Sexismus – Der Fall Harvey Weinstein zeigt, dass bei alltäglichen Machtkämpfen zwischen Männern und Frauen auch archaisch tiefe, oft diffus verdeckte Ebenen mitschwingen – Wie im Populismus – „Ausland“ & „Untergrund“ sind mitten unter uns (WehrWolter – ww 277 – Hans Wolter)

Durch die sexuellen Übergriffe des amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein rückt die sogenannte Sexismus-Debatte wieder einmal deutlich in unsere Wahrnehmung. Für mich zeigt dieser Fall, der sich in kleinerem Ausmaß wohl überall ereignen kann, dass die über dreißigjährige Emanzipationsbewegung, wohl eher im „Oberbau“ unserer westlich modernen Kulturen stattgefunden hat. Es scheint tiefe, nahezu archaische Schichten im Seelenleben eines Jeden zu geben, in der andere, gewaltige Kräfte wirken. Nach wie vor. Sowohl in Männern, als auch in Frauen.

Sexismus, Mobbing, Populismus sind verdeckt agierende Strategien in komplexen Machtstrukturen.

Sexismus ist natürlich zu verurteilen. In jeglicher Form. Meines Erachtens dürfen wir dieses Phänomen aber nicht als allzu einfach verstehen wollen. Sonst empören wir uns nur, ohne etwas in der Struktur zu verändern. Sexismus ist für mich Ausdruck eines Machtkampfes im Untergrund. Ich sehe hier Parallelen zum Mobbing oder auch zum Rechtspopulismus. Auf der Oberfläche versucht man sich im Rahmen der Gesetze zu bewegen. Unterschwellig spritz man allerdings Gift, dass in vielen Fällen nicht nachweisbar ist. Das dient dazu Machtverhältnisse herzustellen oder sie zu stabilisieren. Das ist komplexer als ein Kampf zwischen den Geschlechtern. Jeder kann es gegen jeden einsetzen. Oft geschieht es auch in Systemen, die offen, verdeckt, bewusst aber auch unbewusst arbeiten und wirken können. Manchmal kommt es auch zu Machtverhältnissen, die sich mafiaanalog verhalten und verbergen.

Sexismus Weinstein

Als die „New York Times“ ihren Bericht über seine Angriffe auf bislang mehr als 30 Frauen veröffentlichte, versuchte sich Weinstein als „Kind der 60er und 70er Jahre“ zu erklären, wo alle Regeln und Gepflogenheiten am Arbeitsplatz anders waren.

 

Dies führe ich ein wenig aus, um dann Frauen in dieser Diskussion zu Wort kommen zu lassen. Sie sind aus dem Redaktionsteam der WELT (Beitrag: 22.10.2017) Hierzu ein kleiner Vorgriff:

… „Weshalb erniedrigt dieser brutale Machtmissbrauch Frauen immer noch so, dass sie ihn verschweigen? Mal ist es sexuelle Gewalt, mal eine Belästigung, mal eine Belästigung, ein gemeiner Spruch, der uralte Sexismuskram. Doch er funktioniert immer noch. Warum hält sich das so lange?“ …

… „Es gibt sehr unterschiedliche Schweregrade von sexuellen Übergriffen und Belästigungen, Demütigungen und Diskriminierungen. Was all das verbindet: Es geht um ein System der Machtverteilung, das immer noch erstaunlich funktioniert. Aber wer hält es am Laufen?“ …

… „Verbale Übergriffe zu benennen, zu enttarnen und zu stoppen, dafür fehlen uns zu oft die Worte, wir flüchten uns in Umgangsformen. Es sind diese leisen, unspektakulären Geschichten, die offenbaren, warum sich letztlich so wenig geändert hat.“ …

… „Es gibt Frauen, die sich Mechanismen männlicher Diskriminierung gegen anderer Frauen bedienen. Die Verhältnisse sind nicht ausgeglichen, bei Weitem nicht. Aber Frauen sind auch Teil der Machtverhältnisse. Und nicht alle wollen, dass sich die Regeln ändern. Weil alte Rollen eben bequem sind. Vielleicht brauchen wir in dieser Debatte auch sehr viel mehr Ehrlichkeit von allen Seiten.“ …

,,,“Sich die Haare abzuschneiden und die eigene Weiblichkeit zu verdecken, weil Männer sonst glauben könnten, man hätte es nicht drauf – oder wenn, dann nur für Privates im Büro -, ist Kapitulation. Und es sind oft auch Frauen, die kommentieren, wie andere aussehen – ob offen oder hinter ihrem Rücken. Wir brauchen Solidarität unter Frauen, um das Problem mit den Männern in den Griff zu bekommen.“

Schlechtes stößt häufig Gutes an

Schlechtes stößt in der Folge ja häufig auch Gutes an. Der letzte weltweite große Aufschrei in Sachen sexueller Übergriffe war ja die Kölner Silvesternacht. Die will ich um Himmels willen nicht klein reden.

