Internationaler Mädchentag – Übergänge bewusst fördern! Vom Mädchen zur Frau – vom Jungen zum Mann – Vom Erwachsenen zur Elternschaft – auch die Mutmacherin Astrid Lindgren kämpfte mit Gefühlen einer schuldgeplagten Mutter – (WehrWolter – ww 274 – Hans Wolter)

„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel“ (J.W. Goethe)

Als Vater eines Mädchens und eines Jungens, weiß ich um das Glück und die Traurigkeit in den Übergängen. Beide sind mittlerweile erwachsen und aus dem Haus. Leon ist gerade aktuell ausgezogen, um in Bonn zu studieren. Meine Gefühle sind an diesen Wendepunkten immer gemischt. Wie Aprilwetter mit Herbststürmen.

Ich weiß noch als meine Tochter in den Kindergarten kam. Sie freute sich, ich spürte neben meiner Freude allerdings auch eine unverhältnismäßig tiefe Traurigkeit. Ein besonderer Abschnitt der Kindheit war vorbei. Es waren die drei Jahre, die ich Nadja täglich die erste Tageshälfte erlebt, mit ihr eine spannende, teils anstrengende und insgesamt wunderbare Zeit durchlebt habe. Zu der Zeit konnte ich mich mit meiner Frau im Beruf noch halbtags abwechseln. Danach machte Meikes Arbeitgeber in Form einer Ganz-oder-gar-nicht-Forderung leider Schluss mit dieser Möglichkeit. Als dann unser Sohn in die Grundschule kam, sah ich glücklich und zugleich leise weinend, wie er mit seinem viel zu großen Tornister freudig der Lehrerin in die erste Klasse folgte.

Übergänge sind nicht einfach. (Derzeit übrigens WochenThema in unserer Facebook-Gruppe „Club der lebendigen Poeten“) Wir neigen dazu das Hoffnungsvolle in den Vordergrund zu stellen. Das müssen wir auch. Sonst kommen wir nicht weiter im Leben. Dabei sollten wir aber auch unsere Gefühle nicht allzu hart übergehen. Man nennt das auch Verdrängung. Übergänge gehen meist auch mit Verlusten einher. Wir lassen etwas hinter uns, was bisher zu uns gehörte.

Wenn wir als Eltern unsere Kinder fördern wollen, geben wir ihnen einerseits sichere Bindung und unterstützen wir andererseits das Fliegen-Lernen in ihr eigenes Leben. In der Bindungsforschung spricht man von Social-Referenz. Wenn kleine Kinder schon im Krabbelalter die Welt explorieren, kommt es häufig zu einem rückversichernden Blick zu ihren Bindungspersonen. Diese Möglichkeit ist wichtig für die Erforschung der Welt und die spätere Aussteuerung beider Pole im Sinne gesunder Autonomie.

Kinder Karibik Offenheit Kontakt

Hierzu müssen wir als Eltern besonders in den Übergängen stark sein. Goethe fasst das in dem Zusammenspiel von Wurzeln und Flügeln genial zusammen. Hier hat der Übergang etwas Tröstliches, indem der Angst vor einem trennenden Entweder-Oder die Macht genommen wird. Gute Entwicklungen vollziehen sich in einem Sowohl-Als-Auch. Vögel können fliegen und landen. Zugvögel fliegen in wärmere Welten und kehren zurück. Das Vergangene bleibt und gehört zu uns. Auch wenn wir ans andere Ende der Welt ziehen.

Heute am Weltmädchentag möchte ich kurz den Blick darauf lenken, dass die Förderung unserer Kinder nicht unbedingt selbstverständlich ist. Nicht wenige Eltern halten allzu sehr an ihren Kindern fest, weil sie ihr eigenes Wohlergehen weiter stützen sollen. In meinem Alltag als Psychologe und Psychotherapeut werde ich immer wieder mit Frauen und Männern konfrontiert, die innerlich noch viel zu verwickelt sind: mit ihren Eltern, mit ihren Kindern.

 

Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein …

Wir kennen und singen heute eine Fassung, die vom ursprünglichen Original an dem zentralen Loslösungspunkt nahezu diametral entgegengesetzt abweicht:

Hänschen klein ging allein
in die weite Welt hinein.
Stock und Hut stehn ihm gut,
ist gar wohlgemut.
Aber Mutter weinet sehr,
hat ja nun kein Hänschen mehr.
Da besinnt sich das Kind,
läuft nach Haus geschwind.

