Astrid Lindgren zum 110. Geburtstag: Wie die Mutmacherin sich erfolgreich aus ihrer frühen tiefen LebensKrise schreiben konnte – Literatur fördert seelische Bearbeitungsprozesse (WehrWolter – ww 280 – Hans Wolter)

„Schriftstellerin wäre ich wohl allemal geworden, aber ohne das mit Lasse wohl nie eine berühmte.“ (Astrid Lindgren)

Astrid Lindgren wäre 110 Jahre alt geworden. Heute am 14. November 2017. So alt wird so gut wie keiner. Aber irgendwie ist sie ja unsterblich. Wer öfter schon einmal im Inhaltsverzeichnis meines Blogs gestöbert hat, dem wird aufgefallen sein, dass ich schon öfter über die Mutter von Pippi Langstrumpf geschrieben habe. Diese Frau begeistert mich auf mehreren Ebenen. Herausheben möchte ihre Qualitäten  und Verdienste als Mutmacherin und ihren ungraden Weg einer sich frei schreibenden Schriftstellerin. Meine Einschätzung ist, dass sie ihre Kraft aus einer frühen Krise in ihrem jungen Erwachsenenleben schöpfen konnte. Sie wurde mit 19 Jahren nicht nur ungewollt von ihrem damaligen Chef  am Anfang ihrer beruflichen Kariere schwanger, sondern musste auch ihren kleinen Sohn Lasse unmittelbar nach der Geburt an Pflegeeltern abgeben. Darüberhinaus musste sie es auch ihrem direkten Umfeld verheimlichen. Das dies mit enormen Schuldgefühlen einhergeht, kann sich auch der psychologische Laie denken.

Sie holte Lasse im Alter von vier Jahren wieder zu sich zurück. Wie man sich vielleicht denken kann, lösen sich die Gefühle von Schuld und Versagen damit nicht automatisch auf. Diese Last in der Psyche muss bearbeitet werden. Dies machte sie – so meine Einschätzung – indem sie Kinderbücher schrieb. In denen ging es nicht nur um eine heile Welt, es ging vor allen Dingen auch um starke und selbstbewusste Kinder. Allen voran Pippi Langstrumpf. Damit kräftigt sie einerseits das verletztes Kind in ihr, andererseits kann sie ihren Schuldgefühlen tatkräftig etwas entgegensetzen.  Sie stärkte mehrere Kindergenerationen mit ihren Geschichten von Pippi und aus Bullerbü.

Vor zwei Jahren hatte Pippi Langstrumpf ihren 70sten Geburtstag. Da habe ich schon einmal über Lindgrens Lebenshintergründe geschrieben. Diesen Beitrag greife ich nachfolgend noch einmal auf.

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Pippi Langstrumpf wird 70 – Sie ist das Kind einer tiefen Lebenskrise ihrer schuldgeplagten Mutter Astrid Lindgren – Gelungene kreative Bearbeitung einer Depression. – Astrid & Pippi hätten auch gesagt: „Wir schaffen das!“ – Da bin ich mir sicher. (- ww 91 -)

(27. 11. 2015)

Pippi feiert heute 70sten Geburtstag. Ein starkes Mädchen, das glücklich und lebensfroh im idyllischen Schweden aufwuchs. Wer wollte damals nicht Pippi sein? – Helden wachsen oft ohne Eltern auf. Sei es Harry Potter, Batman oder eben Pippi. Die Heldengeschichten lesen sich nicht so traurig wie Hänsel & Gretel oder Aschenputtel. Helden machen uns vor, dass es auch ohne Eltern geht. Dass man auch alleine stark sein kann.

„Ausländerfeindlichkeit finde ich geradezu widerlich! Wenn ich jünger wäre, würde ich mich politisch einmischen.“ (Astrid Lindgren mit 90 Jahren)

Astrid Lindgren, die große Mutter Schwedens und aller Pippis dieser Welt, war in jungen Jahren in eine heftige Krise geschlittert. Sie wurde ungewollt von ihrem ersten Chef im Verlag im Alter von 18 Jahren geschwängert. Der verheiratete, deutlich ältere Mann wollte weder zu ihr, noch zu ihrem Kind stehen. Die junge Astrid wusste nicht ein noch aus. Sie wollte weder abtreiben, noch ihre gläubigen Eltern belasten.

