Vater-Bilder wirken. Besonders in Abwesenheit. – Von Kohl & Kafka über Niki de Saint Phalle und Picasso zu Dostojewski & Freud (WehrWolter – ww 257 – Hans Wolter)

Das Leben ist wie ein Kartenspiel; wir werden geboren, ohne die Regeln zu kennen, aber jeder von uns muss mit dem Blatt spielen, das er bekommt. (Niki de Saint Phalle)

Im Juni 2017 starb Helmut Kohl. Für die Söhne scheint es eher ein Trauerspiel als Trauer zu sein. Darüber wurde das Thema „Vater“ zum Wochenmotiv in unserem „Club der lebenden Poeten“. Unsere Facebookgruppe knöpft sich wöchentlich ein neues Thema vor. Ich war erstaunt, wie viele persönliche Beiträge zu Missbrauch und Misshandlung auf Ausdruck drängten und intensive Anteilnahme erfuhren. Natürlich gab es auch zahlreiche positive Beiträge zum Phänomen Vater.

Über das Bild des Vaters lässt sich sicher sehr viel schreiben. Ich möchte hier nur einmal einen kleinen Streifzug um verschiedene Blickwinkel wagen. Jeder von uns hat einen. Nicht alle haben ihn erlebt. Dennoch wirken die Bilder. Ich bin selber Vater zweier mittlerweile erwachsener Kinder. Stolz und sehr bewegt hab ich nach der Geburt die Nabelschnur durchschnitten. Hart wie ein Gartenschlauch. Dann durfte ich die Kinder waschen, während die Hebamme die Mutter versorgte. Ich war und bin gerne Vater. Die drei ersten Lebensjahre meiner Tochter war ich vormittags zu Hause. Eine bewegte Zeit und besondere Erfahrung, in der ich auch sehr viel über menschliche Entwicklung lernen konnte. Zu der Zeit war in meiner psychoanalytischen Weiterbildung passenderweise das Thema „Säuglingsforschung“ hochaktuell.

Das Thema Vater ist ein weites Feld

Väter sind in der Regel weniger direkt präsent. Wirken dennoch. Schon die Phantasie zum Vater kann viel erreichen. Seien es die künstlich gezeugten Kinder, die später eine Leerstelle füllen wollen, seien es schlechte Väter, die uns behindern, manchmal auch ein Leben lang unbewusst binden und beeinträchtigen. Gute Väter können uns viel mit auf den Weg geben und durch Triangulierung zur Mutterbindung ein reicheres Leben ermöglichen.

Den beeindruckende Tarot-Garten der Niki de Saint Phalle hatte ich direkt anders erlebt, als ich während eines Besuchs in unserem Italienurlaub erfuhr, dass die Künstlerin in diesem gewaltigen Werk den Missbrauch durch ihren Vater zu bearbeiten versucht hatte. Hierauf gehe ich später noch einmal ein. Franz Kafka und Fjodor Dostojewski hatten schlimme Väter, die sie zunächst sehr hemmten. Später wurde die Auseinandersetzung mit dem inneren Vaterbild zur Quelle der Kreativität beider Schriftsteller. Letztlich arbeiteten sie sich aber nahezu lebenslang an ihnen ab. Goethe und Picasso konnten ihre Väter rascher überwinden. Beide wurden von den Vätern zunächst bildungsmäßig sehr gefördert, nabelten sich dann aber verhältnismäßig rasch ab. Sicher auch, weil die Bindung mehr über den Kopf als über die Gefühle ging. In seinem Selbstbildnis von 1897/98 änderte der junge Maler die Signatur „Ruiz“ erstmals zu „P. Picasso“ – ein Symbol für die innere Loslösung vom Vater und Lehrmeister. Sigmund Freud konnte lange das Grab des Vaters nicht aufsuchen, da er zu enttäuscht über den zu geringen Mut seines Vaters war. Später beschäftigte er sich auch in seinem Werk „Totem und Tabu“ mit den Schuldgefühlen und der anschließenden Gruppenidentifikation, als Folge der Vatertötung.

Missbrauch1

Sexueller Missbrauch ist alltäglicher als es uns lieb ist

Missbrauch und Misshandlung ist nun kein direktes oder ausschließliches Vaterthema. Wie bereits schon erwähnt, nahm dieses brisante Phänomen in unserer Themenwoche allerdings einen überraschend großen Platz ein. Daher gebe ich dieser Thematik auch hier auch einmal etwas mehr Raum.