Das Kind „besinnt sich“ und verzichtet wegen der Traurigkeit der Mutter auf seine Weiter-Entwicklung hinaus in die Welt. Vom Kind wird Bewältigungskompetenz erwartet. Eine Leistung, die eigentlich die Eltern erbringen sollten.

Beziehung Hänschen klein

Die Originalversion des Dresdener Lehrer Franz Wiedemann lautete 1860:

Hänschen klein, geht allein
In die weite Welt hinein,
Stock und Hut steht ihm gut,
Ist auch wohlgemuth.
Aber Mutter weinet sehr,
Hat ja nun kein Hänschen mehr.
Wünsch dir Glück, sagt ihr Blick,
Komm nur bald zurück!

Wenn ich es einmal radikal zuspitze, dann wird in der nach wie vor noch gängigen Version des Liedes (s.o.): das Kind hier – gewissermaßen als Antidepressiva – narzisstisch missbraucht.

Warum hält sich diese Festhalte-Fassung bis heute so hartnäckig?

Meine Vermutung ist, dass wir hier die psychologischen Folgen der beiden Weltkriege in Deutschland sehen. Besonders die Frauen und Mütter hatten mit teils traumatischen Verlusten ihrer Männer und Kinder zu tun. Sie waren vor allen Dingen ohne ihre Männer. In dem Lied kommt ja bezeichnenderweise kein (triangulierender) Vater vor. Obwohl es von 1860 ist. An der Stelle werde ich noch einmal weiter nachdenken müssen. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass die Rollentrennung schon immer zu stark war: Mütter verantwortlich für Haus & Kind. Väter auf der Jagd.

Heute, nach über dreißig Jahren Frauenemanzipation hat sich ja erfreulicherweise schon sehr viel verändert. Dennoch singen wir die alte Hänschen-Klein-Fassung auch heute noch unseren Kindern vor. Nach meiner Einschätzung hat dies damit zu tun, dass die traumatischen Erfahrungen auch heute noch in unserem Volk stecken. Hier wurde zu viel übergangen, verdrängt. Das sehen wir auch in der jüngeren Geschichte von Mauerfall bis AfD & Pegida heute.

Berlin DGPT Alice Schwarzer

Auch wenn wir nach dem Krieg im Wirtschaftswunder so optimistisch nach vorne geschaut und den Blick zurück gemieden haben: wenn Traumatisierungen in einer Generation nicht bearbeitet wurden, werden sie in die nächsten Generationen weitergegeben. Auch bei der Wiedervereinigung wurde vieles übergangen, was heute wieder hochkommt. Leider auch in teils hässlichen Fratzen.

 

 

Transgenerationale Weitergabe von übergangenen

(unverarbeiteten) Erlebnissen

Ob die Weitergabe von Traumatisierungen teils genetisch, teils gelernt, häufig eher unbewusst als bewusst geschieht, ist in der Forschung noch nicht gänzlich geklärt. Es ist allerdings mittlerweile eine unbestrittene Tatsache, dass es eine transgenerationale Weitergabe von traumatischen Erlebnissen gibt. In Israel gibt es beispielsweise sehr langfristige Forschungsarbeiten die nachweisen, dass die dritte und mittlerweile vierte Generation der ehemaligen KZ-Insassen noch krankheitswertige Symptome aufweisen. Das trifft auch für diejenigen Menschen zu, denen man es nie gesagt hat, dass ihre Großeltern im Konzentrationslager inhaftiert waren.

Wo sind wir gelandet?

Wenn ich einen Text beginne, weiß ich vorher nie so genau, wo es mich hinführt. Im Zusammenhang mit dem heutigen Welt-Mädchentag möchte ich noch einmal explizit darauf hinweisen, dass wir unsere Kinder häufig noch effektiver fördern können und müssen, damit sie wirklich fliegen lernen.

Kindertag

Die Originalversion von Hänschen-Klein

geht übrigens durchaus positiv aus

 

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Viele Jahr, trüb und klar,
Hänschen in der Fremde war.
Da besinnt sich das Kind,
Ziehet heim geschwind.
Doch, nun ist’s kein Hänschen mehr,
Nein, ein großer Hans ist er;
Schwarz gebrannt Stirn und Hand.
Wird er wol erkannt?