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Sie gab ihren kleinen Sohn Lasse an eine Pflegefamilie. In ihren vor kurzem veröffentlichen Kriegstagebüchern berichtet sie auch über ihre Schuldgefühle. Lasse war schon vier, als sie ihn wieder zu sich nahm. Meine Vermutung ist, dass Astrid Lindgren die Figur Pippi Langstrumpf geschaffen hatte, um ihr damaliges eigenes Alleinsein und ihre Schuldgefühle als Mutter verarbeiten zu können. Pippi war ein fröhliches und starkes Mädchen. Mutterlos und ihr Vater war selten da, weil er zur See ging. Astrid Lindgren verkehrt die Kräfteverhältnisse einfach ins Gegenteil, indem die Tochter den Vater rettet. Mir ist mal die These begegnet, dass Pippis Vater ein Alkoholiker gewesen sein könnte, der fast im Alkohol ertrunken ist, hätte die Tochter ihn nicht immer wieder rausgeholt.

Unter solchen Verhältnissen gehen Kinder entweder unter oder sie werden besonders stark.

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Sie können nur schon sehr früh keine Kinder mehr sein. Pippi war Beides: stark und Kind. Wenn das keine gute Lösung ist. Astrid Lindgren selbst ist ja auch durch ihre Krisen gewachsen. Sie wurde weltweit die erfolgreichste Kinderbuchautorin. Auch mit ihrer Krisenbewältigung ist sie ein großes Vorbild. Auch ein strahlender Leuchtturm unter den wenigen weiblichen Vorbilder.

Astrid & Pippi hätten auch gesagt:

„Wir schaffen das!“

Da bin ich mir sicher.

 

Nachfolgend mein Beitrag vom 12. September 2015, anläßlich der Herausgabe der „Kriegstagebücher“ in deutscher Sprache. Meine treuen BlogLeserInnen sehen mir hoffentlich die gelegentliche Dopplung meiner Beiträge nach. Ich mach das, weil ich vermute, dass neue Leser auf meiner WehrWolter-Seite nicht immer so weit runterscrollen. Dies ist immerhin bereits mein 91ster Text auf diesem erst einjährigen Blog.

Verwandlung einer schuldgeplagten Mutter zur grandiosen Mutmacherin. – Stirb und Werde:  Kriegstagebücher geben tiefe Einblicke in die komplexe Psyche Astrid Lindgrens.

 

„Schriftstellerin wäre ich wohl allemal geworden, aber ohne das mit Lasse wohl nie eine berühmte.“ (Astrid Lindgren)

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Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, Michel aus Lönneberg, die Kinder von Bullerbü – die Bücher von Astrid Lindgren verkaufen sich millionenfach. Ihr sogenanntes “Kriegstagebuch” ist allerdings bislang weitgehend unbekannt. Sie führte während des Zweiten Weltkriegs ein Tagebuch und berichtete voller Abscheu über Judenverfolgung und Deportationen – Erkenntnisse aus ihrer Arbeit für den schwedischen Geheimdienst, für den sie im Krieg zeitweise Briefe ausgewertet hat. Ihr Tagebuch gibt aber auch tiefe neue Einblicke in die Seele einer schuldbeladenen jungen Mutter. Sie wurde mit 19 Jahren von ihrem viel älteren, verheirateten Chef ungewollt schwanger und gab ihren Sohn weg. Nach vier Jahren holte sie Lasse von den Pflegeeltern zurück. Er starb 16 Jahre vor ihr.

Pippi Langstrumpf entdeckte während des Krieges das Licht der Welt. Wir lernen in diesem Jahr noch einmal eine neue Seite der Autorin Astrid Lindgren kennen. In ihren jetzt veröffentlichten Kriegstagebüchern gibt sie neue Einblicke in ihr bewegtes Leben.

Die Geburt, Weggabe und Zurücknahme ihres Sohnes Lasse war – in ihrer eigenen Einschätzung – der große und entscheidende Wendepunkt in ihrem Leben.

Hier frage ich mich, ob sie mit ihrer Erfolgsgeschichte Pippi Langstrumpf ihre damit verbundene schwere Zeit und ihre Schuldgefühle verarbeitete. Pippi ist ein Kind, das ohne Eltern bestens zurecht kommt.