In meiner über 20jährigen psychotherapeutischen Arbeit werde ich gar nicht so selten mit dieser schwierigen Thematik konfrontiert worden. Ein noch größeres Tabu ist der Missbrauch durch Mütter. Insgesamt deutlich geringer, aber zu dieser Thematik gibt es auch eine große Dunkelziffer. Insgesamt war Missbrauch immer schon ein Thema, das mehr verschwiegen, als thematisiert wird und wurde. Vor einigen Jahren gingen ja die Skandale in katholischen Einrichtungen durch die Presse. Eigentlich wollen wir es nicht wahrhaben, dass ausgerechnet Menschen von denen wir sehr viel halten, eine gegenteilige, nahezu teuflische Seite haben können. Sigmund Freud wies schon 1890 auf die psychischen und somatischen Auswirkungen sexuellen Missbrauchs hin. Hierzu hat er sehr viel Skepsis und Anfeindungen erfahren. Auch aus dem Kreis seiner medizinischen Kollegen.

Analer Charakter Freud

Sigmund Freuds Verführungstheorie

Der Begründer der Psychoanalyse entwarf Mitte der 1890er Jahre seine sogenannte Verführungstheorie, die sich mit dem Ursprung, der Entwicklung und der möglichen Heilung von Hysterie und Neurosen beschäftigt. Laut Theorie sind verdrängte Erinnerungen an die Erfahrung sexuelle Missbrauchs oder sexueller Belästigung in der frühen Kindheit zentrale Voraussetzung für hysterische, obsessive und neurotische Symptome. Anfänglich ging Freud in der Entwicklung seiner Theorie davon aus, dass seine Patienten glaubhafte Berichte tatsächlich erfolgter sexueller Misshandlung und sexuellen Missbrauchs gaben, welche für ihre Neurosen und anderen psychischen Probleme verantwortlich waren. Nach einigen Jahren gab Freud diese Theorie auf aus der Überzeugung, dass die Erinnerungen an sexuellen Missbrauch de facto imaginäre Fantasien seien. Die Gründe für das Widerrufen seiner Verführungstheorie in den Jahren 1897–1898 veröffentlichte Freud nicht. In einem Brief vom 21. September 1897 an seinen Vertrauten Wilhelm Fliess finden sich jedoch Hinweise auf seine Motivation. Erstens verwies er auf seine Unfähigkeit, auch nur eine einzige Analyse zu einem wirklichen Abschluss zu bringen. Zweitens verlieh er seiner Überraschung Ausdruck, dass in allen Fällen der Vater der Perversion bezichtigt werden müsse, um seine Theorie aufrechtzuerhalten. Drittens schien ihm auch die Häufigkeit der Hysterie auf der einen Seite unmöglich eine Entsprechung an Häufigkeit von Perversion gegenüber Kindern auf der anderen Seite haben zu können.

Auf die Verführungstheorie folgte, als alternativer Erklärungsansatz, die Theorie der infantilen Sexualität und des Ödipuskonflikts. Die Impulse, Fantasien und Konflikte, die Freud zuvor hinter neurotischen Symptomen aufgedeckt hatte, stammen dieser Theorie zufolge nicht von externen schädlichen Einflüssen, sondern sind Teil der innerpsychischen Welt des Kindes.

 

Niki de Saint Phalle bearbeitete den Missbrauch ihres Vaters durch Kunst

Niki de Saint Phalle bearbeitete ihre seelischen Verletzungen durch die Kunst und durch virtuelle Gegengewalt. Das Trauma ihrer Kindheit – der eigene Vater vergewaltigte die elfjährige Tochter – hätte sie sonst auf Dauer hinter die Mauern der Psychiatrie gebracht. Die Atmosphäre im katholischen Elternhaus war erstickend, verlogen und gewalttätig. Für jedes falsche Wort gab es eine Ohrfeige, oft schlug der Vater auch mit der Rute zu. Das Kind wehrte sich durch Rückzug, Verweigerung – und Provokation.

Die seelische Verletzung durch den Inzest und die Folgen einer bigotten Erziehung wirkten so stark nach, dass sie als 21-Jährige, bereits verheiratet und schon Mutter, einen schweren Zusammenbruch erlitt. In der Klinik musste die suizidgefährdete Frau Elektroschocks über sich ergehen lassen. Ohne Effekt. Was jedoch half, war das Malen, die ersten Versuche während der psychotherapeutischen Behandlung. Die noch heute naiv-kindlich scheinenden Bilder der Autodidaktin lassen freilich ahnen, dass hier Alpträume ans Licht drängen.

