Angst vor Fremdem mit Mut und Vertrauen ins Leben begegnen & wachsen – Unsere Tour durch die 27 Wasserfälle von Damajagua – Dominikanische Republik – (WehrWolter – ww 286 – Hans Wolter)

Männer haben keine Angst. Zumindest nicht öffentlich. Das erlebe ich täglich in meinem Job. Okay, ohne mein Bond-Girl hätte ich diese Wasser-Exkursion durch den dominikanischen Damajagua sicher nicht gemacht. Geködert wurde ich mit der Aussage, dass ich schöne Wasserfälle zu sehen bekäme. Dass ich allerdings dadurch springen, rutschen, tauchen und schwimmen musste, erfuhr ich erst in dem kleinen Bus, mit dem wir in die Berge hinter Puerto Plata, der größten Stadt im Norden der karibischen Insel, gebracht wurden. Mit uns an Bord ein Pärchen aus Kanada, eins aus Frankreich und der alleinreisende Informatiker Philipp aus Frankfurt. Hier ahnten wir noch nicht, dass nur Philipp und wir, von dieser kleinen Schicksalsgemeinschaft später von der höchsten Klippe, gefühlte 15 Meter ins Ungewisse springen sollten. Die anderen nahmen an der Stelle den Klettersteig. Wer jetzt einen Reisebericht mit schönen Fotos erwartet, liegt richtig. Wer mich kennt darf aber auch vermuten, dass ich als Zugabe auch einige psychologischen Zusammenhänge darstellen werde. Der Titel lässt nicht zu Unrecht vermuten, dass ich auch ein wenig zur Fremdenangst und zum Angst-Geschäft der Populisten im Zusammenhang mit der Flüchtlingskatastrophe sagen werde. Ein wenig. Der Schwerpunkt liegt auf der Dokumentation unseres größten Abenteuers in der Dominikanischen Republik.

Im Basiscamp wurden wir mit Schwimmweste, Helm und Wasserschuhen ausgerüstet.

Wasserfälle Profil

Dann begann erst einmal eine einstündige Bergwanderung. Schon das war eine sportliche Herausforderung bei den tropisch feuchtwarmen Wetterbedingungen.

Ab und zu ging es schon mal durch knöcheltiefes Wasser. Nicht so einfach für mich, da mir der Fuß durch unsere ergiebigen Strandwanderungen in den letzten Tagen doch noch etwas schmerzte.

Allerdings war ich mir bereits hier bewusst, dass wir mit jedem Schritt, Teil eines großen Abenteuers wurden.

Wasserfälle Abstieg b

Die Flora glich dem tropischen Regenwald und könnte ohne weiteres Kulisse für jedes Dschungelcamp bieten.

 

Unsere beiden Guides ließen uns wenig Pausen beim Aufstieg. Als Fotograf war ich natürlich meist der letzte.

Wasserfälle Aufstieg e

Da keiner außer mir eine wasserdichte Handyhülle hatte, war ich übrigens der einzige. Heutzutage ein kaum mehr anzutreffendes Phänomen. Stimmt nicht ganz, einer der Guides drehte auch einige kleine Filmsequenzen für die Kanadier und Phillip. Danke, dass ich hier einige wenige zeigen darf.

Außer uns waren natürlich noch andere Gruppen unterwegs, die wir in der Regel überholten. Dies lag wohl weniger an unserer Kondition, schon eher am Ehrgeiz unserer beiden Scouts.

Wasserfälle Profil Hans

Mit meinem weißen Bart konnte ich allerdings auf eine gewisse Nachsicht hoffen. Das Wasser wurde tiefer, die Kälte verschwand hinter den Adrenalineinschüssen.

Wasserfälle p

Jetzt ging’s ans Rutschen. Die Steine waren zwar häufig glatt aber unnachgiebig hart.

Wasserfälle l

Anders als die Röhrenrutschen in unseren Schwimmparadiesen. Für mich war immer das schwierigste, die Arme vorm Brustkorb zu verschränken, damit man sich keine Verletzungen am Ellenbogen zuzog.

Wasserfälle m Rutsche

Meine Arme wollten immer eine ausgleichsuchende Flügelstellung einnehmen. Natürlich auch bei den Sprüngen. Wir sollten die Arme knapp am Körper halten und immer in die Mitte springen. Meine tiefen Überlebensinstinkte kämpften hier mit meiner Vernunft.

Wasserfälle n

Auch konnte ich nicht auf die Kommandos eins, zwei, drei springen.