Das kann einerseits sie selbst sein, andererseits der Wunsch, dass Lasse gut durchkommt.

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Die wache und politisch interessierte Astrid Lindgren erfuhr schon früh von den Gräueltaten der Nazis. Sie hatte aber ein ambivalentes Verhältnis zu den Deutschen.

„Heute begann der Krieg. Niemand wollte es glauben. Gestern Nachmittag saßen Elsa Gullander und ich im Vasapark, und die Kinder rannten und spielten um uns herum, und wir schimpften in aller Gemütsruhe auf Hitler und waren uns einig, dass es wohl keinen Krieg geben würde – und heute!“ An diesem 1. September 1939 ist sie eine 32 jährige Sekretärin. Wenige Jahre später ist sie weltberühmt.

Durch Lindgrens Kriegstagebücher wird deutlich, dass die Schweden schon frühzeitig über die Gräueltaten der deutschen Nationalsozialisten informiert waren. Bereits 1940 erwähnte sie Konzentrationslager in Oranienburg und Buchenwald. „Es gibt keine Worte für das Leiden der armen Juden, deren verzweifelte Bitten um irgendein Visum und eine Einreisegenehmigung ich täglich lese.“ Astrid Lindgren hatte Zugang zu vielen Briefen und Korrespondenz, da sie für die schwedische Zensurbehörde arbeitete. „Heute habe ich einen schrecklichen Brief gelesen. Ein Jude berichtete, dass Juden aus Wien nach Polen deportiert wurden, Tausend am Tag. Die Umstände der Reise und am Ankunftsort waren so schlimm, dass der Verfasser des Briefes sie nicht beschreiben wollte. Wie kann Hitler glauben, dass man seine Mitmenschen so behandeln kann?“

Ihre sorgfältigen Aufzeichnungen widerlegten die lange Zeit bevorzugte Ansicht, dass die „normalen“ Schweden nichts vom Nazi-Holocaust wissen konnten. Astrid Lindgren war eine kluge Frau mit eigener Meinung. Den sowjetischen „Befreiern“ begegnete sie auch mit großem Misstrauen.

„Deutschland gleicht einem Untier, das regelmäßig aus seiner Höhle kommt, um sich über ein neues Opfer zu werfen. Es kann etwas nicht stimmen mit einem Volk, das alle 20 Jahre die ganze Menschheit gegen sich hat.“

Vier Wochen später schreibt sie etwas, das viele ihrer Landsleute auch so sehen:

„Das Schlimmste ist, dass man sich kaum Deutschlands Niederlage wünschen kann. (…) Ein schwaches Deutschland kann für uns im Norden nur eines bedeuten – dass wir die Beute Russlands werden. Und ich glaube, ich sage lieber mein ganzes Leben lang ›Heil Hitler‹, als die Russen hier zu haben.“

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Als 90jährige ist sie immer noch politisch interessiert:

„Ausländerfeindlichkeit finde ich geradezu widerlich! Wenn ich jünger wäre, wurde ich mich politisch einmischen.“

Tiefe Melancholie im jungen Erwachsenenleben der Astrid Lindgren

In den Kriegstagebüchern wird deutlich: Die zarte Frau mit ihrem ständig sprudelnden Humor war eine komplexe Persönlichkeit. Sie war nicht nur kämpferisch, sie hatte auch eine deutlich melancholische Seite.

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Sture, ihren Mann, den sie als sehr attraktiv und charmant beschreibt, sei sehr dem Alkohol und den Frauen zugeneigt gewesen. Er wollte sich scheiden lassen, doch die Ehe hielt bis zu seinem frühen Tod 1952. Astrid Lindgren ging es sehr schlecht in dieser Zeit. So notiert sie im Juli 1944 in ihrem Tagebuch: „Ein Erdbeben hat mein Dasein erschüttert. Ich sitze hier allein und fröstele. … Blut fließt, Menschen werden versehrt, Elend und Verzweiflung überall – und mir ist es egal. Ich denke nur an meine eigenen Probleme“.

