„Schon als ich noch ein kleiner Junge war, … wollte ich immer nur eine Musik machen, … die die Herzen der Menschen öffnet… Das war mein Traum.“ (Daniel Dareus, Wie im Himmel) – R.I.P. Mikael Nyqvist – (WehrWolter – ww 258 – Hans Wolter)

„Schon als ich noch ein kleiner Junge war,… wollte ich immer nur eine Musik machen,… die die Herzen der Menschen öffnet… Das war mein Traum.“ (Daniel Dareus, Mikael Nyqvist)

„Wie im Himmel“ Die Geschichte in der der ausgebrannte Stardirigent Daniel Dareus seine Lebenskrise – die in Depression und Herzinfarkt beinahe versinkt – erfolgreich überwindet, steht im Ranking meiner Lieblingsfilme ganz oben. Der schwedische Schauspieler Mikael Nyqvist ist im unfassbar frühen Alter von 56 Jahren gestorben. Er verlor den Kampf gegen den Lungenkrebs.

Mich hat er besonders in seiner Lebensrolle „Wie im Himmel“ bewegt. Daher versuche ich in der Fokussierung auf diesen Film einen kleinen Nachruf für ihn zu verfassen.

Auch wenn „Wie im Himmel“ keinen Oscar bekam, für mich ist er ein besonderer Film, der mit der sehr leidenschaftlich verkörperten Rolle des Daniel Dareus sich auch in mein Herz spielen und dort verwurzeln konnte. Mit ihm gehen wir in diesem Film durch ein Stirb und Werde. Es bedarf erst eines Herzinfarktes damit dieser Mann endlich zu sich selbst kommen kann und die Herzen der Anderen zu öffnen vermag.

Äußerer Handlungsverlauf und psychologische Komplexentwicklung des Films

Nach meiner Einschätzung wird hier der Entwicklungsverlauf vom falschen zum wahren Selbst aufgezeigt. Damit beziehe ich mich auf ein Konzept des englischen Psychoanalytikers Donald Winnicott. Filme aus ihrer psychologischen Komplexentwicklung zu sehen, hat mir Wilhelm Salber nahegebracht, mein Ende 2016 verstorbener Professor. Ich beschränke mich in der Analyse allerdings auf das Aufzeigen einiger weniger Eckpunkte.

Der Stardirigent Dareus ist einerseits sehr erfolgreich und anerkannt. Andererseits scheint er sich aber zunehmend von sich selbst entfernt zu haben. Zu Anfang sehen wir ihn kurz mit seinem Agenten, der ihn schon für Jahre im Voraus terminlich verplant hat. Er kann sich allerdings über seinen Erfolg offensichtlich nicht freuen. Apathisch und fühllos wirkt er wie ein Statist in seinem eigenen Leben. Dann bricht er auf der Bühne zusammen. Herzinfarkt. Er stürzt jäh aus dem Himmel des erfolgreichen Publikumslieblings. Daraufhin steigt er ganz aus seiner beruflichen Karriere aus und reist in sein ursprüngliches kleines schwedisches Heimatdorf.

Der Film gibt uns einen verständlichen und psychologisch stimmigen Einblick in die Entstehung und langsamen Überwindung seiner depressiven Krise. Am Tiefpunkt steht so etwas wie eine Nahtoderfahrung, der körperliche Zusammenbruch in Form eines Herzinfarktes.

Der Zuschauer wird jetzt nach und nach in die Lebensentwicklung des Hauptdarstellers gezogen. Kurze Rückblenden zeigen zunächst prägende Stationen des Heranwachsenden: Der Junge wächst ohne Vater in Ljusåker auf, einem Dorf in Nordschweden. Während seiner Schulzeit wird Daniel von seinen Mitschülern gehänselt und verprügelt. Später kommt sein außergewöhnliches musikalisches Talent als Geigenvirtuose zum Vorschein. Im Alter von acht Jahren zieht er mit seiner Mutter in die Stadt, wo ihn der Musikagent Mircea unter die Fittiche nimmt. Als Jugendlicher muss er mitansehen, wie seine Mutter infolge eines Autounfalls stirbt, als er gerade im Begriff ist, an einem internationalen Jugendmusikwettbewerb teilzunehmen.

Daréus zieht sich zurück nach Ljusåker, den Ort seiner Kindheit, wo er die ehemalige Dorfschule kauft und dort einzieht. In kurzen Bilder wird angedeutet, dass er in kleinen Schritten beginnt sich wieder selbst zu spüren. Es schneit, er steht halbnackt im Schnee und freut sich wie ein kleiner Junge.

Sein ursprünglicher Lebenstraum kommt wieder in sein Bewusstsein. Daniel träumt von einer Musik, die die Herzen der Menschen öffnet und verbindet. Er lernt die junge Verkäuferin Lena kennen, die im örtlichen Kirchenchor singt. Der Sportladen-Besitzer des Dorfes, Arne, will ihn als Leiter für diesen Chor gewinnen. Daniel besucht zunächst widerwillig eine Chorprobe, entscheidet sich dann jedoch, die vakante Stelle des Kantors zu übernehmen. Seine Aufgabe ist, den Chormitgliedern Gesangsunterricht zu erteilen und sie für die Musik zu begeistern.

