SelbstWerdung: Ideen zu Goethes 268. Geburtstag: „Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.“ Der abenteuerliche Weg zum Selbstbewusstsein: im Auf-und Ab von LebensVerDichtungen – (WehrWolter – ww 267 – Hans Wolter)

Goethe wurde am 28. August 1749 im auslaufenden Sommer geboren. Für viele Zeitgenossen scheint er antiquiert zu sein. Fack ju Göhte? Ich finde ihn immer wieder spannend! Daher wage ich anlässlich seines 268. Geburtstags einen kleinen Ausritt auf dem Entwicklungs-Weg seiner schwindelerregenden SelbstWerdung: von einer geburtlichen Nahtoderfahrung, über die Berufung im zweiten Bildungsweg, die Überwindung einer psychischen Impotenz in seinen sexuellen Italienerlebnissen, der Win-Win-Situation mit Schiller, zur produktiven Einsamkeit und Alters-Weisheit ~

Zunächst unter dramatischen Vorzeichen, die dann aber noch eine glückliche Wendung fanden. Im weiteren Verlauf seines 82jährigen Lebens begegnete er immer wieder dem „Stirb und Werde“. Sicher erfasst ihn das gerne harmonisierte Bild des „gesunden“ Klassikers nicht zutreffend. Bei allen Zweifeln und Schwankungen, denen er immer wieder unterlag, sah er letztlich die Lösung im Selbstvertrauen. Vielleicht können wir es rückblickend auch als einen gesunden Egoismus bezeichnen.

„Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag … nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen. Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wussten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, dass ich das Licht erblickte. „ (Aus seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“)

Weimar Goethe Schiller Profil

Seine Berufung fand er erst auf dem zweiten Bildungsweg

Wie sein kongenialer Kollege Schiller, absolvierte Goethe zunächst ein Jurastudium. Schiller schwenkte noch auf Medizin um. Beide fühlten sich hier nicht wirklich zu berufen. Sie machten es auf Drängen ihrer Väter. Hierzu später mehr.

Auch wenn Goethe im Alter von gerade mal 25 Jahren mit seinem „Werther“ schon ein kometenhafter Aufstieg auf europäischer Bühne gelang, sein Werdegang unterlag weiter großen Schwankungen. Bestimmt halfen ihm seine späteren Verwaltungstätigkeiten im ständigen Austausch mit seiner Verehrerin Charlotte von Stein dabei, die Energie seiner Sturm-und-Drang-Zeit zu kanalisieren. Nach meiner Einschätzung war diese Beziehung allerdings zu verkopft für ihn. Er entfernte sich von seiner Kreativität, letztlich von seinem Selbst.

Wiedergeburt und Selbstfindung über sexuell sinnliche Erfahrungen in Italien

Goethe musste damals bei Nacht und Nebel aus Weimarer, wir würden heute sagen, aus seiner Komfortzone fliehen, um sich wieder spüren zu können.

Vor vielen Jahren las ich die 1538 Seiten umfassende Studie des renommierten Psychoanalytiker und Goethe-Liebhaber Kurt R. Eissler. Er beschäftig sich hier sehr tiefgehend mit der Psyche des großen Dichters. Das liest sich wie ein Detektivroman. Nach seiner Einschätzung machte Goethe in seiner erfolgreichen „Selbstanalyse“ im Weimarer Jahrzehnt vor der Italienreise einen entscheidenden seelischen Entwicklungsprozess mit. „Es dämmert ihm, dass die starke Anziehung, die Charlotte von Stein auf ihn ausübt, der Abkömmling […] seiner vergangenen Bindung an seine Schwester Cornelia ist. Am Ende der analytischen Selbsterkenntnis stehen Heilung und Befreiung. Als Goethe sich im September 1786 von Frau von Stein trennt, um nach Italien zu reisen, löst sich auch die pathologische Fixierung auf die Schwester und damit zugleich seine psychische Impotenz. Erst in Rom wird es dem 39jährigen möglich, seine erste sexuelle Erfahrung zu machen …“

Eisslers Thesen sind zwar recht gewagt, allerdings nicht schlecht fundiert. Er trug damals dazu bei , das harmonisierte Bild des „gesunden“ Klassikers aufzubrechen und damit zu verlebendigen.

