Freie Einfälle zu krummen Jamaika Dingern, Ego-First, Paradise Papers und dem kaukasischen Kreidekreis von Bertolt Brecht (WehrWolter – ww 283 – Hans Wolter)

Jamaika, schon das Wort mutet an wie eine Kindergartengeschichte vom kleinen Tiger und kleinen Bären. Auch wenn die nach Panama wollten und das mit den Paradise Papers nicht wirklich etwas zu tun hat: die Geschäfte der Großen lassen sich doch alle auf Märchenbilder herunterbrechen. Zum Iszenario der aktuellen Regierungsbildung des Deutschen Bundestages drängt sich mir spontan das Bild von Bertolt Brechts kaukasischen Kreidekreis auf. Wer das Bild kennt, sieht sicher rasch die Verbindung, die sich mir hier aufdrängt. Weil die Geschichte aufschlussreich ist, werde ich sie gleich noch einmal kurz inhaltlich zusammenfassen.

Im Kern frage ich mich, wie weit es den gewählten Volksvertretern primär um die Erfüllung ihrer Aufgabe geht. Der eigentliche Auftrag lautet, vier Jahre Regierungsarbeit im Sinne des Volkes zu leisten. Natürlich geht es jedem auch um die eigenen Schäfchen und persönlichen Motive. Aber wenn das eigene Wohl so deutlich an erster Stelle steht, bekommt das einen Beigeschmack, der mir als Bürger unangenehm ist. Dafür habe ich die nicht gewählt. Kommt es jetzt zu Neuwahlen, können davon vermutlich die Rechtspopulisten profitieren. Deren Slogan lautet ja eh, dass die etablierten Parteien am Volk vorbeiregieren. Dass sie selbst im Glashaus sitzen, stört sie genauso wenig wie es den steinewerfenden Milliardär aus den USA belastet. Bei Trump sind auch viele Wähler den einfachen Mechanismen, im Wettern gegen „die da oben“, auf den Leim gegangen.

Meine Einschätzung ist, dass es vielen der federführenden Politiker mehr um eigene Machtstrategien geht, als darum, einen möglichst guten Konsens für das Gemeinwohl zu erzielen. Natürlich verstehe ich beispielsweise den Ansatz der SPD, dass sie ein Interesse daran haben, ihr diffuses Image neu zu profilieren, welches ihnen in den letzten Jahren abhandengekommen ist. Das scheint mir aber nicht nur der großen Koalition geschuldet zu sein. Aber immerhin hat jeder fünfte Wähler die Partei gewählt, damit diese ihn vertreten. Okay, das kann man auch aus der Oposition heraus. Dennoch wirkt es zunächst schmollend und weniger am Allgemeinwohl interessiert. Bei der CSU vermute ich, dass ein einzelner Häuptling seinen eigenen Skalp in Richtung Obergrenze retten will. Von der Kanzlerpartei kennen wir das Versteckspiel der abwartenden Chefin. Der aufstrebende FDP-Star scheint mir in letzter Zeit eh eine ganze Menge bei den Werbestrategen und Theaterregisseuren verbracht zu haben. Für mich ist es kein Zufall, dass er die Verhandlungsgespräche just um fünf vor Zwölf platzen ließ. Immerhin hat er es in relativ kurzer Zeit, nahezu im Alleingang geschafft, das Markenbild seiner Partei aus dem Pollunder-Schlaf zu reißen.

Ego-First!

Irgendwie scheint mir das Jamaika-Stück, ebenso wie das Schmierenstück aus den USA, in den aktuellen Zeitgeist zu passen. Hier spitzt sich die Egozentrierung der Selfiekultur noch einmal schwungvoll zu. Den sich mit den Jahren verschärfenden, weltweit an Brutalität zunehmenden, Kapitalismus würde ich hier mit einbeziehen. Wenn wir mal nur auf Deutschland schauen, kann man wohl feststellen, dass sich mit der noch von Schröder (SPD) angestoßenen, sogenannten Agenda 2010, nicht nur die Arbeitslosigkeit verringert hat. Wobei ich an diese Zahl, mit Blick auf viele Billigjobs, auch einmal ein dickes Fragezeichen heften will. Die Folgen dieser unternehmerfreundlichen Gesetzesänderungen haben letztlich zu einer Amerikanisierung des deutschen Arbeitsmarktes geführt. Gewerkschaften sind lange nicht mehr so potent und ausgleichsfähig wie früher. Arbeitgeber nutzen alle erdenklichen Schlupflöcher zur Gewinnoptimierung. Indem sie z.B. hochqualifizierte Fachkräfte über unangemessen viele Jahre über Leiharbeitsfirmen am langen Arm aus dem Fenster halten.

Natürlich will ich nicht sagen, dass der kleine Mann und die mittlere Frau sich nicht auch bereichern wollen, wo es möglich ist. Das ist doch klar, bzw. irgendwo menschlich. Nur hier gibt es deutlich weniger Möglichkeiten und immer strenger werdende Kontrollsysteme. Derzeit wird es wieder deutlicher, dass in vielen Ländern, die Mächtigen ihre Gesetze wieder ungehemmter auf ihr eigenes Klientel zurechtschneidern. Damit geht die Schere zwischen Arm und Reich wieder weiter auseinander. Hat uns eine bisherige starke Mitte einen relativen Frieden gesichert, schmelzt dieses Potential mittlerweile vielleicht schneller weg, als die Polkappen.

