Mut zur Führung schafft Gemeinschaft – Was machen Heynckes, die Rolling Stones & Messi anders? – Die Magie der Berührung – Mangelnde Führung & Gestaltungsdefizite geben Populisten Auftrieb – (WehrWolter – ww 276 – Hans Wolter)

Gute Führung geht über Berührung. Das zeigt schon Michelangelo in seinen Fresken zur Erschaffung des Menschen. – Plötzlicher QualitätsRuck. Beim FC Bayern weckt der Führungswechsel schlummernde positive Energie im Team. Jupp Heynckes kann lebendig gestalten. Bei Ancelotti war es eher das blasse Verwalten. Beiden steht der gleiche Kader zur Verfügung. Einzelne Menschen können viel bewegen, wenn sie es schaffen, uns richtig zu berühren. Die Rolling Stones sind ein gutes Beispiel dafür, dass vier Männer ausreichen, um ein Stadion mit hunderttausend Menschen zu elektrisieren und in eine große musikalische Gestalt ein- und gleichzustimmen. Lionel Messi schafft es nahezu im Alleingang, dass Argentinien nach seinen drei Toren und dem damit verbundenen Last-minute-WM-Ticket, einen kollektiven Glücks-Tsunami erlebt. Auch Politpopulisten nutzen die Sehnsucht nach Einheit in einer komplizierter und unübersichtlich werdenderen Welt. Über die emotionale Berührung der Menschen erreichen sie mehr als über Sachlichkeit. Daher greifen auch die Vorwürfe des Postfaktischen am Ziel vorbei. Zahlen schießen keine Tore.

Die Ansammlung vieler Menschen ist noch keine Gemeinschaft. Auch wenige Menschen sind von sich aus noch keine lebendige Gruppe. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Dieser auf Aristoteles zurückgehenden Satz, der zum Leitsatz der Gestaltpsychologie wurde, weist darauf hin, dass Gemeinschaften gebildet werden müssen. Vergleichbar mit Melodien. Gemeinschaft braucht nicht nur Regeln und Werte, sie braucht eine lebendige, fühlbare Identität. Die wird immer noch am wirkungsvollsten durch einzelne Menschen vermittelt wird. Durch gute Führung und dem Gestaltungskönnen Einzelner lassen sich wirkungsvolle Gemeinschaften bilden. Im aufkeimenden Nationalismus und Rechtspopulismus sehen wir Sehnsüchte nach Vereinfachung, Vereinheitlichung, Eingrenzung, Überschaubarkeit, Berührung und Führung.

 

 

In unseren zunehmend technisch bürokratischen Gebilden, wie z.B. einer Europäischen Union wird das Ganze zunehmend weniger deutlich. Für den Einzelnen wird sein Platz in dem Ganzen immer weniger spürbar. Das gilt auch für große oder gar globalisierte Unternehmen. Als Kunde verliere ich mich zunehmend im Nirwana von Warteschleifen und virtuellen Ansagen, wenn ich meinen Mobilfunkanbieter oder neuerdings auch meine Krankenkasse erreichen will. Diese zunehmende Beziehungslosigkeit weckt in mir mit der Zeit, Ohnmacht und Wut. Ich sehne mich zurück nach dem ansprechbaren Gegenüber.

 

Die Welt ist in den letzten Jahren, vor allen Dingen durch das Internet und preiswerte Mobilität, auf der einen Seite irgendwie kleiner und transparenter geworden. Auf der anderen Seite wird unser Alltag von einer Vielzahl von Menschen zugleich als unüberschaubar, weniger sinnlich spürbar und letztlich auch unpersönlicher erlebt. Da wir uns heutzutage zu wenig berührt fühlen, können beispielsweise selbst Schlagersänger riesige Stadien füllen.

Weiterentwicklungen wie alltagsbestimmende Allround-Internetpräsenz oder die Globalisierung lassen sich nicht wirklich rückentwickeln. Auch wenn viele Menschen die „gute alte Zeit“ zurückhaben wollen. Diese rückwärtsgewandte Sehnsucht versuchen Populisten ihren Wählern als einfach erreichbar zu versprechen. Seien es Trump, Erdogan oder auch die Brexitvertreter, alle versprechen ein einfacheres Leben in nahezu einstimmigen Gemeinschaften. Nach dem Motto: für uns wird alles einfacher, wenn wir uns auf uns selbst konzentrieren und alles Störende außerhalb unserer Grenzen verorten.