Goethe beginnt (wieder) mehr in seinem Körper und Sinnen zu leben

Als Goethe zwei Jahre später wieder nach Weimar zurückkehrt, scheint er kompletter geworden zu sein. Es kam zum Bruch der eher geistigen Bindung zu Charlotte von Stein, als er sich dem sinnlichen Blumenmädchen Christiane Vulpius zuwandte. Jetzt war ihm der Meinung der Bürgerlichen und Adligen weniger wichtig, als seine eigene Lebensqualität. Dies schätze ich als einen weiteren großen Entwicklungsschritt seiner Selbstverwirklichung ein.

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Schiller wird für Goethe zur Entwicklungs-Lokomotive

Ihre Freundschaft mussten sich Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller erst erkämpfen. Als Duo waren sie dann unschlagbar. Die beiden trafen 1779 in der Stuttgarter Karlsschule aufeinander, als Schiller noch Student war. Aber erst neun Jahre später haben sie sich in Weimar kennengelernt. Goethe war zehn Jahre älter, 39. Der „Werther“ war noch jedem ein Begriff, sein Erscheinen aber lag bereits 14 Jahre zurück. Er geriet natürlich nicht in Vergessenheit aber durch seine langjährigen Verwaltungstätigkeiten und die Italienauszeit drohte er schon etwas zu verblassen. Als er aus Italien zurückkam, war Schiller ein Aufsteiger, ein Konkurrent, der auf einmal am literarischen Sternenhimmel aufgegangen war. Der Schriftsteller der Freiheit!

Weimar Goethe Schiller

Die Win-Win-Situation zweier großer Künstler

Goethe war so etwas wie ein Günstling der Natur, die Natur wirkte durch ihn schöpferisch, Schiller war eher ein Virtuose des Bewusstseins und gestaltet die Natur. Im Laufe der Freundschaft profitierte Goethe vom Subjektiven, Schiller wiederum von der Objektivität. Beide haben sich weitergebracht. Heute würden wir von einer Win-Win-Situation sprechen.

Rüdiger Safranski, hat zum 250. Geburtstag von Schiller ein recht empfehlenswertes Buch über die berühmteste Dichterfreundschaft geschrieben hat. (Link: https://www.amazon.de/Goethe-Schiller-Geschichte-einer-Freundschaft/dp/3446233261)

Mit Schillers Tod kam Goethe in eine tiefe Sinn- und Lebenskrise

Der 56-jährige Goethe suchte nach dem schmerzlichen Verlust seines für ihn so wichtigen Kollegen und Freund nach einem neuen Konzept seine Einsamkeit produktiv zu bewältigen.

Der Sprach und Literaturwissenschaftler Prof. Ernst Osterkamp hat ein vielbeachtetes Essay hierzu veröffentlicht: „Einsamkeit, Über ein Problem in Leben und Werk des späten Goethe“

Osterkamp spricht über einen „fundamentalen Wandel der Lebensweise“. Goethe hat sich sicher nicht radikal verändert. Er hat allerdings nach einer Strategie gesucht, den schmerzhaften Verlust des Geistesfreundes kompensieren zu können.

Osterkamp sieht hier eine Doppelstrategie: „Die eine bestand darin, die Einsamkeit für sich als eine Existenzform zu akzeptieren, die ihm zugleich den produktiven Widerstand gegen den Zeitgeist ermöglichte, die andere in der pragmatischen Erledigung des ‚Nächsten’ im Zeichen jener verkürzten Zeithorizonte, die die konkrete Erfahrung, aber auch die Erwartung des Todes nahelegte – eine Erfahrung und eine Erwartung, die Goethe zugleich in seiner Resistenz gegenüber politischen Maximalprogrammen und geschichtsphilosophischen Globalentwürfen bestätigten“

Goethe bewegt sich in eine produktive Einsamkeit

Osterkamp sieht die „neue Lebensweise“ als geistige Isolation gegenüber der eigenen Zeit. Das tragische Bewusstsein, einer Epoche anzugehören, die nicht mehr die seinige war, habe sich in ihm verfestigt. Dies habe sich nachdrücklich auf sein schriftstellerisches Spätwerk ausgewirkt.