Tarot Niki Schießbilder Missbrauch

In den Anfängen ihrer Kunst setzte sie Männermord und Frauenpower in Szene. Sie schoss mit scharfer Munition auf die Symbole der Männerwelt und entwarf mit den tanzenden „Nanas“ ein Gegenprogramm voll praller Lebensfreude. Sie wollte sich und der Welt beweisen, dass Frauen einfach stark sind.

Die Künstlerin kam entscheidend weiter, durch das Zusammentreffen mit Jean Tinguely in Paris. Das kreative Chaos im Atelier des Schweizers, der aus Schrott magische und bezaubernde Maschinen schuf, regte Niki dazu an, sich an Abfall-Assemblagen zu versuchen. Und plötzlich gelang es ihr, in Reliefs aus Messern, Beilen, Scheren, Scherben und Pistolen ihren so lange unterdrückten Aggressionen symbolischen Ausdruck zu verleihen. Alles wollte sie zeigen: „mein Herz, meine Gefühle. Grün. Rot. Gelb. Blau. Violett. Hass, Liebe, Lachen, Angst, Zärtlichkeit“.

Sie arbeite im „Dunkel eines geheimen Tunnels“ erzählte sie; immer suche sie nach der Sonne, verstecke sich vor dem Mond und huldige den Sternen. Die Risse im Puzzle ihrer Existenz jedoch blieben unüberbrückbar. „Sankt Sebastian oder Porträt meines Liebhabers“, 1961 entstanden, ist ein auf Holz geklebtes weißes Männerhemd mit umgebundener Krawatte; Nägel durchbohren den Stoff, den die angehende Künstlerin auch noch nach der Art des Abstrakten Expressionisten Jackson Pollock mit schwarzen Farbspuren besprüht hat. Als Kopf montierte sie eine Zielscheibe, in der Wurfpfeile stecken.

Der Tarot-Garten wird ihr Lebenswerk

2008 besuchte ich mit meiner Familie zum ersten Mal den „Giardino dei Tarocchi“. Wir waren beeindruckt und fast ein Stück verzaubert, von dem toskanischen bunten Wundergarten. Ich sah viele Figuren und Symbole noch einmal anders, als ich in einem Buch über den Missbrauch der Künstlerin durch den Vater erfuhr. In den Folgejahren war ich noch einmal mit meiner Tochter im Tarot-Garten. So konnte ich den Weg der Niki de Saint Phalle zunehmend nachvollziehen.

Kurz zur Geschichte dieses umfangreichen künstlerischen Mamutprojektes: 1978 stellte ihr die Familie des Fiat-Patriarchen Giovanni Agnelli einen aufgelassenen Steinbruch im Hügelland der südlichen Toskana zur Verfügung. Für die dreidimensionalen, zum Teil begehbaren Monumente ihres „Giardino dei Tarocchi“ wählte Niki die 22 Figuren des Tarot-Spiels als Vorlage. Aufgrund ihres spielerischen Umgangs mit den Bildern sind diese teilweise nicht mehr wiederzuerkennen. Es heißt, Eingeweihte könnten aus den Symbolen des Kartenspiels – der Magier gehört dazu, die Hohepriesterin, die Kaiserin, das Schicksalsrad und der Tod – die Zukunft weissagen.

An ihrem toskanischen Wundergarten hat sich Niki mehr als zwölf Jahre lang mit nie erlahmender Energie abgearbeitet; mehr als einmal ging sie an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Mir wurde rasch klar, dass sie mit dieser Umsetzung ihr Trauma durchschritt und auf eine gelungene Lösung hingearbeitet hat. Sie schaffte sich eine Welt positiver Bilder mit vielen starken weiblichen Anteilen. Auch die Konflikthaftigkeit blitzt immer wieder auf. Durch eine enorme Buntheit scheint sie den Spannungen, Bedrohlichkeit und Destruktivität nehmen zu wollen.

Sie war in der zwölfjährigen Schaffensphase so involviert in ihr Werk, dass sie zeitweise unter primitiven Verhältnissen im Hohlraum der Kaiserin, die sie als Sphinx bezeichnete, wohnte. Selbst dann wenn Krankheit ihr schwer zusetzte. Mir kommt es so vor, als wollte sie dabei auch ihre Neugeburt in der großen Mutter reinszenieren. Und immer wieder musste sie Geld für Arbeiter und Material beschaffen. An die fünf Millionen Dollar, hat das Projekt verschlungen; ein Drittel der Kosten konnte mit dem Vertrieb des Parfüms „Niki de Saint Phalle“ finanziert werden.

