Medienrealität ist immer auch ein Stück Fake-News. Nicht nur bei Facebook, auch in der öffentlich-rechtlichen Fernsehberichterstattung – Der Fall (!) Angela Merkel in den russischen Medien – eine kurze persönliche Fall-Beschreibung hinter den Kulissen – Wirklichkeit ist immer subjektiv und konstruiert (Watzlawick) – (WehrWolter – ww 285 – Hans Wolter)

Umdeuten ist eine Therapietechnik, die die Tatsache verwendet, dass alle „Regeln“, alle Wirklichkeiten zweiter Ordnung relativ sind, dass das Leben so ist, wie du sagst, dass es ist. (Paul Watzlawick)

Wo hört Verschwörungstheorie auf, wo fängt Paranoia an? Ist an den Behauptungen etwas dran, dass Trump durch Social-Media-Aktivitäten aus Russland die Wahlen in den USA gewonnen hat? Je nachdem zu welchem Lager man gehört, wird man das eine oder das andere als Fake ansehen. Ansehen wollen. Wir sehen übrigens nicht nur das, was wir wissen. Wir sehen auch das, was wir wollen. Nicht selten auch das, was wir sollen.

Schon der alte Psychologe und Kommunikationsforscher Paul Watzlawick (1921-2007) hat die menschliche Wahrnehmung und Kommunikation, ins besonders die Konstruktion von Wirklichkeit, jahrzehntelang wissenschaftlich untersucht. Hierzu hat er viele Fachartikel veröffentlich, aber auch Bücher, die für Laien nachvollziehbar sind. Für mich ist es ein Zeichen von beweglicher Intelligenz, wenn einer komplizierte Sachverhalte so darstellen kann, dass auch der sogenannte Mann von der Straße es verstehen kann. Das wusste ja schon Martin Luther vor 500 Jahren. Durch seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche und das neue Medium Buch, konnte er den Kampf gegen die mächtige Katholische Kirche wirkungsvoll aufnehmen.

Von Watzlawick kann ich hier empfehlen: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ oder noch bekannter ist sein Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“. Ich gehe jetzt zunächst einmal kurz auf den radikalen Konstruktivismus ein, um dann ein ganz aktuelles Beispiel aus meiner persönlichen Wahrnehmung zu beschreiben. Hierbei geht es um die Darstellung unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel in den russischen Medien.

Wenn die hehre Ideologie Schiffbruch erleidet, verbleibt als letzte Erklärung der Hinweis auf die Mächte der Finsternis. (Paul Watzlawick)

Watzlawick ist ein Vertreter des sogenannten Radikalen Konstruktivismus. Dies ist eine Position der Erkenntnistheorie, die sich deutlich von anderen Konstruktivismen unterscheidet. Eine der Grundannahmen des radikalen Konstruktivismus ist, dass die persönliche Wahrnehmung nicht das Abbild einer Realität produzieren kann, welche unabhängig vom Individuum besteht, sondern dass Realität für jedes Individuum immer nur eine Konstruktion seiner eigenen Sinnesreize und seiner Gedächtnisleistung bedeutet. Deshalb ist Objektivität im Sinne einer Übereinstimmung von wahrgenommenem (konstruiertem) Bild und Realität unmöglich; jede Wahrnehmung ist vollständig subjektiv. Darin besteht die Radikalität (Kompromisslosigkeit) des radikalen Konstruktivismus.

Diese Position ist eine „unkonventionelle Weise, die Probleme des Wissens und Erkennens zu betrachten“ (von Glasersfeld). Der radikale Konstruktivismus besagt, dass das gesamte Wissen nur in den Köpfen von Individuen existiert und dass ein denkendes Individuum sein Wissen nur auf der Grundlage der eigenen Erfahrung über seine Körpersinne zusammenfügen kann. Kein Individuum kann die Grenzen seiner persönlichen Erfahrung überschreiten. Die Erkenntnis eines „objektiven Wissens“, der Wahrheit, der ontologischen Realität ist daher nicht möglich. Auch wenn viele Menschen die gleiche wissenschaftliche Erkenntnis für sich erfolgreich verwenden, wird diese dadurch nicht objektiv wahr. Wer hier weiterlesen möchte, dem empfehle ich folgenden Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Radikaler_Konstruktivismus