Baum Gipfel Wipfel Goethe Linde

Durch die selbst gewählte Einsamkeit geht Goethe in eine unverhohle Distanz gegenüber seinem Publikum. Die künstlerische Freiheit, die sich aus der Einsamkeit heraus entwickelte, können wir auch als eine Befreiung vom Stil und Pathos des Zeitgeistes und der literarischen Form verstehen. (Link: https://www.amazon.de/Einsamkeit-Abhandlungen-Akademie-Wissenschaften-Literatur/dp/351509198X)

Der alte Goethe fasst das in etwas so zusammen:

„Wer dem Publikum dient, ist ein armes Tier

Er quält sich ab, niemand bedankt sich dafür“

Das hört sich einerseits schon einsam an, andererseits ist es aber auch Ausdruck eines gefestigten Selbstbewusstseins am Ende eines sehr bewegten Lebens. Vielleicht können wir es weise nennen.

Im letzten Jahr hab ich schon einmal einen leidenschaftlichen Beitrag zu Goethe und sein Wirken in Weimar verfasst. Anlässlich seines Geburtstages greife ich es nachfolgend noch einmal auf.

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VerDichte Dein Leben. Weimar lädt Dich dazu ein – Rendezvous mit Goethe & Schiller – angereichert mit Ideen zu: Freud, Traumdeutung, Kunst, Poesie, Psychologie & Morphologie – (WehrWolter – ww 172 – Hans Wolter)

Als der Club der toten Dichter damals (1989) in die Kinos kam, hatte ich ihn rasch in mein Herz geschlossen. John Keating (Robin Williams) machte den Jungs in der Eliteschule und uns Zuschauern die alten Dichter schmackhaft. Mit unkonventionellen Methoden fordert der Lehrer sie zu selbstständigem Handeln und freiem Denken auf. Dieser Film fällt mir gerade ein, während ich diese Zeilen in meinen Laptop tippe. Über Weimar will ich schreiben. Nun war ich aktuell mal wieder für einige Tage in dieser kleinen großen Stadt. Diesmal bin ich dem Geheimnis, sagen wir vielleicht angemessener, dem Geist, dieser geschichtsträchtigen Stadt, noch einmal tiefer auf die Spur gekommen.

Weimar verDichtet

Zunächst liegt hier alles wahrlich dicht beieinander. Eigentlich braucht man noch nicht einmal ein Fahrrad. Von meinem Apartment im Amalienhof – ein sehr zu empfehlendes Hotel – brauchte ich nur wenige Minuten, um bei Goethe, Schiller, Liszt, Bach, Nietzsche, Wieland, Humboldt, dem Bauhaus, der Amalia-Bibliothek oder dem Deutschen Nationaltheater, dem ersten Tagungsort der Weimarer Republik, vorbeizuschauen. Alles liegt dicht beieinander. Nur das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald ist schon etwas weiter entfernt. Was auch gut ist. Obwohl das Schlechte natürlich auch dazugehört.

Mein Interesse galt den Dichtern im engeren Sinne. Nicht nur weil ich seit dem hervorragenden Deutschleistungskurs meiner bewegten Gymnasialzeit auf der Kölner Kreuzgasse eine Liebe zur Literatur entwickeln konnte. Goethe und Schiller interessieren mich besonders in ihrer Universalität. Von ihnen können wir fürs Leben lernen. Womit wir wieder beim Club der toten Dichter wären. Im Abitur musste ich mich an dem düsteren Kafka und seinem gestörten Vaterverhältnis abarbeiten. Dabei ist mir hängen geblieben, dass das Leben durchaus kafkaeske Züge annehmen kann. Hier bin ich aber auch erstmalig dem Faust begegnet. Irgendwie hat mich dieser alte Schinken, an dessen erstem Teil Goethe schon fast sechzig Jahre gearbeitete hatte, gepackt. Besonders natürlich die Faustfigur selbst. Natürlich immer seinen teuflichen Gegenpart Mephisto mitgedacht. Faust, dieser zerrissene und damit so ehrliche, umfassend gebildete Mann. Vielleicht eine Figur, auf die sich Vatersehnsucht projizieren lässt? Natürlich dient er auch zum Austausch und Aufbau der eigenen Identität.

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Goethe begegnete ich dann in meinem Psychologiestudium wieder. Professor Wilhelm Salber, der wie eine Reinkarnation Freuds aussah, hat über 30 Jahre eine eigene Psychologie entwickelt: die morphologische Psychologie. Hierbei orientierte er sich nicht nur an der Deutschen Gestaltpsychologie und Freud, sondern ganz explizit an Goethes naturwissenschaftlichen Studien zur Morphologie und Farbenlehre. In Salbers Oberseminar stellte ich einmal Goethes Konzept zur „Metamorphosen der Pflanzen“ mittels einem Gedicht in der Kölner Flora am lebenden Objekt vor. – Oh, ich bin mal wieder abgeschweift: zurück nach Weimar. Wobei, schon damals sagten wir in solchen Fällen immer: Umwege verbessern die Ortskenntnis. Schade, dass man bei heutigen Turbo-Schul-und Studien-Gängen Umwege als hinderlich versteht.