Die vom Tessiner Architekten Mario Botta entworfene Eingangsfront – zwei parallel gestellte Mauern mit kreisrunden Portalen – verstärkt noch die harte Zäsur zwischen Park und Umland: Hier ist Italien, dort bevölkern gebaute Märchenträume das poppige Phantasialand der Künstlerin. Für mich stellt diese Zweiteilung aber auch die harte Grenzmarkierung zwischen einer potentiell bedrohlichen Außen-Welt und ihrer positiv besetzten Innenwelt dar. Ein Schutzwall gegen Retraumatisierung.

Kaffka

Der Vater-Sohn-Konflikt des Franz Kafka

Der Vater-Sohn-Konflikt als Zeitphänomen der Jahrhundertwende

Das Leiden an dem tyrannischen Vater war ein in der Kunst und Literatur der Jahrhundertwende oft beschriebenes Phänomen. Der Vater-Sohn-Konflikt ist geradezu ein Zeitphänomen der expressionistischen Generation. Mit dieser Auseinandersetzung griff die junge Generation eine verkrustete patriarchale Gesellschaft an, die spätestens mit der Abdankung der Monarchie im Jahre 1918 wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach. Dieser Kampf der Generationen erfuhr gerade in Prag unter den assimilierten jüdischen Familien noch eine besondere Zuspitzung. Die im Zuge der gewährten Freizügigkeit vom Land in die Städte eingewanderten Juden brachten es oft unter besonderer Kraftanstrengung zu einigen Wohlstand und Ansehen. Natürlich versuchten die Familienoberhäupter ihren Werte- und Normenkatalog an die Söhne weiterzugeben, der aber in dem Maße bei der jüngeren Generation auf taube Ohren stoßen musste, als sich die gesellschaftlichen Bedingungen veränderten und mit ihr auch neue Herausforderungen an sie heranwuchsen. Nicht mehr der ökonomische Aufstieg hatte jetzt oberste Priorität, sondern die gesellschaftliche Akzeptanz und Bewahrung bürgerlicher Rechte in einem nationalistisch-chauvinistisch aufgeheizten Klima, in dem Rassenhass und Antisemitismus die Massen mobilisierte, beschäftigte nun die jüngere Generation. Dass der Konflikt mit seinem Vater keine Einzelerscheinung war, wusste auch Kafka.

Während die Väter auf dem Land noch in kärglichen Lebensumständen aufwuchsen, aber aufgrund der gewährten Rechte später vielfach als erfolgreiche Unternehmer in den größeren Städten zu Wohlstand kamen, zog es die Söhne eher in akademische Berufe wie die Medizin oder Rechtswissenschaft, aber auch in den Journalismus. Die Familie Kafka lieferte somit ein geradezu klassisches Beispiel für diese Übergangsgeneration ab: Während der Vater vom einfachen Hausierer zum Besitzer eines Galanteriewarenladens wurde, studierte der Sohn später an der juristischen Fakultät.

Der Kampf um die Fortführung eines Lebensentwurfs

Insofern folgte die Familie Kafka einem weitverbreiteten Muster. Ungewöhnlich war schon eher, wie tief die Existenzängste im Leben des Hermann Kafka verankert waren und wie unflexibel er auf die veränderten Zeitläufte reagierte. Schon die permanenten Vorhaltungen an die Kinder wie hart er hat arbeiten müssen und wie gut es ihnen im Vergleich dazu ginge, zeugen davon, dass Hermann Kafka die gesellschaftlichen Veränderungen um sich herum kaum verarbeitet hat.

Seine Erwartungen an den Sohn zielten deshalb in erster Linie auf Bewahrung des Erreichten. Schon die Berufswahl von Franz Kafka war für ihn eine zweifelhafte Lösung, da sie eine Abkehr des von ihm eingeschlagenen Weges bedeuteten, eines Weges der so erfolgreich war und nun gegen die Ungewissheit eines akademischen Berufes eingetauscht werden sollte.

Von diesem Selbstverständnis löste sich der Vater nie. Darum drängte er auch in späteren Jahren zu einer Umkehr in seinem Sinne, als er die Chance dazu sah. So willigte er bei dem Vorhaben ein und unterstützte das Vorhaben auch finanziell, dass sein Sohn Franz mit dem Schwager Karl Hermann eine Asbestfirma aufbauen sollten. Mit dem Resultat, dass er Franz damit an den Rande des Selbstmordes trieb.

