche Mütter beispielsweise das beinahe eine Minute lange Einfrieren aller Bewegungen, oder zeigten sich durch neutrale Verhaltensweisen ihrer Kinder in Angst versetzt. Das Kind erlebt schließlich die Welt ständig als einen bedrohlichen Ort, dessen Schrecken sich in der Bezugsperson widerspiegelt.

Häufigkeit und Stabilität der Bindung

2005 gab es in Deutschland noch 60-70 % sichere Bindungen (Berk 2005). 2016 sind nur noch ca. 50 % in der Bevölkerung sicher gebunden.

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Auswirkungen von Bindungstypen auf die weitere Entwicklung des Kindes

Durch die Bindungstheorie konnten langfristige Effekte der frühen Bindungsperson-Kind-Beziehung nachgewiesen werden. Aus der Qualität der Bindung, die beim Fremde-Situations-Test bei den 12 bis 18 Monate alten Kindern festgestellt wurde, lassen sich einige zutreffende Vorhersagen ableiten:

Sicher gebundene Kinder zeigen später adäquateres Sozialverhalten im Kindergarten und in der Schule, mehr Phantasie und positive Affekte beim freien Spiel, größere und längere Aufmerksamkeit, höheres Selbstwertgefühl und weniger depressive Symptome. In anderen Studien zeigten sie sich offener und aufgeschlossener für neue Sozialkontakte mit Erwachsenen und Gleichaltrigen als vermeidende und oder ambivalent gebundene Kinder. Sicher gebundene Jungen zeigten mit sechs Jahren weniger psychopathologische Merkmale als die unsicher gebundenen. Auch könnten frühe Bindungserfahrungen einen neurophysiologischen Einfluss ausüben. Hierbei konnte ein Einfluss von Bindungserfahrungen auf die Ausbildung der Rezeptoren des Hormons Oxytocin gefunden werden, welches wiederum das Bindungsverhalten beeinflusst.

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Hochrisikogruppen

In Hochrisikogruppen, also Gruppen psychisch kranker, stark traumatisierter oder vernachlässigter Kinder, konnten verschiedene Forscher noch weitere Bindungstypen identifizieren. Dazu gehören Mischungen aus unsicher-vermeidendem und ambivalentem Bindungsverhalten. Darüber hinaus fanden sich Kinder mit zwanghaftem Pflegeverhalten sowie Überangepasstheit bei den unsicher-vermeidenden sowie aggressives Drohverhalten und hilflose Verhaltensstrategien bei den unsicher-ambivalenten Bindungstypen.

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Modifikation des Konzepts Bowlbys in der neueren Forschung

John Bowlby vertrat auf der Grundlage seiner empirischen Befunde strikt die These, dass für den Aufbau einer stabilen Bindung die Beziehung des Kindes zu einer zentralen Bindungsperson (normalerweise die Mutter) konstitutiv sei. Neuere Forschungen haben zu der Auffassung geführt, dass Kindern ein solcher Bindungsaufbau auch dann gelingt, wenn gleichzeitig Beziehungen zu mehreren Bindungspersonen bestehen.

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Dies betrifft in erster Linie eine Aufwertung der Bedeutung des Vaters, ist aber auch in solchen Konstellationen von Bedeutung, wo im Falle berufstätiger Mütter neben die leibliche noch eine Pflegemutter tritt, zu der Kinder oft intensive Beziehungen aufbauen. Hierbei wird jedoch beobachtet, dass das Kind eine deutliche Unterscheidung zwischen den verschiedenen Bindungspersonen vornimmt, indem es ihnen unterschiedliche Funktionen zuordnet (z.B. bleibt die leibliche Mutter häufig die zentrale Bindungsperson, an die das Kind sich vorrangig wendet, wenn es sich schlecht fühlt).