Wasserfälle j1

 

Vielleicht weil noch der alte Kriegsdienstverweigerer in mir steckte? Meine erste Lektion formierte sich still in meinem Kopf:

Ich gehe am besten, wenn ich in meinem eigenen Tempo gehe.

 

Wasserfälle Aufstieg g

So lernte ich mehrere Dinge auf meinem Weg durch die 27 Wasserfälle. Z.B.:

Es gibt Situationen, da kannst Du nur vertrauen. 

Wasserfälle b

Wer meine Beiträge kennt, weiß, dass ich gerne auch ein wenig psychologisches Wissen im Nebenbei vermittele. Hier ergibt sich gerade die Gelegenheit, auf eine Eigenart menschlicher Entwicklung hinzuweisen. In der psychoanalytischen Säuglingsforschung gibt es Versuche zum „Social referencing“. Man lässt Kleinkinder eine Treppe hochklettern. Oben angekommen befinden sie sich auf einer stabilen Glasplatte, an dessen Ende eine Belohnung wartet. Die durchsichtige Platte stellt eine visuelle Klippe dar, die Tiere durch ihren angeborenen Angstaffekt nicht überwinden würden. Kinder schauen jetzt allerdings runter zu ihren Eltern. Das nennt man soziale Rückversicherung.

Wasserfälle f

Machen die Eltern ein positiv ermutigendes Gesicht, trauen sich die meisten rüberzukrabbeln.  Gucken die Eltern allerdings ängstlich, bewegt sich das Kind wieder zurück zur Treppe. An dieser Stelle kann jeder nachdenken, wie das mit den eigenen Eltern, mit Angst, Mut, Zutrauen und Vertrauen ausgesehen hat. Wir können es heute noch in den Familien, denen wir begegnen, beobachten. Meist haben die ängstlichen Eltern auch ängstliche Kinder. Es sei denn, die Kinder halten sich in den mutigeren Nachbarfamilien auf. Kontaktfreudige und offene Menschen haben es hier natürlich leichter als verschlossene, misstrauische, kontrollierende Persönlichkeiten. Evolutionstechnisch zählt Anpassungsfähigkeit und Beweglichkeit mehr als konservatives Abgrenzen und starres Beharren auf Grenzen.

Wasserfälle e

So eine soziale Rückversicherung fand auch bei mir statt. Da mir der Guide mit seinen Gesten glaubhaft versicherte, dass ich die Situation bewältigen könnte, vertraute ich ihm, überwand meine Angst und sprang immer wieder über viele Meter hinab. Hinab ins Ungewisse. Angst ist ein sinnvoller Affekt. Wäre ich alleine unterwegs gewesen, wäre ich nicht gesprungen. Es hätte ja ein Felsblock unter der Wasseroberfläche lauern können. Für mich war die Anweisung, dass ich in die Mitte springen sollte, auch nicht angstfrei zu bewältigen.

Wasserfälle Sprung a

Häufiger waren es Felsröhren und ich malte mir aus, was passieren könnte, wenn ich versehentlich an die Wand käme oder mit dem Fuß beim Absprung abrutschte. Aus diesem Grund, musste ich mich immer und immer wieder neu überwinden. Archaische Instinkte kämpften mit dem sozialen Gegenwarts-Vertrauen.  Aber mein Mut wuchs mit jedem Erfolgserlebnis. Übrigens traute sich das lang nicht jeder. Mein Bond-Girl und ich schafften aber alle 27 Klippen. Von der Körpergröße sind wir wohl äußerlich gleich geblieben. Gefühlt wuchsen wir aber in diesem Fluß zu Helden.

Wasserfälle d

Das Rutschen war auch nicht ohne. Einmal stieß ich mir den Ellbogen, einmal streifte ich mit meinem Rücken eine harte Felswand unter Wasser. Wir waren hier halt nicht in der Plastikwelt eines  Phantasialandes. Das war Natur. Das war harte unnachgiebige Realität. Umso glücklicher waren wir nach jedem überwundenen Hindernis. Ich war noch nie ein Freund von Sprungtürmen im Schwimmband. Hier bin ich über 7,5 Meter nicht hinausgekommen. Auch wenn unsere beiden Kinder schon früh und mehrfach vom 10er gesprungen sind. In den siebziger Jahren bin ich einmal auf Kreta von einem ca. 15 Meter hohen Felsen ins Meer gesprungen. Da war ich allerdings noch jung und leicht von Sinnen. Jetzt, während ich das schreibe, fühl ich mich ungewöhnlich stark. Held und Geld sind weiter voneinander entfernt, als es den Anschein macht. Gott sei Dank sind die wirklich wichtigen Dinge im Leben nicht käuflich.