Sexismus Silvesternacht

Aber hier funktionierten die kollektiven Abwehrmechanismen der Menschen in den westlich geprägten Strukturen insofern noch ganz gut, dass man die Täter im „Ausland“ verorten konnte. Das nutzten ja postwendend und -faktisch Nationalisten aller Colör mit dem Hinweis: wer unsere Frauen schützen will, muss sich von den „Ausländern“ abgrenzen. Dass die selbsternannten Saubermänner dabei selbst teilweise radikal aggressiv übergriffig wurden, schien ihnen gerechtfertigt. Die Ritter der Kreuzzüge glaubten ja in ihrem Missionarseifer auch im Sinne Gottes zu handeln.

 

Rechtspopulismus und Sexismus haben viel gemeinsam

Bei beiden Phänomenen geht es um Machterlangung über diffuse Diskreditierung und Diskriminierung. Die aktiv Agierenden bewegen sich häufig in gesetzlich und/oder moralischen Grenzbereichen. Rechtspopulisten stellen etwas in den Raum und nehmen es bei Gegenwind wieder zurück. Es sei alles nicht so gemeint oder aus dem Zusammenhang gerissen. In der Steigerung der Vorwurf es handele sich um Fakenews. Sexismus und Populismus haben sich im amerikanischen Wahlkampf einmal in den Aussagen des heutigen Präsidenten Donald Trump konkret getroffen. Es tauchte ein älteres Video auf, indem Trump damit prahlte, dass er jeder Frau zwischen die Beine fassen könnte. Bemerkenswert ist hierbei, dass er mit dieser Aussage offensichtlich bei seinen Wählern nicht sanktioniert wurde. Paradoxerweise ist ja häufig das Gegenteil der Fall. Populisten geraten darüber in die Schlagzeilen, was sie wiederum populärer macht.

Die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn hatten und haben nachhaltig einiges bewegt.

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Christine Lagarde, Managing Director of the IMF arrives at the Treasury to meet Britain’s Chancellor George Osborne, prior to a press conference, in London, Britain May 13, 2016. REUTERS/Peter Nicholls © Peter Nicholls/Reuters

„Trägst du einen String?“

Milena Hassenkamp berichtet in der ZEIT ONLINE (15.05.2016), dass in Frankreich eine erfolgreiche Fraueninitiative gegen Übergriffe gibt. Mehrere ehemalige Ministerinnen um IWF-Chefin Christine Lagarde richten sich in einem Appell an Politik und Justiz. Sie prangern Sexismus am Arbeitsplatz an.

„Wir werden nicht länger schweigen“: 17 frühere französische Ministerinnen prangern in einem Appell männliches Fehlverhalten an. Sie reagierten damit auf den Fall Denis Baupin. Der Vizepräsident der französischen Nationalversammlung soll Kolleginnen sexuell belästigt haben. Zu den Unterzeichnerinnen zählen unter anderem die heutige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, die ebenfalls konservative Politikerin Nathalie Kosciusko-Morizet, die Sozialistinnen Aurélie Filippetti und Elisabeth Guigou.

Die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, dann das übergriffige das Verhalten des Finanzministers Michel Sapins gegenüber einer Journalistin auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: Sexuelle Belästigung ist immer wieder ein großes Thema in Frankreich. Doch dieser Fall, so schreiben die Ex-Ministerinnen in einem Aufruf in der Zeitung Journal du Dimanche, ist einer zu viel. Sie fordern: „Schluss mit der Straffreiheit!“ 