Interessanterweise scheinen selbst sehr kleine Kinder in der Lage zu sein, die Bindung zu einer Tagesmutter in einer Kindertagesstätte auf einen funktionalen Aspekt zu reduzieren, sofern sie zu ihren primären Bindungspersonen eine sichere Bindung aufgebaut haben. Als Indiz für diese Annahme dient die Beobachtung, dass sicher gebundene Kinder ihr Verhalten in der Kindertagesstätte nicht oder nur geringfügig ändern, wenn sie es mit einer anderen als der gewohnten Betreuungsperson zu tun haben. Gerade bei der Eingewöhnung der Kinder in die anfangs ungewohnte Situation in einer Kindertagesstätte zeigt sich zugleich die Richtigkeit von Bowlbys Konzept einer primären Bindungsperson: Die Eingewöhnung gelingt nachweislich besser, wenn das Kind in der Anfangsphase von der Mutter oder dem Vater oder einer anderen sicheren Bezugsperson begleitet und somit schonend in die neue Situation eingeführt wird („sanfte Ablösung“).

Auch zeigte sich, dass nicht die Quantität der Beziehung zu einer oder mehreren Bezugspersonen ausschlaggebend für die Entwicklung einer bestimmten Bindung ist, sondern die Qualität. Bowlby nahm an, dass die ständige Verfügbarkeit der Bezugsperson in den ersten Lebensjahren unabdingbar ist, damit das Kind eine sichere Bindung entwickeln kann. Die Entwicklung der Bindung hängt aber nicht von der ständigen Anwesenheit der Bezugsperson ab, sondern von der entwickelten Qualität der Bindung. Diese Ergebnisse der Bindungsforschung hätten auch Auswirkungen auf die aktuelle Diskussion um den Besuch einer Kinderkrippe von Kleinkindern nach dem ersten Lebensjahr.

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Bindungsstörungen

Bowlby sah in der längeren Trennung des Kindes von seinen Bezugspersonen den Ausgangspunkt für eine pathologische Entwicklung (psychische Deprivation). Gemeint sind damit Zeiten von mehreren Wochen, mindestens aber zwei Monaten. Erfolgt die Wiedervereinigung mit der Bezugsperson vor dieser Frist, verschwinden die Störungen wieder und das Kind ist in der Lage, die normale Entwicklung aufzuholen. Allerdings besteht hier die Gefahr von verborgenen Störungen, die erst im späteren Leben in Erscheinung treten, wie z.B. eine erhöhte Depressionsanfälligkeit. In Ausnahmefällen führt schon eine kürzere Trennungsphase zu bleibenden psychischen Beeinträchtigungen.

Andauernde Trennung von einer Bindungsperson löst nach Bowlby einen mehrphasigen Trauerprozess aus, im Zuge dessen die Trennung mehr oder weniger gut verwunden wird. Notwendige Momente der Trauer sind die (unrealistische) Suche nach der Bezugsperson sowie Aggression und Wut, die sich auch auf die verlorene Bezugsperson richten. Ziel des Trauerprozesses ist es, die Abwesenheit der Bindungsperson zu akzeptieren.

Auf Bowlbys Bindungstheorie geht auch das heute in westlich orientierten Ländern zum Standard der Kindermedizin gehörende Rooming-in zurück – also die Möglichkeit, dass die Mutter während des Krankenhausaufenthaltes bei ihrem Kind bleibt.

Bindungsstörungen unterscheiden sich von den unsicheren Bindungsstilen, die als eine ungünstige Anpassung, welche im Bereich der Norm liegt, verstanden werden können. Im Fall einer Bindungsstörung zeigen sich stabile Muster, die sowohl in der Kindheit als auch im Jugendalter angewendet werden können, aber auch für den erwachsenen Menschen eine Bedeutung haben.

Einer oder mehrere Beziehungsabbrüche können bei Kindern dazu führen, generell keine engere Beziehung mehr aufzunehmen oder ein stark ambivalentes Verhältnis zu nahen Beziehungen zu entwickeln. In einem solchen Fall fallen diese Kinder dadurch auf, dass sie gar kein Bindungsverhalten zeigen.