Praxis Interview 1

Der Fall (!) Angela Merkel in den russischen Medien

Am Donnerstag, den 23. November rief mich in meiner telefonischen Sprechzeit eine russische Journalistin an. Sie fragte ob ich mir schon die Mail vom Ersten Russischen Fernsehen (1TVRUS) aus Moskau angeschaut hätte. Daraufhin fischte ich diese aus dem Spamfilter meiner E-Mails. Hier lese ich die Anfrage, ob ich sehr kurzfristig für ein Interview zur Verfügung stehen könnte, um etwas zum aktuellen psychischen Zustand von Angela Merkel sagen zu können. Vermutlich hatte man auch in Russland meinen kritischen Blogbeitrag „Nix Jamaika“ auf WehrWolter.com gelesen. Olga O., eine freiberufliche russische Journalistin aus Bonn Bad Godesberg sagte mir, dass es sich aber schon erledigt hätte, weil ein Psychologe in Berlin gefunden worden sei. Dennoch wollte sie wissen, ob ich denn in der Lage wäre, etwas Psychologisches zu Angela Merkel sagen zu können. Da ich schon mehrfach zu ihr etwas veröffentlicht habe und mich relativ wach durch die Gegenwart bewege bejahte ich die Frage. Das führte dazu, dass sie noch einmal in Moskau und Berlin anrief und ich kurze Zeit später die Redaktion aus Moskau am Telefon hatte. Auch hier gab es noch einmal Fragen, ob ich aus der Distanz überhaupt ernstzunehmende psychologische Einordnungen zum Fall Merkel geben konnte. Danach wurde ich noch einer Überprüfung im Internet unterzogen. Zwei Stunden später erhielt ich die SMS: „Wir sind morgen um 15 Uhr in ihrer Praxis“.

Nun, ich bin kein Medienprofi, habe aber schon Erfahrung in der Richtung. Auch konkret mit russischen Fernsehsendern. Karneval 2016 war die gleiche Journalistin schon einmal im Auftrag des russischen Senders REN (30 % RTL) zu einem Interview in meiner Praxis. In der Vorankündigung hieß es, ich solle etwas sagen zur Kölner Silvesternacht und ob von Flüchtlingen an den Karnevalstagen eine Gefährdung ausgehen konnte. Damals fühlte ich mich etwas überrumpelt, weil der Focus des Interviews doch ein wenig spezieller war, als angekündigt. Vor laufender Kamera startete das Interview mit der Frage: „Herr Dr. Wolter, sie sind doch Spezialist für homosexuelle Flüchtlinge. Wie reagieren die, wenn sie auf einmal sehen, Karneval ist alles möglich, was in meiner Heimat verboten ist?“ Natürlich war mir sofort klar wo das Interview hinlaufen sollte. Da ich mich überrumpelt fühlte, schimpfte ich wohl etwas zu viel auf die russische Homophobie. Dabei unterließ ich auch keine namentlichen Anspielungen auf die Ängste eines Herrn Putin. Daher wunderte ich mich nicht, dass sie sehr wenig von meinen Ausführungen später sendeten. Es wurde vielmehr in eine effekthaschende Berichterstattung integriert, die schon satirischen Charakter hatte. Dem russischen Zielpublikum wird das allerdings als „Wahrheit“ verkauft. Stimmt, die Hauptzeitung in Russland ist und war die „Prawda“. Also die Wahrheit.

Also ging ich nicht ganz unvorbereitet in das Interview. Bereits zum zweiten Mal war ein Kamerateam aus Russland da. Diesmal sogar 1TVRUS – Das Erste Russische Fernsehen. Olga Oginska hat mich über eine Stunde lang zu meiner Einschätzung zur psychologischen Stimmungslage von Angela Merkel interviewt. Was ist sie für eine Persönlichkeit, wie ist ihr Führungsstil, wo sehe ich ihre Stärken und Schwächen, wo unterscheidet sie sich von Helmut Kohl, wo ist sie verletzlich, was sagt ihnen dieses Bild heute aus dem Bundestag, sehen sie Unsicherheiten in diesem Interview (aktuelle Sequenz aus einem ZDF-Beitrag) kann sie Fehler zugeben, wird sie es psychisch verkraften, wenn sie nicht mehr im Amt ist … usw. …?

Aus meiner Sicht ist das Interview sehr gut gelaufen. Diese Rückmeldung bekam ich auch von der Interviewerin. Sie zeigte mir im Anschluss einen kleinen Ausschnitt auf dem Videorekorder der Kamera. Den durfte ich auch kurz mit meinem Smartphone festhalten.

Da ich die Dinge so beschreibe, wie ich sie sehe, konnte ich schwer einschätzen, wieviel davon tatsächlich gesendet wird. Ausstrahlung in Russland: Sonntag, 26.11.2017, 21 Uhr.

Psikholog Hans Wolter war dann tatsächlich zur Primetime in den Tagesthemen des Ersten Russischen Fernsehens (1TVRUS). Mein Interview zur gegenwärtigen psychischen Verfassung von Angela Merkel wurde letztlich auf einige wenige Sätze reduziert. Es beschränkt sich auf eine kurze Stellungnahme zu einem Video und einem Foto. Diese Bilder musste ich spontan analysieren, da sie noch während des Interviews aus Moskau geschickt wurden. Mir war von Anfang an klar, dass sie es gerne als einen bevorstehenden Zusammenbruch Merkels darstellen wollten. Da ich das nicht so sehe, haben sie natürlich von meinen recht umfangreichen Ausführungen und Einschätzungen, die real ca. eine Stunde dauerten, nur verschwindend wenig gesendet. Ich werde ihnen in meinen Aussagen zu positiv und zuversichtlich gewesen sein. Damit habe ich gerechnet. Mir ist es allerdings wichtig, dass ich zu dem stehen kann, was ich gesagt habe.