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Wie tot die Dichter sind, liegt an unserer eigenen Wahrnehmung

Man kann natürlich so oder so oder so durch Weimar gehen. Alles hat auch etwas von einem großen Museum. Streckenweise ist es auch ganz schön verstaubt. Das ist ja in Rom mit seinen vielen Ruinen nicht anders. Das Gefühl des Musealen stellt sich in Weimar natürlich auch durch bildungsbürgerliche Präsentationsformen und ein streckenweise erhabenes Bemühen ein. Ich erlebe dies aber nicht als unangenehm. Wer weiter vordringen will, muss allerdings einen eigenen Blick entwickeln. Aber das gilt ja eigentlich überall. Bei der Kunst im Besonderen.

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„Und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort“ (Schiller)

Dichter versuchen Phänomene unseres Alltags verbal auf den Punkt zu bringen. Goethe und Schiller waren WortKünstler in einer außergewöhnlichen Liga. Wer sich täglich viele Stunden mit einem Instrument beschäftigt, kann ein guter Handwerker, vielleicht ein Meister seines Faches werden. Kommt dann noch Talent dazu, kann hier ab und zu auch mal ein Künstler wachsen, der Neues schafft und damit die Natur ergänzt. In einigen Fällen kann es auch dazu kommen, dass diese Werke die Mitmenschen beeinflussen.

„Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost:

Im Anfang war die Tat!“

 (Faust I, Kapitel 6, Studierzimmer)

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Es sind also nicht nur die Worte. Wörter alleine wirken nur begrenzt. Teilen wir uns im Alltag etwas mit, geht es häufig um eine Orientierung an der Oberfläche. Wenn ich eine Kamera mitlaufen lasse, hab ich ja noch keinen Spielfilm. Sollen Worte tiefer wirken, muss etwas anderes hinzukommen.

Gut gewählte, gut gestellte Worte erzeugen Bilder in uns. Dies beherrschen Schriftsteller, Sänger, Redner, Juristen und Werbeleute. Mehr oder weniger gut. Dichter nehmen hier eine besondere Stellung ein. Sie verDichten.

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WortKunst kann dichter an uns ran kommen

Poesie stellt eine Intensivierung unseres Erlebens dar. Falls wir uns darauf einlassen können und wollen. Ich verstehe es etwas wie die Wirkung von Witzen. Die leben häufig ja auch von ihrer Kürze und ihrer unverhofften Kehrtwendung.

Freud Witz

Sigmund Freud hat in seiner Arbeit „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ (1905) auf die psychische Ersparnis und die damit einhergehende Lust hingewiesen. Ein Witz drängt unser Erleben zunächst in eine Richtung. Dagegen aktiviert sich häufig in uns ein unbewusster Widerstand. Durch eine plötzliche Verkehrungsbewegung unterläuft der Witz gewissermaßen den Widerstand und lässt uns erleben, dass es gar nicht so schlimm ist, wie wir es unterschwellig befürchteten. Die damit freigesetzte Energie zeigt sich dann im Lachen. Wen das interessiert, der kann hier weiterlesen: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten

 

Im Traum unterläuft die VerDICHTUNG unsere seelischen Widerstände

Nach meiner Einschätzung gelingt es der Poesie auch, unsere inneren Widerstände zu unterlaufen. Damit wären wir auch schon bei den Träumen. Das ist natürlich jetzt ein weites Feld. Sigmund Freud hat in seinem epochalen Werk „Die Traumdeutung“ bereits im Jahre 1900 hierzu viele Mechanismen und Wirkungszusammenhänge dargestellt. Dies würde jetzt meinen kleinen Beitrag hierzu sprengen. In diesem Zusammenhang möchte ich nur auf einen der vielen Arbeitsmechanismen im Traum hinweisen: Die VERDICHTUNG.