Neben dem völligen Fehlen von Bindungsverhalten ist das „undifferenzierte Bindungsverhalten“ auffällig. Dies wird auch als „soziale Promiskuität“ bezeichnet. Diese Kinder unterscheiden nicht zwischen den Bindungspersonen und zeigen keine Zurückhaltung gegenüber fremden Personen. Sie verhalten sich gegenüber unterschiedlichen Personen und Fremden nahezu gleich, wenn ihr Bindungssystem aktiviert wird. Zu diesen Kindern wird auch der „Unfall-Risiko-Typ“ gezählt. Diese Kinder verletzen sich oft durch ausgeprägtes Risikoverhalten selbst. Auffällig ist, dass sie sich häufig nicht durch Blicke bei ihren Bezugspersonen rückversichern, ob das Erkundungsverhalten von diesen erwünscht ist, als risikoarm eingeschätzt wird, erfreut gesehen wird etc. („Soziales Referenzieren“). Sie entwickeln kein Verständnis für riskante Handlungen.

„Übersteigertes Bindungsverhalten“ bezeichnet ein starkes Klammern von Kindern. Diese sind nur in der absoluten Nähe zu ihrer Bezugsperson emotional beruhigt. Es ähnelt dem unsicher-ambivalenten Bindungsstil, ist aber stark übersteigert.

Bei einem „gehemmten Bindungsverhalten“ zeigen die Kinder eine übermäßige Anpassung, welche sich zumeist bei der Abwesenheit der Bezugsperson etwas lockert. Die Kinder können dann ihre Gefühle freier und offener zum Ausdruck bringen. Durch Gewalt in der Erziehung oder deren Androhung zeigen diese Kinder Bindungswünsche zurückhaltend gegenüber den Bezugspersonen.

Im „aggressiven Bindungsverhalten“ eröffnen Kinder ihre Bindungsbeziehungen durch körperliche oder verbale Aggression. Dies ist eine Form des Ausdrucks von Nähewünschen. Häufig nimmt das aggressive Verhalten nach dem Aufbau einer Bindung ab. Oftmals zeigen sich die Familienmitglieder untereinander körperlich oder verbal aggressiv.

Bei dem Bindungsverhalten mit „Rollenumkehr“ zeigt sich das Kind überfürsorglich gegenüber der Bindungsperson und übernimmt für diese Verantwortung, sobald diese das signalisiert. Das Erkundungsverhalten wird dadurch eingeschränkt. Diese Kinder fürchten oft um den realen Verlust der Eltern, etwa durch Krankheit, Trennung, Scheidung oder gar Tod.

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Einfluß auf den Körper

Bindungsstörungen können sich auch in Form psychosomatischer Störungen zeigen. Hierbei zeigen sich in besonders heftigen Fällen von emotionaler Verwahrlosung Wachstumsstörungen. Bekannt geworden ist der Hospitalismus. Bei Störungen in der Eltern-Säuglingsbeziehung kann es beim Kind zu Ess-, Schrei- und Schlafstörungen kommen.

Bindungsstörungen, insbesondere die Desorganisiert/desorientierte Bindung scheinen einen Einfluss auf die Vulnerabilitätsschwelle zu besitzen, also die Schwelle ab der ein Mensch Belastungen nicht mehr verarbeiten kann und eine psychische Störung entwickelt. Dabei wird die Anfälligkeit für psychische Erkrankungen durch eine unsichere Bindung erhöht. Eine Zuordnung von unsicheren Bindungsstilen und einer bestimmten Psychopathologie konnte bisher nicht festgestellt werden.