Was hat das jetzt mit Brecht zu tun?

Bertold Brecht greift in seinem Kaukasischen Kreidekreis auf ein sehr altes Motiv zurück, das schon in der Bibel oder den alten chinesischen Erzählungen verarbeitet wurde. Es geht darum herauszufinden, wessen Motive mehr sozial motiviert sind und wer mehr aus eigenem Vorteil heraus handelt.

Zum Abschluss erzählt uns das allwissende Wikipedia noch die Geschichte Brechts in einer kurzen Zusammenfassung. Die Zusammenhänge zu oben Gesagtem lassen sich sicher herstellen.

 

Der kaukasische Kreidekreis

„Im Rechtsstreit um die Nutzung eines Tals nach dem Zweiten Weltkrieg tritt ein Sänger hinzu und besingt/erzählt die folgende Geschichte:

Nach einem Staatsstreich gegen den Großfürsten werden alle Gouverneure Grusiniens hingerichtet, darunter der reiche Gouverneur Abaschwili. Seine verwöhnte Frau Natella kann den Wirren der Revolution entkommen, lässt aber ihren Sohn Michel einfach zurück (denn Kleider sind ihr wichtiger). Die einfache Magd Grusche nimmt sich nach einigem Zögern des Kindes an, das bereits von den neuen Machthabern gesucht wird, und flieht mit ihm in die Berge. Die Schergen des Fürsten Kazbeki (die Panzerreiter) sind Grusche auf den Fersen.

Im Gebirge gelangt sie schließlich durch alle Gefahren und unter vielen Opfern zu ihrem Bruder in Sicherheit, der inzwischen mit einer sehr frommen Frau verheiratet ist. Obwohl Grusche mit dem Soldaten Simon verlobt ist, heiratet sie einen offenbar sterbenskranken Bauern, Jussup, um ihr Ziehkind durch ein Papier mit Stempel angesichts des wachsenden Misstrauens ihrer Schwägerin zu legitimieren. Als die Nachricht über das Ende des Krieges eintrifft, erhebt sich der todkranke Bauer plötzlich kerngesund von seinem nur vorgetäuschten Sterbelager. Nach dem Bürgerkrieg kehrt auch die Gouverneursfrau zurück und erhebt Anspruch auf das von ihr geborene Kind, welches ihr ein reiches Erbe sichert. Als der hinzukommende Simon miterlebt, wie Grusche das Kind vor ihren neuen Verfolgern mit den Worten „Es ist meins: Ich habs aufgezogen!“ für sich beansprucht, verlässt er sie zornentbrannt.

Der Fall wird dem einfachen, aber schlauen Dorfschreiber Azdak vorgetragen, der zwar kein Rechtsgelehrter ist, aber in den Kriegswirren als verschmitzter Lebenspraktiker auf den Richterstuhl gekommen war und bei der Landbevölkerung als Armeleuterichter galt. In dem zu verhandelnden Fall ordnet er an, den Beweis der Mutterschaft durch ein Experiment zu erbringen. Dazu lässt er das Kind in einen Kreidekreis stellen und ordnet an, beide Frauen sollten gleichzeitig versuchen, das Kind zu sich aus dem Kreis herauszuziehen (denn es heiße „die wahre Mutter wird die Kraft haben, ihr Kind aus dem Kreis zu reißen“).

Herrisch reißt die Gouverneursfrau ihr Kind an sich, welches Grusche voll Mitleid loslässt. Hierdurch erweist sie sich als die „wahrhaft Mütterliche“, die ihr Kind liebt und es lieber loslässt, als ihm weh zu tun. Schließlich erhält nicht die leibliche Kindesmutter das Kind zugesprochen, sondern die Magd Grusche, die in Liebe und täglicher Pflichterfüllung bewiesen hat, „dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind“, wie es am Ende des Stückes heißt. Azdak verjagt die Gouverneursfrau und scheidet Grusche von ihrem Gatten, damit sie ihren Verlobten Simon heiraten kann.“

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_kaukasische_Kreidekreis)

Bild: Thomas Baumgärtel (20.11.2017)

Jamaika

 

3 Kommentare

  1. Einen 3. Teil werd ich mir ersparen.
    Schönen Abend noch!
    Jürgen aus Loy (PJP)

    Gefällt 1 Person

  2. Mensch, das hat`s ja in sich.
    Ich hatte mir schon gedacht, dass das nix wird mit Jamaika. Deshalb hab ich`s satirisch verpackt mit Auflösung am 2. Teil. Hier der erste bei Interesse:
    https://4alle.wordpress.com/2017/11/18/jamaika-koalition-merkel-setzt-sich-durch/
    Freier Einfall!
    Jürgen aus Loy (PJP)

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, ich werde es mir anschauen 🤗

      Gefällt mir

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