Eins, Zwei, Drei gehn vorbei,
Wissen nicht, wer das wol sei.
Schwester spricht: Welch’ Gesicht!
Kennt den Bruder nicht.
Kommt daher die Mutter sein,
Schaut ihm kaum ins Aug hinein,
Ruft sie schon: Hans! Mein Sohn!
Grüß dich Gott, mein Sohn!

Das macht doch durchaus Mut. In dem Zusammenhang greife ich jetzt gerne noch einmal einen Text von mir auf, den ich im September 2015 schon einmal veröffentlicht habe. Hier habe ich mir die grandiose Mutmacherin Astrid Lindgren einmal vertiefend angeschaut. Auf dem Hintergrund der erst 2015 veröffentlichten Kriegstagebücher erscheint sie komplexer als zuvor. Es war nicht alles so leicht und licht wie in Bullerbü. Ihre tolle Schöpfung der Pippi Langstrumpf passt auch richtig gut zum Weltmädchentag.

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Verwandlung einer schuldgeplagten Mutter zur grandiosen Mutmacherin. – Stirb und Werde: Kriegstagebücher geben tiefe Einblicke in die komplexe Psyche Astrid Lindgrens. – (WehrWolter – ww 66 – Hans Wolter)

 

„Schriftstellerin wäre ich wohl allemal geworden, aber ohne das mit Lasse wohl nie eine berühmte.“

(Astrid Lindgren)

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Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, Michel aus Lönneberg, die Kinder von Bullerbü – die Bücher von Astrid Lindgren verkaufen sich millionenfach. Ihr sogenanntes “Kriegstagebuch” ist allerdings bislang weitgehend unbekannt. Sie führte während des Zweiten Weltkriegs ein Tagebuch und berichtete voller Abscheu über Judenverfolgung und Deportationen – Erkenntnisse aus ihrer Arbeit für den schwedischen Geheimdienst, für den sie im Krieg zeitweise Briefe ausgewertet hat. Ihr Tagebuch gibt aber auch tiefe neue Einblicke in die Seele einer schuldbeladenen jungen Mutter. Sie wurde mit 19 Jahren von ihrem viel älteren, verheirateten Chef ungewollt schwanger und gab ihren Sohn weg. Nach vier Jahren holte sie Lasse von den Pflegeeltern zurück. Er starb 16 Jahre vor ihr.

Pippi Langstrumpf entdeckte während des Krieges das Licht der Welt. Wir lernen in diesem Jahr noch einmal eine neue Seite der Autorin Astrid Lindgren kennen. In ihren jetzt veröffentlichten Kriegstagebüchern gibt sie neue Einblicke in ihr bewegtes Leben.

Die Geburt, Weggabe und Zurücknahme ihres Sohnes Lasse war – in ihrer eigenen Einschätzung – der große und entscheidende Wendepunkt in ihrem Leben.

Hier frage ich mich, ob sie mit ihrer Erfolgsgeschichte Pippi Langstrumpf ihre damit verbundene schwere Zeit und ihre Schuldgefühle verarbeitete. Pippi ist ein Kind, das ohne Eltern bestens zurecht kommt. Das kann einerseits sie selbst sein, andererseits der Wunsch, dass Lasse gut durchkommt.

 

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Die wache und politisch interessierte Astrid Lindgren erfuhr schon früh von den Gräueltaten der Nazis. Sie hatte aber ein ambivalentes Verhältnis zu den Deutschen.

„Heute begann der Krieg. Niemand wollte es glauben. Gestern Nachmittag saßen Elsa Gullander und ich im Vasapark, und die Kinder rannten und spielten um uns herum, und wir schimpften in aller Gemütsruhe auf Hitler und waren uns einig, dass es wohl keinen Krieg geben würde – und heute!“ An diesem 1. September 1939 ist sie eine 32 jährige Sekretärin. Wenige Jahre später ist sie weltberühmt.