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Entwicklungsrisiken und Psychopathologie

Nachdem Bowlby und Ainsworth zunächst nur das Bindungsverhalten von „normalen“ Kindern untersuchten, konzentrierte sich die Forschung seit Mitte der 1980er Jahre auch auf die Untersuchung von Risikogruppen. Dazu gehörten z.B. die Kinder von schizophrenen oder depressiven Müttern. Außerdem wurden Eltern-Kind-Paare untersucht, in denen es nachweislich zu Misshandlungen oder Vernachlässigungen gekommen war. „Sämtliche Arbeiten stimmen dahingehend überein, dass misshandelte Kinder wesentlich häufiger unsicher gebunden sind als Kinder einer vergleichbaren Kontrollgruppe.“ Eine weitere Risikogruppe scheinen sehr kleine Frühgeborene zu sein.

Es wurden auch Untersuchungen von Kindern vorgenommen, die mit bestimmten Bindungstörungen diagnostiziert wurden (z. B. Secure base distortion) und Kindern von traumatisierten Müttern, bei denen eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurde. Darüber hinaus gibt es Zusammenhänge zwischen psychopathologischen Störungen im Erwachsenenalter und Bindungsstörungen. Dies vor allem bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Agoraphobie, nach sexuellem Missbrauchstrauma im Kindesalter, bei Adoleszenten mit suizidalem Agieren, Depression, bei Vulnerabilität für psychiatrische Erkrankungen, Schizophrenie sowie bei Patienten mit Torticollis spasticus. Darüber hinaus wird der Einfluss von Bindungsstörungen auf Psychosomatische Erkrankungen diskutiert.

Nachdem die desorganisierte oder ambivalent-vermeidende -Bindung (nach Ainsworth) als Klassifizierung eingeführt wurde, konnten noch deutlichere und genauere Vorhersagen über das Bindungsverhalten gemacht werden. Vor der Einführung der neuen Bindungsklassifizierung waren viel mehr Kinder, die merkwürdige Bindungsreaktionen zeigten, als sicher gebunden klassifiziert worden.

Daraufhin konnte beispielsweise festgestellt werden, dass Jungen bei gleich schwerer Misshandlung häufiger in die stärker gestörte ambivalent-vermeidende -Gruppe klassifiziert werden mussten als Mädchen.

Bindungsforscher fanden außerhalb der Fremden Situation in der Beobachtung alltäglicher Pflege- und Spielinteraktionen heraus, dass vernachlässigende Mütter ihre Kinder wenig stimulierten und wenig auf ihre Signale reagierten, d.h. sie traten nicht in eine „normale“ Beziehungsinteraktion mit ihnen. Misshandelnde Mütter hingegen gaben sich meist große Mühe, während sie zugleich die frustriertesten Kinder hatten. Das Interaktionsverhalten wirkte kontrollierend und gelegentlich irritierend auf die Kinder. Mütter, die ihre Kinder adäquat versorgten und auch nicht wegen Vernachlässigung oder Misshandlung aufgefallen waren, wurden als überwiegend feinfühlig und flexibel eingeschätzt.

Eine Forschungsgruppe fand heraus, dass als vernachlässigend eingeschätzte Mütter weniger variabel und weniger „echt“ interagierten als normale. Auch sprachen sie weniger in der Babysprache. Mütter, die als ablehnend eingeschätzt wurden, interagierten restriktiver und weniger zärtlich.

Dass die Säuglinge in den ersten drei Monaten noch als normal in ihrer Interaktion eingeschätzt wurden, widerspricht der Ansicht, dass insbesondere schwierige Säuglinge Opfer von Misshandlungen würden. Spätere Verhaltensauffälligkeiten müssten so als Folge und nicht als Ursache der Misshandlung betrachtet werden. Misshandelte Kinder werden so überwiegend zu schwierigen, vernachlässigte Kinder werden überwiegend zu schwierigen oder passiven Interaktionspartnern.