Kaffka Vater

Franz Kafka bearbeitete sein schwieriges Vaterverhältnis als Schriftsteller

Der Brief an den Vater

1919 schrieb Franz Kafka in Schelesen bei Prag einen rund 100 Seiten langen Brief an seinen Vater Hermann. Er wurde jedoch nie abgeschickt und erst 1952 in der Literaturzeitschrift „Neue Rundschau“ veröffentlicht. Der „Brief an den Vater“ ist eine Abrechnung Kafkas mit seinem übermächtigen Vater und eine eigene Standortbestimmung. Dem Schreiben war ein Streit um Franz Kafkas geplante Heirat mit der Sekretärin Julie Wohryzek vorausgegangen. Er gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse zum Verständnis von Kafkas Leben und Werk.

Kafka nennt zu Beginn den Grund für seinen Brief. Sein Vater habe ihn gefragt, warum er sich vor ihm fürchte. Eben diese Furcht aber mache es ihm unmöglich, seine Frage mündlich zu beantworten. Beim Schreiben sei er ruhiger, könne seine Gedanken ordnen und der Komplexität des Themas besser gerecht werden.

Anschließend schildert Kafka die Sicht des Vaters: Er arbeite hart, um seinen Kindern ein finanziell sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Doch Franz sei verschlossen, kalt und unnahbar. Dies müsse dem Vater wie Undank erscheinen. Für ihn trage darum allein der Sohn die Schuld an ihrem schwierigen Verhältnis. Kafka antwortet auf den von ihm unterstellten Vorwurf des Vaters: Den Vater treffe tatsächlich keine Schuld. Doch auch der Sohn sei unschuldig. Ziel des Briefes sei, dass sein Vater diese Schuldlosigkeit anerkenne.

Kafka beschreibt die grundverschiedenen Wesenszüge von Vater und Sohn. Hermann ist vital, willensstark, selbstgerecht und cholerisch. Franz ist ängstlich, still und introvertiert. Auch äußerlich haben die beiden nichts gemeinsam. Der Vater ist stark und athletisch, der Sohn mager und schwach.

Der Vater wertet den Sohn permanent mit Worten ab. Was immer Franz sagt, wird lächerlich gemacht. Häufig verwendet der Vater dabei Ironie. Er verachtet die Interessen des Sohnes und diffamiert seine Freunde, ohne sie zu kennen. Die Regeln, die der Vater aufstellt, gelten nicht für ihn selbst. Er verlangt zum Beispiel vom Sohn perfekte Tischmanieren, benimmt sich jedoch selbst beim Essen vulgär.

Die Erziehungsmethoden des Vaters sind brutal. So bestraft er Franz als Kind, indem er ihn, nur mit einem Hemd bekleidet, auf den eiskalten Balkon stellt. Dieses Erlebnis ist für den Sohn traumatisch; er vergisst es nie. Zu körperlicher Gewalt kommt es ansonsten nur selten. Doch allein die häufige Androhung von Schlägen wirkt sich verheerend aus.

Ein pädagogisches Paradox

Der cholerische Vater erlaubt keine Widerrede. Seine herrische Art macht bei Meinungsverschiedenheiten ein ruhiges Gespräch unmöglich. Der Sohn wagt darum kaum noch zu sprechen und stottert. Ein Teufelskreis entsteht: Statt den Sohn zu dem forschen Mann zu erziehen, den er sich wünscht, treibt der Vater ihn mit seinen Methoden immer mehr in das von ihm verachtete, schwächliche Verhalten.

Der Sohn weicht allem aus, was an den Vater erinnert. Dies ist vor allem das Geschäft, in dem der Vater ebenfalls als Tyrann auftritt. Franz wendet sich daher von kaufmännischen Dingen ab. Weil sein Vater jedoch jeden Enthusiasmus in ihm getötet hat, kann er auch anderen Berufswegen kein lebendiges Interesse entgegenbringen. Seine Entscheidungen sind von Angst gesteuert. Er hat eine Art Überlebenshaltung entwickelt, mit der er sich durch die Schule quält und später, innerlich gleichgültig, ein juristisches Examen macht.

Traum Freud Kafka

Kafka findet seinen eigenen Weg im Schreiben

Einzig in seiner Arbeit als Schriftsteller erlebt der Sohn eine gewisse Unabhängigkeit. Das fehlende Interesse des Vaters ist ihm hier recht. Es bestätigt ihn in dem Gefühl, mit der Literatur seine ureigene Domäne gefunden zu haben.

Die Mutter Julie Löwy steht loyal zu ihrem Ehemann. Zugleich ist sie mit ihrer Ruhe und Vernunft ein Gegengewicht zum väterlichen Despotismus. Ihr Bemühen das Verhalten ihres Mannes zu rechtfertigen jedoch erschweren Franz einen offenen Bruch mit dem Vater. Seine Schwester Valli gleicht der Mutter und fügt sich. Ottla begehrt auf, bleibt aber in der Revolte gegen den Vater stecken. Allein Elli gelingt eine echte Emanzipation. Sie gründet eine eigene Familie und wandelt sich von einem verschlossenen, ängstlichen Mädchen zu einer fröhlichen und lebensbejahenden Frau.