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In der Freudschen Psychoanalyse ist der Dreh- und Angelpunkt ja das Unbewusste. Hier haben wir ein riesiges Reservoir an Kreativität. Aber wie das so ist mit den Ozeanen, sie machen uns auch Angst. Vereinfacht gesagt, können wir in unseren Träumen etwas tiefer in uns hineinblicken. Damit wir nicht so viel Angst davor haben, kommen sie „verkleidet“ daher. Sonst würde die Grenzkontrolle unserer Widerstände sie nicht passieren lassen. Einen Verkleidungstrick nannte Freud „Verdichtung“. Das meint, dass sich in einem Traumbild verschiedene Dinge dicht zusammen treffen können. Ich suche gerade nach einem einfachen Beispiel. Im Traum einer Frau tritt z.B. ein Mann mit einem grünen Hut auf. Dies könnte einfach ein Hut sein, den sie am Tag gesehen hat. Der Hut könnte allerdings auch die Spuren eines Karnevalsflirtes bebildern. Der interessante Mann war als Cowboy verkleidet und im kurzen Gespräch wurde deutlich, dass er im Alltag Gärtner war. Der Traum könnte beängstigen, da die Frau gerade frisch verheiratet ist. – Zugegeben, mein aus der Hüfte geschossenes Beispiel haut nicht gerade vom Hocker. Vielleicht wird aber die Idee der symbolische „Verknubbelung“ hier nachvollziehbar.

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VerDichten geht auch mit Einsparung einher

Nicht jedes Gedicht ist knapp gehalten. Aber viele. Wäre dies hier der Versuch das Phänomen von Gedichten einigermaßen vollständig zu erfassen, müsste ich natürlich auch noch auf Versmaße, Reimschemata etc. und deren Wirkung eingehen. Das würde mir aber zum jetzigen Zeitpunkt zu weit gehen. Daher schwenke ich noch einmal kurz auf Weimar und mein Erleben dort.

Wenn man durch die Stadt vagabundiert begegnen einem immer wieder Sprüche und komprimierte Gedanken zu den großen und kleinen Themen des Lebens. Verdichtet natürlich in den ehemaligen Wohnhäusern von Goethe und Schiller. Hier kann einem manchmal schon ein einziger Satz etwas klar machen oder auf eine Idee bringen, zu der man ansonsten häufig sehr viel länger braucht.

Das hat also etwas von Verwesentlichung. Diejenigen, die meine Post’s auf Facebook in dieser Zeit verfolgten, werden bemerkt haben, dass ich auch gerne Gedanken verdichtet und bebildert habe. Das mache ich sonst auch gerne. In dieser Umgebung allerdings verdichtet.

 

Egal wie dicht wir an etwas dran sind: Goethe und Schiller sich Dichter

Die besondere Leistung des Künstlers ist, dass er wie ein Perlentaucher in die Tiefe des Unbewussten abtauchen kann, Perlen findet, diese an die Oberfläche bringt und zu kreativem Schmuck verarbeitet. Das Besondere ist, dass wir im Werk auch seine Entstehungsgeschichte spüren können. Auch deshalb interessiere ich mich für die Lebensgeschichte der Künstler. Von Goethe weiß ich hier sehr viel mehr als von Schiller. Bei Beiden bin ich aber in meiner Forschung auch diesmal wieder weitergekommen.

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Beim Verständnis zu Schiller hat mir auch die Inszenierung seines „Wilhelm Tells“ durch einen Puppenspieler weitergeholfen. Aber auch das kleine Theaterstück „Faust eins für zwei“. Hier stellten zwei Schauspieler Goethe und Schiller dar, die den Faust in wechselseitigen Rollen spielten und sich immer wieder darüber unterhielten. Das Ganze war verDichtet in 90 Minuten. Die Tell-Version würde nach den Worten des Puppenspielers auch normalerweise viereinhalb Stunden brauchen. Er machte es mit ca. 16 Puppen in knappen 90 Minuten inklusive Pause.

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Goethe und Schiller sind beide erst im zweiten Bildungsgang Dichter geworden

Beide absolvierten zuerst ein Jurastudium. Schiller schwenkte noch auf Medizin um. Beide fühlten sich hier nicht wirklich zu berufen. Sie machten es auf Drängen ihrer Väter. Goethe schaffte es ohne Revolte zur Dichtkunst zu kommen. Schiller musste bei Nacht und Nebel vom Militär dissertieren. Schiller hatte es gewissermaßen schwerer. Er war aber der Dramatischere der Beiden. Goethe war in seiner doch ruhigeren Art irgendwie deutscher. Schiller war so etwas wie ein Heißsporn, der sein Publikum anzünden konnte. Frankreich ernannte ihn zum Ehrenbürger aufgrund seiner revolutionären Texte.