Mit ihrem Appell richten die Politikerinnen nun konkrete Forderungen an Politik und Justiz. Es sei nicht an den Frauen, sich anzupassen, sondern die Verhaltensweisen bestimmter Männer seien es, die sich ändern müssten. „Sexistische Bemerkungen, unangebrachte Gesten, unangemessenes Verhalten“ wollen sie systematisch verurteilen. Sie nennen Beispielsätze des Alltagssexismus wie: „Abgesehen von ihren tollen Brüsten, wie ist sie?“, „Dein Rock ist zu lang, der muss gekürzt werden“ oder die Frage „Trägst du einen String?“. Dabei nehmen sie auch konkret Bezug auf eigene Erfahrungen: „Wie alle Frauen, die in Milieus gelangt sind, die früher exklusiv männlich waren, haben wir unter Sexismus gelitten und dagegen gekämpft“, heißt es in dem Text. Opfer sexueller Belästigung werden aufgefordert, Anzeige zu erstatten. Die Unterzeichnerinnen fordern eine Vereinfachung juristischer Prozeduren und ein Umdenken in der Politik.

Die Politikerinnen kritisieren, es gebe zwar die juristischen Instrumente, doch die Gesetze würden nicht ausreichend angewandt. Ähnliches gelte beim Arbeitsrecht: Zwar schütze es die Arbeitnehmerin, doch werde es praktisch von einigen Arbeitgebern nicht respektiert. Viele Frauen, die sexuelle Belästigung anzeigen, so der Vorwurf, würden danach ihren Job verlieren. Immer noch erstatten nur wenige Frauen Anzeige „und sehr wenige Klagen enden mit Verurteilungen“. Natürlich existiere sexuelle Belästigung in jedem Bereich der Gesellschaft, sagte die Politikerin Chantal Jouanno in einem Interview mit dem Journal du Dimanche, doch in der Politik müsse man als Frau eine exemplarische Rolle einnehmen. (Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-05/sexuelle-belaestigung-frankreich-politikerinnen-klage)

 

Sexismus Trump

Machtkampf zwischen Männer und Frauen

Sexismus ist nach meiner Einschätzung ein Symptom für den Machtkampf zwischen Männer und Frauen. Männer bemächtigen sich hier der Frauen. Das kann durch einen direkten konkreten Übergriff geschehen oder sich verbal sowie szenisch äußern. Donald Trump steht wohl für ein Männlichkeitsbild aus älteren Zeiten. Dass er Präsident der USA werden konnte, obwohl er schon vor Jahren damit geprahlt hatte, dass er jederzeit einer Frau in den Schritt greifen könnte, sagt schon etwas über die Vielschichtigkeit der moralischen Wahrnehmung in der USA aus.

 

 

Frauen wurden seit 1945 deutlich selbstbewusster

und erkämpften sich immer mehr Gleichberechtigung

Frauen sind nach dem zweiten Weltkrieg immer selbstbewusster geworden. Nach meiner Beobachtung geschah das schon zu Kriegszeiten, als die Frauen zu Hause ohne ihre Männer das Leben meistern mussten. Sie sahen, dass es klappte. Als „Trümmerfrauen“ halfen sie auch körperlich stark mit beim Wiederaufbau.

Sexismus Trümmerfrauen

Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern änderte sich in Deutschland und den westlichen Ländern seitdem kontinuierlich.

 

Eckdaten hierzu in Deutschland:

1958: Frauen durften den Führerschein machen, ohne ihre Väter oder Ehemänner um Erlaubnis zu fragen. 1962: Frauen durften ohne Zustimmung ihres Ehemannes ein Bankkonto eröffnen. 1969 wurde verheirateten Frauen die Geschäftsfähigkeit zugestanden. 1971 erschien der „Stern“ mit dem öffentlichen Bekenntnis von 374 Frauen zur Abtreibung. Erst 24 Jahre später wurde die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs endgültig Gesetz. 1976 verabschiedete sich das Bürgerliche Gesetzbuch vom Modell der Hausfrauenehe. Ein Mann konnte einer Frau nun nicht mehr vorschreiben, arbeiten zu gehen. Erst seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar.

 

Verbaler Sexismus dient wie Mobbing der Einschüchterung

 

Damit gibt es hier viele Überschneidungen zu Mobbing. Vor allem im schulischen beruflichen Alltag gibt es häufig Formen unauffälliger Aggressionsausübung. Hier finden Machtkämpfe jenseits der direkt einsichtigen Bühne statt. Nicht nur zwischen den Geschlechtern, auch untereinander. Aggression und Lust an der Machtausübung finden wir bei Jungen und Mädchen, Frauen und Männern. Sie zeigen sich nur häufig unterschiedlich.