Der anfangs kleine und schlechte Chor wächst und wächst. Daniel liebt die Vielfalt und lässt zunächst jeden mitmachen. Auch den geistig behinderten Tore, da er eine ursprüngliche Herangehensweise an das Singen hat. Daniel erhält von den Chormitgliedern großen Zuspruch, auch da er eigenwillige Unterrichtsmethoden einführt, die den Chormitgliedern helfen, sich zu öffnen und den Zugang zur Musik zu finden.

Sind wir bei uns selbst oder leben wir ein Leben der Anderen?

Diese Frage zieht sich durch den ganzen Film, indem nicht nur der Dirigent den Weg vom falschen zum wahren Selbst geht. Im Sinne des englischen Psychoanalytikers Donald Winnicott.

Dieser psychologische Komplex faltet sich im weiteren Verlauf aus und kann vom Zuschauer gewissermaßen miterlebt werden.

Zwei weitere Handlungsstränge stellen die häusliche Problematik im Dorfleben dar: die begabte Sängerin Gabriella und ihr gewalttätiger Mann Conny sowie das Pfarrerehepaar Stig und Inger. Bei letzteren wird konfliktreich die Bigotterie des dörflichen Kirchenlebens, namentlich des Pfarrers selbst, offengelegt.

Daniel erlebt intensive Stunden mit dem Chor, und der Zusammenhalt wächst durch die gegenseitige Unterstützung bei den Sorgen und Problemen Einzelner, die der Enge des Dorflebens geschuldet sind und die eindrücklich in Nebenschauplätzen oder Einzelschicksalen dargestellt werden. Der Pfarrer Stig, dessen Frau auch im Chor singt und die den neuen Kantor unterstützt, sieht seinen Status und seine Autorität durch die Beliebtheit Daniels untergraben und entlässt ihn mit Hilfe von Verleumdungen vor Ablauf der Probezeit durch einen Kirchenvorstandsbeschluss. Hier wehrt sich gewissermaßen das „falsche Selbst“, das sich an äußeren Formen und Status festmacht.

Wie im Himmel2

Vertrauen in den anderen fällt schwer, wenn man sich selbst (noch) nicht richtig traut

Daniel: „Lena? Wie weiß man denn, dass man jemanden nicht mag?“ Lena: „Was? Was meinst du denn damit, Daniel? Ach, du meinst mich damit!“ Daniel: „Nein, das war doch nur ein Beispiel.“ Lena: „Aber… wieso fragst du denn dann nicht, wie man weiß, dass man jemanden mag? Was bist du denn überhaupt für ein komischer Kerl?

 

Der Chor folgt jedoch Daniel und probt weiter in dessen Haus. Daniel und Lena bauen eine immer intensiver werdende Beziehung auf. Es wird jedoch offenkundig, dass der Dirigent Schwierigkeiten hat, einer Liebesbeziehung zu trauen und sich Menschen persönlich anzuvertrauen. Das wird seinen frühen Verlusterfahrungen geschuldet sein, die mit Bindungsunsicherheit einhergingen. Meines Erachtens muss Daniel in seiner Biografie an die Stelle zurückgehen, an der es damals zum Bruch kam. Dies geschieht in der Filmhandlung sowohl im Außen als auch in ihm selbst.

Arne, der informelle Führer der Gruppe, meldet den Chor zu dem Gesangswettbewerb „Let the Peoples Sing“ in Österreich an. Daniel ist zunächst dagegen, aber die anderen überreden ihn, und so willigt er doch noch ein.

Einige Tage vor der Abfahrt, mitten in der Chorprobe, taucht Gabriella mit ihren Kindern auf. Sie hat Gesichtsverletzungen und verkündet, nicht mehr zu ihrem gewalttätigen Mann zurückzukehren. Kurze Zeit später taucht dieser auf und will seine Frau mit Gewalt zurückholen, wird aber von der Gruppe daran gehindert. Er droht daraufhin, sich zu rächen, und als er Daniel einige Zeit später im Bach baden sieht, prügelt er ihn bewusstlos. Er wird festgenommen und landet im Gefängnis. Daniel offenbart der Gruppe, wer er wirklich ist und dass er seine Kindheit in Ljusåker verbracht hat.

Daniel schreibt ein Lied für Gabriella. Dies bringt die Botschaft des Films auf den Punkt:

Ich will leben – glücklich sein so wie ich bin … Ich will sagen : ja, ich hab gelebt!

Schließlich fährt die Chorgruppe mit dem Bus nach Innsbruck. Dort angekommen, erhält Daniel durch seine vormalige Popularität sofort die Aufmerksamkeit der Medien. Zudem trifft er dort auf seinen ehemaligen Musikagenten, dem er erklärt, nun seinen Traum, die Herzen der Menschen durch Musik zu verbinden, gefunden zu haben. Er erkennt, dass der Chor ihn liebt und umgekehrt. Daraufhin schafft er es endlich, auch Lena seine Liebe zu offenbaren. In ihrem Hotelzimmer kommen sich die beiden näher.