Wasserfälle Kröte

Auch wenn irgendein besserwissenwollender Angstbeißer nun wieder losbellt, seine Stirn in Falten legt und von den Ungerechtigkeiten des Lebens philosophiert. Das ist häufig eher eine Form von Selbstberuhigung aufgrund eigener Passivität.

Wasserfälle Titel a

Abschließend möchte ich noch einmal kurz auf meine Überschrift eingehen. Natürlich spiele ich auf die Fremden-Angst im Zusammenhang mit der Reaktion auf die Flüchtlinge an. Wir wundern uns doch alle, wieso Pegida in Dresden so stark ist und wieso die AfD in den östlichen Bundesländern mit ihren teils recht dümmlichen Parolen so ein leichtes Spiel hat.

Wasserfälle Ergänzung

Sicher ist dieses Phänomen komplex. Teils wird es mit dem Gefühl von wirtschaftlicher Ungerechtigkeit zu tun haben. Teile erleben sich als Verlierer der Wende. Vielleicht dann besonders, wenn sie vorher einer naiven Illusion eines „goldenen Westens“ aufgesessen sind. Auch verstehe ich, dass es einfacher ist, Flüchtlingen, Angela Merkel oder „denen da oben“ die Schuld zu geben und damit zu verunklaren, dass man sich schon seit Jahren nicht wirklich um eine berufliche Weiterbildung bemüht.

Wasserfälle Aufstieg b

Meine Vermutung geht hier allerdings weiter. Da ich mich sehr mit Bindungsforschung beschäftige, man kann schon sagen, wissenschaftlich auseinandersetze, kam mir vor einiger Zeit die Idee, dass es in der Reaktion auf Ausländer, Flüchtlinge und Andersfarbige, tatsächlich auch um Angst geht. Angst vor dem Fremden. Angst vor dem Fremden an sich, in einem selbst, in der Welt. Angst vor den Fremden. Wer sich schon einmal mit Bindungsforschung ernsthaft auseinandergesetzt hat weiß, dass man zwischen drei, eigentlich sogar vier Bindungstypen unterscheidet. Das sind:

  1. Der sichere Bindungstyp
  2. Der unsicher vermeidende Bindungstyp
  3. Der ängstlich ambivalente Bindungstyp

Da ich hierzu schon mehrfach etwas geschrieben habe, möchte ich das hier nicht weiter ausführen. Für wen das neu ist oder diejenigen die gerne weiterlesen möchten, gebe ich unten gerne einen Link zu den entsprechenden Beiträgen an. Der vierte Bindungstyp ist allerdings seltener anzutreffen. Man nennt ihn den Desorganisierten Bindungstyp. In meinem Praxisalltag treffe ich ihn ab und zu an. Das sind Menschen, die auf Krisen mit einer Regression in eine Alltagsbewältigung reagieren, die wir umgangssprachlich als „kopflos“ beschreiben würden. Ganz allgemein können wir uns einen Satz Sigmund Freuds merken: „Angst macht dumm!“ Er erweitere das noch in: „Neurose macht dumm!“

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Ob wir eher sicher oder eher unsicher gebunden durchs Leben gehen, entscheidet sich durch die Beziehungssituationen bzw. Rahmenbedingungen unserer frühen Kindheit. Nicht umsonst lag der Eintritt in den Kindergarten immer beim dritten Lebensjahr. Das hat nicht nur damit zu tun, dass wir um die Zeit in der Regel unseren Schließmuskel kontrollieren können und damit die Erzieherinnen weniger Arbeit mit uns haben. Wir haben auch, man möge mir die Direktheit nachsehen, auch weniger „Schiß“ mit drei.

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Das hat insbesondere damit zu tun, dass wir zu dieser Zeit über innere, einigermaßen stabile Bilder verfügen, auf die wir in neuen, und in der Regel angstauslösenden, Situationen zurückgreifen können. In der Regel sind das die Bilder unserer Eltern, die auch als sichere innere Repräsentanzen beschrieben werden.  