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Ein glückliches Ereignis

Schiller hat lieber für die Bühne geschrieben. Goethe war hier – wenn ich das so sagen darf – weniger interessiert und vielleicht auch weniger talentiert als Schiller. Die Beiden waren natürlich auch Konkurrenten. Schiller hatte sich früher um Austausch und Kontakt bemüht, Goethe hat ihn eine Zeit lang offiziell weniger beachtet. Bis zu dem Tag des „Glücklichen Ereignis“. Beide hatten sich in Jena einen naturwissenschaftlichen Vortrag angehört. Auf ihrem gemeinsamen Heimweg diskutierten sie über Goethes morphologischen Studien. Goethe war angezündet und ab dem Zeitpunkt öffnete der zehn Jahre Ältere dem Jüngeren seine Tür. Ein kongeniales, fast freundschaftliches Verhältnis nahm seinen Lauf.

Ab da waren sie fast im täglichen Austausch. Häufig auch über Briefe. Davon sind noch ca. 1000 erhalten. Ohne Schillers Drängen hätte Goethe seinen Faust, d.h. „noch nicht einmal“ seinen ersten Teil vollendet. Goethe hat Schiller auch bei vielen Stücken geholfen. Nicht zuletzt bei der Abfassung seines Wilhelm Tells, welcher ein Jahr vorm Tode Schillers erstmalig in Weimar aufgeführt wurde. Schiller hat das Werk in sechs Monaten fertiggestellt. War er einmal angezündet, konnte er Tag und Nacht am Schreibtisch bleiben. Das war streckenweise auch nicht so gut für seine Gesundheit. Goethe hat ihm einerseits mit seinen fundierten Schweiz-Kenntnissen geholfen, aber auch dabei die Dramaturgie spannungsvoller aufzubauen. Die beiden Genies haben sich gewissermaßen wechselseitig höher und höher geschraubt.

Weimar Midnight

Als ich vor ihren Särgen in der Fürstengruft des alten Weimarer Friedhofes stand, dachte ich: auch hier hat Schiller wieder den Kürzeren gezogen. Nicht nur das Goethe ihn um fast dreißig Jahre überlebt hat. Er wurde zunächst an für ihn verhältnismäßig unscheinbarer Stelle beerdigt. Im Jahre 2008 stellten Forscher zudem fest, dass im Sarg die Gebeine von fünf verschiedenen Männern waren. Aber kein einziger Knochen war von Schiller. Jetzt steht ein leerer Sarg neben Goethe. Mein spontaner Einfall hierzu war: Jesus. – Der war auch auf einmal verschwunden.

Weimar klein

Die Kinder machen mich ein wenig stutzig

Über Goethe und Schiller ließe sich noch sehr viel sagen. Goethe ist für mich ein Universalgenie. Erstaunlich womit er sich alles beschäftigt hat und dass das in ein Leben hineinpasste. Aber eins hat mich dann doch auch noch einmal stutzig gemacht. Von Goethes fünf Kindern überlebte nur der letztgeborene August das Säuglingsalter. Er studierte auch Jura und verstarb allerdings schon mit 40 Jahren in Rom. Deutlich vor seinem Vater. Das Goethe das für seine Zeit ungewöhnlich hohe Alter von 82 Jahren erreichte, hat auch damit zu tun, dass er immer gut für sich selbst sorgte.

Schiller hatte dahingegen vier gesunde Kinder. Natürlich waren die beiden Ehefrauen auch sehr unterschiedlich. Ich denke hier ist noch ein weites Feld für meine Forschungen. Nur wie man meinen Zeilen vielleicht anmerkt: ich bin mit einem ziemlich dichten Flash auf dem Heimweg von Weimar nach Köln. Den Text hab ich komplett auf meiner Rückfahrt im Flixbus runtergehauen. „Grau mein Freund ist aller Theorie und grün …“ … der Flixbus. Ist das Zufall? Egal. Ich sollte anfangen meine VerDichtungen zumindest als Werbeslogans zu versilbern, um mir damit meine Reisen zu finanzieren. Veröffentlichen werde ich die Zeilen wahrscheinlich erst morgen. Garniert mit einigen eigenen Bildern & VerDichtungen.

 

 

Vorankündigung

Link: Kunstfest Weimar

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Goethe Geburtstag Titel

 

 

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