Die nachträglich geschaffene, besondere Klassifizierung der desorganisierten Bindung bildet also häufig traumatisierende und/oder hochgradig inkonsistente Beziehungserfahrungen ab. In Normalpopulationen sind etwa 15 Prozent desorganisiert gebunden, in misshandelten etwa 82 Prozent oder mehr. Aber auch Kinder aus Multi-Problem-Familien oder von depressiven Müttern können diesen Bindungstyp entwickeln. Deshalb kann nicht regelhaft von einer desorganisierten -Bindung auf das Vorkommen von Misshandlungen geschlossen werden.

Das Entwickeln einer nicht sicheren Bindung ist an sich noch keine Psychopathologie. Auch die vorhersehbaren Folgen einer unsicheren Bindung, wie weniger Phantasie im Spiel oder eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne, gelten natürlich nicht als Psychopathologie. Allerdings gilt die unsichere Bindung als disponierender Faktor. Stammen unsicher gebundene Kinder aus Hoch-Risiko-Gruppen, zeigen sie sehr häufig große Schwierigkeiten in Sozialverhalten und Impulskontrolle.

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Diagnose der Bindungsstörung

Einige Diagnosemanuale wie die ICD-10 und das DSM-IV beziehen das Konzept der Bindung in einige Diagnosen ein. Bindungsstörung, wie sie in der Bindungstheorie beschrieben werden, bilden die Diagnosesysteme allerdings nicht. So besteht im ICD-10, dem Diagnoseklassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation zwei direkt auf die Bindung bezogene Diagnosen:

Reaktive Bindungsstörung im Kindesalter (F94.1)

Bindungsstörung des Kindesalter mit Enthemmung (F94.2)

Die Reaktive Bindungsstörung beschreibt eine gehemmte Bindungsbereitschaft gegenüber Erwachsenen, die von Ambivalenz und Furchtsamkeit geprägt ist. Die Bindungsstörung mit Enthemmung beschreibt ein klinisches Bild mit enthemmter, distanzloser Kontaktfreudigkeit gegenüber verschiedensten Bezugspersonen. Beide Störungen werden auf extreme emotionale und/oder körperliche Vernachlässigung und Misshandlung zurückgeführt. Dabei entsprechen die aufgeführten ICD-10-Diagnosen nicht dem übergeordneten Erklärungsmodell der Bindungstheorie. Sie stellen lediglich Anpassungen dar, welche kaum für eine angemessene Bindungsdiagnostik im Sinne der Bindungstheorie anwendbar sind.

In folgenden Diagnosen des ICD-10 können bindungstheoretische Konzepte zugrundegelegt werden:

Störung des Sozialverhaltens bei fehlenden sozialen Bindungen (F91.1)

Störungen mit Trennungsangst des Kindesalters (F93.0)

Störungen mit sozialer Ängstlichkeit des Kindesalters (F91.2).

Die Bindungsforschung hat sich u.a. mit der Gruppe misshandelter und vernachlässigter Kinder genau auseinandergesetzt. Hieraus resultierte, dass „es mittlerweile als einer der empirisch am besten gesicherten Befunde der Entwicklungspsychologie gelten [kann], dass misshandelte Kinder ein gestörteres, insbesondere aggressiveres Verhalten im Umgang mit Gleichaltrigen zeigen als nicht misshandelte“. Diese Befunde sind für die gesamte Kindheit gesichert. Auch resultierte aus der Forschung, dass die Folgen schlimmer sind, je früher die Misshandlung beginnt und je länger sie dauert.

Fortwährend misshandelte oder vernachlässigte Kinder zeigen neben der unsicheren Bindung mehr Probleme mit Gleichaltrigen und dem Lehrpersonal. Jedoch sind vernachlässigte Kinder insgesamt weniger aggressiv. Sie sind oft eher passiv und zurückgezogen. Mit zwei bis sechs Jahren zeigen beide Gruppen u.a. weniger Einfühlsamkeit, reagieren auf den Kummer anderer mit Aggression, sind hypermotorisch, können sich nicht konzentrieren, sind unaufmerksam und geben schnell auf, sind distanzlos oder misstrauisch und zeigen weniger Neugier- und Explorationsverhalten und zeigen sich darum weniger intelligent. Am stärksten hierbei sind die vernachlässigten Kinder betroffen. Sie zeigen die wenigsten positiven Affekte und die geringste Impulskontrolle sowie die niedrigsten IQ-Werte.

