Kleines Plädoyer für ein friedliches Mit-und-Gegeneinander – Öffentlichkeit verringert Impulsdurchbrüche – Videobeweis als outgesourctes Über-Ich – Confederations Cup 2017 – (WehrWolter – ww 261 Hans Wolter)

Schlagworte: Überlegungen über den Fußball hinaus – Sport als Sublimierung kriegerischer Auseinandersetzung – Das Zusammenspiel von Affekten in einem geregelten Rahmen – Der öffentliche Blick verringert Aggressionen – Überwachungskameras als Prothese eines schwachen Über-Ichs – Freiheit braucht einen schützenden Rahmen –

Unsere Jungs haben gerade wieder zwei wichtige Meisterschaften gewonnen. Fußball ist so etwas wie ein modernes Orakel oder Sinnbild für grundsätzliche Orientierungen in unserer Alltagskultur. Es eignet sich nicht nur zur Smalltalkeröffnung für ansonsten wortkarge Männer. Manche sehen hier sogar schon die Religion der Gegenwart. Ganz so weit gehe ich nicht unbedingt, aber ich nehme dieses Spiel gerne als Bildquelle, die mir viele Zusammenhänge des Alltags verdeutlichen kann. Hierzu habe ich ja auch schon Einiges geschrieben. Heute möchte ich mir nur einen Aspekt kurz ankicken: Fußball macht nur Spaß, wenn es ein für alle verbindliches Regelwerk gibt und wenn dieses möglichst fair umgesetzt wird. Der Mensch hat seine Impulse nicht immer im Griff. Schiedsrichter und Kameras können als outgesourctes Über-Ich fungieren. Gewissermaßen als Prothese.

Griechenland ist die frühe Wiege unserer europäischen Kultur. Schon die alten Griechen wussten um die kriegerischen Gelüste der Menschen und wollten sie mit Spielen entschärfen. Die ersten Olympischen Spiele in Olympia wurden der Überlieferung zufolge im antiken Griechenland im Jahr 776 v. Chr. abgehalten. Mit den sportlichen Wett-Kämpfen in Olympia wollte man kriegerischen Auseinandersetzungen entgegenwirken. Zum einen sollten während dieser Zeit die Waffen ruhen, zum anderen konnten die sportlichen Wett-Kämpfe ein Blutvergießen verhindern.

Frauen Männer1

Sport als Sublimierung kriegerischer Auseinandersetzung

Das Geniale an dem Olympiagedanke ist ja, dass einerseits der Trieb – in der Rangfolge aufzusteigen -erhalten bleiben kann, andererseits an Stelle des lebensgefährlichen Kampfes, das sportliche Miteinandermessen tritt.

Heute leistet der Fußball vieles. Rund um den Globus können viele Millionen Menschen in die Dynamik nahezu archaischer Kämpfe eintreten. Selbst wenn wir ein Spiel nur vor dem Fernseher mit verfolgen, es werden tiefe Komplexe sinnlich nachvollziehbar geweckt, in einen neunzigminütigen Entwicklungsverlauf gebracht und letztlich in einem klaren Schicksal beendet.

Die auf dem Feld agierenden Spieler & Aufführungen vertreten unterschiedliche Kräfte, die in jedem von uns schlummern. Beim Fußball geht es zwar auch um eine schöne Inszenierung, zentral aber ist die Anzahl der Tore bzw. ob meine Mannschaft zu den Siegern oder Verlierern gehört. Wenn die Deutsche Nationalmannschaft Weltmeister wird, wachsen wir alle ein Stück in den Himmel und sind für ein paar Stunden selber Meister.

Das Zusammenspiel von Affekten in einem geregelten Rahmen

Schiedsrichter helfen bei der Einhaltung der Regeln. Die beteiligten Spieler sind in den Aktionen mehr oder weniger ganz dabei. Wenn es um den Kampf zwischen Siegen und Verlieren geht, kommt es zu einer hohen Affektbeteiligung. In diesem Strudel sind gegenseitige Verletzungen nicht nur zufällig. Von der Dynamik lässt sich das verstehen. Ahndet ein Schiedsrichter konsequent Regelverletzungen, verläuft das Spiel meist in geordneten Bahnen. Die Kunst ist das rechte Maß zu finden. Das entlastet alle Beteiligten.

Der öffentliche Blick verringert Aggressionen

Ich fand es gut, dass auf dem Confederations Cup 2017 erstmalig der Videobeweis eingesetzt wurde. Hier konnte der Schiedsrichter manche Dinge noch einmal genau rekonstruieren, die für ihn auf dem Platz vielleicht nicht sichtbar waren. Mir ist noch eine Szene im Kopf, als Gonzalo Jara unserem Timo Werner einen fiesen Schlag mit dem Ellebogen ins Gesicht verpasste. Das war absolut rotwürdig, zumal die Absicht im Videobeweis klar erkennbar war. Okay, der Schiedsrichter entschied sich für die gelbe Karte. Immerhin. Ansonsten wäre das Spiel womöglich ohne Konsequenzen weitergegangen.

Aggressionen finden häufig im Verdeckten statt. Mobber bleiben so lange mächtig, solange man ihre Machenschaften nicht aufdeckt. Beim Aldi würde kaum einer sein Kind schlagen und mit Nummernschild bleibt man schon eher an der roten Ampel stehen als ohne. Da es in unserer Gesellschaft die Impulskontrolle Einzelner deutlich abnimmt, können Überwachungskameras teilweise die fehlenden inneren Instanzen, die Freud Über-Ich nannte, übernehmen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ...

Freiheit braucht einen schützenden Rahmen

Es ist nicht immer einfach das rechte Maß zu finden. Einerseits lieben wir Freiräume, andererseits helfen in der Gemeinschaft regelnde Blicke. Bei den zunehmenden Terrorereignissen unserer modernen Gesellschaften wird ein Ausbau weiterer Wachsamkeitssysteme unabdingbar sein. Als ich mit meiner Frau aktuell in St. Petersburg und Moskau unterwegs war, musste ich an die alten Leninworte denken. Die konnte und könnte ich so nie unterschreiben.

Profil Moskau

 

Ich würde Vertrauen und Kontrolle nicht in einem Entweder-Oder denken, sondern in einem Sowohl-Als-Auch. Je nach Kontext und persönlicher Nähe. Dann klappt das auch mit dem Fußball.

 

 

 

 

Fußball Regeln Respekt Titel

 

1 Kommentar

  1. Ich sehe das auch so: Es gibt kein „entweder, oder“. BEIDES, Vertrauen und Kontrolle, ist für mich – in einem ausgewogenen und angemessenen Rahmen – wichtig. Dabei gilt: Nicht der Förster schützt den Wald, sondern die Angst vor dem Förster schützt den Wald.“ Wenn jeder damit rechnen muss, dass sein – vielleicht nur leichtfertiges Vergehen – empfindlich betraft wird, verhält sich disziplinierter. Vertrauen verschafft dagegen Freiräume. So genieße ich bei meinem Arbeitgeber die sog. „Vertrauensarbeitszeit“. Ich muss lediglich meinen Job vernünftig machen und dann erreichbar sein, wenn es erforderlich ist. Dieses Vertrauen muss man sich erarbeiten und als wertvolles Gut begreifen. Das will man dann dann auch nicht leichtfertig verspielen. Denn: „Der Förster streicht durch den Wald.“

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