Sexismus Mobbing

 

 

Der Kampf um Geld und Existenz begünstigen Sexismus

Nachfolgend beschreiben sieben Frauen ihre persönlichen Erfahrungen. Es wird deutlich, dass verbale sexualisierte Gewalt häufig erst im Arbeitsleben auftritt. Nach meiner Einschätzung hat das damit zu tun, dass die Kämpfe härter werden, wenn Geld und Existenz mit ins Spiel kommen. Hier kann letztlich jeder gegen jeden kämpfen. Der einfache Sexismus ist offensichtlich nach wie vor noch ein Mittel der Männer, vor allen Dingen weiblichen Rivalen zu schaden. Allerdings haben Frauen auch durchaus ihre Strategien sich unterschwellig durchzusetzen. Sei es gegenüber den Männern oder auch den Frauen. Auch Männer untereinander führen ihre Kämpfe ja lang nicht immer mit offenem Visier aus. Das auch innerhalb der Männerwelt Sexismus wirken kann, konnten wir in den jüngsten Skandalen der Bundeswehr oder im Nationalsozialismus verfolgen. Insgesamt ist es sicher ein weites Feld. Nachfolgend wende ich mich dem Phänomen allerdings wieder etwas zugespitzter auf das Männer-Frauen-Verhältnis zu.

 

Sexismus WehrWolter 1

 

Frauen 2017 zur aktuellen Lage von sexuell geprägter Gewalt

Die „Welt am Sonntag – kompakt“ lässt in ihrer Ausgabe vom 22.10.2017 in ihrem Redaktionsteam sieben unterschiedlich alte Frauen diskutieren. Nachfolgend zitiere ich in Auszügen die individuellen Erfahrungen der Frauen. Der Text trägt keine Autorenzeile. Was hier geschildert wird, hat die jeweilige Kollegin genau so erlebt, zugleich ist es eine kollektive Erfahrung.

Jahrgang 1959: „… Der Fortschritt ist eine Schnecke. Aber sie kommt voran. Selbst einem Weinstein kann diese Entwicklung nicht entgangen sein … Wie kommt einer auf die Idee, sich aufzuführen wie ein Landadliger im Mittelalter? Wie kann einer im 21. Jahrhundert im Ernst annehmen, er fliege nicht auf, wenn er seine Geschäftspartnerinnen sexuell erpresst? Und wieso fliegt er solange nicht auf? Weshalb erniedrigt dieser brutale Machtmissbrauch Frauen immer noch so, dass sie ihn verschweigen? Mal ist es sexuelle Gewalt, mal eine Belästigung, mal eine Belästigung, ein gemeiner Spruch, der uralte Sexismuskram. Doch er funktioniert immer noch. Warum hält sich das so lange?“

Jahrgang 1978: „… für uns schien alles erreicht, Mädchen sind so schlau wie Jungen, mehr noch: in der Schule waren wir die Schnelleren, Schlaueren, manchmal Großmäuligeren. Das funktionierte meistens auch an der Universität noch … Dann kam das Arbeitsleben. Dann kam dieser Nachmittag in einem Büro, an dem ein Mann, rund 25 Jahre älter als ich, sagte, freundlich, väterlich, mit ein ganz klein wenig Gemeinheit im Lächeln, während er hinter seinem sehr großen Schreibtisch, vor Panoramafenstern thronte, es wäre schon einfacher, hier weiterzukommen, wenn ich mich ein wenig zugänglicher zeigte. Er sagte nicht, was er damit meinte. Er tat ein bisschen so, als hätte das mit ihm ja auch nichts zu tun. Mit meiner Arbeit, sagte er dann noch, sei man ja durchaus sehr zufrieden. Es war das letzte Mal, dass ich dieses Büro, den Flur, das Gebäude betrat. Zumindest hatte ich die Freiheit zu gehen. Aber wohin? Es ist in diesen Tagen oft von dem „System“ die Rede gewesen, das „System“ Hollywood, das „System“ Filmbranche, das Männer wie Harvey Weinstein möglich macht, gewähren lässt, aber das „System“ ist natürlich überall. Es gibt sehr unterschiedliche Schweregrade von sexuellen Übergriffen und Belästigungen, Demütigungen und Diskriminierungen. Was all das verbindet: Es geht um ein System der Machtverteilung, das immer noch erstaunlich funktioniert. Aber wer hält es am Laufen?“