Im Erwachsenenalter zeigen sich ähnliche Ergebnisse. Erwachsene mit unsicheren/gestörten Bindungsbeziehungen fühlen sich weniger sozial akzeptiert und sind erheblich depressiver. Auch zeigen sich die Folgen von Misshandlung im Erwachsenenalter durch Gewalttätigkeit, Drogenmissbrauch, Alkoholismus, Suizidalität, Angst, Depression und die Neigung zur Somatisierung.

Bei der Befragung von Frauen, die in ihrer Kindheit Opfer von Inzest waren, schätzten sich nur 14 Prozent als sicher gebunden ein, wohingegen 49 Prozent der Frauen in einer Kontrollgruppe sich als sicher gebunden einschätzten.

Aus den Ergebnissen der Bindungsforschung kann also gesagt werden, dass bestimmte Formen der Interaktion einen positiven wie negativen Einfluss auf die spätere Entwicklung haben können. So haben Vernachlässigung, Misshandlung oder sexueller Missbrauch einen besonders negativen Einfluss, der häufig eine psychische Störung auslösen oder begünstigen kann.

Hingegen gelten aus Sicht der vorhandenen Forschungsergebnisse der Bindungstheorie stabile längere Bindungen als wichtiger Schutzfaktor vor psychischen Störungen. Eine solche Bindungsbeziehung kann offenbar auch die Folgen von traumatischen Erfahrungen, wie sexuellen Missbrauch oder Misshandlung, mildern. In therapeutischen Beziehungen können durch nachholende Bindungserfahrungen individuelle Ressourcen genutzt werden.

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Bindungstheorie und Psychotherapie

Schon John Bowlby stellte Überlegungen an, wie seine Theorien in der klinischen Praxis angewendet werden können. Sein therapeutischer Ansatz für Erwachsene, die den Verlust einer wichtigen Bindungsperson zu beklagen hatten, unterschied sich deutlich von der klassischen Psychoanalyse. Er bestand darin, den sich entwickelnden Trauerprozess mit den auftauchenden ambivalenten Gefühlen im Beisein eines verständnisvollen Psychotherapeuten zu durchleben. Bowlby sah auch den Therapeuten dabei als Bindungsperson. Bei Kindern sah er es als bedeutende präventive Maßnahme an, sie in der frühen bis mittleren Kindheit möglichst nicht lange von den Eltern zu trennen. Sollte eine solche Trennung unvermeidlich sein, sollte den Kindern ein möglichst stabiles Umfeld geboten werden. Allerdings wurde Bowlbys Ansatz bislang kaum in die Therapie umgesetzt; die Bindungstheorie stellt vor allem eine Grundlage für die Forschung in der Entwicklungspsychologie dar. Bowlby selbst vermutete u.a., dass seine Beobachtungen von Verhalten zu behavioristisch waren, als dass sie von psychotherapeutischem Interesse wären. Parallel zur Bindungstheorie entwickelte sich aber auch die psychoanalytische Therapie weiter, indem sie sich von einer Ein-Personen-Therapie hin zu einer Therapie entwickelte, die Gegenseitigkeitsbeziehungen nicht nur in der Entwicklung, sondern auch in der Therapie als bedeutsam ansah. Diese Sichtweise stützt sich auf die empirische Säuglings- und Kleinkindforschung sowie auf die Psychotherapieforschung, welche jeweils die Wechselseitigkeit in menschlichen Beziehungen untersuchen.

In einer Psychotherapie, welche die Erkenntnisse der Bindungstheorie einschließt, würde die therapeutische Beziehung eine neue Bindungserfahrung ermöglichen. Durch die Bearbeitung von Beziehung, Veränderung der Affekte, der Kognitionen und des Verhaltens können auch Objektbeziehungen verändert werden.