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Der große Wendepunkt der Astrid Lindgren ereignet sich bereits im frühen Erwachsenenleben. Schon mit 19 Jahren wurde die junge Volontärin vom wesentlich älteren und verheirateten Chefredakteur der „Vimmerby Zeitung“ schwanger. Dieser Skandal war ein Schock für ihre gläubigen Eltern. Die 19-Jährige flieht aus der idyllischen schwedischen Kleinstadt und bringt ihren Sohn Lasse in einem Kopenhagener Krankenhaus anonym zur Welt. Dann schlägt sie sich alleine, arm und einsam durch. In Stockholm nimmt sie eine Sekretärinnenstelle an. Ihren kleinen Sohn Lasse lässt sie bei einer dänischen Pflegfamilie zurück. Es dauert vier lange Jahre bis sie – durch die Heirat mit Sture Lindgren – ihren Sohn wieder zu sich holt. Lasse Lindgren war kein langes Leben beschert. 1986 stirbt er. Sechszehn Jahre vor der Mutter.

Astrid Lindgren sieht in dieser Tragik einen Wendepunkt zum Großen.

„Schriftstellerin wäre ich wohl allemal geworden, aber ohne das mit Lasse wohl nie eine berühmte.“

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Pippi Langstrumpf, die Figur, die zu ihrem Weltruhm führte, spielte in ihren Kriegstagebüchern noch eine Nebenrolle

Pippi Langstrumpf erblickte während des Krieges das Licht der Welt. Dazu später mehr. Astrid Lindgren zählt heute, mit rund 150 Millionen verkauften Büchern, zu den weltweit erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen der Welt. Wurde sie in Deutschland vor allem durch die Verbreitung der Bullerbü-Idylle bekannt, war sie in Schweden das moralische Gewissen des Landes. „Ich bin die Beichtmutter der Nation“, sagte sie einmal und war darüber nicht nur glücklich. Sie engagierte sich gesellschaftspolitisch. Durch ihre Kritik an den hohen Steuern trug sie 1976 zum Sturz der sozialdemokratischen Regierung Schwedens bei. Darüber hinaus kämpfte sie gegen die Kernkraft und für Kinder- sowie Tierrechte.

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Sei Pippi Langstrumpf nicht Heidi Klum oder Aa Kurzsocke! – Plädoyer für MutterWitz + Mut. 

Astrid Lindgren die Mutter der emanzipierten Schwedinnen.

„Alle Menschen sollten ihre Kindheit von Anfang bis Ende mit sich tragen.“ Das meint die große kleine Astrid Lindgren (1907 – 2002), deren Tochter Pippi Langstrumpf in diesem Jahr ihren siebzigsten Geburtstag feiert. Die schwedische Schriftstellerin gehört mit einer Gesamtauflage von über 145 Millionen Büchern zu den bekanntesten Kinderbuchautoren der Welt. Ronja Räubertochter ist eine weitere literarische Tochter, mit denen sie Mädchen Mut zur Unangepasstheit macht.

Es gibt nur wenige weibliche Vorbilder in Film und Literatur, die Mädchen und junge Frauen ermutigen, ein eigenes, kreatives, weniger angepasstes Leben zu leben. Mit der Romanfigur Hermine Granger schafft die Schriftstellerin Joanne K. Rowling, meines Erachtens, nur eine Ergänzung zu Harry Potter. Sie verkörpert eher den kulturell gewollten Typus der vernünftigen, fleißigen Frau. Sie ist weniger kreativ, ihre Intelligenz macht einen eher lexikalischen und weniger kreativen Eindruck

Katniss Everdeen, die Protagonistin der Tribute von Panem – The Hunger Games ist da schon kämpferischer, wehrhafter. Sie ist die Tochter einer Heilerin und eines Kohlearbeiters, der bei einem Unglück im Bergwerk starb. Nach dem Tod des Vaters fiel die Mutter dauerhaft in eine Depression, weshalb die damals Elfjährige sich allein um ihre Familie kümmern musste. Während ihrer Jagdausflüge lernte sie den zwei Jahre älteren Gale Hawthorne kennen, dessen Vater beim gleichen Unglück im Bergwerk starb. Die beiden freundeten sich an und wurden Jagdpartner. Katniss ist ein nachdenkliches und bodenständiges Mädchen, und nicht besonders redegewandt, weshalb sie auf andere oft mürrisch und unfreundlich wirkt.