Durch Lindgrens Kriegstagebücher wird deutlich, dass die Schweden schon frühzeitig über die Gräueltaten der deutschen Nationalsozialisten informiert waren. Bereits 1940 erwähnte sie Konzentrationslager in Oranienburg und Buchenwald. „Es gibt keine Worte für das Leiden der armen Juden, deren verzweifelte Bitten um irgendein Visum und eine Einreisegenehmigung ich täglich lese.“ Astrid Lindgren hatte Zugang zu vielen Briefen und Korrespondenz, da sie für die schwedische Zensurbehörde arbeitete. „Heute habe ich einen schrecklichen Brief gelesen. Ein Jude berichtete, dass Juden aus Wien nach Polen deportiert wurden, Tausend am Tag. Die Umstände der Reise und am Ankunftsort waren so schlimm, dass der Verfasser des Briefes sie nicht beschreiben wollte. Wie kann Hitler glauben, dass man seine Mitmenschen so behandeln kann?“

Ihre sorgfältigen Aufzeichnungen widerlegten die lange Zeit bevorzugte Ansicht, dass die „normalen“ Schweden nichts vom Nazi-Holocaust wissen konnten. Astrid Lindgren war eine kluge Frau mit eigener Meinung. Den sowjetischen „Befreiern“ begegnete sie auch mit großem Misstrauen.

„Deutschland gleicht einem Untier, das regelmäßig aus seiner Höhle kommt, um sich über ein neues Opfer zu werfen. Es kann etwas nicht stimmen mit einem Volk, das alle 20 Jahre die ganze Menschheit gegen sich hat.“

Vier Wochen später schreibt sie etwas, das viele ihrer Landsleute auch so sehen:

„Das Schlimmste ist, dass man sich kaum Deutschlands Niederlage wünschen kann. (…) Ein schwaches Deutschland kann für uns im Norden nur eines bedeuten – dass wir die Beute Russlands werden. Und ich glaube, ich sage lieber mein ganzes Leben lang ›Heil Hitler‹, als die Russen hier zu haben.“

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Als 90jährige ist sie immer noch politisch interessiert:

„Ausländerfeindlichkeit finde ich geradezu widerlich! Wenn ich jünger wäre, wurde ich mich politisch einmischen.“

Tiefe Melancholie im jungen Erwachsenenleben der Astrid Lindgren

In den Kriegstagebüchern wird deutlich: Die zarte Frau mit ihrem ständig sprudelnden Humor war eine komplexe Persönlichkeit. Sie war nicht nur kämpferisch, sie hatte auch eine deutlich melancholische Seite.

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Sture, ihren Mann, den sie als sehr attraktiv und charmant beschreibt, sei sehr dem Alkohol und den Frauen zugeneigt gewesen. Er wollte sich scheiden lassen, doch die Ehe hielt bis zu seinem frühen Tod 1952. Astrid Lindgren ging es sehr schlecht in dieser Zeit. So notiert sie im Juli 1944 in ihrem Tagebuch: „Ein Erdbeben hat mein Dasein erschüttert. Ich sitze hier allein und fröstele. … Blut fließt, Menschen werden versehrt, Elend und Verzweiflung überall – und mir ist es egal. Ich denke nur an meine eigenen Probleme“.

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Der große Wendepunkt der Astrid Lindgren ereignet sich bereits im frühen Erwachsenenleben. Schon mit 19 Jahren wurde die junge Volontärin vom wesentlich älteren und verheirateten Chefredakteur der „Vimmerby Zeitung“ schwanger. Dieser Skandal war ein Schock für ihre gläubigen Eltern. Die 19-Jährige flieht aus der idyllischen schwedischen Kleinstadt und bringt ihren Sohn Lasse in einem Kopenhagener Krankenhaus anonym zur Welt. Dann schlägt sie sich alleine, arm und einsam durch. In Stockholm nimmt sie eine Sekretärinnenstelle an. Ihren kleinen Sohn Lasse lässt sie bei einer dänischen Pflegfamilie zurück. Es dauert vier lange Jahre bis sie – durch die Heirat mit Sture Lindgren – ihren Sohn wieder zu sich holt. Lasse Lindgren war kein langes Leben beschert. 1986 stirbt er. Sechszehn Jahre vor der Mutter.

Astrid Lindgren sieht in dieser Tragik einen Wendepunkt zum Großen.