Letztendlich beschränkte sich dann meine Analyse zum knapp sechsminütigen Gesamtbeitrag auf zwei Szenen. In der ersten Szene führe ich Merkels Handbewegung am Ende des vorgeführten ZDF-Interviews vor. Verbunden mit der Beschreibung, dass diese mir eine gewisse Entschlossenheit und einen Führungswillen zeigt. Dann legte man mir eine Mikromomentaufnahme von Merkel aus dem Bundestag vor. Hier beschrieb ich in ihrem Gesichtsausdruck eine gewisse Erschöpfung, vielleicht auch das Gefühl eines Sich-allein-gelassen-Fühlens. In den etwas verkrampft sich verbindenden Händen sah ich den Versuch sich zusammenzureißen, den Versuch der Affektkontrolle.

Eine russische Bekannte bestätigte mir, dass die Übersetzung meines Textes so weit korrekt war. Allerdings hat die Einbettung in die Gesamtgestalt des Beitrages etwas deutlich Manipulatives. Hier wird meine Aussage wie folgt verdichtet:

Angela Merkel ist angeschlagen, allerdings wird sie es noch einmal versuchen. Allerdings spürt sie Überforderung und ist kurz davor, die Kontrolle zu verlieren.

Schon bemerkenswert, was das Redaktionsteam aus meinen insgesamt sehr positiven Analysen zu Angela Merkel konstruiert hat.

Das Phänomen, das Wirklichkeit konstruiert wird, haben wir natürlich bei nahezu jeder Berichterstattung. Auch in der deutschen Medienlandschaft verfolgen die Macher immer bestimmte Aussageziele. Dementsprechend wird der Beitrag dann konzipiert. Das halte ich für ein allgemeines Phänomen jeglicher MedienRealität. Wollen wir es weiter zuspitzen, landen wir in den Axiomen des oben beschriebenen Radikalen Konstruktivismus.

Natürlich differenziere ich hier noch einmal deutlich. Je ideologischer eine Institution ist, je totalitärer ein Staat ist, je manipulativer ist die öffentliche Berichterstattung. Beispielsweise gibt es in Russland faktisch keinen freien Sender mehr. Alle stehen irgendwie in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Präsident Putin. Gorbatschow bedauerte es damals sehr, als der letzte freie Sender (REN) auch in die Abhängigkeit des Staates geriet.

Mir persönlich hat das Interview selbst allerdings gefallen. Das Ergebnis natürlich weniger. Daher habe ich darum gebeten, mir die Originalaufnahmen zu schicken. Meiner Bitte wurde auch zügig entsprochen. Allerdings musste ich der Journalistin und dem Sender versprechen, dass ich es nur zum privaten Gebrauch nutze. Daher werde ich es hier und woanders im Internet leider nicht einstellen. Das wäre natürlich noch eine interessante Gegenüberstellung gewesen. Vielleicht lasse ich es allerdings demnächst einmal im Wortlaut abtippen. Dann kann ich die Vorher-Nachher-Situation noch besser dokumentieren.

Fazit: Das Ergebnis des Interviews stand bereits vorher fest. Dem russischen Zuschauer soll der Eindruck vermittelt werden, dass es in Europa mächtig kriselt und dass die gegenwärtig mächtigste Führungspersönlichkeit, also Angela Merkel, sich kurz vorm Zusammenbruch befindet. Damit kann man vielleicht einen Teil der Bürger von eigenen Problemen ablenken.

Medien verhelfen zur Macht. Hätte Martin Luther damals nicht den neuaufkommenden Buchdruck nutzen können, wäre die christliche Kirche vielleicht bis heute nicht reformiert worden. Das ist doch mal ein guter Schlusssatz im Lutherjahr. Oder?

 

Weiterlesen?

„Die verlorene Ehre“: Was Mario Adorf, Til Schweiger, Kevin Kurányi, Edward Snowden, Böll, Edathy und die RAF verbindet. (WehrWolter – ww 58 – Hans Wolter)

Die Wucht des Lauffeuers Ver-O(e)ffen-tlichung. Von der Reformation über Glasnost zum Social-Media. – Tabu-TTIP? – Alte Macht-Logik funktioniert nicht mehr? So richtig! – EinschüchterungsVersuche verkehren sich ins Gegenteil. – Paradox des Streisand-Effekts. – (WehrWolter – ww 47 – Hans Wolter)

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Praxis Interview

 

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