'Everyday we walk a thin line'. Acrylic on paper.

 

Führungsdefizite versus Führungszuspitzungen

Ein Beispiel für unklare und wenig überzeugende Führung:

Aktuell hat Stanislaw Tillich (CDU), seinen Rücktritt als sächsischer Ministerpräsident im Dezember 2017 angekündigt. Am Abend der Bundestagswahl rief er einen befreundeten Bürgermeister an und fragte: „Du sag mal, was ist denn da eigentlich los?“  Er wollte wissen warum die Sachsen so wütend sind und wieso seine CDU weniger Stimmen als die AfD bekam. Seltsamerweise hat ausgerechnet der vollmundig als „Der Sachse“ auftretende Vollblutpolitiker nach neun Jahren im Amt nicht mitbekommen, was das radikale Sparen und der Wegzug einer ganzen Generation mit den Menschen gemacht hat (Quelle: KSTA 20.10.2017). Ich möchte hier nicht in eine weitere Analyse eingehen, nur anskizzieren, wie Führung verspielt werden kann.

 

Ein Beispiel für einengende Führung:

„Dieses Gesetz wird kommen, ob ihr wollt oder nicht“, sagte der türkische Präsident Erdogan dieser Tage. „Erdogans rückwärtsgewandte Islamisierung … Jetzt können in der ganzen Türkei Vorbeter zivilrechtlich gültige Ehen schließen. Die islamische Ehe ist immer eine Vertragsehe. Es kommt also darauf an, was jemand akzeptiert oder wozu er gezwungen wird. Ohne dass der Staat die Grenzen setzt. So wird Tür und Tor für die Ehe nach der Scharia geöffnet. Und die Zweit- oder Kinderehe möglich.“ (Astrid Wirtz, KSTA 20.10.2017)

Führung Schmidt

Moderne Führung schafft Transparenz und Teilhabe

Wir brauchen keinen Rechtsruck. Wir brauchen klarere Führung, die die Menschen emotional erreicht. Politiker müssen wieder glaubhafter und transparenter deutlich machen, wie die komplexen Anforderungen in kleinen und großen Zusammenhängen gemeistert werden können. Moderne Führung schafft Transparenz und Teilhabe. Hier gibt es selten ideale Lösungen. Wir haben aber den berechtigten Anspruch auf ein engagiertes Bemühen der Verantwortlichen. Das gilt für Großprojekte wie den Berliner Flughafen oder die Kölner Oper genauso wie die Förderung unserer Kinder an den Schulen vor Ort.

Führung Heynckes

„Grau is alle Theorie – entscheidend is auf’m Platz.“

(Alfred Preisler, Fußballtrainer)

Zurück zum Fußball:

Durch gute Führung und dem Gestaltungskönnen Einzelner lassen sich wirkungsvolle Gemeinschaften bilden.

Keine zwei Wochen ist es her und der trainierte Rentner Jupp Heynckes (72) hat als alter neuer Bayerntrainer bereits große Teile der bayerischen Lähmung heilen können. Die Annahme liegt nahe, dass die Mannschaft und der Verein unter dem Trainer Anelotti so gelitten hat, dass Spielfreude die Lebensenergie entzogen wurde. Wie unter einem stillen Vampir.

Führung Ancelotti

Von Heynckes geht offensichtlich eine für die Mannschaft positivere Ausstrahlung und Energie aus. Er selbst sagte mehrfach, dass er praktisch keine Zeit für tiefgreifende Arbeit mit den Spielern hat. Offensichtlich hat aber die Befreiung von Ancelotti schon gereicht, damit Spieler wie Thomas Müller, Arjen Robben oder Kingsley Coman wieder mit neuem Antrieb an die Arbeit gehen. Es ist schon erstaunlich, wie Ancelotti eine Ansammlung derart fähiger Profis so in ihren Möglichkeiten einschränken konnte.