Euphorisiert von den jüngsten Ereignissen fährt Daniel später wie von Sinnen mit dem Fahrrad durch die Stadt und hat anscheinend die Zeit vergessen. Schließlich erinnert er sich an den bevorstehenden Wettbewerb und hetzt zum Auftrittsort. Auf dem Weg in die Halle erleidet er einen weiteren Herzinfarkt. Er kann sich gerade noch in die Toilette des Gebäudes schleppen, stürzt taumelnd mit dem Kopf gegen den Heizkörper und bricht verletzt zusammen.

Sein Chor steht bereits auf der Bühne. Da der Leiter nicht erscheint, ist Tore irritiert durch die entstehende Unruhe und beginnt, seinen Ton hörbar und permanent zu singen. Damit ruft er im Saal fragende Gesichter hervor, bis ein weibliches Chormitglied ebenfalls ihren Ton anstimmt, gefolgt von den anderen, die nun auch jeweils ihren Ton singen. Die Mitglieder der anderen Chöre werden davon so sehr in Bann gezogen, dass sie nach und nach alle mit einstimmen. Selbst die Menschen in den Tonaufnahme-Kabinen nehmen ihre Kopfhörer ab und singen mit.

Daniel liegt blutend in der Toilette und hört über Lautsprecher, dass die Improvisation die Menschen im Saal erreicht und verbindet. Schließlich hört er mit einem Lächeln im Gesicht auf zu atmen.

Ich habe mich am Ende des Films gefragt, ob der Verlauf der Entwicklung im Tod enden musste. Mein Einfall hierzu war, dass der Regisseur hier noch ein Jesus-Motiv aufgreift. Damit bringt er es noch einmal auf den Punkt:

Wir müssen uns selbst lieben, um den Anderen lieben zu können.

Heute, am Todestag von Mikael Nyqvist bekommt der Verlauf für mich eine gewiss traurige aber auch zutreffende Stimmigkeit.

Der Spannungsbogen eines Stirb-und-Werde braucht den Hinweis:

Lebe heute,

denn der Tod kommt gewiss.

Manchmal plötzlich.

Wie im Himmel3

Ruhe in Frieden, Mikael Nyqvist

Wie im Himmel 1

Gabriellas Lied

Meine Sehnsucht bringt mich hier her
Denn dies ist der Weg den ich wählte.
Und ich ahne weil ich es spür´
Jetzt gehört dieses Leben mir

Was mir fehlt und was ich bekam
Balancier ich in meinen Händen
Lern vertrauen und will verstehn
Hab vom Himmel ein Stück gesehn

Ich will spüren dass ich lebe
Jeden Tag ganz neu
Offen, mutig, stark und frei
Ich will leben und will sagen
Ich bin gut so wie ich bin

Denn ich hab mein Selbst nie verlorn
Lies es manchmal einfach nur schlafen.
Doch nun ist es in mir erwacht
Und nun strahlt es in mir und lacht.

Ich will leben
glücklich sein so wie ich bin
Offen mutig stark und frei
Die Zeit hier geht so schnell vorbei
Ich will wachsen, staunen über diese Welt
Und den Himmel den find ich hier,
Wenn ich glaube uns such in mir.

Ich will sagen : ja, ich hab gelebt

 

P.S.

Michael Nyqvist hat eine Autobiographie geschrieben, die mir sein inniges Aufgehen in der Rolle des Daniel Dareus noch verständlicher macht. Er war ein Adoptivkind auf der Suche nach seinen Wurzeln.

Wie im Himmel Biografie

„In seinem ersten autobiographischen Buch Gefallen aus allen Wolken berichtet Michael Nyqvist, einer der beliebtesten und bekanntesten Schauspieler Schwedens, von seiner Adoption und vom Suchen und Finden seiner Wurzeln. Der Mann, der sich seit ein paar Jahren auch in Hollywood einen Namen macht, versetzt sich einfühlsam in seine Kindheit zurück, legt das tragikomische Verhalten seiner erwachsenen Mitmenschen offen und zeigt sein kindliches Denken und Fühlen, das ihm als Erwachsener erhalten geblieben ist. Auf poetische und trockene Weise beschreibt er die Anfänge seiner holprigen Schauspielkarriere, seiner schon früh ausgeprägten Vorstellungskraft bis hin zu seinen ersten Theaterund Filmarbeiten. Inspiriert durch die Geburt seines ersten Kindes macht er sich schließlich auf die Suche nach seinen leib lichen Eltern. Michael Nyqvist schreibt, wie er spielt: reduziert aufs Wesentliche und mit Gefühl für die kleinen Nuancen. Sein tiefer Sinn für Details und sein authentischer, mensch licher Blick lassen den Leser äußerst mitfühlend und vielleicht auch mit einer Träne in den Augen zurück. Aus dem Schwedischen übersetzt von Sonja Vanessa Tonn“

 

Wie im Himmel Titel

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