„Schriftstellerin wäre ich wohl allemal geworden, aber ohne das mit Lasse wohl nie eine berühmte.“

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Pippi Langstrumpf, die Figur, die zu ihrem Weltruhm führte, spielte in ihren Kriegstagebüchern noch eine Nebenrolle

Pippi Langstrumpf erblickte während des Krieges das Licht der Welt. Dazu später mehr. Astrid Lindgren zählt heute, mit rund 150 Millionen verkauften Büchern, zu den weltweit erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen der Welt. Wurde sie in Deutschland vor allem durch die Verbreitung der Bullerbü-Idylle bekannt, war sie in Schweden das moralische Gewissen des Landes. „Ich bin die Beichtmutter der Nation“, sagte sie einmal und war darüber nicht nur glücklich. Sie engagierte sich gesellschaftspolitisch. Durch ihre Kritik an den hohen Steuern trug sie 1976 zum Sturz der sozialdemokratischen Regierung Schwedens bei. Darüber hinaus kämpfte sie gegen die Kernkraft und für Kinder- sowie Tierrechte.

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Sei Pippi Langstrumpf nicht Heidi Klum oder Aa Kurzsocke! – Plädoyer für MutterWitz + Mut. 

Astrid Lindgren die Mutter der emanzipierten Schwedinnen.

„Alle Menschen sollten ihre Kindheit von Anfang bis Ende mit sich tragen.“ Das meint die große kleine Astrid Lindgren (1907 – 2002), deren Tochter Pippi Langstrumpf in diesem Jahr ihren siebzigsten Geburtstag feiert. Die schwedische Schriftstellerin gehört mit einer Gesamtauflage von über 145 Millionen Büchern zu den bekanntesten Kinderbuchautoren der Welt. Ronja Räubertochter ist eine weitere literarische Tochter, mit denen sie Mädchen Mut zur Unangepasstheit macht.

Es gibt nur wenige weibliche Vorbilder in Film und Literatur, die Mädchen und junge Frauen ermutigen, ein eigenes, kreatives, weniger angepasstes Leben zu leben. Mit der Romanfigur Hermine Granger schafft die Schriftstellerin Joanne K. Rowling, meines Erachtens, nur eine Ergänzung zu Harry Potter. Sie verkörpert eher den kulturell gewollten Typus der vernünftigen, fleißigen Frau. Sie ist weniger kreativ, ihre Intelligenz macht einen eher lexikalischen und weniger kreativen Eindruck

Katniss Everdeen, die Protagonistin der Tribute von Panem – The Hunger Games ist da schon kämpferischer, wehrhafter. Sie ist die Tochter einer Heilerin und eines Kohlearbeiters, der bei einem Unglück im Bergwerk starb. Nach dem Tod des Vaters fiel die Mutter dauerhaft in eine Depression, weshalb die damals Elfjährige sich allein um ihre Familie kümmern musste. Während ihrer Jagdausflüge lernte sie den zwei Jahre älteren Gale Hawthorne kennen, dessen Vater beim gleichen Unglück im Bergwerk starb. Die beiden freundeten sich an und wurden Jagdpartner. Katniss ist ein nachdenkliches und bodenständiges Mädchen, und nicht besonders redegewandt, weshalb sie auf andere oft mürrisch und unfreundlich wirkt.

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Pippi Langstrumpf verkörpert ein ungewöhnlich unkonventionelles Frauenbild: stark, frech und kreativ.

 

Pippi wächst eigentlich elternlos auf und versucht zwischenzeitlich ihren abwesenden Vater zu retten. Dass diese Folge damals meiner Tochter Nadja am besten gefiel, gab mir zu denken. Da ich das Gegenteil eines abwesenden Vaters war, ging es ihr, glaube ich, um die Rollenumdrehung: die Tochter ist so stark, dass sie sogar den Vater aus der Gefangenschaft der Piraten befreien kann.