Jahrgang 1975: „… Eigentlich ist das hochriskant, sollte man meinen – bei all dem, was gegen Sexismus und sexuelle Belästigung in den vergangenen Jahrzehnten auf den Weg gebracht wurde: allgemeines Gleichbehandlungsgesetz und dazugehörige Beschwerdestellen, Paragrafen für Beleidigung, Belästigung und sexuelle Nötigung, sensiblisierte Betriebsräte, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte, eigens geschulte Personalchefs, verschärftes Sexualstrafrecht. Eigentlich. Ich frage mich manchmal: Ist genau das für manche ein besonderer Kick? Trotz des Saktions-Instrumentariums und allgemeiner Bewusstseinsschärfung einfach noch einen draufzusetzen? Ja, der uralte Sexismuskram funktioniert immer noch: zeitlos beständig in endlosen Varianten. Beschweren? „Gehen sie doch zum Betriebsrat.““

Jahrgang 1985: „… Alle haben zugehört. Viele gegrinst. Die Augen verdreht. Weggeguckt, weggehört. Sonntagnachmittag, Herbst 2017. Im Regionalzug vor allem Männerklubs, Frauenklubs, Studierende und Ausflügler. Ein Grüppchen 50- bis 60-jähriger Männer und eine Studentin, vielleicht Anfang 20, in der Reihe vor mir. Ich lese mit Stöpseln in den Ohren, aber ich höre ihn trotzdem, den älteren Herrn, wie er versucht mit der Studentin ins Gespräch zu kommen: „Was haste da denn? Is das ein Tattoo?“ Dann ein freundliches „Ja“. „Haste sicher noch mehr davon, oder? Zeigste mir die? … kann man die dann sehen, wenn du einen Bikini anhast?“ Die Frau wiegelt höflich scherzend ab. „Wenn wa uns in 15 Jahren hier wiedertreffen und du dann Professorin bist, zeigste mir deine Tattoos, oder?“ Immer wieder. Mir ist die Situation irgendwie unangenehm. Warum? Ist doch nur ein Gespräch. Und doch so distanzlos, die Fragen eigentlich unverschämt … Welche Frau hat nicht schon einmal „mitgespielt“, anzügliche Bemerkungen weggelacht? Da steht man ja drüber. Doch hat man so nicht zugleich die Spielregeln, die Machtverteilung akzeptiert? Es gilt zu riskieren, zum Teil eines „Vorfalls“ zu werden, verbunden mit Scham, Zweideutigkeit, Grenzüberschreitung. Wenn Frauen in den vergangenen Jahren sexuelle Belästigung öffentlich gemacht haben, war es zu oft so, als folgten die Reaktionen dem gleichen Drehbuch: Erschütterung, Empörung, ein Hashtag zur Solidarität – und dann sehr schnell die Zweifel und Fragen, Angriffe. Was war wirklich passiert? Schnell ist man die „Hysterische“, die keinen Spaß versteht … Verbale Übergriffe zu benennen, zu enttarnen und zu stoppen, dafür fehlen uns zu oft die Worte, wir flüchten uns in Umgangsformen. Es sind diese leisen, unspektakulären Geschichten, die offenbaren, warum sich letztlich so wenig geändert hat.“

Jahrgang 1989: „… Ich mag die Männer meiner Generation. Sie stören sich nicht daran, wenn Frauen Ingenieurinnen sind oder Männer Erzieher. Sie finden es okay in Väterzeit zu gehen, ganz einfach, weil das fair ist … Wir sind in einer Zeit der Gleichberechtigung aufgewachsen. Wir kennen aus der Schule und Uni nichts anderes als eine Beurteilung nach unserer Leistung, vielleicht auch nach unserem Charakter – sicherlich aber nicht nach unserem Geschlecht … dann in der Arbeitswelt … Warum werden Männer in meinem Alter nicht auch aktiv, wenn ihnen etwas auffällt. Warum grätschen sie nicht rein, wenn alte Männer mit Rollenklischees spielen? Oder marschieren mit zum Betriebsrat, wenn sie merken, dass eine Frau deutlich weniger Gehalt bekommt? …“