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Kommen wir früher in den Kindergarten oder eine sogenannte Krippe, sollte der Betreuungsschlüssel nicht unter 1:3 liegen. Wenn eine Erzieherin sich bis zu drei Kindern mit hinreichend guter Aufmerksamkeit zuwendet, kann ein Kind sichere innere Bindungsmuster entwickeln. Meine Vermutung ist, dass der Schlüssel in den damaligen Krippen der DDR größer war. Hierzu fehlen mir natürlich die statistischen Werte. Ich kam auf die Idee, weil ich natürlich schon häufiger Patienten in meiner Praxis hatte, die in der DDR aufgewachsen sind. Hier habe ich insgesamt eine deutlich größere Ängstlichkeit beobachten können. Jetzt kann man einwenden, dass zu mir ja auch nur eine bestimmte Klientel kommt. Dennoch vermute ich hier Zusammenhänge. Das würde es für mich erklären, wieso ein Mann in Dresden mehr Angst vor Menschen mit Migrationshintergrund hat, als ein Mensch in Köln, Paris oder London.

Wasserfälle k

Natürlich will ich nicht behaupten, dass die Menschen in der ehemaligen DDR insgesamt mehr psychische Störungen aufweisen, als die der westlichen Bundesländer. Ich suche nur nach Erklärungen dafür, wieso die Fremdenfeindlichkeit im Osten Deutschland rein statistisch verbreiteter ist, als im Westen. Der Prozentsatz der AfD-Wähler ist ja auch nicht zufällig höher als woanders. Rechtspopulisten schüren in allen Ländern gerne Angst, weil sich damit gut Mehrheitsverhältnisse beeinflussen lassen. Das „Geschäft mit der Angst“ wurde politisch ja schon immer gerne betrieben. Vor allen Dingen totalitäre Systeme nutzen hierzu gerne die Medien. Dies habe ich ja in meinem letzten Blogbeitrag am Beispiel Russland versucht darzustellen.

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Ergänzend möchte ich noch feststellen, dass die Angst in Deutschland immer noch überproportional größer als in vielen anderen Ländern ist, da die Traumatisierung durch die beiden Weltkriege immer noch im Unbewussten vieler Deutschen sein Unwesen treibt. Dies ist übrigens auch der tiefere Grund dafür, warum in Deutschland die Psychotherapie schon seit Jahrzehnten über die Krankenkassen finanziert wird. In den allermeisten Ländern Europas und der Welt, muss Psychotherapie privat bezahlt werden. Sind wir insgesamt sozialer? Vielleicht?

Wasserfälle Ergänzung a

Aber mit der Finanzierung der Psychotherapie sind wir eben auch schlauer. Hätten sich die Depressionen und Angststörungen nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus in Deutschland weiter ausgebreitet, wäre die Anzahl der Arbeitsunfähigen weiter gestiegen. Damit wäre das sogenannte deutsche Wirtschaftswunder in der Form nicht möglich geworden. Übrigens: Zeit heilt nicht alle Wunden. Traumatisierungen werden an die folgenden Generationen weitergegeben. Allerdings nur dann, wenn sie nicht bearbeitet werden. Das Phänomen der transgenerationalen Weitergabe von Traumatisierungen und psychischen Störungen gibt es nicht nur bei den aktuellen Flüchtlingen. Es steckt auch in unseren Eltern und Nachfahren. Vielleicht auch in dir und mir. Hier schaffen politische Interventionen nur kurzfristige Beruhigungen. Das Fremde steckt zum großen Teil in uns selbst.

Fazit: Vermeidung von Fremdem schränkt uns ein.

Macht die Kreise unserer Möglichkeiten kleiner. Hilft uns weniger bei der Anpassung auf eine sich ständig verändernde Welt.

Wasserfälle Ergänzung d

Mutproben lohnen sich. Sie bringen uns weiter und lassen uns wachsen.

Lonely planet, Band: „Dominikanische Republik“

 

Lonely planet, Band: „Dominikanische Republik“:

„27 Wasserfälle …

Viele Reisende beschreiben den Ausflug zu den Wasserfällen von Damajagua als „das Coolste, was sie in der Dominikanischen Republik unternommen haben“. Dem kann man nur zustimmen. In Begleitung eines Führers geht es hinauf zu einem der Wasserfälle, zu Kletterpartien durch herabsprudelndes Wasser und zum Baden in kristallklaren Felsbecken. Mutige können einen Sprung in solch einen Naturpool aus mehr als 10 m Höhe wagen … Ein Führer ist generell Pflicht, die Gruppengröße ist jedoch variabel … Die Teilnehmer müssen eine gute Kondition haben und älter als zwölf Jahre sein. Ausländische Besucher zahlen als Eintrittsgebühr beim Ausflug zum 27. Wasserfall 600 RD$ (550 = 100 €). Weitere Informationen unter: www.27charcos.com  

 

Wasserfälle Titel

 

 

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