Astrid Lindgren schöpft ihre Kraft und Kreativität offensichtlich aus ihrer spannungsvollen Psyche. Also einerseits aus ihrer glücklichen Kindheit, andererseits aus der melancholischen Gegenbewegung: ihrem unglücklichen Start ins Erwachsenenleben. Letzters wird erst durch ihre aktuell erschienen Kriegstagebüchern deutlich. Vorher sahen wir fast ausschließlich die helle Seite ihres Lebens: „Gunnar, Astrid, Stina und Ingegerd, so hießen die Ericssonskinder auf Näs. Es war schön, dort Kind zu sein, und schön, Kind von Samuel August und Hanna zu sein. Warum war es schön? Darüber habe ich oft nachgedacht, und ich glaube, ich weiß es. Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit.“

Erst mit im Alter von 34 Jahren kam sie eher zufällig zur Schriftstellerei. Eigentlich wollte sie nie Bücher schreiben: „Schon in meiner Schulzeit erhoben sich warnende Stimmen: ‚Du wirst mal Schriftstellerin, wenn du groß bist.‘ […] Das entsetzte mich derart, daß ich einen förmlichen Beschluß faßte: Niemals würde ich ein Buch schreiben. […] ich hielt mich nicht für berufen, den Bücherstapel noch höher anwachsen zu lassen.“

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Für ihre Tochter Karin erfand sie die Figur Pippi Langstrumpf. Als Karin im Winter krank das Bett hüten musste, erzählte die Mutter ihr die selbst ausgedachten Geschichten des mutigen und unangepassten Mädchens Pippi. Zum Geburtstag schenkte sie Karin das Buchmanuskript. Wie gesagt, eigentlich wollte sie nie ein Buch schreiben:

 

„Doch dann kam dieser Schnee, der die Straßen glitschig wie Schmierseife machte. Ich fiel hin, verstauchte mir den Fuß, musste liegen und hatte nichts zu tun. Was tut man da. Schreibt vielleicht ein Buch. Ich schrieb Pippi Langstrumpf. […] 1941 lag meine Tochter Karin krank im Bett, und eines Abends sagte sie: ‚Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf.“

 

Den Verlagen hatte Pippi Langstrumpf zu viel Sprengkraft

Diese Geschichte über die freche Seemannstochter Pippi Langstrumpf, die sie im März 1944 bei einem schwedischen Verlagshaus einreichte, wurde prompt abgelehnt. Im gleichen Jahr nahm sie mit einem anderen Text – „Britt-Mari erleichtert ihr Herz“ – an einem Wettbewerb für das beste Mädchenbuch teil. Dies war mit der Forderung verbunden, dass der Text die Liebe zu Familie und Heim sowie das Verantwortungsgefühl gegenüber dem anderen Geschlecht befördern solle. Sie gewann den zweiten Platz. Die 15-Jährige Hauptfigur zeichnete sich durch eine, für diese Zeit schon ungewöhnliche Selbstständigkeit und Unabhängigkeit aus – auch und gerade gegenüber der Männerwelt.

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Ermutigt durch den Erfolg reichte Astrid Lindgren im folgenden Jahr das überarbeitete Manuskript von Pippi Langstrumpf beim Verlagshaus „Rabén & Sjögren“ ein und bekam diesmal den ersten Preis. Im gleichen Jahr wurde sie als Lektorin eingestellt. Dort baute sie die Kinderbuchabteilung auf und arbeitete im Verlag bis zu ihrer Rente im Jahr 1970. Im Herbst 1949 erschien Astrid Lindgrens Debütwerk auch in Deutschland. Das unkonventionelle Verhalten Pippis gefiel den jungen Lesern und Leserinnen. Dieses rothaarige Mädchen verkörperte den Typus des aktiven, selbstbewussten, selbstbestimmten, kreativen und gewitzten Kindes. Schon ihr Aufzug kann als Parodie auf die Stereotype des damaligen Mädchenbuches interpretiert werden. Der Verleger Oetinger gab Pippi Langstrumpf in der Bundesrepublik Deutschland heraus, obwohl das Buch zu diesem Zeitpunkt sogar in Schweden noch stark umstritten war und zuvor von fünf anderen deutschen Verlagen abgelehnt worden war. So seien von Rezensenten Bedenken geäußert worden, Pippi sei nicht „normal“ und ein schlechtes Vorbild für Kinder. Der politischen Führung in Ostdeutschland waren Lindgrens Charaktere suspekt. Daher gab es in diesem totalitären Regime jeweils nur eine erste Auflage.

 

1974 lachten die Schweden über Astrid Lindgren, als sie zum 80. Geburtstag ihrer Freundin Elsa Olenius mit dieser zusammen um die Wette auf einen Baum kletterte. Schließlich gebe es „kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern“.