Jahrgang 1979: „… Wir sagen nichts, vielleicht aus Angst. Aber warum haben wir in der Konferenz auch noch gekichert, als der Witz auf Kosten einer Kollegin ging? Warum haben wir Klein-Mädchen-Stimmen, wenn wir bei Vorgesetzten nicht weiterkommen? Warum setzen einige von uns Kleidung bewusst ein, wenn es gerade passt? Warum tun wir so, als würde das nie stimmen? Und warum unterstellen wir anderen Frauen, das würde immer stimmen? Es gibt in diesem System nicht nur eine Seite, die Macht ausübt. Es gibt auch Männer, die unter männlicher Macht leiden, die keinen Zugang zu Boygroups und Herrenrunden haben oder haben wollen. Es gibt auch Frauen, die sich ihrer Machtinstrumente gegenüber Männern sehr bewusst sind. Es gibt Frauen, die sich Mechanismen männlicher Diskriminierung gegen anderer Frauen bedienen. Die Verhältnisse sind nicht ausgeglichen, bei Weitem nicht. Aber Frauen sind auch Teil der Machtverhältnisse. Und nicht alle wollen, dass sich die Regeln ändern. Weil alte Rollen eben bequem sind. Vielleicht brauchen wir in dieser Debatte auch sehr viel mehr Ehrlichkeit von allen Seiten.

Jahrgang 1996: „…“Als junges, hübsches Mädchen mit langen Haaren wirst du ein Problem haben, ernst genommen zu werden“, sagte mir eine deutlich ältere Dozentin nach einem Journalismus-Seminar. „Überleg dir mal was, ja?“ Der Satz saß. Sollte ich einen Zopf machen, damit die Haare nicht so mädchenhaft ins Gesicht fielen? Oder sie tatsächlich abschneiden? Vielleicht war es aber auch der Lippenstift? Oder die enge Jeans? Damals stand ich kurz davor, bald in einer großen Reaktion zu arbeiten. Ich war verunsichert. Darf man heutzutage mit 20 nicht schön aussehen, um als klug zu gelten? Sexismus beginnt mit guten Ratschlägen. Auch von Frauen.

Nach wenigen Wochen in der Redaktion merkte ich schließlich: Wenn ich gut schreibe, bekomme ich gutes Feedback, lange Haare hin oder her. Auch weiß ich nicht, ob ich mehr werde leisten müssen als ein männlicher Polit-Redakteur, um zu überzeugen … Die Aufforderung der Dozentin, mein Aussehen zu verändern, war als solidarischer Ratschlag unter Frauen gedacht … Aber die Logik dahinter ist fatal, finde ich. Sich die Haare abzuschneiden und die eigene Weiblichkeit zu verdecken, weil Männer sonst glauben könnten, man hätte es nicht drauf – oder wenn, dann nur für Privates im Büro -, ist Kapitulation. Und es sind oft auch Frauen, die kommentieren, wie andere aussehen – ob offen oder hinter ihrem Rücken. Wir brauchen Solidarität unter Frauen, um das Problem mit den Männern in den Griff zu bekommen.“

 

Fazit: Sexismus, Mobbing, Populismus

sind verdeckt agierende Strategien in komplexen Machtstrukturen

Sexismus ist natürlich zu verurteilen. In jeglicher Form. Meines Erachtens dürfen wir dieses Phänomen aber nicht allzu einfach verstehen wollen. Sonst empören wir uns nur, ohne etwas in der Struktur zu verändern. Sexismus ist für mich Ausdruck eines Machtkampfes im Untergrund. Ich sehe hier Parallelen zum Mobbing oder auch zum Rechtspopulismus. Auf der Oberfläche versucht man sich im Rahmen der Gesetze zu bewegen. Unterschwellig spritz man allerdings Gift, dass in vielen Fällen nicht nachweisbar ist. Das dient dazu Machtverhältnisse herzustellen oder sie zu stabilisieren. Das ist komplexer als ein Kampf zwischen den Geschlechtern. Jeder kann es gegen jeden einsetzen. Oft geschieht es auch in Systemen, die offen, verdeckt, bewusst aber auch unbewusst arbeiten können. Manchmal kommt es auch zu Machtverhältnissen, die sich mafiaanalog verhalten.

 

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Frauen sind anders. Männer auch. – Auch in der Körperwahrnehmung. – Von dicken Tränen, Heidi Klum, Germany’s next Topmodel und dem Triumphgefühl der Magersucht. – (WehrWolter – ww 66 – Hans Wolter)

 

Sexismus WehrWolter

 

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