Vater Schatten Selbst Poeten

Zum Schluss spricht Kafka über den ursprünglichen Anlass seines Briefes: den Streit mit dem Vater über seine Heiratspläne. Ehe und Familiengründung seien ihm stets als große, aber kaum zu bewältigende Lebensaufgabe erschienen. Als er sich ihr stellen will, rate ihm der Vater stattdessen zu Prostituierten zu gehen. Diese Demütigung treffe Franz zutiefst. Der Gedanke, dass Julie ihm etwas bedeuten könne, komme dem Vater nicht. Das Ende des Briefes zeigt, dass der Sohn nicht mehr mit der Erfüllung persönlicher Wünsche rechnet.

Der vorletzte Abschnitt ist eine fiktive Antwort des Vaters. Ähnlich wie die unterstellten Vorwürfe des Vaters zu Beginn des Briefes, ist auch sie in Stil und Tonart eindeutig ein Werk des Sohnes. Der Brief endet schließlich mit der Antwort auf die Antwort: Der Sohn äußert die Hoffnung, dass künftig trotz aller Schwierigkeiten eine Art friedlicher Koexistenz von Vater und Sohn möglich sei.

Quelle: Brief an den Vater – Zusammenfassung https://www.inhaltsangabe.de/kafka/brief-an-den-vater/

Vater Dostojewski Moskau

Dostojewski und die Vatertötung 

(Freud, 1928)

„Es ist kaum ein Zufall, dass drei Meisterwerke der Literatur aller Zeiten das gleiche Thema, das der Vatertötung, behandeln: Der König Ödipus des Sophokles, der Hamlet Shakespeares und Dostojewskis Brüder Karamasoff. In allen dreien ist auch das Motiv der Tat, die sexuale Rivalität um das Weib, bloßgelegt.“ (Sigmund Freud)

Freud hat den Grundstein der Psychoanalyse mit theoretischen Abhandlungen zur Psychologie des Unbewussten, dem Sexualleben, dem Phänomen Hysterie und Angst und Schriften über Zwang, Paranoia und Perversion sowie zu bildender Kunst und Literatur gelegt. Der Text „Dostojewski und die Vatertötung“ ist ein Versuch am Beispiel des Werks „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Michailowitsch Dostojewski (geb. 1821, Moskau; gest. 1881, St. Petersburg) das literarische Motiv der Vatertötung psychoanalytisch zu deuten.

Der Grundgedanke Freuds ist, dass Dostojewski seinen herrischen Vater in seinen Phantasien und Träumen gerne umgebracht hätte. Als er eines Tages erfuhr, dass ein Knecht den Vater erschlagen hatte, bekam Dostojewski quälende Schuldgefühle. Diese versuchte er, so die Ansicht Freuds, in seinen Romanen zu bearbeiten. Wer das Thema weiter vertiefen möchte, kann dem Link folgen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/kleine-schriften-i-7123/15

Helmut Kohl verlor die Verbindung zu seiner Frau und seinen Söhnen

„Ich finde es schade, wenn man nicht in der Lage ist, die Dinge in diesem Leben zu regeln. Ich habe das versucht, über verschiedene Kanäle, ohne großes Glück. Und jetzt ist es so, wie es ist.“ (Walter Kohl)

Walter Kohl erfuhr aus dem Radio vom Tod seines Vaters. Jahrelang hatte er keinen Kontakt zu dem Mann, der international als „großer Staatsmann“ und „großer Europäer“ gewürdigt wird. Für Walter Kohl war der Vater Helmut nicht der Held der Wiedervereinigung, nicht der Wegbereiter der Europäischen Union, sondern eine Enttäuschung – einer, der nicht da war, der sich nicht kümmerte, der den Kontakt abbrach. Im Sommer 2011 habe er das letzte Mal mit seinem Vater telefoniert, danach habe er ihn nicht mehr besuchen dürfen, erzählt Walter Kohl. Erst jetzt betritt er sein Elternhaus wieder. Erst jetzt, wo es den Vater nicht mehr gibt.