 

Rezeption

Die Bindungstheorie ist seit den späten 1970er Jahren eine etablierte Disziplin in der Psychologie. Sie findet ebenso in der Entwicklungspsychologie, der Psychoanalyse, der kognitiven Psychologie sowie in anderen psychologischen Richtungen Beachtung, wird heute allerdings vor allem in Bezug auf die innerpsychischen Vorgänge erweitert. Sie ist nicht nur Grundlage für unterschiedliche moderne psychoanalytische Theorien, sondern gilt als wichtige Grundlage der modernen Selbstpsychologie, der modernen Objektbeziehungstheorie, der Relationalen und Intersubjektiven Psychoanalyse sowie des Konzeptes der Mentalisierung.

Die Erkenntnisse aus der Bindungstheorie haben sowohl die Verhaltenstherapie als auch die psychoanalytischen Therapien beeinflusst.

(Quelle u.a.: https://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie)

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Weiterlesen?

WIR sind das Volk! – Seien wir ehrlich: Sachsen hat ein Naziproblem! – Gutmenschen zahlen Steuern & Solidaritätsbeiträge – Leben ist Vielfalt – Warum las der Künstler Hitler kaum?- (WehrWolter – ww 127 – Hans Wolter)

Hat Deutschland ein Demokratieproblem? – Das Kreuz mit den Haken und Ösen des Lebens – Ohne Flüchtlinge ginge es AfD und Pegida schlecht -Die Konstruktion des Fremden stärkt das Vertraute. Nebenwirkung: Angst. – Auf dem Rücken der Schwachen ritten Extremisten schon immer gut nach oben. – (WehrWolter – ww 191 – Hans Wolter)

Wenn die Klügeren nachgeben, kommen die Dummen an die Macht. – Von Orwells Animal Farm & 1984 über die deutsche Wiedervereinigung, den Rechtspopulismus zu TTIP – (WehrWolter – ww 192 – Hans Wolter)

Wer zieht den autoritären Traum einem liberalen vor? – Jürgen Becker:“Der autoritäre Traum mag ja attraktiv sein, für Menschen, denen Freiheit zu kompliziert ist“ – Von Trump, über die AfD zu Erdogan – Politische Bilder von Thomas Baumgärtel – (WehrWolter – ww 230 Hans Wolter)

Alternative Fakten? Keine Macht der Lüge! Trump & die Rechtspopulisten lügen mit System – „Über die Verantwortung des Wissenschaftlers in einer angeblich postfaktischen Gesellschaft“. – Prof. Dr. Axel Freimuth (Universität zu Köln) – (WehrWolter – ww 226 – Hans Wolter)

„Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.“ Carolin Emcke findet eine klare Versprachlichung gegen ein Klima von Fanatismus und Gewalt. Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreis, im Anschluss an die Frankfurter Buchmesse 2016 – (WehrWolter – ww 200 – Hans Wolter)

Ideen zur Psycho-Logik von Radikalität – Die AfD bewegt sich zurück in eine autoritäre, unfreie, obrigkeitsstaatliche Rechtsordnung. Ein Weg zurück, vor die globalisierte, mobile und multikulturelle Welt wäre nicht sinnvoll. – Die neuen rechten Zauberlehrlinge haben mehr mit dem radikalen Islam gemeinsam, als es ihnen klar und lieb sein kann. Ayatollah Khomeini hat 1979 einen gewaltigen ZivilisationsRückschritt geschafft. Aber das war vor dem Internet. – (WehrWolter – ww 161 – Hans Wolter)

Über Verführbarkeit zum Extremismus und die psychologische Wirkung von Worten: Der gemeinsame Nenner zwischen Rechtspopulisten und radikalen Islamisten – Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ birgt eine gewaltige Sprengkraft – Paradoxe Intervention – (WehrWolter – ww 233 – Hans Wolter)

 

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