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Pippi Langstrumpf verkörpert ein ungewöhnlich unkonventionelles Frauenbild: stark, frech und kreativ.

 

Pippi wächst eigentlich elternlos auf und versucht zwischenzeitlich ihren abwesenden Vater zu retten. Dass diese Folge damals meiner Tochter Nadja am besten gefiel, gab mir zu denken. Da ich das Gegenteil eines abwesenden Vaters war, ging es ihr, glaube ich, um die Rollenumdrehung: die Tochter ist so stark, dass sie sogar den Vater aus der Gefangenschaft der Piraten befreien kann.

Astrid Lindgren schöpft ihre Kraft und Kreativität offensichtlich aus ihrer spannungsvollen Psyche. Also einerseits aus ihrer glücklichen Kindheit, andererseits aus der melancholischen Gegenbewegung: ihrem unglücklichen Start ins Erwachsenenleben. Letzters wird erst durch ihre aktuell erschienen Kriegstagebüchern deutlich. Vorher sahen wir fast ausschließlich die helle Seite ihres Lebens: „Gunnar, Astrid, Stina und Ingegerd, so hießen die Ericssonskinder auf Näs. Es war schön, dort Kind zu sein, und schön, Kind von Samuel August und Hanna zu sein. Warum war es schön? Darüber habe ich oft nachgedacht, und ich glaube, ich weiß es. Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit.“

Erst mit im Alter von 34 Jahren kam sie eher zufällig zur Schriftstellerei. Eigentlich wollte sie nie Bücher schreiben: „Schon in meiner Schulzeit erhoben sich warnende Stimmen: ‚Du wirst mal Schriftstellerin, wenn du groß bist.‘ […] Das entsetzte mich derart, daß ich einen förmlichen Beschluß faßte: Niemals würde ich ein Buch schreiben. […] ich hielt mich nicht für berufen, den Bücherstapel noch höher anwachsen zu lassen.“

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Für ihre Tochter Karin erfand sie die Figur Pippi Langstrumpf. Als Karin im Winter krank das Bett hüten musste, erzählte die Mutter ihr die selbst ausgedachten Geschichten des mutigen und unangepassten Mädchens Pippi. Zum Geburtstag schenkte sie Karin das Buchmanuskript. Wie gesagt, eigentlich wollte sie nie ein Buch schreiben:

 

„Doch dann kam dieser Schnee, der die Straßen glitschig wie Schmierseife machte. Ich fiel hin, verstauchte mir den Fuß, musste liegen und hatte nichts zu tun. Was tut man da. Schreibt vielleicht ein Buch. Ich schrieb Pippi Langstrumpf. […] 1941 lag meine Tochter Karin krank im Bett, und eines Abends sagte sie: ‚Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf.“

 

Den Verlagen hatte Pippi Langstrumpf zu viel Sprengkraft

Diese Geschichte über die freche Seemannstochter Pippi Langstrumpf, die sie im März 1944 bei einem schwedischen Verlagshaus einreichte, wurde prompt abgelehnt. Im gleichen Jahr nahm sie mit einem anderen Text – „Britt-Mari erleichtert ihr Herz“ – an einem Wettbewerb für das beste Mädchenbuch teil. Dies war mit der Forderung verbunden, dass der Text die Liebe zu Familie und Heim sowie das Verantwortungsgefühl gegenüber dem anderen Geschlecht befördern solle. Sie gewann den zweiten Platz. Die 15-Jährige Hauptfigur zeichnete sich durch eine, für diese Zeit schon ungewöhnliche Selbstständigkeit und Unabhängigkeit aus – auch und gerade gegenüber der Männerwelt.