Wie sehr er selbst als Kind gelitten hat, darüber hat Walter Kohl schon viel Auskunft gegeben, unter anderem in einem Buch mit dem Titel „Leben oder gelebt werden“. Darin seziert er schonungslos das Leben im Hause Kohl, erzählt von Kälte und Distanz. Er beschreibt den Vater als einen, der alles für die Politik gab und für den die Familie nicht mehr war als Teil des politischen Bühnenbildes. Und: Walter Kohl schildert, wie er vom Tod seiner Mutter Hannelore erfuhr. Ein Anruf, die Worte: „Walter, deine Mutter ist tot.“ Die Stimme am Telefon gehörte nicht seinem Vater, sondern dessen Büroleiterin.

2001 war das. Hannelore Kohl nahm sich damals das Leben. Sie starb an einer Überdosis Schlaftabletten, daheim in Oggersheim, während Helmut Kohl in Berlin war. Jahrelang war sie krank, litt unter einer Lichtallergie, musste im Dunkeln leben. 41 Jahre lang war sie mit Helmut Kohl verheiratet. Und auch von ihr gibt es eine Biografie, die einiges Düstere aus dem ihrem frühen Leben und dem späteren als Kanzlergattin offenbart – und manche Spannung mit ihrem Mann. Unter meinen Kollegen ist die Diagnose Lichtallergie umstritten. Ausschlaggebend für den Suizid wird die tiefe Depression gewesen sein.

 

Kinder brauchen Mütter und Väter

Nach der Beschreibung einiger schwieriger Lebensverläufe möchte ich zum Schluss noch einmal kurz die Rolle des Vaters in einer gesunden Entwicklung skizzieren.

Vater Mutter Kind

Triangulierung – Das Dreieck: Vater-Mutter-Kind

Das menschliche Leben startet zunächst in enger Beziehung zur Mutter. Nachdem Mutter und Kind neun Monate lang aufs engste verbunden waren, folgt die Stillzeit. Mutter und Kind sind wie in einer Symbiose miteinander verbunden. Würde es so bleiben, wäre es für beide nicht lange gut aushaltbar. Der Vater als „trennender Dritter“ sorgt dafür, dass das Kind seinen Weg in die Welt findet. In dieser frühkindlichen Triangulierung lernt das Kind, dass es sich ruhig von der Mutter trennen kann und dabei von einem Dritten, dem Vater, aufgefangen wird. Gleichzeitig wird aber auch unter seinem Schutz die enge Beziehung zur Mutter möglich. Somit verbindet und trennt der Vater gleichzeitig.

Der Vater als rettender Dritter

Ein anwesender Vater kann die Zweiersituation zwischen Mutter und Kind, die ja keineswegs immer nur harmonisch ist, entspannen. Diese Bedeutung des „Dritten“, der für Entspannung und Schutz sorgt, ist ein Leben lang eine wichtige Vorstellung. Erwachsene, die immer wieder in Gewaltsituationen verstrickt sind, haben die Erfahrung des „rettenden Dritten“ in der Kindheit oft nicht machen können. Daher geraten sie oft in eine scheinbar auswegslose Nähe zum Nächsten, die nur durch Gewalt beendet werden kann.

Die Vorstellung einen Dritten zu haben (innerliche Triangulierung), kann trösten, entlasten und schafft Raum. Etwas Drittes ermöglicht Abstand zur aktuellen Situation und eröffnet auch den Raum zum Spielen. Hin und Her kann sich das Kind mit einem Dritten im Bunde bewegen und ausprobieren.

Die konkret erlebten „Triangulierung“ lässt vielfältige Fähigkeiten entstehen: Neugier und die Fähigkeit, sich Neuem zuzuwenden oder etwas Neues zu lernen gehören dazu. Ebenso die Fähigkeit, sich aus alten Beziehungen zu lösen und neue Kontakte zu knüpfen.

Der Vater als störender Dritter

Nach der frühkindlichen Triangulierung (Babyzeit)  gibt es später auch die ödipale Triangulierung (Dreieckskonstellation). Hiermit ist gemeint, dass das etwa 3- bis 6-jährige Kind lernt, den Dritten im Bunde zu akzeptieren. Mutter und Vater stellen eine Einheit dar, rufen Eifersucht im Kind hervor und auch das Gefühl von Ausgeschlossen-  und Getrenntsein. Gleichzeitig wird das Gefühl von Eigenständigkeit im Kind gestärkt.

Wenn Vater und Mutter so eng zusammengehören, kann das dem Kind auch Schutz bieten– z.B. vor Inzest. Dennoch wäre es dem kleinen Kind oft am liebsten, es könnte den gegengeschlechtlichen Elternteil ganz für sich gewinnen. In der ödipalen Phase lernen die Kinder zu akzeptieren, dass das nicht möglich ist. Verläuft die Entwicklung gesund, können die Kinder diese Phase irgendwann zufrieden abschließen. Die Tochter versöhnt sich mit der Mutter, der Sohn mit dem Vater. Diese Phase ist besonders wichtig für die eigene, „seelische“ Geschlechtsfindung und Identität des heranwachsenden Menschen.