Führung Müller

Meine Meinung hierzu ist, dass Heynckes für die Bayern die bessere Führungsqualtität hat. Er scheint die einzelnen Spielerpersönlichkeiten wieder emotional zu berühren, besser menschlich zu erreichen und wieder eine lebendige Gemeinschaft formen zu können. Ancelotti scheint mir zu distanziert gearbeitet zu haben. Sein Rotationsprinzip wirkte auf mich irgendwie beliebig und nicht empathisch inspiriert. Das ist für mich eher Verwaltung als Gestaltung. Die Menschen wollen auf Dauer nicht bürokratisch geführt werden. Der Sozialismus in der DDR ist auch letztlich an leblosem Planen gescheitert.

Papst Trump Vatertag

Gute Führung berührt den Einzelnen und führt zusammen

Natürlich trainiert sich selbst ein so so qualitativ hochwertiger Kader wie der des FC Bayerns nicht selbst, und sie stellen sich auch nicht von selbst auf. Auch hier ist gute Führung entscheidend für die Leistung. Es gibt immer wieder allzuverkopfte „Experten“, die das anders sehen. Ähnlich wie die unerträglich zunehmende Statistikanalysen im Fußball. Wenn es danach ginge, hätte unsere Nationalmannschaft nicht 7:1 gegen Brasilien in der WM gewonnen. Rein statistisch waren nämlich die Südamerikaner uns in diesem Spiel überlegen. Hier könnten wir weiter überlegen und zu wirtschaftlichen, politischen oder anderen Phänomenen übergehen, wo den Zahlenmenschen häufig ein zu großer Glaube begegnet.

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Manchmal reicht die Magie des Einzelnen, um alle mitzureißen

Daher möchte ich beim Fußball bleiben und abschließend noch einmal meinen Lieblingsspieler Lionel Messi erwähnen. Argentinien feiert den kleinen Mann als MessiAs. Dank seiner drei Tore im Spiel gegen Ecuador darf die Mannschaft zur WM nach Russland fahren.

Bevor jedoch die große One-Man-Show in Quito begann, bekam die Albiceleste, die nur als Tabellensechster in den finalen Spieltag gegangen war, eine kalte Dusche verpasst. Romario Ibarra brachte die Hausherren nach nur 38 Sekunden in Führung. „In diesem Moment wollte ich sterben. Nach diesem Tor gingen mir unzählige Dinge durch den Kopf“, berichtete Messi im Nachhinein und gab zu: „Die Angst vor dem Aus war da.“ Seine drei Treffer (12., 20. 62. Minute) katapultierten Argentinien auf Platz drei der südamerikanischen Qualifikationsgruppe hinter Brasilien und Uruguay.

Psycho-Logik funktioniert anders als Zahlen-Logik

Der Fußball zeigt immer mal wieder, dass manchmal von einzelnen Menschen eine Magie ausgeht, die eine Mannschaft, ein Stadion, ein Land kurzzeitig berühren und verEinigen können. Natürlich kennen wir, vor allen Dingen aus der Politik, auch erschreckende Negativbeispiele. Gerade deshalb tut man sich in Deutschland immer noch schwer, den Mut zur Führung einzufordern. Unser Altkanzler Helmut Schmidt hat einmal ein Buch mit genau diesem Titel geschrieben. Der darf das. Der durfte sogar im öffentlich rechtlichen Fernsehen Kette rauchen.

 

Führung Titel

1 Kommentar

  1. Ja, lieber Hans, das ist ein spannendes Thema. ich erlebe Situationen, in denen ich die Rolle des Führenden übernehme immer als besondere Herausforderung. Es erstaunt mich dabei immer wieder erneut, was ich dadurch bewege. Und ich kenne auch die Gefahren und Irrtümer auf diesem Pfad. Bin ich wirklich noch im Interesse der mir folgenden unterwegs, oder vielleicht schon im eigenen Interesse? Geht es mir um Macht oder einen persönlichen Vorteil? Bin ich wirklich sicher, dass Weg, den ich als Führender vorgebe, wirklich der richtige ist? Das sind die Gewissensfragen, die sich jeder als Führender täglich neu stellen muss. Als Führender übernehme ich auch eine große Verantwortung für alle Menschen, die mir folgen. Ist mir das bewusst? Bei unserem derzeitigen Papst und auch bei Helmut Schmidt bin ich mir da ziemlich sicher. Aber bei vielen anderen selbsternannten Führungspersönlichkeiten habe ich Zweifel. Warum? Vielleicht sollten wir die Rolle und die Anforderungen an eine ideale Führungspersönlichkeit noch näher durchleuchten.

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