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Astrid Lindgren hatte immer schon einen eigenen Kopf. So war sie auch politisch aktiv. Die „Brüder Löwenherz“ wurden 1973 im schwedischen Parlament kontrovers diskutiert. Die darin enthaltene „Sage vom Tod und nichts als dem Tod“ würde angeblich den Selbstmord verherrlichen. Sie war selbst Mitglied im Verein „Das Recht auf unseren Tod“, der sich für das Recht auf ein würdiges Sterben einsetzt, insbesondere darauf, bei unheilbaren Leiden seinem Leben selbst ein Ende setzen zu dürfen.

 

Astrid Lindgren starb im Alter von 94 Jahren in Stockholm an den Folgen einer Virusinfektion. Bei der Gedenkfeier am 8. März 2002 nahmen neben dem Königshaus und dem Premierminister hunderttausende Menschen auf der Straße teil. Hinter ihrem Sarg, der auf einem Katafalk – ein geschmücktes hölzernes Gerüst, das in der Renaissance und im Barock anlässlich des Todes von hochgestellten Personen errichtet wurde – lag, gingen ein Mädchen und ein weißes Pferd.

 

Über ihr Wirken schreibt sie selbst: „Das einzige, was ich hier auf Erden zustande gebracht habe, sind eine Menge Einfälle, und es ist mir selber rätselhaft, wie man so unentwegt mit lauter, zum Teil überdies noch recht verschrobenen Einfällen leben und fast sterben kann.“

 

Der gute Kontakt zum inneren Kind ist ihr großes Erfolgsgeheimnis

Abschließend einige Zitate der großen Astrid Lindgren, die immer im guten Kontakt zu ihrem inneren Kind Pippi stand.

Pippi

„Alle Menschen sollten ihre Kindheit von Anfang bis Ende mit sich tragen.“

„Es ist gefährlich, zu lange zu schweigen. Die Zunge verwelkt, wenn man sie nicht gebraucht.“

„Ich habe immer gedacht, ich will nie ein Buch schreiben. Aber plötzlich konnte ich nicht mehr, da musste ich schreiben.“

„Wenn Pippi Langstrumpf jemals eine Funktion gehabt hat, außer zu unterhalten, dann war es die, zu zeigen, dass man Macht haben kann und sie nicht missbraucht. Und das ist wohl das Schwerste, was es im Leben gibt.“

„Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maß von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen.“

„Die Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass sie jemand findet.“

„Kinder sollen mit viel Liebe aufwachsen, aber sie wollen und brauchen auch Normen.“

„Im Traum läuft man manchmal und sucht. Man muss unbedingt jemanden finden. Und man hat es so eilig. Es gilt das Leben. Man läuft voller Angst dahin, sucht immer angstvoller, man findet aber nie, den man sucht. Alles ist vergeblich.“

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„Über den Frieden sprechen, heißt über etwas sprechen, was es nicht gibt.“

 

„Ausländerfeindlichkeit finde ich geradezu widerlich! Wenn ich jünger wäre, wurde ich mich politisch einmischen.“

 

Verantwortlich für den Inhalt:

Dipl.-Psych. Hans Wolter (www.HansWolter.com)

 

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„Als ich 5 Jahre alt war, hat meine Mutter mir immer gesagt, dass Glück der Schlüssel zum Leben ist. – Als ich zur Schule ging, fragten sie mich was ich werden will wenn ich groß bin. Ich schrieb ‚glücklich‘. Sie sagten mir, dass ich die Aufgabe nicht verstanden habe, aber ich sagte ihnen, dass sie das Leben nicht verstanden haben.“ (John Lennon)

 

 

 

Bild und Poesie 111017 Mädchentag Skulptur Katharinenhof

 

1 Kommentar

  1. Ich finde es ermutigend, wie lebendig du deine eigenen Erfahrungen als Vater schilderst, Hans.
    Goethe Zitat „…Wurzeln und Flügel. ..“ ist wie eine gute Zusammenassung deines Artikels, vor allem in Bezug auf „Hänschen klein“
    Hinter die Kulissen von Astrid Lindgren zu blicken, war mehr als spannend!
    DANKE!

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