Das Thema ließe sich noch lange fortsetzen. Wie zu Anfang erwähnt, war „Vater“ eine Woche das Thema in unserem „Club der lebenden Poeten“. Da hier auch so manches verDichtet wird, möchte ich mit zwei kleinen, rasch geschmiedeten Vers abschließen

Vater Kind 1

Väter haben oft Ideen
Sind weniger im Sorgen
Bleiben selten gerne stehn
Gehen häufig schon am Morgen

Väter weisen hin
Mütter umarmen
Beides macht Sinn
Zwischen Hallo und Amen

Väter jagen in der Welt
Mütter sammeln Herzen
Jedem, wie es ihm gefällt
Möglichst ohne Schmerzen

Vater Kind 2

Ein Vater der uns Mut macht

Glück jenseits der Hauptwege

Mit InSichFühlen und Bedacht

Zu finden in wacher Selbstpflege

Ein Vater der auch das Nein lebt

Schon mal quer zu allem bellt

Der nicht nur nach dem Golde strebt

Dein Licht nicht untern Scheffel stellt

Ein Vater der ja sagt, wenn’s ihm danach

Auf den man sich verlassen kann

Der auch das hält, was er versprach

Nicht König aber stolzer Mann

Den zu haben, das wär schon gut

Doch fehlt es hier und da

Verliere nicht den Mut

Sag Du zu Dir entschieden: JA

(Bild & Poesie: HansWolter.com)

 

Weiterlesen?

Helmut Kohl – R.I.P. – Ein Realist der bei der deutschen Einheit und der europäischen Einheitswährung – zur rechten Zeit am rechten Ort – den Mantel der Geschichte am Zipfel packte – (WehrWolter – ww 256 – Hans Wolter)

“Mit einer Kindheit voll Liebe aber kann man ein halbes Leben hindurch für die kalte Welt aushalten.” (Jean Paul) – Für mehr Beziehung in der Erziehung – Nicht nur den jungen Terroristen fehlt der Sinn im Leben – Experimente der Selbstpsychologie & Bindungsforschung

Weltmännertag – Zwischen Scham und Stolz – Aufgefächerte Männerbilder und die Sozialisation von Jungen heute – Überlegungen auf dem Düsseldorfer Männerkongress „Bindung und Sexualität“ – (WehrWolter – ww 201 – Hans Wolter)

Rainer Maria Rilke starb vor 90 Jahren – Das Paradox: vom Defizit zur Kreativität – Vom Sohn der die Tochter ersetzen sollte, über den bindungsängstlichen jungen Mann zum frauenumschwärmten Dichter mit gewaltigem Tiefgang – (WehrWolter ww 218 – Hans Wolter)

Rilke WW

Beziehung & Erziehung werden einfach, wenn wir uns gegenseitig vertraut machen – Entschleunigung und das rechte Maß zwischen Nähe und Distanz finden: hört sich einfacher an, als es ist – Vom HänschenKlein zum Kleinen Prinz – (WehrWolter – ww 255 – Hans Wolter)

Verdamp lang her … WW starb vor 25 Jahren … erlebte gerade noch den Mauerfall. Erlebte nicht mehr die Hochzeit seines Sohnes. Lernte nicht mehr seine Enkelkinder kennen. – Totensonntag. – Versuch eines kleinen Nachrufs auf meinen BAP WW.

Salber Blog

R.I.P. Wilhelm Salber – mit dem Kölner Psychologie Professor geht einer der originellsten Köpfe der Zunft – Morphologie: Wanderer zwischen Kunst & Wissenschaft – Ciao Käpt’n, mein Käpt’n – (WehrWolter – ww 213 – Hans Wolter)

Bond, James Bond – Roger Moore R.I.P. – Was will der Mann, wenn nicht das eine? Manchmal: einfach nur spielen! – 007: Der vaterlose Held für vaterlose Söhne – (WehrWolter – ww 252 – Hans Wolter)

 

 

Vater Tarot Garten Niki

 

 

 

 

1 Kommentar

  1. Wunderbar, lieber Hans. Vieles davon MUSSTE ich leider bewältigen, innerhalb weniger Tage kurz vor und nach dem Tod MEINES Vaters. Ich staune noch heute über meine Energie. Geholfen haben mir gefundene „Ersatzväter“. Mein Opa, mein Schwiegervater, mein damaliger Chef und mein Vertrauen auf meine eigene Kraft.

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