Das JA-Wort zur Ehe für alle – Trauen hat mit Mut zu tun – Ein Sieg für Bindung und Toleranz – Von kalten zu heißen Kulturen – Die Psyche ist gesünder im MitBewegen – (WehrWolter – ww 260 – Hans Wolter)

Das erste Halbjahr 2017 geht mit einer historische Stunde im Bundestag zu Ende. Nach jahrzehntelangem Streit hat das Parlament die Ehe für Homosexuelle beschlossen. Das war möglich, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Vorschlag der Gewissensentscheidung den Weg hierzu freigemacht hatte. Sie selbst stimmte mit Nein. Das ist Demokratie. Neben SPD, Linken und Grünen stimmte auch ein Viertel der CDU/CSU-Fraktion für die völlige rechtliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen.
Der Kölner Bundestagsabgeordnete Volker Beck, der seit Jahrzehnten für diese Gesetzesänderung gekämpft hat, betont, dass es hierbei um mehr als die Institution Ehe geht. Es geht darum, dass der Bundestag an diesem Tag anerkannt hat, dass Homosexuelle Menschen mit gleicher Würde und mit gleichen Rechten seien.

Meiner Ansicht nach trägt diese Entscheidung sowohl progressive als auch konservative Züge. Sie ist nach vorne gerichtet, weil sie die Angst vor verschiedenen geschlechtlichen Orientierungen einen guten weiteren Schritt überwindet. Zugleich hat die Entscheidung auch konservative Züge. Im Sinne des lateinischen conservare (übersetzt: bewahren) werden Wert und Schutz fester Bindungen in der Institution Ehe gefestigt, indem der Kreis vergrößert wird. Und das in einer Zeit, die eigentlich immer rascher voranschreitet und an vielen Stellen zunehmend unverbindlich wird.

Von festem zu beweglichem Halt

Als Psychologe verdeutliche ich Haltfinden gerne an den Beispielen: Schwimmen und Radfahren. Normalerweise kennen wir es, Halt in der Stagnation zu suchen. Will ich das Schwimmen erlernen, muss ich irgendwann einmal das Risiko eingehen, den Rand des Schwimmbeckens loszulassen und mich in tieferes Wasser zu begeben. Auch wenn ich anfangs Wasser schlucke, bekomme ich mit der Zeit heraus, dass ich meinen Halt durch Bewegung finde. Beim Radfahren verhält es sich genauso. Nach einiger Zeit vertraue ich mir meinen Bewegungen und dem Wasser. Das nehme ich gerne als Sinnbild dafür, das Leben MitBewegen bedeutet.

Von heißen und kalten Kulturen

Kulturen unterliegen ständigen Wandlungen, wie die Natur. So war Homosexualität in unserem Land nach § 175 bis 1994 noch strafbar. In Ländern wie Russland ist das heute noch so. So wie das Wahlrecht für Frauen in der Schweiz erst 1971 eingeführt wurde, so wird es immer unterschiedlich Entwicklungsverläufe auf unserem Globus geben. Evolution bewegt sich ja auch in einem ständigen Experiment neuer Anpassungsentwürfe. Auch die Rechtsprechung unterliegt fortschreitendem Wandel. Ich mach mir das immer an den Veränderungen im Straßenverkehr deutlich. Nachdem Fahrradfahrer jahrelang gegen die Einbahnstraßen gefahren sind, änderte man hier das Recht. Damit wurden die Radfahrer entkriminalisiert und zugleich müssen die Autofahrer mehr aufpassen und damit letztlich langsamer fahren.

In seinem Werk Das wilde Denken schlug der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss 1962 vor, Kulturen nach ihrer weltanschaulichen Einstellung zum Kulturwandel zu unterscheiden. Er hatte festgestellt, dass „primitive“ und „naturangepasste“ Ethnien komplexe soziale Verhaltenssysteme haben, um jeglichen Wandel der bewährten Lebensweisen so weit wie möglich zu vermeiden. Um die bis dahin verwendeten stark abwertenden Bezeichnungen für diese Völker zu vermeiden (Primitive, Wilde, Naturvölker), schlug er die Bezeichnung kalte Gesellschaften vor. Entsprechend bezeichnete er als heiße Gesellschaften die modernen Zivilisationen, bei denen eine fortschreitende Entwicklung in allen Lebensbereichen kennzeichnend ist. Je kälter eine Gesellschaft auf der Skala ist, desto ausgeprägter ist ihr Bestreben, ihre traditionellen Kulturmerkmale möglichst unverändert zu bewahren – eine Kultur wird als umso heißer eingeordnet, je größer ihr Antrieb zu tiefgreifenden und schnellen Modernisierungen der Gesellschaft ist.

In diesem Bild gesehen, ist Deutschland heißer als Russland. Die Türkei kühlt derzeit wieder mächtig ab. Wirtschaftlicher Erfolg braucht langfristig gesehen gewisse Betriebstemperaturen. Die DDR ist letztlich aufgrund ihrer Kälte eingegangen. Hier erlebe ich das Wort des während des Mauerfalls amtierenden Generalsekretär der Sowjetunion (1985 – 1991) Michail Gorbatschow nach wie vor als treffend:

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“

Sicher wird es noch eine ganze Zeit lang dauern, bis die unterschiedlichen sexuellen Präferenzen als normal empfunden werden. Frauen werden ja auch für gleiche Arbeit noch nicht überall gleich entlohnt. Aber die Entwicklung schreitet voran. Auch wenn Rechtspopulisten streckenweise Teilerfolge mit der Forderung rückschrittlicher Ordnungen haben werden, die Entwicklung zu mehr Gerechtigkeit wird schon allein deshalb weitergehen, weil sie wirtschaftlich erfolgreicher und letztlich in unserer immer komplexer werdenden Welt überlebensfähiger sein wird.

 

(Bilder: Michael Kappeler, Tobias Schwarz)

Ehe für alle Titel

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s