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Ermutigt durch den Erfolg reichte Astrid Lindgren im folgenden Jahr das überarbeitete Manuskript von Pippi Langstrumpf beim Verlagshaus „Rabén & Sjögren“ ein und bekam diesmal den ersten Preis. Im gleichen Jahr wurde sie als Lektorin eingestellt. Dort baute sie die Kinderbuchabteilung auf und arbeitete im Verlag bis zu ihrer Rente im Jahr 1970. Im Herbst 1949 erschien Astrid Lindgrens Debütwerk auch in Deutschland. Das unkonventionelle Verhalten Pippis gefiel den jungen Lesern und Leserinnen. Dieses rothaarige Mädchen verkörperte den Typus des aktiven, selbstbewussten, selbstbestimmten, kreativen und gewitzten Kindes. Schon ihr Aufzug kann als Parodie auf die Stereotype des damaligen Mädchenbuches interpretiert werden. Der Verleger Oetinger gab Pippi Langstrumpf in der Bundesrepublik Deutschland heraus, obwohl das Buch zu diesem Zeitpunkt sogar in Schweden noch stark umstritten war und zuvor von fünf anderen deutschen Verlagen abgelehnt worden war. So seien von Rezensenten Bedenken geäußert worden, Pippi sei nicht „normal“ und ein schlechtes Vorbild für Kinder. Der politischen Führung in Ostdeutschland waren Lindgrens Charaktere suspekt. Daher gab es in diesem totalitären Regime jeweils nur eine erste Auflage.

 

1974 lachten die Schweden über Astrid Lindgren, als sie zum 80. Geburtstag ihrer Freundin Elsa Olenius mit dieser zusammen um die Wette auf einen Baum kletterte. Schließlich gebe es „kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern“.

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Astrid Lindgren hatte immer schon einen eigenen Kopf. So war sie auch politisch aktiv. Die „Brüder Löwenherz“ wurden 1973 im schwedischen Parlament kontrovers diskutiert. Die darin enthaltene „Sage vom Tod und nichts als dem Tod“ würde angeblich den Selbstmord verherrlichen. Sie war selbst Mitglied im Verein „Das Recht auf unseren Tod“, der sich für das Recht auf ein würdiges Sterben einsetzt, insbesondere darauf, bei unheilbaren Leiden seinem Leben selbst ein Ende setzen zu dürfen.

 

Astrid Lindgren starb im Alter von 94 Jahren in Stockholm an den Folgen einer Virusinfektion. Bei der Gedenkfeier am 8. März 2002 nahmen neben dem Königshaus und dem Premierminister hunderttausende Menschen auf der Straße teil. Hinter ihrem Sarg, der auf einem Katafalk – ein geschmücktes hölzernes Gerüst, das in der Renaissance und im Barock anlässlich des Todes von hochgestellten Personen errichtet wurde – lag, gingen ein Mädchen und ein weißes Pferd.

 

Über ihr Wirken schreibt sie selbst: „Das einzige, was ich hier auf Erden zustande gebracht habe, sind eine Menge Einfälle, und es ist mir selber rätselhaft, wie man so unentwegt mit lauter, zum Teil überdies noch recht verschrobenen Einfällen leben und fast sterben kann.“

 

Der gute Kontakt zum eigenen inneren Kind ist ihr großes Erfolgsgeheimnis

Abschließend einige Zitate der großen Astrid Lindgren, die immer im guten Kontakt zu ihrem inneren Kind Pippi stand.

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„Alle Menschen sollten ihre Kindheit von Anfang bis Ende mit sich tragen.“

„Es ist gefährlich, zu lange zu schweigen. Die Zunge verwelkt, wenn man sie nicht gebraucht.“

„Ich habe immer gedacht, ich will nie ein Buch schreiben. Aber plötzlich konnte ich nicht mehr, da musste ich schreiben.“

„Wenn Pippi Langstrumpf jemals eine Funktion gehabt hat, außer zu unterhalten, dann war es die, zu zeigen, dass man Macht haben kann und sie nicht missbraucht. Und das ist wohl das Schwerste, was es im Leben gibt.“

„Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maß von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen.“

„Die Welt ist voll von Sachen, und es ist wirklich nötig, dass sie jemand findet.“

„Kinder sollen mit viel Liebe aufwachsen, aber sie wollen und brauchen auch Normen.“

„Im Traum läuft man manchmal und sucht. Man muss unbedingt jemanden finden. Und man hat es so eilig. Es gilt das Leben. Man läuft voller Angst dahin, sucht immer angstvoller, man findet aber nie, den man sucht. Alles ist vergeblich.“

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„Über den Frieden sprechen, heißt über etwas sprechen, was es nicht gibt.“

„Ausländerfeindlichkeit finde ich geradezu widerlich! Wenn ich jünger wäre, wurde ich mich politisch einmischen.“

Verantwortlich für den Inhalt: Dipl.-Psych. Hans Wolter (www.HansWolter.com)

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